Tageslicht / Montag, 14.12.2015

Nach Domenica soll eine Straße benannt werden

 
 

Hamburgs berühmteste Hure Domenica wird Namensgeberin einer neuen Straße – leider nicht auf St. Pauli, sondern in Neue Mitte Altona.

Die „Neue Mitte Altona“ wird weiblich, jedenfalls auf Straßenschildern. Wie die Bezirksversammlung Altona schon im vorigen Jahr beschloss, sollen gleich zehn der insgesamt zwölf neuen Straßen und zwei von drei Plätzen in dem neuen Stadtteil nach Frauen benannt werden. Eine Arbeitsgruppe des bezirklichen Kulturausschusses, zu der Vertreter aller Fraktionen gehören, hat jetzt eine Vorschlagsliste mit Namen zusammengestellt.

Die „Domenica-Niehoff-Twiete“ soll an die Verdienste als Streetworkerin erinnern

Nach den Vorstellungen der Bezirkspolitiker soll eine kleine Straße den Namen „Domenica-Niehoff-Twiete“ erhalten. Die wohl berühmteste Hamburger Prostituierte und Domina Domenica Niehoff (1945-2009, Beitragsfoto von Günter Zint) soll damit posthum für ihre Verdienste als Streetworkerin geehrt werden. Begründet wird die Würdigung auch damit, dass sie sich für die Anerkennung und Lega­lisierung des Berufsstands der Pros­tituierten stark gemacht hat.

Domenica, gebürtig aus Köln, begann 1972 zuerst im Großbordell Palais d’Amour an der Reeperbahn zu arbeiten. Später betrieb sie als Domina lange Jahre ein Studio in der Herbertstraße. Ende der 70er und in den 80er Jahren wurde sie zu einer Medienpersönlichkeit. In Talkshows setzte sie sich immer wieder für die Rechte der Prostituierten, die Anerkennung und Legalisierung des Berufsstandes ein. Ab 1990 arbeitete sie vor allem für soziale Projekte, unter anderem war sie Mitinitiatorin des Prostituierten-Hilfsprojektes Ragazza e.V. in St. Georg.

Domenica mit dem Spiegel - das berühmte Foto machte Günter Zint

Domenica mit dem Spiegel – das berühmte Foto machte Günter Zint

1998 eröffnete die 52-Jährige in der ehemaligen Traditionskneipe „Fritz Fick“ am Fischmarkt Nr. 5 eine  Szenekneipe, das „Domenica“. Zur Eröffnung kamen viele Freunde, Kiez-Größen und Prominente, unter anderem Willi Bartels und Kiez-Komponist Ernst Bader. Nach wenigen Jahren musste sie allerdings wieder schließen. 2009 starb Domenica an einem Lungenleiden. Sie liegt im „Garten der Frauen“ auf dem Ohlsdorfer Friedhof begraben. Berühmt wurden unzählige Fotos von ihr, unter anderem das mit dem Spiegel von Günter Zint. Sie sagte dazu: „Ich bin nicht schön, ich bin schlimmer“.

Vorgeschlagen sind auch Komponistinnen, Schauspielerinnen, eine jüdische Kauffrau und „die schöne Marianne“

Unter den weiteren Vorschlägen sind: die Journalistin Susanne von Paczensky (1923 bis 2010) und die Schauspielerin Helga Feddersen (1930 bis 1990), die kürzlich 25. Todestag hatte. Weniger bekannt sein dürften die Komponistin Felicitas Kukuck (1914 bis 2001), die Sozialfürsorgerin der jüdischen Gemeinde Altona Recha Ellern (1895 bis 1973) und Emma Poel (1811 bis 1891), die in Altona mehrere soziale Einrichtungen gründete. Sophie Wörishöffer (1838 bis 1890) war eine Schriftstellerin („Karl May von Altona“), Erika Krauß (1917 bis 2013) eine bekannte Pressefotografin. Historische Bedeutung haben die jüdische Kauffrau Glückel von Hameln (1845 bis 1724) und Marianne Ruaux (1802 bis 1882), die als Gastwirtin („Die schöne Marianne“) eine Lokalgröße war. Auch symbolische Namen wie „Platz der namenlosen Arbeiterinnen“ sind im Gespräch.

Die Vorschläge sollen einen Querschnitt durch viele verschiedene gesellschaftliche Bereiche und Zeitabschnitte bilden. Erarbeitet wurden sie unter anderem von Mitarbeitern der Landeszentrale für politische Bildung, des Altonaer Museums und des örtlichen Stadtteilarchivs erarbeitet.

