Tageslicht / Samstag, 10.10.2015

Schilleroper ist schon wieder verkauft

 
 

Die Zirkus-Ruine hat nach nur einem Jahr erneut den Besitzer gewechselt. Der Hamburger Immobilienkaufmann will sich mit Anwohnern treffen.

Im Mai 2014 sah alles danach aus, als würde es für die Schilleroper nach Jahrzehnten des Verfalls eine neue Perspektive geben. Die Erben des Bayern Kurt Ehrhardt, der den Zirkusbau in den 50er Jahren erworben hatte, hatten das Objekt an Reinhold Dierkes verkauft, Geschäftsführer der GST-Service GmbH mit Sitz in Pullach bei München (woher auch Ehrhardt stammt). Wie Dierkes erklärte, wollte er bis zu 18 Millionen Euro in die Hand nehmen und in den Umbau der historischen Immobilie stecken. Er plane auf dem Areal bis zu 220 Apartments für Studenten, davon 120 in der Rotunde der Schilleroper und weitere 100 in einem sechsstöckigen Neubau. Die Stahlkonstruktion – das Herzstück der unter Denkmalschutz stehenden Zirkusbaus – solle restauriert werden. Die Bezirkspolitik zeigte sich optimistisch.

Aber das ist schon wieder Schnee von gestern. Wie am Rande eines historischen Rundgangs mit dem St. Pauli Archiv am Sonnabend bekannt wurde, heißt der Geschäftsführer der „Schilleroper Objekt GmbH“ jetzt nicht mehr Dierkes, sondern Walter Kießling. Und damit ist wieder alles offen.

Die Laternie, das "Hütchen" auf der Schilleroper, diente früher zur Belüftung des Zirkusbaus. Das stimmungsvolle Foto machte Ute Petersen frühmorgens

Die Laterne, das „Hütchen“ auf der Schilleroper, diente früher zur Belüftung des Zirkusbaus. Das stimmungsvolle Foto machte Anwohnerin Ulrike Petersen frühmorgens

Laut Handelsregister hat die Gesellschafterversammlung der „Schilleroper Objekt GmbH“ schon am 14. Juli 2014 die Erhöhung des Stammkapitals von bisher 25.000 Euro auf eine Million Euro beschlossen sowie den Firmensitz von Pullach an die Elbe (Kajen 6-8) verlegt. Der neue Geschäftsführer Walter Kießling ist neben Hens-Ulrich und Claas Kießling einer der drei Geschäftsführer der Immobilienfirma Wenzel Dr. in der Stresemannallee 102.

Die von Anwohnern geforderte Bürgerbeteiligung bei der Neuplanung, die bisher im Nebel von Willensbekundungen stecken geblieben war, kommt jetzt möglicherweise einen Schritt weiter: „Erst vor wenigen Tagen hat sich Walter Kießling telefonisch bei mir gemeldet, um ein Treffen mit Anwohnern zu vereinbaren“, sagt Ulrike Petersen, Anwohnerin im „Pantherhaus“ in der Lerchenstraße 37. Hier hatten sich bereits Interessierte zusammengefunden und am 29. 6 2015 einen ersten Info-Abend veranstaltet. Die Initiative sammelte auch Ideen für künftige Nutzungskonzepte der Schilleroper (u.a. Mehrgenerationenhaus, Nachbarschaftszentrum, kulturelle und Kinder-Angebote).

Gunhild Ohl-Hinz vom St. Pauli Archiv (re.) bei ihrem historischen Rundgang

Gunhild Ohl-Hinz vom St. Pauli Archiv (re.) bei ihrem historischen Rundgang

Inzwischen sind die Gebäude der Schilleroper derart verfallen, dass ein Betreten baupolizeilich nicht mehr gestattet wird. Seit einem Brand 1975 tobt der Streit um Abriss, Neubau, Verlagerung und Restaurierung. Im Rundbau und den umliegenden Gebäuden waren in den 70er und 80er Jahren Asylbewerber untergebracht – unter menschenunwürdigen Umständen, wie der Flüchtlingsrat kritisierte. „Die Leute hausten dort zum Teil in kaputten, unmöblierten Räumen“, sagte eine Anwohnerin auf dem Rundgang.

Seit 1992 steht der Bau unter Denkmalschutz. Für eine Nutzung war schon so gut wie alles im Gespräch – der Umbau zu einem neuen Theater mit Tiefgarage, einer Markthalle, einem Bürogebäude, Wohnungen oder Studentenwohnungen. Roncalli-Betreiber Bernhard Paul wollte die Schilleroper „retten“. 1998 entwickelte der Star-Architekt Hadi Teherani (u.a. Tanzende Türme) im Auftrag des Eigentümers Eberhard Ehrhardt einen Plan für ein multifunktionelles Veranstaltungszentrum mit 700 bis 800 Plätzen. Dafür sollte der Zirkusrundbau aus dem Jahre 1889 saniert und wenige Meter nach Süden versetzt auf einen Sockel gestellt werden. Daneben plante Teherani an der Lerchenstraße einen vierstöckigen Neubau mit Büros und Geschäften „als Kompensation für die Sanierung, damit sich das Objekt für den Investor trägt“.

Der frühere Bühneneingang der Schilleroper. Um den Hof lagen früher Stallgebäude und Restaurationen

Der frühere Bühneneingang der Schilleroper. Um den Hof lagen früher Stallgebäude und Restaurationen

Bis 2006 wurde das frühere Foyer als Bar genutzt, 2011 kam es zu einer Kurzbesetzung. Aber zwischen den Eigentümern, der Baubehörde, dem Denkmalschutzamt und dem Bezirk kam es nie zu einer Einigung – während die Sanierungskosten von Tag zu Tag fast sichtbar stiegen.

Geht jetzt eine neue Sonner über der Schilleroper auf? Carl Philipp Schöpe, Bezirksabgeordneter der SPD, hält sich noch bedeckt: „Es ist noch nicht abzusehen, ob und wann etwas passiert“,  sagte er auf Anfrage. Zwischen dem neuen Besitzer und dem Denkmalschutz gebe es noch Differenzen. „Umso wichtiger ist es, dass jetzt unter den Anwohnern Ideen entwickelt werden.“ Für Rot-Grün stehe fest, dass die Bürger beteiligt werden müssten.

Auch Andreas Gerhold (Piraten) fordert, dass die Anwohner einbezogen werden müssen und dass der Charakter des historischen Zirkusbaus erhalten bleibt: „Was für uns nicht in Frage kommt und auch nie in Frage kam ist, dass die Stahlkonstruktion der Rotunde nur noch als Deko bleibt.“

Interessierte Anwohner wollen jetzt eine Initiative für die Schilleroper gründen. Sie treffen sich wieder am 9. November um 19.30 Uhr im Pantherhaus, Lerchenstraße 37. Um Anmeldung wird gebeten (E-Mail: u-petersen@hamburg.de)

 

Kommentare


  1. Pingback: Schilleroper: Anwohner stellen Entwurf vor - St.Pauli-News

  2. Immer, wenn Herr Schöpe von der SPD gefragt wird, hält er sich bedeckt. Kann es sein, dass er über keine Informationen verfügt. Vielleicht besser mal der untätigen Kulturbehörde auf den Zahn fühlen.

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