Tageslicht / Samstag, 09.01.2016

Mit der Kamera auf dem alten Kiez (1)

 
 

„Die beste Kamera ist die, die man dabei hat“: Fotograf Hinrich Schultze erzählt vom St. Pauli der 80er und 90er, der Protestkultur und dem Milieu, Folge 1.

Hinrich Schultze gehört neben Günter Zint zu den Fotografen, die über Jahrzehnte auch die Geschichte von St. Pauli dokumentiert haben: das Milieu, die Proteste, die baulichen Veränderungen, das Straßenleben. Immer, wenn Schultze seine Fotos ausstellt – ob beim FC St. Pauli („Fußball und Liebe“), im Kölibri oder auf einem Stand beim Schanzenfest -, erregen sie gerade bei Jüngeren Staunen: Was, so sehr hat sich der Stadtteil gewandelt?

1993: Selbstbewusste Frau in einer Kneipe an der Reeperbahn (Foto: Hinrich Schultze)

Selbstbewusste Frau im Elbschloss Keller am Hamburger Berg (Foto: Hinrich Schultze)

Schultzes Hauptmotiv sind vor allem die Menschen, denen er auf dem Kiez und anderswo begegnet. Zu den Dränglern seiner Zunft, die rücksichtslos auf alles die Kamera halten, gehört Schultze nicht. Sein eher leises, bescheidenes Auftreten hat ihm auf Dauer größere Nähe und Vertrauen eingebracht. Egal, ob er in der „Welt der Daddelhallen“, in der Bundeswehr, bei Protesten gegen Castor-Transporte, im Sudan oder im Regenwald von Kambodscha fotografiert. Seit vielen Jahren ist Schultze als Fotograf und Videojournalist auch im Ausland tätig. Kürzlich wurde er in Mexiko von einer Betroffenen-Kommission für seine Dokumentation von Menschenrechtsverletzungen im Bundesstaat Oaxaca ausgezeichnet.

Im Interview erzählt Hinrich Schultze von den 80er und 90ern auf dem Kiez und den Unterschieden zu heute. Für den St. Pauli Blog hat Schultze eine Sammlung von Fotos zusammengestellt, die wir zusammen mit dem Interview in zwei Folgen zeigen.

Folge 1: Das alte Arbeiterviertel und die Zeit der Hausbesetzungen

St. Pauli News: Seit wann bist du auf St. Pauli?

Hinrich Schultze: Seit Anfang der 80er, weil man mich brauchte für das Film-Projekt „Ganz unten“ mit Günter Wallraff. Man brauchte einen Spezialisten für Elektronik, und damit kannte ich mich gut aus. Ich wohnte im Schanzenviertel, und auf St. Pauli hab ich dann in einem Speiselokal als Kellner gejobbt. In der „Gaststube Hamburger Berg“, die gehörte einem Fritz Schreiber. Heute ist es das „Schlemmereck“.

1994, Kneipe am Hamburger Berg

Gäste im „Goldenen Handschuh“ am Hamburger Berg (Foto: Hinrich Schultze)

Wie bist du zu dem Job gekommen?

Schultze: Es war zuerst schwierig, man kam da nur rein, wenn man in Santa Fu gesessen hatte, und ich hatte nur einen Ladendiebstahl vorzuweisen. Schreiber hatte in der Kleinen Freiheit noch einen Lebensmittelladen und in Santa Fu einen Kiosk, wo er sich sein Personal rekrutierte. Nach Fürsprache von Günter Zint durfte ich dann trotzdem bei ihm arbeiten. Es war eine schöne Zeit eigentlich. Ich hab ein bisschen für Günter Zint gearbeitet und etwa 15 Jahre lang bei der taz, aber nebenbei immer gejobbt.

1976: die Fischerstrasse vor Abriss und Umbau zur Silbersacktwiete

1976, vom „Silbersack“ aus fotografiert: die Fischerstrasse vor dem Abriss (Foto: Hinrich Schultze)

Ein interessantes Foto ist damals in der Fischerstraße entstanden, die von der Silbersackstraße abzweigte. Man erkennt heute gar nicht mehr, wo das war.

Schultze: Das war 1976 eins der ersten Fotos, die ich hier gemacht habe. Das gibt’s ja alles nicht mehr: Die Häuser sind abgerissen, die Frau ist tot, der Hund ist tot, Neckermann Urlaubsreisen gibt’s nicht mehr; dann steht da auf dem Plakat „Das Vertrauen von Millionen“, und das gibt’s auch nicht mehr.

