Tageslicht / Mittwoch, 20.01.2016

Schilleroper: Anwohner stellen Entwurf vor

 
 

Ein Architekturbüro hat zusammen mit Anwohnern einen konkreten Entwurf für eine Neugestaltung des Schilleroper-Areals erarbeitet. Doch was wird daraus?

Was hatte man nichts alles für Ideen? Mal war vom Umbau zu einem neuen Theater mit Tiefgarage die Rede, mal von einer Markthalle oder einem Bürogebäude, zuletzt sogar von Studentenwohnungen. Realisiert wurde nichts dergleichen. Inzwischen sind die Gebäude der Schilleroper auf St. Pauli derart verfallen, dass ein Betreten baupolizeilich nicht mehr gestattet wird. Der historische Zirkusbau aus dem Jahr 1889 rostet weiter fröhlich vor sich hin.

Für die Anwohner rund um die Schilleroper steht fest: Es muss endlich was passieren. Doch ob und wann es vorangeht, steht derzeit noch in den Sternen. Wie berichtet, war das Areal zuletzt erneut verkauft worden – diesmal an die „Schilleroper Objekt GmbH“. Deren Geschäftsführer Walter Kießling sicherte den Anwohnern vergangenes Jahr noch zu, ein gemeinsames Treffen organisieren zu wollen, um das weitere Vorgehen zu besprechen. Doch wie jetzt bekannt wurde, hat Kießling seine Tätigkeit Anfang des Jahres wieder aufgeben. Laut Handelsregister wurde Dirk Lehmann zum 18.1. als neuer Geschäftsführer bestellt. Damit ist wieder einmal alles offen.

Schilleroper

Die Schilleroper auf St. Pauli rostet weiter fröhlich vor sich hin

Ungeachtet des Personalkarussells bei der Investorenfirma gehen die Anwohner nun selbst in die Offensive: Am Montag stellten sie im Pantherhaus an der Lerchenstraße ihren eigenen Entwurf für eine Neugestaltung des Areals rund um die Schilleroper vor. Bereits im Sommer letzten Jahres hatten sich die Anwohner zu einer Nachbarschaftsinitiative zusammengetan und erste Ideen für künftige Nutzungskonzepte der Schilleroper gesammelt, u.a. ein Mehrgenerationenhaus, ein Nachbarschaftszentrum und sowie Räume für kulturelle und soziale Angebote.

All diesen Ideen hat der Hamburger Architekt Dirk Anders nun eine konkrete Form gegeben. Der 50-Jährige, der ebenfalls in der Nachbarschaftsinitiative Schilleroper aktiv ist, betreibt seit Jahren sein Büro an der Bernstorffstraße und kommt auf seinem Weg zur Arbeit täglich an dem historischen Zirkusbau vorbei. „Jedes Mal denke ich, es muss endlich was passieren.“ Der Entwurf, den Anders gemeinsam mit Monica Udrea in den vergangenen Monaten ausgearbeitet hat, sieht vor, die historische Stahlkonstruktion, die seit Jahren unter Denkmalschutz steht, zu erhalten und die übrigen verfallenen Gebäudeteile abzureißen.

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Die Skizze zeigt, wie sich die insgesamt drei Gebäudeteile zusammensetzen könnten (Entwurf: Anders)

Die Neubauten, die Anders und seine Mitarbeiterin entwerfen, sollen dann nördlich und südlich der historischen Schilleroper gebaut werden (s. Grafik). Dabei handelt es sich um insgesamt drei Gebäudeteile: Zur Stresemannstraße hin könne beispielsweise ein viergeschossiges Wohngebäude mit Sozialwohnungen und Wohnprojekten für ältere Menschen entstehen, so der Architekt. Im Süden hingegen könnte ein viergeschossiges Haus mit einem Staffelgeschoss gebaut werden, in dem Platz für kleinteiliges Gewerbe, öffentliche Nutzungen, aber auch alternatives Wohnen sein soll.

Die Gebäude sollen sich dabei an der Traufhöhe der Stahlkonstruktion orientieren, die nach Vorstellung der Anwohner als freistehender und begrünter Außenraum genutzt werden könnte und nach wie vor das Zentrum des Areals bilden soll. An Stelle der ehemaligen Manege könne im Zentrum der Konstruktion ein dreigeschossiges Gebäude entstehen, in dem zahlreiche Gemeinschaftsangebote untergebracht werden könnten.

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Fußweg durch das Schilleroper-Areal. In der Mitte könnte ein Gebäude für öffentliche Nutzungen entstehen (Entwurf: Anders)

Eine weitere Variante stammt von Künstlerin Stefanie Sost, die statt einem Gebäude in der Mitte die Idee für ein begrüntes Labyrinth entwickelt hat, das landschaftsgärtnerisch umgesetzt werden soll. Innerhalb der Stahlkonstruktion könnten dann zwei parallel verlaufende Treppen spiralförmig nach oben führen. „Ähnlich wie bei der Berliner Reichstagskuppel“, sagt Sost. So könne der Raum auf eine ganz neue Art und Weise erlebbar gemacht werden.

Das Ziel sei bei beiden Entwürfen ähnlich: „Unsere Motivation ist es, das alte Volumen des Zirkusbaus zukünftig als Außenraum erlebbar zu machen“, sagt Anders. Politik und Anwohner seien sich einig, dass die Schilleroper in einem vom Wohnen geprägten Teil St. Paulis nicht mehr für größere Veranstaltungen  genutzt werden soll. Trotzdem wolle man die Einmaligkeit der Gebäudekonstruktion mit der Laterne auf dem Dach im städtischen Kontext in jedem Fall erhalten.

