Tageslicht / Dienstag, 21.04.2015

Wie Konsche die Frauen entdeckte

 
 

Fruunslüd spielten immer eine Hauptrolle auf dem Kiez. Bloß wie kommt man an sie ran? Der Pauli-Schriftsteller Konrad Lorenz über die Favoritinnen seiner Jugend.

Fast jeder alteingesessene Paulianer kennt ihn, und bei seinen Lesungen sind Kiezmuseum oder St. Pauli Kirche ganz schnell gerammelt voll. Konrad Lorenz ist 1942 am Hein-Köllisch-Platz – damals Paulsplatz – auf St. Pauli geboren und aufgewachsen und einer der wichtigsten Chronisten des Stadtteils. Was auch daran liegt, dass er unglaublich anschaulich und komisch schreiben kann, selbst wenn seine Geschichte nicht immer happy enden. Inzwischen hat er aus seiner Jugend auf St. Pauli zusammen mit dem Trio „Hafennacht“ sogar das Musical „Die Tresenkönigin“ gemacht, das es ins Finale des „Creators“-Wettbewerbs im Schmidt Theater brachte.

Zum Treffen vor seinem Heimathaus kommt der 73-Jährige (er hatte gerade Geburtstag) mit dem Fahrrad. Wer seine Bücher „Rohrkrepierer“ und „Der Dwarsläufer“ kennt, weiß schon: Der Mann hatte immer einen Blick für (und auf die) Frauen. Die sind heute unser Thema: Konrad erzählt von den vier wichtigsten Frauen in seinem Leben.

Die Großmutter: Bertha Schmeling

Konrad Lorenz mit Großmutter

Der kleine Konrad mit seiner Großmutter in der Küche beim Vorlesen (Foto aus Konrads Familienalbum)

 

Ich bin in einem 2-Frauen-Haushalt mit meiner Mutter und meiner Großmutter aufgewachsen, mein Vater war ja erst im Krieg, kam spät aus der Gefangenschaft zurück und fuhr dann wieder zur See. Meine Mutter war also quasi alleinerziehend wie schon meine Großmutter, deren Mann hatte sich aus dem Staub gemacht. Zwischen Mutter und Tochter gab es viel Zoff. Meine Mutter war sehr impulsiv und ruhelos, sie wurde in der schlechten Zeit nach dem Krieg eine richtige Schwarzmarkt-Größe. Der ruhende Pol in meinem Leben, das war Oma.

Wir wohnten in der Hamburger Hochstraße 2, dritter Stock. Unten, wo heute das „Abendmahl“ ist, war früher das „Kaisers Eck“. Das war eine Kneipe, in der zwar auch viel getrunken wurde, aber es war keine dieser Nutten-Anbahnungsstätten für Hafenarbeiter und Besatzungssoldaten. In die Kneipe schräg gegenüber (das heutige Café Geyer) konnte man dagegen gar nicht gehen, da kriegte man gleich was auf die Mütze.

Wenn Leute nachts ordentlich getankt hatten, kam es vor dem Kaisers Eck aber auch zu Prügeleien. Und wenn unten Randale war, kriegten wir das im 3. Stock immer mit. Meine Großmutter konnte es nicht ertragen, wenn Menschen aufeinander losgingen. Selbst mitten in der Nacht hat sie sich dann einen Morgenrock angezogen, ist runter und dazwischen gegangen: „Worum geht’s denn hier überhaupt? Ihr müsst euch doch nicht prügeln, nun geht mal auseinander! Sie hat ihre ganze Autorität als ältere Frau ins Spiel gebracht und keine Ruhe gegeben, selbst wenn es heftig zuging. Wir haben ihr immer gesagt: Lass das doch, du könntest selber mal was abkriegen. Es ist aber nie was passiert.

Meine Oma las jede Woche einen Roman, am liebsten Übersetzungen, weil sie meinte: Nur gute Bücher werden übersetzt. In der Bücherei in den Kohlhöfen in der Neustadt war sie Stammgast. Und sie hat mir oft auf unserem Sofa in der Küche vorgelesen. Eigentlich war sie es, die mich zur Literatur gebracht und mein Interesse dafür geweckt hat. Wenn ich ehrlich bin: Ich hatte meine Oma damals lieber als meine Mutter. Sie war das Zentrum.