1983: Besetzer und Unterstützer demonstrieren vor einem besetzten Haus in der Hafenstraße

1983: Besetzer und Unterstützer demonstrieren vor einem besetzten Haus in der Hafenstraße (Foto: Hinrich Schultze)

Du hast über lange Zeit auch die Auseinandersetzungen um die Häuser der Hafenstraße begleitet. Wurdest du als Fotograf von den Besetzern akzeptiert?

Schultze: Ich kannte die Leute – kenne heute noch welche – und hab die Kämpfe mitgekriegt. Aber es war eigentlich immer schwierig, da zu fotografieren. Sie waren natürlich sehr vorsichtig. Ich habe auch viele Fotos nicht gemacht – die schönsten hab ich wahrscheinlich nie gemacht.

Wie standen die Leute auf St. Pauli zu der Hausbesetzung? Gabs darüber viele Gespräche im Schlemmereck?

Schultze: In der Nachbarschaft sicher, es gab auch eine Solidaritätsinitiative „Nachbarn für die Hafenstraße“. Aber ich glaube, viele Leute hier hatten andere Probleme. Die Gespräche im Schlemmereck drehten sich um Korn-Peter, der hat mal wieder zu viel gesoffen. Oder sie haben sich über irgendwelche Polizeirazzien unterhalten. Politische Sachen, das war nicht so ihr Thema.

1986: Anwohner der Bernhard-Nocht-Straße diskutieren vor Harrys Hafenbazar mit Polizisten über die Besetzung Hafenstraße

1986: Anwohner der Bernhard-Nocht-Straße diskutieren vor Harrys Hafenbazar mit Polizisten über die Besetzung Hafenstraße (Foto: Hinrich Schultze)

Thea Bock von der Grün-alternativen Liste hat für den Bürgermeister Klaus von Dohnanyi damals mit den Hafenstraßen-Besetzern verhandelt. Sie hat später erzählt, wie sie in das verbarrikadierte Haus gebracht wurde, wie in einem Krimi.

18.11.1987: FDP-Landeschef Robert Vogel in der Hafenstraße (Foto: Hinrich Schultze)

18.11.1987: FDP-Landeschef Robert Vogel in der Hafenstraße (Foto: Hinrich Schultze)

Schultze: Auch Pastor Christian Arndt von der Friedenskirche Altona hat damals vermittelt, der hat damals schon Lesben getraut und auch in Brokdorf gegen Atomkraft demonstriert. Jan Philipp Reemtsma hat sich eingeschaltet und wollte die Häuser kaufen, um den Konflikt zu beenden. Auch die FDP. Deren Landeschef Robert Vogel bemühte sich zusammen mit seinem Parteifreund Ingo von Münch um eine Verhandlungslösung in der besetzten Hafenstrasse und Schanzenstrasse 41a, gegen den Willen von SPD-Bausenator Wagner. Die FDP hat ja über die Jahre in ihrer Politik mehrmals Purzelbäume geschlagen. Ich hab noch erlebt, dass die mal ganz entschiedene Atomkraft-Gegner waren. Merkwürdige Partei.

August 1991: Hausbesetzung am Schulterblatt 45-47b

August 1991: Hausbesetzung am Schulterblatt 45-47b (Foto: Hinrich Schultze)

Die Proteste um die Hafenstraße zogen sich über mehr als zehn Jahre. Als die Polizei im Januar 2013 St. Pauli zum Gefahrengebiet erklärte, fühlten sich viele an die Stimmung in den 80ern erinnert.

Schultze: Die Verordnung zum Gefahrengebiet 2013 ist nur eine andere Form der Repression gewesen, die es auch früher schon gegeben hat. Als Fotograf wollte ich einfach immer dokumentieren, was im Stadtteil passiert. In den 80er Jahren hab ich im Zuge der Friedensbewegung oder Startbahn West ganz krasse Sachen erlebt, massive Behinderungen durch die Polizei. Damals hat mir ein Trupp von Polizisten, als ich ganz ruhig im Wald spazieren ging, meine Ausrüsrung weggenommen und meine Kamera zerstört. Als ich dann wissen wollte, wer sie sind und an wen ich mich wegen der kaputten Kamera halten könnte, haben sie gesagt: Da hinten ist ein Zaun, da kannst du dich dran festhalten. Während der Besetzung der Hafenstraße wurde ich mit anderen Kollegen immer wieder weggeschickt, mehrere Straßen weit, sodass man vom Ort des Geschehens gar nicht mehr berichten und nichts mehr sehen konnte. Heute bin ich von den Repressionsmaßnahmen nicht mehr so betroffen, vielleicht weil ich inzwischen älter bin und die Polizisten mich nicht mehr als potenziellen Gegner ansehen. Früher war es für mich und viele Kollegen wesentlich schlimmer.

