Tageslicht / Dienstag, 19.01.2016

Neuer Innensenator wird ein St. Paulianer

 
 

Andy Grote wird nach dem Rücktritt von Michael Neumann Hamburgs neuer Innensenator. Nicht nur in seiner Stammkneipe sorgte die Nachricht für Aufsehen.

Im Schaufenster seiner Stammkneipe steht noch ein verstaubtes Mannschaftsfoto: Knapp zehn Jahre ist es her, dass Andy Grote für die Kneipenmannschaft des FC Silbersack auflief. Am Montag wechselte der ehemalige Stürmer erneut die Position. Nach dem mehr oder weniger überraschenden Rücktritt von Michael Neumann (SPD) übernimmt der 47-Jährige nun das Amt des Hamburger Innen- und Sportsenators. Vor allem im Silbersack sorgte die Nachricht für Aufsehen  denn auf St. Pauli ist der Politiker kein Unbekannter.

Andy Grote, in der Nähe von Osnabrück geboren, kennt den Kiez seit seiner Studentenzeit, als er Rechtswissenschaften an der Uni Hamburg studierte. Seit gut 15 Jahren lebt er nun auf St. Pauli, lange Jahre mitten zwischen Gay-Kino, Transen-Bar und Heilsarmee. Inzwischen ist er von der Talstraße ein Stückchen weiter in den Norden gezogen. Doch bis heute gehören Läden wie Rosis Bar („wegen der Musik), Crazy Horst („wegen der Stammgäste“), die Kogge („wegen dem Kicker“) und besonders der Silbersack („wegen allem“) zu seinen Stammadressen.

Zu Erna Thomsen, der langjährigen Silbersack-Wirtin, hatte der Sozialdemokrat ein besonders enges Verhältnis. „Der Silbersack verkörpert das Zeitlose, Klassenlose“, schwärmte Grote bei einem Rundgang vor anderthalb Jahren. „Nirgendwo sonst gibt es so eine große Bandbreite, treffen so viele unterschiedliche Menschen aufeinander und das macht es hier so spannend. Er ist der Kern von dem, was St. Pauli ausmacht.“

Andy Grote im Silbersack

Der Silbersack auf St. Pauli ist die Stammkneipe von Andy Grote

Der 47-Jährige, der erst mit 28 Jahren in die SPD eintrat, hat in den vergangenen Jahren eine steile Polit-Karriere hingelegt: Vom einfachen Mitglied der Bezirksversammlung Hamburg-Mitte, steigt Grote, der zuvor u.a. lange Jahre als Assistent für den ehemaligen Bürgerschaftsabgeordneten Ingo Kleist tätig war, schnell zum Fraktionschef auf, organisiert 2004 die erste rot-grüne Koalition in Hamburg-Mitte. Anfang 2012 übernimmt er das Amt des Bezirksamtsleiters in Mitte von Markus Schreiber. Wie viele einflussreiche Sozialdemokraten im Bezirk wird auch er dem Lager von Johannes Kahrs zugerechnet.

Viele auf dem Kiez erinnern sich vor allem an die Zeit, als der Bürgerschaftsabgeordnete Andy Grote von 2008 bis 2012 noch sein Büro an der Clemens-Schultz-Straße hatte. „Ein Mann, der vor Ort ist, sich bemüht, sich einsetzt und dem einige auf dem Kiez viel zu verdanken haben“, erinnert sich ein Ladeninhaber aus der Wohlwillstraße. Zuletzt setzte er sich als Bezirksamtsleiter auch aktiv für die Bewohner der Erichstraße 29+35 und eine neue Bleibe für den beliebten Musikclub Molotow ein, der wie viele andere Läden sein Zuhause in den Esso-Häusern verloren hatte. „Ohne Andy Grote wäre der Umzug nicht möglich gewesen“, sagt Andi Schmidt vom Molotow anerkennend.

Andy Grote

Seit 15 Jahren ist der Kiez sein Zuhause: Andy Grote in den Tanzenden Türmen

Diese Art von Anerkennung ist Andy Grote wichtig – vor allem auf St. Pauli. Zwar ist er als Bezirksamtsleiter von Hamburg-Mitte auch für die politischen Geschicke in Horn, Billstedt oder Wilhelmsburg zuständig, doch keinem Ort fühlt er sich so verbunden, nirgendwo kennt er sich so gut aus wie auf den Straßen rund um die Reeperbahn. Wer mit ihm einmal durch das Quartier streift, braucht viel Geduld. Tatsächlich weiß Andy Grote zu fast jedem Haus auf dem Kiez eine Anekdote zu erzählen, alle paar Meter werden Hände geschüttelt.

Fleißig sei er, sagen die, die ihn gut kennen. Einer, der sich einarbeitet, immer offen für andere Meinungen und Interessen ist und versucht, zwischen diesen zu vermitteln. Zwischen Schwarz und Weiß gibt es für ihn viele Graustufen. Auch im persönlichen Gespräch redet der 46-Jährige sehr bedächtig, überlegt, wägt ab. Als jemand, der selbst einmal Journalist werden wollte, weiß Andy Grote genau, welche Wirkung Worte haben können. Kritiker sehen das als seine Schwäche, sagen, er lege sich meist erst spät fest und scheue Konflikte, sowohl auf St. Pauli als auch innerhalb seiner Partei.

