Tageslicht / Dienstag, 15.12.2015

Leitfaden für Flüchtlinge: Alltag mit Deutschen

 
 

Ein paar Aktive auf St. Pauli machten einen Refugee Guide, der Flüchtlingen sagt, wie die Deutschen ticken. Nachfragen aus allen Bundesländern.

Der Versand ist schon in vollem Gang. Im Büro der Agentur „Leetboys ideenwerft“ stapeln sich Kartons mit Aufschriften wie „Arabisch“, „Französisch“, „Dari“ oder „Tigrinya“ (Landessprache in Äthiopien). Der „Refugee Guide – Eine Orientierungshilfe für das Leben in Deutschland“ wird in Erstaufnahmen und Flüchtlingsunterkünfte in ganz Deutschland geliefert. „In den letzten 14 Tagen haben wir schon 137.000 Stück gedruckt und über die Bundesländer verteilt“, sagt Björn Weide. Pro Tag kommen im Schnitt rund 15 neue Anfragen.

Viele Flüchtlinge wissen kaum etwas über Deutschland

Michael Strautmann

Michael Strautmann

Die Idee stammte von Michael Strautmann, einem Nachbarn in der Bernstorffstraße: Meist vergehen Monate, bis Flüchtlinge nach ihrer Ankunft einen geklärten Asylstatus haben und damit Sprach- oder Integrationskurse besuchen können. Und viele Ankömmlinge müssen sich hier irgendwie orientieren, ohne von Deutschland und den Deutschen viel Ahnung zu haben. Ihnen wollte er eine Orientierungshilfe anbieten, zu Themen wie „Wann gibt man sich die Hand“ oder „Kann man Leitungswasser trinken“. Strautmann forscht an der Uni Hamburg und am German Institute of Global and Area Studies (GIGA) zu Themen der internationalen Zusammenarbeit.

Als Strautmann einen ersten Entwurf in sozialen Netzwerken veröffentlichte, meldeten sich rund 50 Helfer, die an dem Projekt mitarbeiten wollten. Rund 100 Ehrenamtliche wirkten schließlich als Übersetzer/innen und Ratgeber/innen an dem Orientierungsleitfaden mit, darunter viele Doktoranden mit verschiedensten geografischen und kulturellen Hintergründen.

Flüchtlinge Leetboys (2)

In der Bernstorffstraße 118 entwickelte sich besonders reges Interesse an dem Projekt. „Ich kannte Michael noch nicht und sagte ihm, dass wir ihn unterstützen wollen“, sagt Björn Weide. Die leetboys übernahmen Distribution, Druck und Vertrieb, sprachen alle Flüchtlingsräte Deutschlands und das DRK auf Landesverbandsebene an. Auch Sven Mangels, der im selben Haus als Geschäftsführer von „explore & help“ Reisen zu Hilfsprojekten organisiert und privat in Flüchtlingsinitiativen aktv ist, fand über sein Netzwerk zahlreiche Unterstützer.

Alle Beiträger/innen haben ehrenamtlich mitgearbeitet

„Seitdem ist das Interesse förmlich explodiert“, sagt Björn Weide. „Die gesamte Endproduktion wurde seit dem 11. November gestemmt, wir haben dafür schon jetzt zwei Mitarbeiter abgestellt.“ Die Bundeszentrale für politische Bildung druckte 10.000 Stück (in 10 Sprachen), der Ernst Klett Verlag 35.000 Stück in vier Sprachen, den Löwenanteil übernahmen die leetboys (in 10 Sprachen).

Im Büro der Leetboys, von links: Björn Weide, Sven Mangels, Axel Peschel, Cenk Demirci, Enrico Mogavero

Im Büro der Leetboys, von links: Björn Weide, Sven Mangels, Axel Peschel, Cenk Demirci, Enrico Mogavero

„Sämtliche Mitarbeiter und Helfer haben pro bono gearbeitet oder nur die Einkaufskosten berechnet, die wir dann getragen haben. Und an Überstunden sind wir schon gewöhnt“, sagt Björn Weide und grinst. Für Sven Mangels ist es „fast schon absurd, dass eine kleine Hamburger Agentur so etwas auf die Beine stellt und im ganzen Bundesgebiet verteilt“.

Der Refugee Guide will nicht oberlehrerhaft daherkommen, sondern einfach ein paar nützliche Alltags-Informationen geben, die für Neuankömmlinge wichtig sind. Zum Beispiel, dass private Anrufe nach 21 oder 22 Uhr unüblich sind, außer man hat sie vorher vereinbart. Oder dass Männer und Frauen in Deutschland die gleichen Rechte haben und sowohl Männer wie Frauen sich zur Begrüßung die Hand geben. Oder dass Toilettenpapier in der Toilette und nicht im Mülleimer entsorgt wird.

