Tageslicht / Samstag, 27.02.2016

Schanzenhof: Hoffen auf das scheinbar Unmögliche

 
 

Die Zeit rennt: Schanzenhof-Mieter kämpfen um ihren Verbleib im Viertel. Das Schanzenfest soll daher bereits im März stattfinden. Demo geplant.

Die Parolen klingen kämpferisch und zuversichtlich: „Vorsicht bissige Anwohnerinnen“ oder „Schanzenhof bleibt, Schommartz geht“ steht in blauer Farbe auf den Wänden im Innenhof zwischen Bartelsstraße und Schanzenstraße. Doch so langsam schwindet diese Zuversicht: Bereits in vier Wochen, zum 1. April, müssen die betroffenen Mieterinnen und Mieter ihre Räume im Schanzenhof verlassen. Vier Wochen, in denen viele darauf hoffen, dass noch das bislang scheinbar Unmögliche passiert.

Wie berichtet, hatte die HWS Immobilien- und Vermögensverwaltung, die den Schanzenhof vor zwei Jahren gekauft hat, insgesamt fünf Mietern gekündigt. Neben der Drogenberatungsstelle „Palette“ bekamen auch das alternative Hotel „Schanzenstern“, sowie einige Kulturschaffende und Künstler, die in dem Gebäude arbeiten, einen Brief vom Vermieter. Dieser hatte bereits zuvor angekündigt, die Miete deutlich zu erhöhen: Statt 8,50 Euro sollten die Gewerbetreibenden 14 Euro pro Quadratmeter zahlen.

Schanzenhof-Mieter

Aktive der Schanzenhof-Initiative (v.l.): Gunhild Abigt (Schanzenstern), Klavierlehrerin Serena Kahnert, Peter Haß, Sängerin Katriana und Jens Meyer (Kino 3001)

Für viele der zum Teil langjährigen Mieter unvorstellbar. Bereits Ende des Jahres zog der Boxclub Epeios aus seinen rund 170 Quadratmeter großen Räumlichkeiten im Schanzenhof aus. Statt rund 1500 Euro Nettomiete sollte Betreiber Torben Koop plötzlich 3200 Euro pro Monat zahlen. „Für mich war klar, dass ich im Schanzenviertel nicht bleiben kann“, sagte Koop damals. Er wolle sich nicht „auspressen lassen wie eine Zitrone“.

Während eine Werbeagentur den Mietvertrag zu den neuen Konditionen verlängert hat, sehen sich andere außerstande, solche Beträge aufbringen zu können. „Eine solche Mieterhöhung um 60 Prozent kann ich in meiner Branche nicht einfach an meine Kundschaft weitergeben“, sagt Klavierlehrerin Serena Kahnert, die ihre Räumlichkeiten auch für diverse Kurse wie Yoga, Kindertanz und musikalische Früherziehung zur Verfügung stellt. Am 1. April ist daher auch für sie Schluss. „Es ist fast unmöglich, neue bezahlbare Räume in der Nähe zu finden. Meine berufliche Existenz ist zerstört.”

Sängerin Katriana befürchtet ebenfalls, so schnell keinen geeigneten Proberaum für ihren Gesangsunterricht zu finden. „Wenn das so weiter geht, stehe ich ab April auf der Straße.“ Die junge Frau, die gemeinsam mit der Jazzsängerin Ulita Knaus rund 52 Quadratmeter im Schanzenhof gemietet hat, lobt vor allem das vielfältige Gebilde, das große Miteinander, das dort über die Jahre gewachsen sei. „Aber jetzt sehe ich, wie mein Viertel systematisch zerstört wird“, sagt Katriana. Die Entmietung und Umwandlung des Schanzenhofs sei der nächste „Hammerschlag“.

Schanzenhof mit 3001 Kino

Das Kino 3001 ist von den Kündigungen nicht betroffen. Der Vertrag läuft noch bis 2021

Für Peter Haß ist der Schanzenhof ein Paradebeispiel für die Entwicklung des Schanzenviertels. 1977 eröffnete er mit einigen anderen den Buchladen im Schanzenviertel. „Die Häuser befanden sich in einem nachkriegsähnlichen Zustand“, schildert Hass seine Erinnerungen. Viele Wohnungen seien noch mit Kohleöfen ausgestattet gewesen, die Toiletten teilte man sich auf dem Flur gemeinsam mit einigen anderen Parteien. „Dementsprechend günstig waren auch die Mieten.“ Ein Grund, weshalb sich das Schanzenviertel in den 70er und 80er Jahren zu einem links-alternativen Arbeiterviertel entwickelt habe.

