Tageslicht / Montag, 25.04.2016

Spielbudenplatz: Die ewige Baulücke

 
 

„Heiße Ecke“ wird bebaut – warum  nicht die Baulücke des ehemaligen St.-Pauli-Wellenbads? Aber: Da tut sich was.

Nicht nur die Leere an der Heißen Ecke hat seit vielen Jahren für Verärgerung auf St. Pauli gesorgt. Auch schräg gegenüber am Spielbudenplatz liegt ein Beispiel für „unerledigte Fälle“: Die Baulücke zwischen Schmidt Theater und Schmidts Tivoli. Jetzt nehmen Bezirkspolitiker sie wieder ins Visier.

Ende der 1980er-Jahre hatte der Unternehmer Rolf Mahnke die Immobilie gekauft. Nach Recherchen des Hamburger Abendblatts wollte er das Gebäude abreißen lassen und eine Spielhalle eröffnen. Doch die Pläne scheiterten. „Der Eigentümer spekuliert auf einen steigenden Grundstückswert und tritt mit vielfältigen Nutzungsabsichten – darunter ein Restaurant mit 20 Stockwerken – an die Öffentlichkeit – keine davon ist umsetzungsreif“, so der Abendblatt-Bericht im August 2014. Der von Mahnke beantragte Abriss wurde vom Bezirk nicht genehmigt.  Um den Neubau des angrenzenden Schmidt Theaters vorzubereiten und Platz für Baufahrzeuge zu schaffen, wurde das Gebäude 2003 dann doch abgerissen, nur die Fassade blieb stehen.

Alle wollen die Schließung der Baulücke

Die Baulücke von der Kastanienallee aus gesehen

Die Baulücke von der Kastanienallee aus gesehen

Immer wieder sorgte die Baulücke für Aufregung. Etwa, als Anfang 2007 per Anzeige in der MoPo eine „Top-Eventfläche“ am Spielbudenplatz 26 „für Ideen wie Beachclub, Jahrmarkt, u.ä. gegen Höchstgebot“ vermietet werden sollte. Auftraggeber war eine ominöse „Freizeit GmbH“ in 22162 Hamburg (die Postleitzahl 22162 gibt es nicht). Grüne und SPD protestierten gegen eine „Eventfläche“.

Elf Jahre später, 2014, war die Baulücke des ehemaligen Wellenbads St. Pauli immer noch unverändert leer. „Hier wird mitten im Herzen von St. Pauli seit Jahren mit einem Grundstück spekuliert. Das ist unerträglich“, sagte der damalige SPD-Fraktionschef und heutige Bezirksamtsleiter Falko Droßmann. Auch für den CDU-Fraktionschef Gunter Böttcher stand fest: „Dieser Zustand muss beendet und die Fläche wieder bebaut werden.“

Das Wellenbad St. Pauli auf einer alten Postkarte (Foto St. Pauli Archiv)

Das Wellenbad St. Pauli auf einer alten Postkarte (Foto St. Pauli Archiv)

Stadt und Bezirk müssen nicht hilflos zusehen

Jetzt haben wir März 2016. Passiert ist – null. Nur die schmucke Gründerzeitfassade, seit 1998 unter Denkmalschutz, steht immer noch zwischen Schmidt Theater und Schmidts Tivoli herum.

Aber die Zeiten haben sich geändert. Hamburg sucht händeringend Flächen für Wohnungsbau. Jetzt könnte wieder Bewegung in die Sache kommen. Der Bezirk und die Stadt Hamburg hätten durchaus die Möglichkeit, für eine Bebauung Druck zu machen. Der Bezirk könnte möglicherweise ein „Baugebot“ erwirken. Oder: Die die Stadt könnte ein Vorkaufsrecht geltend machen.

Neue Chancen für ein Baugebot?

Nach § 176 Baugesetzbuch (BauGB) können Kommunen die Eigentümer von Brachen und Baulücken mit einem Baugebot verpflichten, dort „ordnungsgemäße Zustände“ herzustellen und die Fläche zu bebauen. Das Baugebot ist in der Fachliteratur ein legitimes Instrument, um städtebauliche Vorstellungen und Notwendigkeiten durchzusetzen. Der Eigentümer muss dann innerhalb gesetzter Fristen einen Bauantrag einreichen. Kommt er dem nicht nach, kann er enteignet werden.