Mit einer Stiftung soll es weitergehen: Integration von Flüchtlingen auf St. Pauli

Refugee Guide, Seite 3: "Lächeln wird üblicherweise noch nicht direkt als Flirten interpretiert, auch dann nicht, wenn man mit Fremden spricht"

Refugee Guide, Seite 3: „Lächeln wird üblicherweise noch nicht direkt als Flirten interpretiert, auch dann nicht, wenn man mit Fremden spricht“

Für Björn Weide und Sven Mangels ist der Refugee Guide auch erst der Anfang: Sie wollen mit der dritten im Bunde, Julia von Weymarn, Gründerin der Hambuger Kultur-Loge, eine Stiftung gründen. Diese Stiftung soll die Arbeit für und mit Flüchtlingen auf eine feste Grundlage stellen und dabei noch mehr Initiativen mit ins Boot holen. Der Arbeitsname steht schon fest: LeetHub St. Pauli. Im neuen Jahr soll es im Erdgeschoss der Bernstorffstraße 118 losgehen. Ziel ist die Integration von Flüchtlingen auf St. Pauli. In der Stiftung sollen 12 bis 14 Arbeitsplätze entstehen, die dann auch zum großen Teil von Flüchtlingen als Teil der Initiative genutzt werden können.

„Es gibt viele Projekte, die eine tolle Arbeit machen, denen es aber an Verortung und an Logistik fehlt“, sagt Weide. „In einer Stiftung kann man aus den Bereichen Sport, Kultur und Begegnung vieles zusammenführen und außerdem durch gegenseitige Unterstützung viel mehr erreichen.“

Die Bereitschaft, sich längerfristig für Flüchtlinge zu engagieren, sei bei vielen Kunden und Geschäftspartnern groß, sagt Sven Mangels. „Es ist aber auch wichtig, Flüchtlingen selbst eine Plattform zu bieten, damit sie ihre eigenen Unternehmen gründen und sich selbst für ihr Land engagieren können.“ Den Anschub, das Knowhow und auch die Werkzeuge, die dafür nötig sind, könne eine Stiftung ermöglichen. Gestartet wird aber offiziell schon jetzt – am 18 Dezember. Ein Verein mit demselben Namen LeetHub St. Pauli soll die Grundlage für die spätere Stiftung bilden.

Die leetboys ideenwerft  hatte sich schon vorher für soziale Projekte engagiert, unter anderem für den Sender TIDE und die Obdachlosenhilfe CaFèe mit Herz. „Unsere Agentur ist jetzt drei Jahre alt, uns geht es gut. Da wollen wir etwas Nachhaltiges machen“, sagt Weide. „Der Schwerpunkt Flüchtlinge ist so was wie eine Herzensangelegenheit. Wir können ja nicht sagen ‚ihr könnt kommen, aber wir wissen nicht, was wir mit euch anfangen sollen‘.“

Auch für den Refugee Guide ist Anfang 2016 eine Neuauflage mit Verbesserungen und Erweiterungen geplant. Bestellungen können hier aufgegeben werden oder direkt bei den leetboys: welcomerefugees@leetboys.de

 

Kommentare


  1. Ach, Ihr wart das!
    Der Refugee Guide ist klasse!
    Ich habe gerade bei der BPB 300 Stück bestellt und in verschiedenen Anlaufstellen verteilt.
    Kommt sehr gut an!
    Schön, dass es Menschen wie Euch mit Herz und Engagement gibt!
    Herzliche Grüße aus Halle an der Saale!

  2. Auch ich bin von Eurer Aktion total begeistert! Ich bin mal wieder von der Hamburger Willkommenskultur überwältigt. Vielen Dank für Euer Engagement, macht bitte so weiter!
    Herzliche Grüße,
    Fauzia

  3. @Herbert Die beste „Spende“ wäre wahrscheinlich einige dieser Broschüren zu bestellen und sie in einer Unterkunft in deiner Nähe ab zu geben.

  4. Hab mir auch ein paar bestellt – Ethikleherin, DaF-Enthusiast, Wahl-Neuköllner. Ich lass sie einfach mal aufm Tisch im Lehrerzimmer, bei meiner WG-Party, beim Seminar…liegen oder setz sie im Refugee-DaF-Unterricht oder bei meinen Ethik-Klassen bewusst ein! Funktioniert super und regt Austausch an! Ich sende eine Umarmung und ein großes Dankeschön in den Norden!
    Miss Schmiddy

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