Esso Häuser

Andy Grote bei einer Pressekonferenz zur Zukunft des sogenannten Esso-Areals

Doch vielleicht ist diese vermeintliche Schwäche auch eine Stärke, wenn es darum geht, zwischen verschiedenen Interessen zu vermitteln. Bestes Beispiel für sein Verhandlungsgeschick dürfte der Streit um das sogenannte Esso-Areal auf St. Pauli sein. Sein Einsatz im Interesse der Anwohner hatte ihm im Stadtteil bisweilen großen Respekt eingebracht. “Der Kompromiss mit der Bayerischen Hausbau ist vor allem sein Verdienst”, sagt ein Mitglied der PlanBude, die die Bürgerbeteiligung für den geplanten Neubau organisiert hat. “Er hat sehr viel Druck gemacht, damit es eine Lösung gibt.”

Nicht nur bei der PlanBude ist man gespannt, wer nun Grotes Nachfolger im Bezirksamt wird. Denn die Zukunft der Esso-Häuser ist noch längst nicht in trockenen Tüchern. Der hochbauliche Wettbewerb soll in den kommenden Monaten abgeschlossen werden. Voraussichtlich im zweiten Halbjahr 2017 soll dann die Baugenehmigung erteilt werden. “Wir hoffen, dass es so weitergeht, auch wenn er nicht mehr da ist”, heißt es aus der PlanBude.

Dass der Bezirksamtsleiter noch einmal aufsteigen würde, damit hatte man auf dem Kiez bereits gerechnet. “Andy ist ehrgeizig, das überrascht mich nicht”, sagt mein Tresennachbar aus dem Silbersack. Dass der 47-Jährige ausgerechnet Innensenator werden würde, sorgt jedoch für Stirnrunzeln. “Warum tut er sich das an?”, fragt ein Bezirkspolitiker aus St. Pauli. “Als Innensenator kann man sich doch nur unbeliebt machen.”

Interview Grote 9.6 (4)

Andy Grote bei einem Gespräch Anfang Juni mit Daniel Schaefer und Irene Jung

Tatsächlich war sein Vorgänger Michael Neumann, den viele auf St. Pauli bisweilen als „Klobürstensenator“ verspotteten, alles andere als populär. Schließlich war er es, der nach den schweren Zusammenstößen zwischen Polizei und Demonstranten im Schanzenviertel am 21. Dezember 2013 – in Absprache mit der Polizeiführung – ein weiträumiges Gefahrengebiet einrichtete, infolgedessen sich die Klobürste später zum Symbol des Widerstands entwickelte. Auch mit seinem schier unermüdlichen Einsatz für eine Olympia-Bewerbung machte sich Neumann auf St. Pauli zuletzt wenig Freunde.

Auch wenn das Thema Olympia vom Tisch ist: Auf den neuen Innensenator Andy Grote warten nun eine Menge andere Aufgaben. Mit reichlich Respekt, voller Kraft und Motivation wolle er sein neues Amt antreten, sagte der 47-Jährige am Montagabend im Hamburger Rathaus. “Die zentrale Bedeutung des Amtes ist die Sicherheit in unserer offenen, liberalen und kulturell gemischten Gesellschaft.” Er wolle seinen Beitrag leisten, dass sich die Hamburger weiterhin in ihrer Stadt sicher fühlen können. Ebenso wichtig sei die Verbesserung der Flüchtlingspolitik und die Weiterentwicklung Hamburgs als Sportstadt.

Eine Menge Arbeit, die da auf ihn zukommt. Für ein Bier im Silbersack dürfte die Zeit in Zukunft noch knapper werden.

(Mit Material von HA / Fotos: Screenshot, Michael Rauhe, Klaus Bodig, Bertold Fabricius)

 

Kommentare


  1. Habe den Herrn Grote einmal persönlich stark alkoholisiert im Silbersack erlebt.. Und sonst nur aus der Presse, er scheint auch an keinem Mikrofon vorbeizugehen. Was er für Sankt Pauli geleistet hat, mir zu wenig, die Probleme sind alle noch da. Molotow war zudem eine reine Buddy-Geschichte. Er wohnt jetzt ja schick und teuer. Anders als Schreiber war er als Bezirksamtsleiter nicht wirklich (Jugendamt -Versagen der Behörde-wieder mussten Kinder sterben, leiden), machte seine Geschichten einfach weiter. Anders als Neumann wird er auch nicht sein, nur vorsichtiger, mit vielen inhaltsleeren Floskeln. Für mich die falsche Wahl, muss eine Osnabrück-Connection sein.

  2. Nicht dass ich großer Fan der SPD wäre, aber erstmal prophylaktisch losnörgeln nervt auch. Und die Zukunft lässt sich auch vorhersagen. Natürlich. Wartet doch einfach erst einmal ab und dann pöbelt rum wenn es Grundlage hat. Ich sag mal: Schlechter als Neumann ist schwierig, es gibt also Hoffnung.

  3. Wegen dieser Rumnörgelei und dieser furchtbaren Art engagierten Menschen nicht das Schwarze unter den Fingernägeln zu gönnen, bin ich aus Hamburg weggezogen… .

  4. lieber Andy
    Du hast nun einen der undankbarsten Jobs in unserer Stadt. Ich wünscht Dir viel Kraft. Hoffentlich verändert Dich diese Aufgabe nicht. Bleib wie wir Dich auf dem Kiez kennen.

  5. Wie kann man einen Neuling, für das Innenressort sicherheit und ohne irgendwelcher erfahrung, auf den unliebsamsten posten hamburgs setzen ? Dafür dann den besten platz mit besten erfahrung in Hamburgs Stadtentwicklung aufgeben ?

  6. Sie gehören offenbar zu den Menschen, die denken, dass nur die fähigsten Leute in der Partei Karriere machen. Das dachte ich auch mal, ist lange her…..

  7. Pingback: Silvester-Übergriffe: Erster Haftbefehl - St.Pauli-News

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