Die Kiez-Legende: Tante Hermine

Eins der wenigen Bilder von Hermine Hansen (Foto: Konrad Lorenz)

Eins der wenigen Bilder von Hermine Hansen (Foto: Konrad Lorenz)

Wir hatten ja als Jugendliche in den 50ern keinen Ort, wo wir hingehen konnten. Deshalb gingen wir immer zu Tante Hermine in die „Kuhwerder Fähre“, Hafenstraße 108. In der Kneipe war nachmittags nicht viel los, da saßen außer der Wirtin ein paar Seeleute. Da konnten wir uns aufhalten und mal schnacken, auch über Mädchen.

Tante Hermine (1905-1971) war sehr dick, sehr selbstbewusst, arthritisch, lustig und plattdeutsch. Bei ihr war nuttenfreie Zone. Wir waren noch keine 18, aber ab und zu hat sie mal ein Bier rübergeschoben. Das hielt sich im Rahmen, wir hatten ja auch wenig Geld, an einem Glas hat man sich stundenlang festgehalten. Meine Mutter sagte immer: Cola, das ist ganz ungesund, das darfst du nicht trinken.

Hermine hat uns auch den Kontakt zu den Seeleuten vermittelt, bei denen sie sehr bekannt war, es gab ja sogar Lieder über sie. Die Seeleute wollten gerne schnacken, und dann hat sie gesagt: Setzt euch doch zu den Jungs, ihr habt doch wat zu vertelln. Mit 15 oder 16 kamen wir in die Lehre und durften schon öfter mal ein Bier trinken. Vor meiner Gesellenprüfung haben wir abends lange bei Hermine gefeiert. Plötzlich tauchte meine Großmutter auf, um mich da rauszuholen. Du hast morgen Prüfung, das geht doch nicht, sagte sie. Das war mir nun furchtbar peinlich. Da hab ich das Gesicht vor meinen Freunden verloren. Hermine hat das sofort gesehen und sich eingeschaltet: Komm mal her, Bertha, wir haben uns ja lange nicht gesehen! Dann hat sie meiner Großmutter zugeredet: So kannst du den Jungen nicht hier rausholen, ich geb noch einen aus, und dann kommt er gleich, das versprech ich dir. Meine Großmutter ist tatsächlich wieder abgezittert, und Hermine hat mich nach einer Viertelstunde nach Hause geschickt.

Ich bin dann praktisch von Hermine aus zur See gefahren. Ich hab Maschinenbauer gelernt und fuhr in der Maschine als „Ingenieurs-Assi“. Man konnte mit einer begleitenden Schulausbildung aufsteigen zum dritten und zweiten Ingenieur und schließlich zum Chief, das war quasi der Kapitän der Maschine. Ich wollte da hin, denn sonst hätte ich zur Bundeswehr gehen müssen. Die meisten von uns wollten nicht zum Bund, wir waren noch von den Kriegserlebnissen geprägt, diesem ständigen Gerenne in die Bunker. Meine Urgroßmutter ist am Eingang des Bunkers am Spielbudenplatz gestorben, als es nach einer Luftmine eine Panik gab – 14 Menschen sind dabei umgekommen. Aber nach ein paar Jahren kam der Umbruch in der Seefahrt, und es dauerte gar nicht lange, dass die Maschine von der Brücke aus gefahren wurde. Dafür brauchte man eine ganz andere Ausbildung. Das Maschinenpersonal gab es auf einmal nicht mehr.

