Tageslicht / Freitag, 22.05.2015

Wohlwillstraße: Nachbarn werden aktiv

 
 

„Wohl oder übel“ lud zum Nachbarschaftstreffen: Was wird aus der Gewerbeschule Wohlwillstraße? St. Pauli hat eine neue Initiative.

Kaum hat die Bürgerbeteiligung Esso-Häuser einen ersten großen Erfolg zu verzeichnen, da ploppt – zack – in St. Pauli-Mitte schon die nächste Initiative aus dem Boden. Mehr als 60 Anwohner/innen kamen zur Nachbarschaftsversammlung in die Cafeteria der Gewerbeschule Wohlwillstraße, um gemeinsam zu beraten, wie es in ihrem Quartier weitergehen soll und was sie selbst dazu beitragen können. Eingeladen hatte die aus Anwohnern bestehende Gruppe „Wohl oder übel“, zu der u.a. Niels Boeing, Christiane Hollander, Torsten Morché und Dorothee Wolter gehören. Viele kennen sie von „St. Pauli selbermachen“. „Dass so viele Leute kommen, hätte ich nie gedacht“, sagte Boeing beeindruckt.

Gewerbeschule, Jägerpassage – Privatisierungen stoßen auf Widerstand

Anlässe gibt es mehrere. Zum einen wird die Gewerbeschule Werft und Hafen an der Wohlwillstraße, in der zur Zeit noch Fachkräfte für Hafen, Lagerlogistik und Haferschiffer ausgebildet werden, mit der Gewerbeschule 6 zusammengelegt und zieht in wenigen Jahren nach Hammerbrook um. Was wird dann mit den Gebäuden, zu denen auch eine schöne alte Backsteinturnhalle im Hof gehört? Zum anderen sollen die Läden neben der Jägerpassage 2016 fertig saniert sein – was kommt dann dorthin?

Auch im Wohnprojekt Jägerpassage zeichnen sich Veränderungen ab: Nach der Besetzung der Südterrasse vor 25 Jahren hatten die Bewohner in der „Initiative Jägerpassage“ zusammen mit der Lawaetz-Stiftung ein Nutzungs- und Sanierungskonzept entwickelt und die Häuser mit Hilfe des Förderprogramms ABB saniert. Die Mietfristen über 20 Jahre laufen jetzt aus. Danach sollen die Häuser (im Besitz der Stadt) an die SAGA verkauft werden. Und dann?

Ein Vertreter der Initiative Jägerpassage berichtet, rechts Mitglieder des Wohnprojekts Paulinenplatz

Ein Vertreter der Initiative Jägerpassage berichtet, rechts Mitglieder des Wohnprojekts Paulinenplatz. Ganz links Niels Boeing

In dieser Situation will „Wohl oder übel“ eine breite Meinungsbildung in der Nachbarschaft organisieren. „Wir haben kein fertiges Konzept“, sagte Christiane Hollander (bekannt als Rechtsanwältin von „Mieter helfen Mietern“). „Wir wollen darüber nachdenken, was wir alle hier wollen.“ Sie verwies auf andere ehemalige Schulen, die teilweise an Werbeagenturen oder als Büros verkauft wurden. „Das wünsche ich mir für meine Straße nicht. In St. Pauli-Mitte fehlt vieles.“

Anwohner lieben das Viertel um die Wohlwillstraße für seine Altbauhäuser und vielen kleinen Geschäfte und als Ruhepool zwischen Paul-Roosen-Straße und Schanze. „Eine neue Schanze brauchen wir hier nicht“, meinte Niels Boeing. Das sahen auch die anderen Nachbarn so, die meisten (laut Handzeichen) aus der unmittelbaren Umgebung zwischen Otzen-, Annen- und Bleicher- bis zur Simon-von-Utrecht-Straße.

Was mit der Gewerbeschule geschehen wird, ist ein Thema im ganzen Viertel

Die Schule steht auf einem der letzten großen Grundstücke in St. Pauli, die noch in städtischem Besitz sind, sagte Boeing. Warum muss die Stadt ihre Liegenschaften und Immobilien (wie die Jägerpassage) unbedingt verkaufen und damit ihre Gestaltungsmöglichkeiten für die Stadtteilbewohner preisgeben? Das leuchtet keinem ein: „Die Privatisierung dient nur zum Stopfen von Finanzlöchern. Das ist zu kurzfristig gedacht“, sagte ein Vertreter der Initiative Jägerpassage. „Wir wollen hier nicht nur wohnen, sondern auch leben.“ Dazu gehörten z.B. auch Gemeinschaftsprojekte und öffentliche Einrichtungen. Für Jugendliche z.B. gebe es auf St. Pauli nichts, auch kein Jugendzentrum – allgemeines Nicken.

Einig waren sich die versammelten Nachbarn, dass es vor allem an bezahlbarem Wohnraum fehlt. „Wer auf St. Pauli aufgewachsen ist, kann die heute verlangten Mieten um 18 Euro/qm und Kaufpreise von 4000 Euro/qm einfach nicht zahlen“, sagte Hollander. Laut Bezirkschef Andy Grote sollen zwar in der Gewerbeschule 175 Wohnungen entstehen, wie er bei einem Rundgang im November angekündigt hatte. Aber: Bei Neubauten auf St. Pauli wird häufig ein Drittel-Mix praktiziert – 1/3 Sozial-, 1/3 Eigentums, 1/3 frei finanzierte Wohnungen. Der bringe aber nichts gegen die Mietpreisspirale, sagte Boeing, weil die Preisbindung für Sozialwohnungen nach 15 Jahren ausläuft.

