Tageslicht / Dienstag, 08.12.2015

Vier Fäuste für die Kids vom Kiez

 
 

Geschäftsfrau Mariam Komeyli und Trainer Pietro Lucifora wollen mit einem eigenen Projekt Jugendliche vor der Schattenwelt St. Paulis bewahren.

Von ihrem Stuhl hinter dem pinkfarbenen Tresen hat Mariam Komeyli einen guten Blick auf die Reeperbahn und ihre Menschen. Vor den großen Fenstern ihres Reisebüros an der Talstraße tummeln sich auch an diesem trüben Novembernachmittag neben vereinzelten Touristen, die orientierungslos durch die Gegend starren, auch immer wieder Dealer, Kleinkriminelle und Jugendbanden. Für die 52-Jährige ein gewohntes Bild in ihrem Viertel, das nach wie vor als sozialer Brennpunkt gilt. Viele der Männer, die vor den Fenstern vorbeischlendern, kennt sie sogar mit Vornamen.

„Die Aggression auf dem Kiez nimmt zu“, sagt Mariam Komeyli, die seit acht Jahren Deutschlands einziges Nachtreisebüro an der Reeperbahn betreibt und sich als Teil des Mikrokosmos auf St. Pauli fühlt, wie sie sagt. Immer häufiger habe sie in den vergangenen Wochen beobachtet, wie junge Männer vor ihrer Tür aufeinander losgegangen seien. Afghanen gegen Syrer, Russen gegen Polen, Albaner gegen Türken. All das sei hier mittlerweile ganz normal.

Eine Normalität jedoch, die Mariam Komeyli nicht länger akzeptieren will. „Ich kenne viele Menschen auf dem Kiez, bei denen ist Hopfen und Malz verloren. Aber bei den Jungen, da kann man noch was retten und dafür kämpfe ich.“ Für ihren Kampf hat die bekannte Reiseverkehrsfachfrau und Autorin einen ebenso prominenten Mitstreiter gewonnen: Fitnesstrainer Pietro Lucifora. Der 25-Jährige gehört zu den erfolgreichsten Personaltrainern Deutschlands, betreibt ein eigenes Fitnessstudio an der Alster und betreut u.a. prominente Models oder Profi-Sportler wie Boxer Ismail Özen.

„Trainer gibt es wie Sand am Meer, aber bei ihm war ich mir sicher, dass er der Richtige für dieses Projekt ist“, sagt Mariam Komeyli. Denn der 25-Jährige, der in Eimsbüttel geboren und in der Schanze und auf St. Pauli groß geworden ist, spricht die Sprache des Kiezes. Als junger Fußballer begann er in der Nachwuchsmannschaft des FC St. Pauli, wechselte später sogar in die italienische Fußballliga zum US Siracusa. Nach einem Leistenbruch jedoch, hängte er seine Karriere als Fußballer vor sechs Jahren an den Nagel.

Der ehrgeizige Trainer, der als sehr beharrlich und ausdauernd gilt, und die fleißige Geschäftsfrau, die sich selbst jedoch als äußerst unsportlich beschreibt, wollen nun gemeinsam mit einer Mischung aus Fitness- und Sozialtraining, Jugendliche aus St. Pauli von der Straße holen. Einmal die Woche sollen Heranwachsende zwischen 12 und 16 Jahren daher die Möglichkeit bekommen, gemeinsam mit Pietro verschiedene Sportarten zu trainieren – von Teamsportarten bis Boxsport.

Bei seinem Vorhaben kann der Personaltrainer bereits aus seiner Erfahrung schöpfen. Im Hamburger Stadtteil Berne arbeitet Lucifora seit gut einem guten halben Jahr mit Kindern und Jugendlichen aus einem Wohnprojekt zusammen. „Zunächst geht es darum, Vertrauen aufzubauen und an Autorität zu gewinnen“, sagt Lucifora. Dabei sollen ihn die Kids weniger als Lehrer, sondern vielmehr als Vorbild sehen. Seine Botschaft: Mit harter Arbeit und eisernem Willen kann jeder etwas erreichen.

Dafür gelte es die Aggressivität, die viele der Jugendlichen auf der Straße ausleben, in Kraft und damit in etwas Positives umzuwandeln. „Aggressivität ist oft ein Zeichen von Unsicherheit und dem Gefühl, von anderen nicht wahrgenommen, nicht gesehen zu werden“, so der 25-Jährige. „Wir wollen ihnen das Gefühl geben, dass wir sie ernst nehmen.“ Während er sich vor allem mit dem sportlichen Konzept befasst, will sich Mariam Komeyli neben der Verpflegung vor allem um das „seelische Wohl“ der Jugendlichen kümmern, wie sie sagt.

Ihre Sprachkenntnisse sind für die Tochter eines persischen Kaufmanns dabei von großem Vorteil, da viele Jugendliche aus dem arabischen Raum stammen würden. „Mir ist es wichtig, auch auf die Familien zuzugehen und das Gespräch zu suchen“, sagt Mariam Komeyli. Denn nur in Zusammenarbeit mit den Angehörigen, mit Lehrern und Behördenmitarbeitern sei am Ende auch ein Erfolg möglich. Darüber hinaus will Reiseverkehrskauffrau, die aufgrund ihrer Popularität nicht nur auf St. Pauli über ein großes Netzwerk verfügt, ihre Kontakte nutzen, um Jugendlichen eine Ausbildungsstelle zu vermitteln. Sport und Beruf seien dabei zwei Seiten einer Medaille „Disziplin, Pünktlichkeit, Respekt – all das lässt sich eins zu eins in allen Lebenssituationen anwenden.“

Wenn es nach dem eher ungewöhnlichen Duo geht, soll das Training noch vor Weihnachten beginnen. Derzeit gehe man bereits gezielt auf Schulen und soziale Einrichtungen im Stadtteil zu. „Wir haben auch keine Scheu, die Jugendlichen direkt auf der Straße anzusprechen“, sagt Fitnesstrainer Pietro Lucifora. Ob Dealer, Taschendieb oder Raufbold – die Vorgeschichte sei dabei unerheblich. „Jeder hat eine Chance verdient.“

(Foto: Daniel Schaefer)

 

Kommentare


  1. frage: kann man auf „dem kiez“ nur mit „kiezmethoden“ (hier: boxen) „überleben“? schlägt das nicht in die gleiche kerbe (machogehabe)?
    wäre es nicht sinnvoller zu zeigen, dass es (neben teamsportarten) auch ein leben außerhalb des kiez gibt? z.b. mit kreativität, beschäftigung in der natur etc. und dass Mann das machogehabe gar nicht nötig hat, weil er andere stärken besitzt?

    • Da Maryam und Pietro, sich dieses Problems annehmen, sollten sie vielleicht auch mit Ihren Stärken arbeiten. Wenn Sie hingegen auf der Kreativen Schiene begabt sind, würde ich vorschlagen sich in das Projekt einzugliedern um vielleicht den kreativen Part zu übernehmen?! Nur ein Vorschlag 😉

  2. Im Osten Deutschlands gibt es Projekte Skinheads in örtlichen Schützenvereinen mit deutscher Tradition und Schiessfertigkeiten zu trainieren, damit sie sich in der Gesellschaft sicher bewegen können. Meiner Meinung nach läuft das mit dem Boxen in eine ähnliche Richtung.

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