Tageslicht / Mittwoch, 18.06.2014

Rindermarkthalle: Klotzen, nicht kleckern!

 
 

Mitte September soll das umstrittene Einkaufszentrum in der Rindermarkthalle eröffnet werden. Wir haben uns auf der Baustelle einmal umgesehen.

Paletten, Kabel, Bretter – und jede Menge Staub. Aber wie heißt es so schön: Wo gehobelt wird, fallen Späne. In der historischen Rindermarkthalle wird derzeit fleißig gearbeitet. Kein Wunder, schließlich sollen sich hier in gut drei Monaten endlich die Türen öffnen. Ursprünglich sollte es am Neuen Kamp schon im Frühjahr dieses Jahres losgehen. Doch der schlechte Zustand der Bausubstanz und die strengen Denkmalschutzauflagen machten den Planern nach eigenen Angaben einen Strich durch die Rechnung. Jetzt heißt es klotzen, nicht kleckern. Die Arbeiten an der Außenfassade sind bereits abgeschlossen, jetzt geht es im Inneren weiter.

Bis zur geplanten Eröffnung Mitte September ist noch viel zu tun. Beim Rundgang durch das Gebäude mit Projektleiter Torsten Hönisch lässt sich die künftige Größe und Aufteilung der Räume jedoch bereits erahnen. Der Haupteingang soll nach wie vor am Neuen Kamp bleiben. Auf der linken Seite soll dann direkt ein Café mit integrierter Kaffeerösterei entstehen, an dem Hamburgs ältestes Haushaltswarengeschäft, „Gebrüder Jürgens“, anschließen soll. Dahinter folgen noch die Hamburger Confiserie Paulsen und eine Apotheke, sowie ein Schlüsseldienst.

Rindermarkthalle

Das künftige Lokal mit dem Arbeitstitel „St. Pauli Wirtshaus“ geht über zwei Etagen

Vom Haupteingang aus rechts betrachtet, soll gegenüber der Kaffeerösterei eine Bäckerei namens „Brot & Stulle St. Pauli“ unterkommen. Dahinter schließt dann die „Bio-Company“ mit einem biologischen Supermarkt an – in der Schanze natürlich unverzichtbar. Zudem sollen auf dieser Seite mit dem asiatischen Imbiss „Kofooko“ und einem Lokal – das derzeit noch den Arbeitstitel „St. Pauli Wirtshaus“ trägt – zwei Gastronomiebetriebe mit Außenterrasse entstehen. Letzteres biete vor allem Bier und bodenständiges Essen mit „St. Pauli Flair aber nicht kiezig“, wie Torsten es nennt. Astra, Holsten und Co. müssen hier jedoch draußen bleiben. „Betreiber sind zwei eigenständige Gastronomen die von der Brauerei Bitburger unterstützt werden.“

Herzstück der neuen Rindermarkthalle bilden die gut 20 festen Marktstände im Zentrum des Gebäudes. Kritiker hatten die geplante Markthalle in der Vergangenheit immer wieder als „Luxus- Schlemmer-Halle“ kritisiert, die die Gentrifizierung des Viertels weiter vorantreibe. Kaviar- und Seelachshäppchen statt Obst und Blumen? „Nein, wir wollen keine Schickimicki-Halle, sondern eine vernünftige und vielseitige Nahversorgung für die Menschen aus dem Viertel“, sagt Torsten. „Das haben wir auch bei der Auswahl der Markthändler berücksichtigt.“ Dort finden auch zwei alte Bekannte vom Kiez ihren Platz. Neben dem Eiscafé Lieblings, bekannt aus der Detlev-Bremer-Straße, wird auch das „Cojones“ (Hein-Hoyer-Straße) einen eigenen Tapas-Stand aufmachen.