Jetzt zeigt sich, was der „St. Pauli Code“ bewirkt

Dagegen zeigt der gerade ausgehandelte Kompromiss für die neuen Esso-Häuser nach dem Prinzip „St. Pauli Code“ schon eine Art Leuchtturm-Wirkung: Es geht auch anders. Dort wurde statt des Drittel-Mixes ein Anteil von 60 Prozent geförderter Wohnungen durchgesetzt (35 Prozent Sozialwohnungen und 20 Prozent förderfähige Baugemeinschaften / Genossenschaftswohnungen) sowie 40 Prozent frei finanzierte Wohnungen. Ob und wie der „St. Pauli Code“ – Bezahlbarkeit, Vielfalt, Kleinteiligkeit – auch auf die Gewerbeschule anwendbar wäre, wollen die versammelten Nachbarn jetzt genauer prüfen. Vielen ist es wichtig, hier auch etwas für Flüchtlinge zu tun. Als Stichwort fiel das „Grandhotel Cosmopolis“ in Augsburg (ein Hotel, das sich aus einer Gemeinschaftsunterkunft für Asylbewerber, Ateliers und offenen Werkräumen sowie einem Hotelbetrieb mit gastronomischen und kulturellen Angeboten zusammensetzt).

Der Bezirk muss Flüchtlinge unterbringen

Bezirksamtsleiter Andy Grote, der inzwischen selbst in der Wohlwillstraße wohnt, erschien verspätet zur Versammlung – „als Nachbar“, wie er betonte – und informierte über den Stand der Behördenplanung. Der Umzug der Schule wird voraussichtlich erst 2019 erfolgen. Für die Nutzung danach sei dem Bezirk vor allem „bezahlbares, integriertes Wohnen wichtig“, sagte er. Im Auge hat er dabei vor allem „Gruppen, die großen Unterstützungsbedarf bei der Wohnungssuche haben, zu Beispiel Flüchtlinge.“

Vorn rechts Andy Grote. Ihm liegt besonders an einer Unterbringung für Flüchtlinge

Vorn rechts Andy Grote. Ihm liegt besonders an einer Unterbringung für Flüchtlinge

Der Bezirk steht unter starkem politischen Druck, auch in innerstädtischen Quartieren Unterkünfte für Flüchtlinge zu schaffen. Grote schwebt für die Schule allerdings keine Massenunterkunft, sondern ein neues Modell vor, das frühere und bessere Integration ermöglicht. Die könne man hier „unter Einbeziehung des Viertels und mit Hilfe von Pflegen und Wohnen“ verwirklichen, denn St. Pauli habe bereits viel für Flüchtlinge getan. „Eine Entscheidung ist aber noch nicht auf dem Weg.“

„Wir fangen gerade erst an!“

Grote zeigte sich offen für Pläne aus der Anwohnerschaft. Aber manchen klangen seine Worte schon zu sehr nach fertigem Konzept. Die Nachbarschaftsversammlung will sich nicht die Initiative aus der Hand nehmen lassen. „Wir fangen gerade erst an!“, sagte eine Anwohnerin. Wohnen, Lebensqualität, Soziales und Flüchtlinge – das soll eine Planung auf noch breiterer Grundlage werden. Das könnte „St. Paulis Next Bürgerbeteiligung“ werden. „Jetzt fängt auch eins an, auf dem anderen aufzubauen“, sagte Niels Boeing mit Blick auf die Planbude. „Einfach zu sagen, ich baue hier was hin und an der Fassade könnt ihr noch ein bisschen mitgestalten, das läuft nicht mehr.“

Zunächst soll für den Sommer ein „neues Wohlwillstraßenfest“ vorbereitet werden, um die Initiative und ihre Ideen im Stadtteil bekannter zu machen. Mehrere Arbeitsgruppen bildeten sich schon an diesem Abend. Wer mitmachen will, ist willkommen.

Das nächste Treffen der Initiative: 25. Juni um 19.30 Uhr Betty-Heine-Saal des ehemaligen Ortsamtes St. Pauli (Simon-von Utrecht-Straße 4). Informationen bekommt ihr bei Torsten Morché (pastor.morche@gemeinde-altona-ost.de) und Niels Boeing (nbo@lomu.net).

 

Kommentare


  1. Danke für den Artikel!
    Ein kleiner Fehler: Die Liegenschaften gehen nach Abschluss des Sanierungsgebietes an die SAGA, nicht nach Auslaufen der Verträge. Pikant dabei, dass , wie am Beispiel Jägerpassage 22, die Häuser zu Zeiten der Besetzung, auch im Besitz der SAGA waren. Heute Touristenmagnet ( John Lennons Plattencover Bild wurde hier geschossen ), denkmalgeschützt, setzte die SAGA damals alles daran, diese Häuser abzureissen. Sie ist eben nicht, wie gerne behauptet wird, dazu geeignet auch ABB Projekte zu übernehmen. Sie versteht sie nicht einmal!

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