Tageslicht / Mittwoch, 20.04.2016

Wie geht es weiter mit dem Hafen-Weinberg?

 
 

Nach der Absage des Stuttgarter Weindorfs bedroht auch noch eine Kaninchenplage den Weinberg am Stintfang. Doch der Winzer ist zuversichtlich.

Für den Stuttgarter Winzer Fritz Currle und seine beiden Helfer Norman Sauer und Bernd Schöllhammer sind es die ersten Arbeiten in diesem Jahr: Vorsichtig setzt Currle die Schere an und schneidet einen Ast nach dem anderen ab. Nur der gesündeste Trieb der Rebe darf bleiben und wird wenig später an dem langen Drahtseil entlang befestigt. „Jetzt müssen sie nur noch gespritzt werden, damit wir keine Milben bekommen“, verrät Norman Sauer. Dafür braucht es jedoch keine chemischen Pflanzenschutzmittel: „Ein einfaches Olivenöl reicht vollkommen aus.“

Dass der Weinberg am Stintfang oberhalb der Landungsbrücken auch im 21. Jahr seines Bestehens wieder gepflegt wird, ist indes nicht selbstverständlich. Denn nach der Absage des Stuttgarter Weindorfs auf dem Rathausmarkt ist fraglich, ob der Weinberg am Stintfang überhaupt erhalten bleibt – schließlich war er ursprünglich ein Geschenk des Verkehrsvereins Pro Stuttgart und der Weindorf-Wirte anlässlich des 10-jährigen Jubiläums des Stuttgarter Weindorfs. „Weinberg und Weindorf sind ein Zweiklang“, sagt Norman Sauer.

Winzer Fritz Currle im Weinberg am Stintfang

Winzer Fritz Currle ist extra aus Stuttgart angereist, um die Reben zu beschneiden (Foto: Schaefer)

Doch nach fast 30 Jahren hatten die Veranstalter das diesjährige Fest abgesagt, weil das Bezirksamt die Miete für den Rathausmarkt drastisch angehoben hatte. Bisher hatten die Stuttgarter lediglich für sechs der insgesamt 17 Veranstaltungstage Miete zahlen müssen, die derzeit für Gastronomie bei 1,70 Euro pro Quadratmeter liegt. Im Gegenzug gastiert der Hamburger Fischmarkt für elf Tage kostenfrei in Stuttgart. In diesem Jahr aber sollten die Stuttgarter laut Bezirksamt den Preis für die vollen 17 Tage zahlen. Damit würde die Miete laut Pro Stuttgart von insgesamt 46.000 auf 125.000 Euro steigen – eine Summe, die nicht aufzubringen sei. „Wir fühlen uns erpresst. Offenbar wollte man uns loswerden“, sagte Axel Grau, Geschäftsführer des Vereins Pro Stuttgart, vor einigen Wochen. „So kann man mit Partnern nicht umspringen.“

Winzer Fritz Currle kann die Entscheidung des Bezirks nicht nachvollziehen. Dass mit dem Weinfest auch der Weinberg am Stintfang verloren gehen könnte, ist für ihn jedoch undenkbar. „Der Weinberg ist mein Kind“, sagt Currle, der von seinem Zimmer im Hotel Hafen Hamburg die Idee zu dem Weinberg hatte und sich bis heute um ihn kümmert – unterstützt von einigen freiwilligen Helfern vor Ort. „Wenn Hamburg den Weinberg weiterhin haben will, werde ich mich um ihn kümmern solange ich kann – ganz unabhängig vom Weindorf.“ Derzeit führe man entsprechende Gespräche mit der Hamburgischen Bürgerschaft.

Weinberg am Stintfang

Wollen ihren Weinberg nicht aufgeben: Bernd Schöllhammer, Fritz Currle und Norman Sauer (Foto: Schaefer)

Doch auch der Winzer, der selbst seit 30 Jahren einen Stand auf dem Stuttgarter Weindorf in Hamburg betreibt, hofft, dass das Fest bald wieder in der Hansestadt stattfinden kann. „Es wäre schade um diese gewachsene Städtepartnerschaft, die sich in den vergangenen 30 Jahren entwickelt hat.“ Wichtig sei nun, dass beide Parteien sich an einen Tisch setzten, um einen Kompromiss auszuhandeln. „Sollte der Bezirk jedoch auf den 125.000 Euro bestehen, wird es wohl das endgültige Ende des Stuttgarter Weindorfs in Hamburg sein.“ Eine solche Summe, sagt der Winzer, sei nicht zu erwirtschaften.

Neben der Absage des Stuttgarter Weinfests, droht dem Weinberg in diesem Jahr noch eine ganze andere Gefahr: Erstmals seit Bestehen des Weinbergs bedroht eine Kaninchenplage die Existenz der Reben. „Rund 50 der insgesamt 100 Rebstöcke wurden angefressen“, sagt Helfer Norman Sauer. „So etwas habe ich noch nicht erlebt.“ Auch für Winzer Fritz Currle ist das Phänomen neu. „Junge Reben werden gerne einmal angefressen, aber die Alten?“ Zehn Rebstöcke mussten inzwischen bereits durch neue ersetzt werden.

Weinberg am Stintfang II

Bernd Schöllhammer befreit die Rebstöcke von Unkraut (Foto: Schaefer)

Um die übrigen Rebstöcke vor den Tieren zu schützen, habe man die betroffenen Stämme mit Baumwachs behandelt und zusätzlich einen Plastikschutz angebracht. Nun hofft man darauf, dass die Pflanzen nach wie vor in der Lage sind, genug Flüssigkeit aufzunehmen. „Bis jetzt sieht es gut aus“, sagt Fritz Currle, der nach der Lese Ende September die Trauben wie in jedem Jahr mit nach Stuttgart-Uhlbach nehmen will, wo der Wein schließlich ausgebaut wird.

Wann die bis zu 80 Flaschen des „Stintfang Cuvée“ in diesem Jahr nach Hamburg zurückkehren könnten, ist indes völlig offen. Denn in der Vergangenheit wurden die Flaschen stets am ersten Tag des Stuttgarter Weinfests an den rechtmäßigen Eigentümer, die Hamburger Bürgerschaft, übergeben. Die Flaschen (je 0,375 Liter) werden traditionell an verdiente Persönlichkeiten der Hansestadt verschenkt. Ob die Übergabe aufgrund der Absage des Weindorfs in diesem Jahr überhaupt stattfinden kann, wird sich noch zeigen. „Ansonsten müssen wir den Wein erst einmal einlagern“, sagt Fritz Currle. „Vielleicht können wir ja dann im Jahr darauf gleich zwei Jahrgänge übergeben.“ Schade wäre es dennoch, denn so Currle: „Es könnte ein guter Jahrgang werden.“

(Aufmacher: Archiv)

 

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