Die Neue Mitte Altona wird zurzeit als Quartier im Zentrum des Stadtteils entwickelt. Die Planungen hatten bereits vor acht Jahren begonnen. Zwischen Harkortstraße und Wasserturm entstehen in den kommenden Jahren rund 1600 neue Wohnungen auf den Flächen des stillgelegten Güterbahnhofs und ehemaligen Brauereiflächen. Der symbolische erste Spatenstich im Herbst vergangenen Jahres setzte das Startsignal für die Umsetzung des ersten Bauabschnitts zwischen Bahngleisen und Harkortstraße. Alle Straßen und Plätze befinden sich in diesem ersten Bauabschnitt, zum Teil sind sie bereits gut zu erkennen. Um die Orientierung vor Ort zu erleichtern, sind die Straßen derzeit noch nach Buchstaben benannt, die Plätze mit Nord, Mitte und Süd.

Vor etwa einem Jahr ergab eine Untersuchung der Landeszentrale für politische Bildung, dass (zum damaligen Zeitpunkt) in Hamburg 2300 Straßen nach Männern benannt waren, aber nur 332 nach Frauen. Das sind der Altonaer SPD-Bezirkspolitikerin Anne-Marie Hovingh nicht genug: „Um unsere Stadt haben sich großartige Frauen verdient gemacht. Die wollen wir ehren und in unserem Stadtbild verankern“, sagt sie. Auch bei der Opposition finden die Vorschläge Unterstützung. „Die Auswahl bietet eine große Bandbreite und ein ausgewogenes Spektrum an verdienten Persönlichkeiten“, sagt der CDU-Politiker Andreas Grutzeck, stellvertretender Vorsitzender der Bezirksversammlung Altona.

So geht es jetzt weiter: Die Vorschlagsliste wird am 21. Dezember im Kulturausschuss besprochen, im kommenden Jahr sind die neuen Namen dann Thema in der Bezirksversammlung. Die Vorschläge, die dann noch im Rennen sind, werden im Anschluss an die Kulturbehörde weitergeleitet, wo alle Namen mithilfe von Mitarbeitern aus dem Staatsarchiv noch einmal überprüft werden. Dabei soll es unter anderem auch um die Haltung der zu Ehrenden während der NS-Zeit gehen, damit es hinterher nicht zu peinlichen Umbenennungen kommen muss. Unter sich bleiben die Frauen im neuen Quartiert nicht: Die Arbeitsgruppe hat immerhin einen männlichen Namen mit auf die Vorschlagsliste gesetzt – den Rabbiner, Historiker und Genealogen Eduard Duckesz (1868-1944). (Text von Matthias Schmoock und Irene Jung)

 

Kommentare


  1. domenica-niehoff-twiete ist wunderbar,war ihre buchhalterin während der kneipenzeit und hatte realen einblick in ihr leben. sie war eine wunderbare frau. helga feddersen ist vielen hamburgern noch ein begriff, aber Platz der namenlosen Arbeiterinnen ist absolut geschmacklos, klingt wie häuptling silberlocke, oder tieftes dunkeldeutschland, wie helden der arbeit.

  2. Mit einer Domenica-Niehoff-Twiete würde, stellvertretend für viele andere Frauen und Männer die im sexuellen Dienstleistungsgewerbe tätig sind, eine Frau geehrt die dafür gesorgt hat, dass Hamburg und die Herbertstraße bei Touristen in der ganzen Welt bekannt sind. Prostitution ist ein Wirtschaftsfaktor und in Hamburg ein großer Tourismusfaktor! Domenica trägt also bis heute dazu bei, Geld in die Kassen der Stadt zu spülen. Domenica war eine tolle Frau und hat viel in dieser Stadt bewirkt, sie war unter anderem eine der Gründerinnen des ragazza e.V.
    Einer Weltstadt wie Hamburg steht eine Domenica-Niehoff- Twiete gut!

    • Prostitution in HH immer noch ein Wirtschaftsfaktor, wo denn? Dieser „Faktor“ hat sich erledigt! Erst die Container, dann AIDS, danach die Wirtschaftsflaute, anschließend die Gier der Vermieter. Weltbekannte Institutionen wie das Cafe Lausen, Mehrer, Onkel Hugo, Menke usw. konnten- oder mochten die idiotisch hohen Mieten nicht mehr bezahlen! Das Internet kam noch erschwerend hinzu. Ohne bestimmte Frauen in St.Pauli, verliert der Stadtteil immer mehr seinen Charm! Gentrifizierungs Corny und nun auch Ballermann Gedöns, Fressbuden zuhauf und das wars!

    • Hallo Herr Zint,
      Ihren Komentar finde ich gut. Domenica habe ich kennenlernen durften. Deshalb finde ich Ihr Angagement für Domenicas Andenken gut. Für Hamburg wäre es wirklich gut eine Straße nach Domenca Niehoff zu bennen. Hamburg wäre dann nicht nur die erste Stadt die eine Straße nach einer berühmten Prostituierten benennt. Hamburg wäre mehr. Hamburg wäre eine großartige Stadt die einer großartigen Frau und Streetworkerin die Ehre gibt!

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