Rindermarkthalle II

Das Herzstück der Halle: Hier sollen bis September rund 20 feste Marktstände entstehen

Die Größe der Stände liegt zwischen 20 und 70 Quadratmetern. In der Mitte soll zudem eine Freifläche für flexible Marktstände bleiben. „Hier können immer wieder auch kleinere Anbieter ihren Stand aufstellen“, kündigt der Projektleiter an. „Des Weiteren kann die Fläche auch für Veranstaltungen oder Ausstellungen genutzt werden.“ Neben Aldi und Budni, entsteht im hinteren Teil des Gebäudes Hamburgs größter EDEKA-Markt mit einer Verkaufsfläche von rund 4700 Quadratmetern. Die beiden EDEKA-Betreiber Bert Meyer und Herwig Holst haben die Verträge bereits unterschrieben. Letzterer will an seinem Markt an der Paul-Roosen-Straße, trotz zwischenzeitlich anderslautender Gerüchte, auf jeden Fall festhalten.

Doch wer einkaufen will, muss seine Tüten natürlich auch irgendwie nach Hause bekommen. Daher bleibt das bereits bestehende Parkdeck mit rund 300 Parkplätzen im Zwischengeschoss der Rindermarkthalle bestehen. In der darüber liegenden Etage sollen Büros, Arztpraxen und Räumlichkeiten für Initiativen aus dem Stadtteil entstehen. Die vorgesehene Fläche von rund 800 Quadratmetern soll zum Selbstkostenpreis von fünf Euro pro Quadratmeter an ausgewählte Projekte vermietet werden. Eine Vergabekommission hatte im vergangenen Jahr die Auswahl nach einem durchaus umstrittenen Beteiligungsprozess bekanntgegeben.  Zu den Auserwählten gehören u.a. die Nähschule St. Pauli, das Theater Orange, die Kulturloge Hamburg oder der Domkindergarten.

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Hier soll bald eine Grünfläche mit Sitzgelegenheiten entstehen. „Wir wollen uns zum Viertel hin öffnen“, sagt Torsten Hönisch

„Augenwischerei“, sagt Harald Lemke von der Initiative Unser Areal, die seit Jahren für ein „von unten“ entwickeltes Planungskonzept der Rindermarkthalle kämpft. „Die 800 Quadratmeter im Obergeschoss sind zwar ein kleiner Teilerfolg, aber auch hier kann von Beteiligung keine Rede sein.“ Der Sozialphilosoph ist skeptisch, ob das jetzige Konzept aufgeht. „Das ganze ist ein hochriskantes Spiel“, sagt Harald. „Es ist fraglich, ob die Anwohner das Angebot tatsächlich annehmen. Nahversorgung an sich ist in Ordnung, dafür braucht es aber keine Shopping Mall.“

Mehmet Yilmaz sieht das ganz anders. Der Imam nutzt einen Teil des Gebäudes für seine Mevlana-Moschee. Er hofft, dass die Halle nun wieder zu neuem Leben erwacht und in Zukunft noch mehr Gläubige den Weg in die rund 760 Quadratmeter große Moschee finden. In der Vergangenheit waren  wöchentlich bis zu 600 Muslime zum Freitagsgebet in die Rindermarkthalle gekommen. „Jeder kann kommen, uns kennenlernen und Fragen zu unserem Glauben stellen“, sagt Mehmet. „Mit uns kann man reden, sich zusammensetzen. Bei uns ist jeder Tag ein Tag der offenen Tür.“

Rindermarkthalle IV

Projektleiter Torsten Hönisch ist zuversichtlich: „Wir arbeiten mit Hochdruck“

Torsten Hönisch hofft inständig, dass sich zum geplanten Eröffnungstermin am 18. September tatsächlich die Türen öffnen. Die ersten Flächen im Erdgeschoss sollen in den kommenden Wochen an die Mieter übergeben werden. „Insgesamt gehen wir davon aus, dass wir den Termin halten können“, sagt Torsten. „Vorausgesetzt, es klappt jetzt alles so und wir erleben keine blöden Überraschungen auf dem Bau. Wie immer im Leben wird es bis zum Schluss spannend bleiben, aber alle Beteiligten arbeiten mit Hochdruck dran, dass wir die Halle bald aufmachen können.“

Die Initiative „Unser Areal“ plant jedenfalls schon mal Aktionen für „Tag X“, den Tag der Eröffnung. „Natürlich hätten wir uns ein anderes Ergebnis gewünscht“, sagt Harald. Die Initiative fordert eine partizipatorische Planungskultur bei der die Wünsche und Bedürfnisse der Anwohner vollständig berücksichtigt werden. „Aber das jetzige Ergebnis ist nicht in Stein gemeißelt. Es handelt sich lediglich um eine Zwischennutzung, die auf zehn Jahre begrenzt ist.“ Danach würden die Karten neu gemischt. Zwar seien viele Anwohner von dem langen Streit erschöpft, aber Harald ist sicher: „Wenn die Anfangseuphorie verflogen ist, werden sehr schnell neue Energien nachwachsen.“

