Tageslicht / Freitag, 22.04.2016

Neuer St.-Pauli-Krimi: Babymorde am Pinnasberg

 
 

Autor Robert Brack schreibt nicht nur am Pinnasberg, sein neuer Krimi handelt auch von der unmittelbaren Umgebung – allerdings im Jahr 1920. 

Am Ufer der Elbe wird ein Koffer mit grausigem Inhalt angeschwemmt: die zerstückelte Leiche eines kleinen Kindes. Sie bleibt nicht die letzte. Verdächtigt wird die junge Greta Wehmann, die aus einer Irrenanstalt in Magdeburg ausgebrochen und nach Hamburg geflüchtet ist. Sie soll irgendwo auf St. Pauli untergetaucht sein. Kommissar Alfred Weber versucht sie zu finden, aber je weiter sich der Fall entwickelt, desto weniger glaubt er daran, dass sie die Mörderin ist.

Robert Brack (Jahrgang 1959) taucht in seinem neuen Krimi „Die Toten von St. Pauli“ wieder tief in die Stadtteilgeschichte ein. In eine Zeit, als Teile von St. Pauli noch aus einem Gewimmel unübersichtlicher Gänge bestanden, vor allem am Pinnasberg. Selbst die „Udels“, wie die Polizisten genannt wurden, verloren hier manchmal den Überblick. Für jemanden, der untertauchen wollte, ein idealer Ort – für eine junge Frau allerdings auch ein gefährlicher.

„Als ich anfing mit Krimis, dachte ich: Eins machst du bestimmt nie: über St. Pauli schreiben. Das ist ein so bescheuertes Klischee, das lässt du bleiben“, sagt Robert Brack. „Aber dann habe ich festgestellt, dass die Jahre von 1900 bis 1945 eigentlich die tollste Zeit waren, in der St. Pauli richtig groß aufgelebt ist, ohne dass das jemand ausführlicher beackert hatte.“ Die Geschichte des Viertels war noch nie in einer Kriminalgeschichte aufgearbeitet worden. „Da hab ich das eben gemacht.“

Robert Brack in seinem Arbeitszimmer im Pastorat der St. Pauli Kirche

Robert Brack in seinem Arbeitszimmer im Pastorat der St. Pauli Kirche

Von seinem Schreibtisch aus guckt Brack auf den Turm der St. Pauli Kirche und den Kirchhof mit alten Bäumen (siehe auch Beitragsfoto). Seit 2007 hat er sein Arbeitszimmer im Pastorat am Pinnasberg. Im Bücherregal stehen zahlreiche Hamburg-Bücher und -Fotobände, in Ordnern sammelt er Material über die Geschichte von St. Pauli und die Polizeiarbeit, an der Wand über dem Sofa hängt eine Hamburg-Karte von 1915.

Hamburgs Kriminalgeschichte hat Brack schon immer interessiert. Vor zehn Jahren entstand schon einmal eine Reihe von St. Pauli-Krimis um den Polizeikommissar Heinrich Hansen an der Davidwache (geschrieben unter dem Pseudonym Virginia Doyle: Die rote Katze, Der gestreifte Affe, Die schwarze Schlange), die einen Zeitraum von 1903 bis 1943 umfassten. Und 2010 tauchte in Bracks Krimi „Blutsonntag“ über den Altonaer Blutsonntag 1932 bereits Kommissar Alfred Weber auf. Inzwischen hat sich Bracks alter ego Viginia Doyle allerdings verabschiedet („nach Südkorea, wo sie in einem buddhistischen Kloster den Frieden mit sich und der Welt sucht“). Brack ist wieder Brack und lässt Alfred Weber erneut im alten St. Pauli ermitteln.

Elisabeth Wiese aus der Wilhelminenstraße (heute Hein-Hoyer-Straße) wurde 1905 hingerichtet

Elisabeth Wiese aus der Wilhelminenstraße (heute Hein-Hoyer-Straße) wurde 1905 hingerichtet

Ausgangspunkt für „Die Toten von St. Pauli“ war aber nicht der Kommissar, sondern die weibliche Hauptfigur Greta Wehmann, die aus geheimnisvollen Gründen nach St. Pauli flüchtet. Im Hintergrund des Krimis spielt ein großer historischer Kriminalfall eine Rolle: Elisabeth Wiese, die auf St. Pauli in den Jahren 1902 und 1903 insgesamt fünf Babys in ihrem Herd verbrannt haben soll und dafür 1905 nach einem aufsehenerregenden Prozess hingerichtet wurde. Es handelte sich um die Kinder lediger Dienstmädchen, für die sie angeblich Pflegefamilien finden wollte. Die Leichen wurden nie gefunden (die ganze Geschichte hier).

„Zuerst hab ich lange die Idee mit mir herumgeschleppt, wie ich diesen Fall Wiese authentisch auserzählen könnte“, sagt Brack. „Aber der ist so grauenerregend und wahnsinnig, dass ich nicht damit klarkam. Außerdem gab es dazu gar keine richtigen Polizeiermittlungen, die man hätte spannend beschreiben können, sondern nur ein paar Indizien und Aussagen.“ Deshalb hat Brack den wahren Fall mit der fiktiven Greta Wehmann nur verknüpft: Im Krimi werden Kinderleichen gefunden, die Täterin muss noch gefunden werden.Außerdem verlegte Brack die Geschichte ins Jahr 1920.