Erst nachdem weite Teile der Schanze in den 90er Jahren schrittweise zum Sanierungsgebiet erklärt wurden und weit mehr als einhundert Firmen aus der Kreativbranche sich rund um das Schulterblatt ansiedelten, zogen die Mietpreise spürbar an. „Das war jedoch noch kein Vergleich zu heute“, sagt Haß. Inzwischen jedoch drehe sich die Gentrifizierungsspirale von Jahr zu Jahr schneller.

„Nachdem Montblanc wegzog, hat die Stadt das Schanzenhof-Areal 1990 für rund 3,5 Millionen D-Mark gekauft“, so der ehemalige Buchhändler. Kurz nach den Restaurierungsarbeiten habe man angefangen, die Räume an Initiativen, Vereine und verschiedene Einrichtungen zu vermieten. Den entscheidenden Fehler sieht er im Verkauf des Areals durch die Stadt im Jahr 2006. Seitdem habe der Schanzenhof dreimal den Besitzer gewechselt. 8,5 Millionen Euro sollen die neuen Eigentümer, die Brüder Maximilian und Moritz Schommartz von HWS, 2013 gezahlt haben, behauptet Haß, der heute Mitglied der Schanzenhof-Initiative ist. „Daran sieht man: Es ging den Käufern immer nur darum, Profit mit dem Areal zu machen.“

„Eine riesengroße Sauerei“, schimpft Ulrike Winkelmann von der Drogenberatungsstelle „Palette“, die seit 25 Jahren im Schanzenhof ansässig ist. Auch sie glaubt, dass die Vermieter sich noch mehr Rendite sichern wollen – auf Kosten des Stadtteils. „Unsere Klienten werden in der Nachbarschaft respektiert und akzeptiert“, sagt Winkelmann. Viele hätten dadurch dort sogar einen kleinen Nebenjob bekommen. Ein Umzug habe daher auch für diese Menschen dramatische Konsequenzen. „Selbst wenn wir neue Räumlichkeiten finden: Man kann so eine Drogenberatung nicht einfach umziehen.“

In den vergangenen Monaten hatte es bereits mehrfach Aktionen gegen die Kündigung von Palette und Co. gegeben. Ende vergangenen Jahres wurde ein Hoffest veranstaltet, eine Unterschriftenliste haben bislang rund 1500 Unterstützer unterzeichnet und die Eigentümer des Schanzenhofs erhielten in Harvestehude kürzlich Besuch von wütenden Demonstranten, die das Büro der HWS Immobilien- und Vermögensverwaltung stürmten. Bei letzterem ist es offenbar auch zu Rangeleien zwischen Demonstranten und Mitarbeitern gekommen. Von Seiten der Immobilienverwaltung wurde Strafanzeige wegen Körperverletzung und Hausfriedensbruch gestellt.

Schanzenhof

Graffiti an einer Wand im Schanzenhof: Die Wut richtet sich gegen Hotelier Stephan Behrmann

Neben den Eigentümern, steht vor allem ein Mann im Fokus der Schanzenhof-Initiative und ihrer Unterstützer: Stephan Behrmann. Der 42-Jährige betreibt neben dem „Fritz im Pyjama“-Hotel an der Schanzenstraße auch das „Pyjama-Park“-Hotel an der Reeperbahn und hatte im Herbst vergangenen Jahres nach zweijährigen Verhandlungen einen Mietvertrag für die Räume des jetzigen Schanzenstern-Hotels unterschrieben  „ohne zuvor bei den bisherigen Betreibern nachzufragen, was da los sei“, so der Vorwurf der Initiative.

„Mit Stephan Behrmann stand schon vor der Kündigung der erste Geier bereit“, heißt es auf einem Flyer der Initiative. Die Mieter seien „verarscht“ worden. Behrmann wolle sich „breitmachen“. Im Dezember stürmten zwölf Vermummte das „Fritz im Pyjama“-Hotel, sprühten „Schanzenhof bleibt“ an die Hauswand. Eine Aktion von der sich die Schanzenhof-Initiative jedoch distanzierte. „Meine Mitarbeiterin dort erlitt einen Schock und musste ärztlich behandelt werden“, sagte Stephan Behrmann kürzlich dem Abendblatt. Die Vermummten hätten zudem Konfetti und Erbsensuppe im Hotel verteilt.