Dolores vom Straßenstrich

Weil wir in der Taubenstraße zur Schule gingen, mussten wir immer die ganze Erichstraße lang gehen, die damals noch auf den Hein-Köllisch-Platz stieß. Ein Mal in der Woche war es für uns kleine Jungs eine Mutprobe, nach der Schule durch die Herbertstraße zurückzulaufen, die ja damals schon mit diesen Blechwänden abgesperrt war. Während unsere Kumpels mit den Ränzeln außen rum gingen, sind wir sind zu zweit da durchgerannt. Einmal haben zwei Zuhälter uns beobachtet und dann auf der anderen Seite der Gasse auf uns gewartet. Da mussten wir sofort abdrehen und sind den ganzen Weg wieder zurückgerannt. Danach waren wir so fertig, dass wir uns auf der anderen Seite erstmal auf die Straße setzen mussten.

Kinderleben spielte sich auf der Straße ab. Oder wie hier an der Hafenstraße über den River-Kasematten (Foto: Konrad Lorenz)

Kinderleben spielte sich auf der Straße ab. Oder wie hier an der Hafenstraße über den River-Kasematten (Foto: Konrad Lorenz)

Es gab zwei Arten von Liebesdienerinnen: die in der Herbertstraße und die auf dem Straßenstrich. Auf dem Straßenstrich standen die Frauen bis zum Hein-Köllisch-Platz, hier fing der Autostrich an und ging runter bis zum Fischmarkt. Unsere Mütter wollten nicht, dass wir mit „denen“ irgendwas zu tun haben. Obwohl wir mit den Frauen häufiger Kontakt hatten als sogar mit unseren Müttern, denn das Kinderleben spielte sich auf der Straße ab. Wir haben die Nutten also dauernd getroffen, durften es aber nicht. Alles war sehr spießig. Eines Tages hat meine Mutter eine sehr hässliche Bemerkung zu denen gemacht, und am nächsten Tag kam sie heulend mit einem dicken Auge nach Hause. Meine Großmutter hat geschimpft: Bist du’n Quiddje oder was, du kannst zu denen doch nicht so was sagen!

Konrad heute an derselben Stelle im Schauermanns Park

Konrad heute an derselben Stelle im Schauermanns Park

Und eine dieser Frauen, die wir jeden Tag auf unserem Schulweg sahen, war Dolores (ein Foto von ihr gibt es leider nicht). Die stand immer in einem der Torweg in der Erichstraße, eine ganz Hübsche. Die hatte so hochtoupierte Haare, war geschminkt und trug ganz farbige und Schuhe. Wir haben uns immer gefragt, warum sich eigentlich unsere Mütter nicht so hübsch machten. Wir hatten noch kein Gefühl dafür, dass das auch ein bisschen schräge und auffällig war. Die Dolores war mit einem Schauermann liiert, ich glaube sogar verheiratet.

Klar, wir wussten, was ihr Gewerbe ist. Aber das interessierte uns nicht, wir haben uns das nicht ausgemalt. Generell waren die Nutten alle sehr kinderlieb, Dolores aber besonders. Sie hat uns jeden Tag gefragt, wie es in der Schule war, wie das Diktat gestern gelaufen ist, was wir uns im Kinderkino angesehen haben. Da war ein richtig enger Kontakt. Auch die Nutten waren ja spießig, fast noch spießiger als unsere Eltern. Sie achteten darauf, dass wir in ihrer Gegenwart keine schlimmen Worte sagten. Wenn ein Kunde kam, sagte Dolores: So, jetzt kriege ich Besuch, jetzt müsst ihr gehen. Aber meistens war tagsüber ja nicht viel los. Dann haben wir zusammen Spaß gehabt, im Winter sogar Schneeballschlachten gemacht.

Es war ein bisschen so, als hätte man eine ältere Schwester, der man sich anvertrauen kann und die einem auch mal Mut macht. Wenn irgendwas schief lief, hat sie gesagt: Das kriegst du schon hin, nächstes Mal schreibst du wieder eine Zwei. In den Familien ging es darum, dass man funktionierte, dass man gute Zensuren schrieb und gehorchte. Sonst gab es immer gleich Ärger. Dagegen war Dolores etwas Besonderes, Exotisches. Ich habe mal erlebt, dass ein Auto vorbei kam und sie abholte. Wir haben alle gestaunt, ein Mercedes! Wir haben sie ein bisschen bewundert. Irgendwann war sie dann verschwunden. Die Nutten standen ja höchstens fünf, sechs Jahre da, selten mal länger. Ich war inzwischen zwölf. Da fingen wir schon an, nach den Mädchen zu schielen. Und als wir dann auf die Realschule am Holstenwall kamen, haben wir die Nutten aus dem Auge verloren.