Karte von St. Pauli und dem Pinnasberg-Viertel von 1915

Karte von St. Pauli und dem Pinnasberg-Viertel von 1915

Greta Wehmann macht auf St. Pauli ihre eigenen Erfahrungen, mit Huren, Matrosen, Luden und Zimmerwirtinnen; an Kostgänger/innen unterzuvermieten, war eine gängige Einkommensquelle. Damals bestand der Süden von St. Pauli an der Grenze zu Altona noch aus einer Art Gängeviertel, dicht bebaut zum Teil mit Fachwerkhäusern. „Man muss es sich vorstellen, denn es gibt so gut wie keine Bilder davon“, sagt Brack. Einige Bereiche St. Paulis wie der Spielbudenplatz sind fotografisch gut dokumentiert, „aber in manche Viertel ist kein Fotograf reingegangen, sie sind Weiße Flecken im Gedächtnis der Stadt. Das hatte ich schon bei ‚Blutsonntag‘ festgestellt. Man ist angewiesen auf einige wenige Beschreibungen und auf Pläne wie diese Karte von 1915 mit Straßen, die gar nicht mehr existieren.“

Umfangreich war auch Bracks Recherche über die damalige Polizeiarbeit. Neben offiziellen Polizei-Chroniken gibt es etwa das Standardwerk „Großstadtpolizei“ des ehemaligen Hamburger Polizeipräsidenten Gustav Roscher von 1912. „Der hat wirklich jede Abteilung und alle polizeilichen Einrichtungen und Methoden beschrieben“, sagt Brack. Die Identifizierung mithilfe von Fingerabdrücken (Daktyloskopie) zum Beispiel begann schon 1903. Der Polizeifunk wurde erst 1925 eingeführt, seit 1927 arbeiteten bei der Kriminalpolizei auch Frauen. Ein großer Trend war damals die Anthropometrie: „Man hat Verbrecher genau vermessen, bis hin zur Größe ihrer Ohren, und die Daten akribisch auf Karteikarten notiert.“ Nach dem Ersten Weltkrieg gab es außerdem eine große fotografische Abteilung, die ausführlich Tatorte abgelichtet hat.

Kommissar Weber passte gut in diese Zeit, fand Brack, „ich hab ihn beim Schreiben noch besser kennengelernt.“ Weber ist Sozialdemokrat, „ein Einzelgänger und ein schräger Typ, der mit sehr eigenen Ermittlungsmethoden etwas von einem Maigret hat“, beschreibt ihn Brack. „Während noch allgemeine Auffassung war, dass Verbrecher eben so geboren werden, ist er ein Anhänger der Freud’schen Psychologie, die damals noch kaum jemand kannte.“ Übrigens hat er auch einen Blick für Frauen.

Ein Hamburger "Kriminalrevier" um 1912, Foto aus "Großstadtpolizei" von Gustav Roscher

Ein Hamburger „Kriminalrevier“ um 1912, Foto aus „Großstadtpolizei“ von Gustav Roscher

Zum einen repräsentiert Weber das neue Denken der zwanziger Jahre, einen sozialdemokratischen Geist mit einer gewissen Liberalität, die in Hamburg nach dem Ende der Kaiserzeit geradezu aufblühte. Andererseits waren große Teile des Polizeiapparats noch obrigkeitlich und autoritär geprägt und standen dem losen Treiben auf St. Pauli mit einer sturen sittenpolizeilichen Haltung gegenüber. Kann es passieren, dass man seine Hauptfigur mit zu viel heutigem Denken ausstattet?

„Ja, schon, ich schreibe ja von heute aus, mit dem heutigen Bewusstsein und für Leser von heute“, sagt Brack. „In Weber steckt vieles, das in meinem Kopf ist, und er ist ein etwas untypischer Polizist. Aber man kann so eine Figur nicht völlig aus ihrem zeitgeschichtlichen Rahmen rausnehmen. In der Weimarer Zeit verstärkten sich allmählich die reaktionären Tendenzen, also muss es in Webers Umfeld auch solche Figuren geben. Wenn ich eine positive Figur schaffe, mit der ich mich identifizieren kann, gehen mir die andern ja erst richtig auf die Nerven.“

Aber Weber wird sich weiter entwickeln. Denn Brack schreibt schon am nächsten Krimi. „Ich glaube, er wird noch etwas farbiger. Er wird mitgerissen vom Aufschwung, vielleicht kauft er sich ein Auto. Ich habe mir auch vorgenommen, seiner Frau ein bisschen gerechter zu werden. Aber Weber wird sein Problem mit den Frauen natürlich behalten. Auf St. Pauli ist eben mehr möglich als etwa auf dem Dorf. Das ganze bunte Kulturgemisch, der Aufbruch der Frauen in den 20ern, das soll auch eine Rolle spielen. Polizei hat immer etwas mit Macht zu tun, und auch in der Hamburger Polizei gab es einen Machtkampf verschiedener Einflusskreise. Also, Weber wird noch über einiges stolpern.“

Cover Die Toten von St. PauliRobert Brack; Die Toten von St. Pauli, Ullstein Verlag Tb, 448 Seiten, 9,99 Euro.

 

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