Er kann die Wut, die ihm derzeit entgegenschlägt, offenbar nicht nachvollziehen. Er sei ein Unternehmer mit sozialem Gewissen, sagte er dem Abendblatt. Er mache mit bei „Refugees Welcome“ im Karoviertel, hat über Hotelkontakte 1200 Matratzen für Betten in Zentralen Erstaufnahmeeinrichtungen gesammelt, jedes Jahr zu Silvester sammelt er Spenden für das Kinderhaus Am Pinnasberg.

Immer wieder, sagte Behrmann, habe er den Dialog gesucht, doch stattdessen habe man ihn auf der Plenumsversammlung der Initiative rausgeworfen. In einer E-Mail an die Initiative schrieb er: „Mich kann ein ähnliches Schicksal auf der Reeperbahn nach Ende meiner Mietzeit ebenfalls ereilen. Mein Ansinnen war es niemals, eine Kündigung herbeizuführen oder gar wie Sie schreiben eine ,feindliche Übernahme‘ zu inszenieren.“ Stattdessen habe er Schanzenstern-Betreiberin Gunhild Abigt angeboten, die Gastronomie an sie zu verpachten und die 20 Arbeitsplätze dort zu erhalten.

Die jedoch widerspricht: „Herr Behrmann hat nichts dergleichen angeboten“, sagt die Hotel-Chefin auf Nachfrage. Doch Abigt betont auch, dass der Hotelier nicht das eigentliche Problem sei. „Selbst wenn Herr Behrmann zurücktritt, müssen alle anderen trotzdem raus.“

Schanzenstern Hotel am Schanzenhof

Das Bio-Restaurant/Hotel Schanzenstern an der Bartelsstraße

Die Hoffnung, dass die Eigentümer doch noch auf die Forderungen der Initiative, die Kündigungen zurückzuziehen und eine geringere Miete als 14 Euro pro Quadratmeter anzubieten, eingehen, schwindet bei den Beteiligten von Tag zu Tag. Zwar gibt man sich nach außen hin kämpferisch, doch die Verunsicherung ist bei den Betroffenen deutlich zu spüren.

So leicht will man jedoch nicht aufgeben, betonten alle Beteiligten bei einer Infoveranstaltung am vergangenen Donnerstag im JesusCenter, zu der auch rund 60 Unterstützer und Nachbarn aus dem Viertel gekommen waren. Viele versicherten den betroffenen Mietern ihre Solidarität. Gemeinsam will man sich nun noch mehr vernetzen. Auch eine Demonstration für Mitte März ist angedacht. Darüber hinaus soll das Schanzenfest in diesem Jahr vorverlegt werden: Es soll bereits am 26. März rund um den Schanzenhof stattfinden. Wie immer mit Flohmarkt und Musikprogramm, aber auch viel politischen Inhalten.

„Falls wir nicht bleiben können, so wollen wir zumindest verhindern, dass hier der nächste Konsumtempel entsteht“, heißt es einhellig aus der Schanzenhof-Initiative. „Selbst wenn wir gehen, bedeutet das nicht das Ende des Widerstands.“

(Mit Material von Genevieve Wood, Hamburger Abendblatt / Foto: Daniel Schaefer)

 

Kommentare


  1. Pingback: Gentrifizierung: Feuer und Verdrängung

  2. Pingback: Beim Schanzenfest bellt auch der Pudel

  3. Pingback: Schanzenhof-Aktivisten drohen mit Konsequenzen - St.Pauli-News

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *



Aktion soll zeigen: Pudel und Park Fiction gehören eng zusammen. Künstler unterstützen Forderungen nach Erhalt dieser Einheit am Hafen. ... weiterlesen

Autor Robert Brack schreibt nicht nur am Pinnasberg, sein neuer Krimi handelt auch von der unmittelbaren Umgebung – allerdings im Jahr 1920.  ... weiterlesen

Update: Beim ersten Einsatz der neu gegründeten Einheit zur Bekämpfung der Dealerszene wurden vier Männer vorläufig festgenommen. ... weiterlesen

Wordpress | Impressum | Datenschutz