 

Kommentare


  1. Als Anwohner in Sankt Pauli befürworte ich die Nahversorgung , weil vor allen alte Menschen und Gebrechliche kaum noch Einkaufsmöglichkeiten haben , wenn sie in der Schanze oder im Karolinenviertel wohnen. Für die Anwohner im Karolinenviertel gibt es nur einen einzigsten vollkommen überteuerten kleinen Supermarkt. So das viele Anwohner ins Herz nach St.Pauli müssen um Einkaufen zu gehen. Die Nahversorgung in St. Pauli und umgebung der Reeperbahn auf Seite der Simon von Utrecht Str. / Clements – Schulz Str. ist dafür allerdings ein Einkaufs Paradies . 2 Supermärkte , 4 Bäckereien , 2 Drogerien , 1 Bioladen ,2 Gemüseläden , 2 Tante Emma Läden machen das viertel zum Wohlfühlfaktor. Wie es um die Existenz dieser Läden aussehen wird wenn die neue Markthalle öffnet , wird man abwarten müssen. Meiner meinung nach hätte dort ein großer Supermarkt z.b. Kaufland vollkommen gereicht.Das sich Edeka nun selbst Konkurrenz macht ist eigentlich nur mit Humor zu betrachten.
    Allerdings ist das Edeka Pers. zumindest in St. Pauli unübertroffen , was deren freundlichkeit betrifft. Da es sich in der neuen Markthalle um den gleichen Besitzer handelt. Ist es für mich pers. äußerst positive zu sehen , da er dort nun Einzieht. Der Rest hätte ruhig der Kultur zugute kommen können. Auch der 10 Jahresvertrag ist zu kurzfristig gedacht. Gastronomie und Kneipen gibt es auch schon überall mehr als genug. Schade eigentlich , ich bin sehr gespannt was die Zukunft bringt.

  2. „… Nahversorgung für die Menschen aus dem Viertel“
    „…wer einkaufen will, muss seine Tüten natürlich auch irgendwie nach Hause bekommen. Daher bleibt das bereits bestehende Parkdeck … bestehen.“
    Wer findet den Fehler?

  3. Was is mit dem alten Lotto laden?
    Der hatte ne riesen Auswahl an zeitschriften…

    Eiscafe Lieblings? Redet ma mit ex Mitarbeitern… 6 Euro die Stunde und die Mitarbeiter werden via Video überwacht… Wer mehr will fliegt raus… Drecksladen…

    Der real hat alles abgedeckt… Ob man das Angebot des neuen Konsum Tempels braucht steht in den Sternen… Das meiste is eh hier auf der ecke…

  4. „Brot und Stulle St. Pauli“… 😀
    Dahinter steckt der besonders in St. Pauli gern gesehene und vielgelobte Filialist Heinz Bräuer GmbH & Co. KG aus der Billstraße. Seine allgegenwärtige Firma „Dat Backhus“ hat es auf St. Pauli schwer. „Brot und Stulle St. Pauli“ klingt da ja schon eher Pauli- und Schanzen-kompatibel – und wird vermutlich gut laufen, weil’s so schön handgemacht klingt.

  5. Pingback: Der Imam von St. PauliSt.Pauli-News

  6. Ich bin als alteingesessener Anwohner des Karoviertels froh dass das da hin kommt. Endlich gibt es (wieder) eine vernünftige Einkaufsmöglichkeit!
    Ich kenne SEHR viele Anwohner, die es gar nicht mehr abwarten können bis es eröffnet.
    Ich kann dieses ewige schlechtreden nicht mehr hören! Man kann auch ruhig mal etwas machen was die „normalo“ Mehrheit möchte und es muss nicht ständig und immer auf alternative Lebensformen Rücksicht genommen werden!

  7. Pingback: Alles neu in der Rindermarkthalle - St.Pauli-NewsSt.Pauli-News

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