Herzklopfen für Elke

Hochstraße 2, dritter Stock: Hier ist Konrad aufgewachsen

Hochstraße 2, dritter Stock: Hier ist Konrad aufgewachsen

Mit ihr beginnt „Der Dwarsläufer“: meiner ersten großen Liebe. Sie wohnte hier, in einem Hinterhof in der Erichstraße. Sie hatte einen kleinen Bruder, auf den musste sie oft aufpassen, wenn er hier unten in der Sandkiste auf dem Spielplatz spielte. Dann wussten meine Kumpels schon bescheid – jeder von uns hatte ja seine Flamme – und haben zwei Mal gepfiffen. Das hörte ich oben in der Wohnung, bin runter gewetzt und um sie rumscharwenzelt. Konsche is verknahallt!, haben die anderen Jungs manchmal gerufen.

Elke hieß sie. Wir waren beide etwa 13. Es hatte mich wirklich erwischt. Ich wusste gar nicht, dass es das gibt. Mein Herz hat geklopft, wenn ich sie sah, manchmal hab ich von ihr geträumt und war in einer ganz tollen Stimmung, wenn ich aufwachte. Im Traum hab ich auch mit ihr geredet. Nur im wirklichen Leben nicht.

Die Schulen für Jungs und Mädchen waren in der Taubenstraße getrennt. Aber außerhalb der Schule hab ich Elke ständig umrundet, zum Beispiel wenn sie einkaufen ging. Das hat sie natürlich gemerkt und manchmal geguckt. Im Winter hab ich mal einen Schneeball gegen ihr Fenster geworfen. Daraus ist heute das erste Kapitel vom „Dwarsläufer“ geworden. Oft ist sie mit einer Freundin spazieren gegangen, die hat dann immer gekichert. Ich schätze, das ging so ein dreiviertel bis ein Jahr. Ich war so verliebt. Aber wir haben nie miteinander gesprochen. Ganz furchtbar.

Mit 17 hab ich dann Anna kennen gelernt. Die hab ich mit 22 auch geheiratet, in der St. Pauli Kirche. Beziehungsweise, wir mussten heiraten, damals gabs ja noch keine Pille. Nach vier Jahren haben wir uns scheiden lassen. Wir waren ja noch sehr jung. Inzwischen bin ich seit 44 Jahren mit meiner zweiten Frau verheiratet. Das ist die Julia aus dem „Dwarsläufer“.

Konrads nächste Konzertlesung mit dem Trio Hafennacht: „Tresenkönigin oder die Liebe an der Küste“; Dienstag, 28. April, 20 Uhr, im Freizeitzentrum Schnelsen, 22459 Hamburg, Wählingsallee 16; Eintritt 10.-€. Weitere Infos hier.

Fotos: Konrad Lorenz (3), Irene Jung (3)

 

Kommentare


  1. Lieber Konrad, den Text habe ich gerade wieder mit großem Vergnügen gelesen. Herzlichen Glückwunsch nachträglich , alles Liebe und Gute für Dich weiterhin wünscht Dir die liebe Paula

  2. Pingback: Den „Rohrkrepierer“ gibt's jetzt auch als Comic

  3. Pingback: Temporäre Videoüberwachung auf dem Kiez? - St.Pauli-News

  4. hallo Konrad, habe zu Tante Hermines Zeiten in der Kuhwerder Fähre lange Zeit und lange Nächte das Klavier bearbeitet. Und nun kommt die Erinnerung! Würde gern etwas darüber
    schreiben, solange es noch Zeitzeugen gibt und vielleicht auch Fotos. Können wir Kontakt aufnehmen?
    Bis bald, hoffentlich hajo

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