Tageslicht / Samstag, 29.08.2015

Straßenmusik-Marathon für Dorina

 
 

„Radical neighbourhood“ unterstützt eine junge Rumänin: An diesem Wochenende spielen knapp 20 Bands, damit sie eine Wohnung bezahlen kann.

Dorina ist 24, kommt aus Timișoara in Rumänien und ist Mutter eines sechsjährigen Jungen. Fast täglich sitzt sie unter der Eisenbahnbrücke am Bahnhof Sternschanze und spielt auf ihrem alten Akkordeon, meistens dasselbe Lied. Vor ihr im Akkordeon-Koffer liegen ein paar Münzen. Wenn Passanten welche dazuwerfen, guckt sie sie mit ihrem sanften Gesicht an und lächelt. Der Nachbarschaft ist sie schon so vertraut wie die S-Bahn.

Und auch wieder nicht. Wohin fährt sie abends, wo wohnt sie? Kriegt sie überhaupt das Geld für die Rückfahrt zusammen, geschweige denn so was wie Lebensunterhalt? Welche Perspektive hat sie, und wie denkt sie darüber? Dorina ist eine von vielen Straßenmusiker/innen, die in Hamburg feste Stammplätze haben und trotzdem ein Schattendasein führen: Armut in einer reichen Stadt.

Das soll sich ändern, sagte sich die Nachbarschaftsinitiative „Radical neighbourhood – der Armut in den Arsch treten“. Sie fand sich vor ca. einem Jahr zusammen, um „mit nachbarschaftlichen Kräften ganz konkrete Fälle anzugehen“, sagt Georg Möller. „Wir wollen der Armut ein Gesicht geben. Aber wir wollen auch über ihre Hintergründe informieren und die Ursachen benennen.“ Es geht also darum, nicht einfach nur beim Vorbeigehen ein bisschen Wechselgeld in einen Becher fallen zu lassen, sondern nachzufragen. Und konkret zu helfen.

Dorina an ihrem Stammplatz unter der Sternschanzenbrücke

Dorina an ihrem Stammplatz unter der Sternschanzenbrücke (Foto: Radical neighbourhood)

Seit dem Frühjahr kümmert sich die Initiative – inzwischen 115 Leute – um Dorina. Sie lebt mit Kind und Eltern in einer Unterkunft in Billstedt mit Matratzenlager. Pro Person kostet eine Matratzen 5 Euro pro Nacht. Dorina heißt eigentlich nicht Dorina, so heißt ihre Mutter, die schon vor ihr unter der Sternschanzenbrücke Akkordeon spielte, aber die Oma hat beide immer Dorina genannt. Seit es ihrer Mutter wegen einer Herzkrankheit und dem Vater wegen einem Halsgeschwür immer schlechter geht, muss eben die junge Dorina den Familienerwerb einbringen.

Kein Flüchtlingsschicksal – so leben Menschen mitten in der EU

Das Logo von Radical neighbourhood

Das Logo von Radical neighbourhood

„Hier geht es nicht um einen Flüchtlingsstatus“, sagt Möller. In der aktuellen Diktion der Bundesregierung sollen Menschen wie Dorina gefälligst in ihr Herkunftsland auf dem westlichen Balkan zurückkehren. Aber Dorina ist EU-Bürgerin mit Aufenthaltsrecht und dürfte hier sogar eine Ausbildung machen. Nur: Wenn man jeden Tag das Nötigste zusammenbringen und sich noch um die Familie kümmern muss, findet man kaum Zeit, sich darum zu kümmern oder richtig Deutsch zu lernen.

Dabei braucht Dorina Hilfe. „Radical Neighbourhood“ (hier ein Artikel aus der „Zeit“) hat schon einiges in die Wege geleitet. „Dorinas kleiner Sohn Nicolas soll eingeschult werden, und wir setzen uns dafür ein, dass er in die Ganztags-Grundschule Sternschanze kommt“, sagt Georg Möller. Mit Hilfe der Initiative bekam Dorina ein eigenes Konto, auf das auch schon Spenden fließen. „Es gibt Menschen, die selber nicht viel haben und Ein-Euro-Daueraufträge eingerichtet haben“, sagt Möller. „Nachbarschaftliches Verhalten ist nicht von Wohlstand abhängig.“

Als nächster konkreter Schritt ist geplant, für ein Jahr eine Wohnung für Dorina und ihre Familie zu finanzieren, „damit sie zur Ruhe komme, ihre Mutter pflegen und vielleicht eine Ausbildung anfangen kann“.
Für dieses Ziel hat „Radical neighbourhood“ zusammen mit Clubkinder Klanglabor jetzt einen 24-Stunden-Straßenmusik-Marathon auf die Beine gestellt. An diesem Wochenende spielen am Bahnhof Sternschanze wechselnde Bands zugunsten von Dorina. Hier kann auch jeder gegen eine Spende einen Button erwerben (und natürlich auch ohne Button spenden), das Geld kommt ohne Abzug Dorina zugute. „Insgesamt 19 Bands haben zugesagt“, sagt Jannes Vahl von Clubkinder. Mit dabei: Ticos Orchester, Joseh, Anna Guder, My little White Rabbit u.a., Genaueres hier.
Wer Kontakt zu Radical neighbourhood aufnehmen möchte: Mail@radicalneighbourhood.info

24 Stunden Straßenmusik gegen Armut und für Dorina am 29. 8. ab 16 Uhr bis spät, am 30. August 10 bis 16 Uhr. Wo? Auf dem Platz vor dem Vereinsheim des SC Sternschanze

 

Kommentare


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  2. Ich hätte gern eine Kontonummer, damit ich für Dorina und ihre Familie spenden kann.
    Vielen Dank für die Initiative
    und herzlichen Gruß
    Renate Schröder

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