Hinrich Schultze beim Festival "Fußball und Liebe" 2015. Auf dem Foto entfernen Polizisten Protestplakate von der Polizweiwache Budapester Straße, die immer wieder wegen Übergriffen ins Gesräch kam

Hinrich Schultze beim Festival „Fußball und Liebe“ 2015 (Foto: Jung). Auf seinem Foto von 1983 (re.) entfernen Polizisten Protestplakate von der Polizeiwache Budapester Straße, die immer wieder wegen Übergriffen ins Gespräch kam.

Hier auf St. Pauli kam es in der Polizeiwache Budapester Straße immer wieder zu Übergriffen.

Schultze: Ja, die haben selbst in bürgerlichen Kreisen Empörung ausgelöst. An einer Demonstraton dagegen hat sich auch die spätere Bischöfin Maria Jepsen beteiligt.

1984: Die Jägerpassage in der Wohlwillstraße nach der Besetzung am 1. Mai 1984

1984: Die Jägerpassage in der Wohlwillstraße nach der Besetzung am 1. Mai 1984 (Foto: Hinrich Schultze)

Viele Häuser auf St. Pauli und in der Schanze hatten im Hinterhof noch Passagen mit Wohnungen, die noch Gemeinschaftstoiletten und noch keine Badezimmer hatten. Also Vorkriegsstandard.

Schultze: Ja, in so einem Haus hab ich im Schanzenviertel auch gewohnt. Ich hatte kein Bad, und das Klo war so eng, dass es zwei Löcher in der Tür hatte, wo man die Knie durchstecken konnte. Heute heißt es immer, das sei so schrecklich gewesen. Ich finde das gar nicht. Dafür waren die Mieten ja so gering, dass ich mir Weltreisen und sogar ein Auto leisten konnte. Welches Wohnzimmer ist schöner als die Welt? Heute ist alles zwangsrenoviert. Ich bin zum Beispiel mit einem Balkon zwangsbeglückt worden, der ist zwar sehr schön, aber aufs Jahr hochgerechnet, kostet mich jede Balkonbenutzung an die 30 Euro.

Demnächst: Folge 2 – Die Reeperbahn und die Rotlicht-Touristen

Mehr über Hinrich Schultze findet ihr auf Dokumentarfotografie

 

Kommentare


  1. whau,was für tolle Bilder, da werden Erinnerungen wach. …manchmal sogar ein bedauern , wie das „anders“ geworden ist..Na ja, aus der Ferne erscheint dann manches…..und doch !!

  2. Schade, in der Hafenstrasse gibt es heute nur noch Afrikanische Dealer und zwar ein ganzes Haus voll…Eingereist als Hilfbedürftige Lampedusen dealen sie hier nun ihr Zeug, belästigen uns Bürger und lachen unseren Staat aus…Traurig

    • Lincoln soll ich dir mal eine Führung geben in der du feststellt das du scheisse schreibst? Willst du mal die Lampedusa Leude kennenlernen und feststellen das sie nicht Dealen? Keine Ahnung haben aber so n Schrott schreiben…

  3. Hini hat wunderbare Photos von St. Pauli gemacht, der Stadtteil verändert sich so schnell, dass man ohne diese Photos vergessen würde, dass es mal einen Nachbarschaftsgarten in der Talstraße gab, oder wie die Nachbarn sich für die Hafenstraße eingesetzt haben. Er ist auch ein Aktivist für die Sache der KurdInnen. Schön, dass seine Arbeit einmal gewürdigt wird.

  4. Bilder und Geschichten für meine vielleicht altmodisch und nostalgisch klingende Sehnsucht Authentizität. Aus der Ferne wie auch bei meinen kurzen Besuchen ist mir Hamburg inzwischen sehr fremd geworden. Aber natürlich ist das die Seite, die Hinrich Schultze nicht zeigt (weil die halt auch nichts wirklich darstellt und eben nur ‚viel hat‘).
    Sonst schließe ich mich Anja Flach einfach an (ist ja auch vor mir hier gewesen ;-))

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *



Aktion soll zeigen: Pudel und Park Fiction gehören eng zusammen. Künstler unterstützen Forderungen nach Erhalt dieser Einheit am Hafen. ... weiterlesen

Autor Robert Brack schreibt nicht nur am Pinnasberg, sein neuer Krimi handelt auch von der unmittelbaren Umgebung – allerdings im Jahr 1920.  ... weiterlesen

Update: Beim ersten Einsatz der neu gegründeten Einheit zur Bekämpfung der Dealerszene wurden vier Männer vorläufig festgenommen. ... weiterlesen

Wordpress | Impressum | Datenschutz