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Die historische Stahlkonstruktion muss laut Denkmalschutzamt erhalten bleiben (Entwurf: Anders)

Eine Einstellung, die auch dem Denkmalschutzamt entgegenkommen dürfte. Hier pocht man vor allem darauf, dass das historische Stahlskelett als Ganzes „erlebbar bleiben“ müsse, wie ein Behördenmitarbeiter sagte. Einziger Haken: Das Areal gehört eine privaten Investor. Und ob sich dieser für die vorgestellten Pläne der Anwohner überhaupt interessiert, ist äußerst fraglich. Derzeit laufen nach wie vor Gespräche zwischen dem Investor und den Behörden. „Wir sind uns noch nicht einig, sonst wären wir schon weiter“, heißt es aus dem Denkmalschutzamt. Weitere Details wolle man nicht nennen.

Fest zu stehen scheint, dass man von Seiten des Denkmalschutzamtes derzeit alles unternimmt, um das historische Stahlskelett zu erhalten. Denn klar ist: Eine weitere Verzögerung der Sanierung tut dem Material alles andere als gut. „Es darf nicht weiter vor sich hin rosten“, soweit ist man sich einig. Derzeit sei man mit verschiedenen Experten im Gespräch, um „erforderliche Schritte“ einzuleiten.

Den Anwohnern ist das jedoch zu wenig: Sie wollen mit ihrem Entwurf Gehör finden. „Wir stellen uns nicht einfach hin und lesen eine Wunschliste vor, sondern haben in den vergangenen Monaten einen konkreten Entwurf erarbeitet, wie eine zukünftige Nutzung des Areals aussehen könnte“, heißt es von Seiten der Initiative stolz. Dieses Konzept wolle man nun als weitere Arbeitsgrundlage verwenden, um damit auf Politik und Investor zuzugehen. „Jetzt müssen wir Druck machen, damit endlich etwas passiert.“

(Foto: Archiv / Grafik: Architekturbüro Dirk Anders)

 

Kommentare


  1. Bernhard Paul (RONCALLI) hat schon vor vielen Jahren angeboten das Eisengerüst in sein Winterlager nach Köln Mühlheim zu holen. Den Transport will er finanzieren. Dort soll ein Zirkusmuseum entstehen. Nach den Denkmalschutzauflagen ist das jedoch im Moment nicht möglich.

  2. Ich weiß noch wie ich 2009 Erna erzählt habe, wie traurig ich den Anblick der Schilleroper finde und sie mir mit wenigen Worten erklärte warum und wieso… Daraufhin habe ich „damals“ mit einem Lokalpolitiker darüber geredet, welcher mir dann sagte, dass man sich daran nur die Finger verbrennen könne… Ich sehe es bis heute und dank dieser Initiative gänzlich anders. Es wäre eine Wucht für die Menschen auf St.Pauli ein so schönes Areal wieder als Bastion für sich nutzen zu können. Wenn es Ambitionen gibt via Crowdfounding oder Genossenschaftsmodell einen Kauf herzuleiten und das Projekt in Gang zu setzen, stehe ich für diverse Hilfe zur Verfügung. Ich würde meine Räume (Silbersack und Menschenzoo) für Diskusionsrunden zur Verfügung stellen… Würde auch an Wohnraum dort nicht uninteressiert sein, könnte mir sogar vorstellen ein gastronomisches Konzept zu erstellen, welches ich im Einklang mit den Anwohnen so gestalten würde, dass es auf ihre Ansprüche angepaßt wird und würde auch finanziell mein Möglichstes tun, um Anwälte zu beauftragen und alle nötigen Grundlagen und Vereinbarungen festzuhalten. Die Initiative darf gern bei mir im Silbersack vorbei schauen, falls derartige Ambitionen bestehen! So oder so „weiterhin viel Erfolg“ Dominik

    • Der „Lokalpolitiker“ war wohl damals Andy Grote, die regierende SPD hat sich um diesen Bau nie gekümmert, der scheint der Denkmalschutz, wie wir auch an dem City-Hof sehen, aber so richtig egal zu sein. Jedenfalls hört man von der Kultursenatorin kein Wörtchen mehr, nachdem sich sich „damals“ hat feiern lassen, als es einen neuen Besitzer gab, der ja wieder verkauft hat….

  3. Was ist das für ein Architekt, der nicht sieht, dass ein Haus in einem Eisenkäfig bauen zu wollen damit verbunden ist, die Bau-Materialien einzeln durch die Käfiggitter reinreichen zu müssen!!!

    Wie sollen Baumaschinen in dem Käfig halbwegs zügig, sicher oder wirtschaftlich arbeiten? Anlieferung? Will er dort einen Kran aufstellen, der Material von oben zwischen den Gerüststreben reinreicht? Diese und viele weitere Fragen zur Baustelle werden die Kosten in absurde Höhen treiben! Jeder ansatzweise erfahrene Bauleiter tippt sich gepflegt an den Kopf.

    Einzige Lösung: Das Gerüst (Rost, Nieten, alte Bleianstriche…) muss komplett abgebaut werden, um es später für sehr viel Geld wieder um das neue Haus herum aufzubauen (Neue Baugenehmigung mit statischen Nachweisen? Viel Glück!)

    Gibt es bei euch Traumtänzern jemanden mit Anschluss an die Realität? Natürlich kann Pippi ein Pferd hochheben. Aber eben nur im Buch!!!

    Verabschiedet euch von dem Scheiss! …es sei denn Ihr habt zu viel Geld übrig. Dann Glückwunsch!

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