Die Hürden dafür liegen allerdings hoch: „Ein Baugebot ist ein schwerer Eingriff in das private Eigentumsrecht. Man müsste eine städtebauliche Erforderlichkeit nachweisen, die Bebauung muss für den Eigentümer auch wirtschaftlich zumutbar sein“, sagt Carl Philipp Schöpe, baupolitischer Sprecher der SPD-Fraktion im Bezirk Mitte. Kann der Eigentümer glaubhaft machen, dass ihm das Bauvorhaben wirtschaftlich nicht zuzumuten ist, kann er laut § 176 BauGB vom Bezirk die Übernahme des Grundstücks verlangen. Will deshalb keiner da so richtig ran?

Nach dem geltenden Planungsrecht liegt das Grundstück in einem Gewerbegebiet „G 4“ (vier Geschosse). „Wohnungsbau wäre hier also nicht zulässig“, sagt Bezirkssprecherin Sorina Weiland.

Ingolf Goritz (Grüne), Bauausschussmitglied und bis vor Kurzem Vorsitzender des WS-Ausschusses, sieht das aber gar nicht so pessimistisch. Zum Spielbudenplatz hin sei Wohnungsbau sicher nicht möglich, „aber auf dem an die Kastanienallee grenzenden Grundstücksteil könnte man sich durchaus Gedanken darüber machen. Das wäre eine wunderbare Wohnlage.“

Hamburg brauche Platz für weitere 40.000 Flüchtlinge, „und aus der Unterschriftensammlung gegen Großsiedlungen für Flüchtlinge könnte ein Volksbegehren werden“, sagt Goritz. „Vor diesem Hintergrund der aktuellen Situation würde ein Verwaltungsgericht ein Baugebot vielleicht anders bewerten als vor fünf Jahren.“ Bisher ist in Hamburg noch nie ein Baugebot durchgesetzt worden. Entsprechend groß ist die Sorge, man könne ein verwaltungsgerichtliches Verfahren gegen Eigentümer verlieren und gehörig draufzahlen. Dabei gäbe es zahlreiche Anlässe für Baugebote, unter anderem in der Schanze, wo ein Grundstücksbesitzer den Bezirk seit Jahren mit nicht realisierten Bauvorhaben hinhält.

Auf dem schlauchartigen Grundstück zwischen Spielbudenplatz und Kastanienallee könnten durchaus zwei verschiedene Nutzungen realisiert werden. Für ein kleineres Wohnobjekt, das an die Kastanienallee angrenzt, könne wahrscheinlich eine Befreiung vom geltenden G4-Planungsrecht erreicht werden, meint Goritz. „Man könnte argumentieren, dass in der Kastanienallee ohnehin Wohnhäuser angrenzen und dass der Teilbebauungsplan von 1956 schon 60 Jahre alt ist. Zumal auf dem benachbarten Grundstück der Esso-Häuser zahlreiche Wohnungen errichtet werden.“

Hier könnte sich ein lohnendes Feld für den neuen Bezirksamtsleiter Falko Droßmann (SPD) auftun. Als einen Schwerpunkt seiner Arbeit bezeichnete er immerhin die Wohnungsbaupolitik.

Alternative: Mit Vorkaufsrecht Druck ausüben?

Über das Verhalten des Eigentümers ärgert sich auch Henriette von Enckevort, SPD-Bürgerschaftsabgeordnete für St. Pauli. „Die Reeperbahn ist ein einmaliger Ort, dessen Zukunft die Menschen weit über St. Pauli hinaus interessiert“, sagt sie. „Das hat man nicht zuletzt in der Diskussion um die Esso-Häuser gesehen. Es kann nicht angehen, dass Einzelne die Entwicklung hier durch Spekulation gefährden. Wir wollen eine lebendige Reeperbahn. Da sind leerstehende Grundstücke das letzte, was es braucht. Wir müssen hier alle Möglichkeiten ins Auge fassen, um dem entgegenzuwirken.“

In der SPD auf St. Pauli denkt man dabei neben dem Baugebot auch über den Erlass einer Verordnung im Bereich der Reeperbahn nach, die der Stadt ein Vorkaufsrecht an unbebauten Grundstücken einräumt.

Mit einem Vorkaufsrecht (durch Senatsverordnung) kann eine Kommune Druck auf Eigentümer ausüben, um eine „geordnete städtebauliche Entwicklung“ zu sichern. Sie kann dann das Grundstück bei einem geplanten Verkauf entweder zum vereinbarten Kaufpreis oder, falls dieser den Verkehrswert wesentlich übersteigt, zum Verkehrswert erwerben. Eine Vorkaufsverordnung signalisiert Eigentümern, die unbebaute Flächen aus reinen Spekulationszwecken über Jahre brach liegen lassen: Ihr könnt hier nicht machen, was ihr wollt.

„Über das Vorkaufsrecht könnten wir denjenigen Einhalt gebieten, die leere Grundstücke nicht entwickeln, sondern nur teuer weiterverkaufen wollen“, bestätigt auch Carl Philipp Schöpe von der SPD. „Darüber hinaus würde es den Einfluss der Öffentlichkeit an diesem besonderen Ort stärken. Das würde auch der städtebaulichen Bedeutung der Reeperbahn gerecht.“

Ein geschichtsträchtiges Areal

Unklar ist immer noch, was der Eigentümer mit dem Grundstück eigentlich vorhat. Für das Gelände solles schon mehrere Interessenten gegeben haben. Aber offenbar kam Rolf Mahnke mit keinem ins Geschäft. Dabei hat das Areal eine schillernde, St.-Pauli-typische Geschichte.

Spielbudenplatz Konzerthaus Neue Welt (5)

Emma Thiele-Lundershausen

Die Sängerin Emma Thiele-Lundershausen hatte eine erfolgreiche Laufbahn hinter sich und war schon 45 Jahre alt, als sie sich 1882 einen Traum erfüllte: Mit ihrem ersparten Geld eröffnete sie am Spielbudenplatz erst die Konzerthalle „Casino, das Gesangs-Institut internationaler Prägung“, die so gut lief, dass sie 1885 auch das Nachbargrundstück erwarb und dort das große, moderne Konzertlokal „Die neue Welt“ baute. „Gesungen wird in deutscher, englischer, dänischer und schwedischer Sprache“, hieß es in einem Inserat, „Die Regie führe ich selber.“

Spielbudenplatz Konzerthaus Neue Welt (4) (1069x1280)Gegeben wurde u.a. „Lohengrin-Fantasien“ und „Tannhäuser-Potpurris“, aber auch „vorzügliche Duette“ und lustige Couplets. Dummerweise verkalkulierte sich Emma Thiele Lunderhausen, schon 1891 musste „Die neue Welt“ wieder schließen. Im gleichen Jahr eröffnete Robert Meyer hier sein Etablissement „Im Siebenten Himmel“, wo der aufstrebende Hein Köllisch sein Bühnendebüt gab, bevor er ein paar Häuser weiter sein eigenes „Hein Köllisch Universum“ gründete.

Zwischen 1900 und 1914 residierte am Spielbudenplatz 26 die „Hamburg-Amerika-Bar“, angeblich die „größte Bar Deutschlands“. Sie war nicht nur Tag und Nacht geöffnet, sondern machte auch mit modernen Neuerungen von sich reden: Es gab Bardamen und Mixerinnen und Getränke aus einem Shaker, damals eine „amüsante, unbekannte Angelegenheit“.

Spielbudenplatz Hamburg-American-Bar

Legendär wegen 24-Stunden-Öffnungszeit und Cocktailshakern: die Hamburg-American-Bar (Foto: St. Pauli Archiv)

Nach einer Zwischennutzung als „Kinematographentheater“ und ab 1924 als Verkaufsstelle für Gefrierfleisch wurde 1934 im selben Gebäude das Wellenbad „Apollo“ eingerichtet, das mit dem Superlativ „Deutschlands modernstes Sportbad“ für sich warb. Schon damals gab es hier neben dem Schwimmbecken eine Gastronomie zum Beobachten der Badegäste. Im Zweiten Weltkrieg zerstörten Brandbomben das Bad, 1948 wurde es wieder eröffnet. Generationen von St. Pauli-Bewohnern haben im „Apollo“ schwimmen gelernt, außerdem gab es Wannen für solche, die kein Badezimmer hatten. 1980 schlossen die Hamburger Wasserwerke das Bad und verkauften die Immobilie.

 

Kommentare


  1. Was für eine unsinnige Diskussion durch die Politik!!!!!!!
    Bereits heute hat die Hansestadt Hamburg bei allen Grundstücksverkäufen das Vorkaufsrecht zum Kaufpreis bzw. zum sog. Verkehrswert, sofern dieser niedriger ist, sie übt es meist aber nicht aus. Ein Vorkaufsrecht nützt im konkreten Fall aber auch nichts, denn die Eigentümer verkaufen ja nicht. Also nix mit spekulativen Grundstücksverkäufen. Einzig die Frage der möglichen Ausübung eines Baugebots nach § 176 BauGB wäre eine brauchbare Lösung. Das derzeitige Baugebot nach § 176 BauGB ist aber in der derzeitigen Fassung und der daraus sich ergebenden bestehenden Interpretation durch Juristen nicht praktikabel.

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