Tageslicht / Donnerstag, 18.09.2014

„Keimzelle“ weicht Rindermarkthalle

 
 

Mit einem halben Jahr Verspätung wurde die neue Rindermarkthalle heute eröffnet. Während die einen feiern, tragen andere ihre Vision zu Grabe.

Seit meinem letzten Besuch vor einigen Monaten hat sich einiges verändert. Doch das Summen der Bohrer ist noch immer nicht verstummt. In vielen Ecken wird noch eifrig gehämmert, letzte Regale werden zusammengeschraubt. „Wenn es die letzte Minute nicht gäbe, würde man nie fertig werden“, sagt Projektleiter Torsten Hönisch von Maßmann & Co. gelassen. „Es ist genug fertiggestellt, um endlich loslegen zu können.“

Am Donnerstagmorgen um 8 Uhr wurde die umgebaute Rindermarkthalle am Neuen Kamp von Hamburgs Finanzsenator Peter Tschentscher (SPD) und Bezirksamtsleiter Andy Grote (SPD) offiziell eröffnet. Neben Aldi und Budni, öffnet damit auch Hamburgs größter EDEKA-Markt mit einer Verkaufsfläche von rund 4700 Quadratmetern seine Pforten. Herzstück der neuen Rindermarkthalle bilden die gut 20 festen Marktstände im Zentrum der Halle. Im Obergeschoss werden derzeit noch Büros, Arztpraxen und Räumlichkeiten für Initiativen aus dem Stadtteil ausgebaut.

Rindermarkthalle I

Der Bezirksamtsleiter lobte in seiner Rede vor allem die stadtteilbezogene Nutzung, wie die Mevlana-Moschee von Mehmet Yilmaz oder den Domkindergarten im Obergeschoss. Dies zeige die „Verankerung und Vernetzung“ der Rindermarkthalle mit dem Stadtteil. „Die Halle ist nicht nur ein Ort zum Einkaufen, sondern hat auch eine Funktion als Treffpunkt im Viertel“, sagte Andy Grote. „Sie ist eben kein Fremdkörper.“

Initiativen wie Keimzelle oder Unser Areal hatten die geplante Markthalle in der Vergangenheit immer wieder als „Luxus-Schlemmer-Halle“ kritisiert, die die Gentrifizierung des Viertels weiter vorantreibe, und einen Planungsprozess „von unten“ gefordert, der die Interessen und Wünsche der Anwohner (wie ein gemeinschaftlicher Anwohnergarten) stärker miteinbeziehe. Das jetzige Konzept ist in ihren Augen „ein Armutszeugnis“. „Ein phantasieloses Einkaufszentrum, wie es in x deutschen Innenstädten herumsteht, an den Bedürfnissen der Anwohner_innen vorbeigeplant“, heißt es auf ihrer Internetseite.

Rindermarkthalle II

Andy räumte ein, dass der Prozess der Beteiligung bei diesem umstrittenen Projekt nicht optimal gestartet sei. „Der Weg war lang und manchmal leidvoll“, so der Bezirksamtsleiter. Das Ergebnis sei jedoch ein Erfolg auf ganzer Linie. „Das, was hier entstanden ist, ist einzigartig.“ Zudem deutete der Bezirksamtsleiter an, dass es nicht bei der bislang auf zehn Jahre begrenzten Zwischennutzung bleiben müsse. Wenn die Integration der neuen Rindermarkthalle im Viertel gelinge, könne aus der Zwischenlösung auch eine Dauerlösung werden. „Ich bin zuversichtlich, dass die Menschen im Stadtteil die Halle annehmen werden.“

Rindermarkthalle IV

Stadtteilaktivistin Theresa Jakob, die die Eröffnungszeremonie kritisch beobachtete, ist nicht überzeugt von dem Konzept und das nicht nur, weil die Beteiligung der Anwohner in ihren Augen mehr als mangelhaft war. „Ich sehe den großen Wurf nicht. Mit einer Markthallte hat das nichts zu tun, das ist eine Shopping-Mall und nichts weiter.“ Das Gebäude habe nun etwas von einem Bunker. Architektur und Einrichtung seien dunkel und erdrückend. „Man guckt nur gegen Wände.“

Rindermarkthalle III

Kiez-Fotograf Günter Zint dagegen ist begeistert. „Ich finde es gut, dass das hier nicht alles so steril ist. Die Halle hat Markthallencharakter.“ Jetzt müsse man abwarten, wie das neue Angebot angenommen werde. Auch Michael Osterburg ist neugierig, wie sich die Halle in den Stadtteil einfügen wird. Das jetzige Konzept sei eine gelungene Zwischennutzung, sagte der Fraktionsvorsitzende der Grünen im Bezirk Hamburg-Mitte, auch wenn ihm persönlich das Ambiente der Markthalle etwas zu kühl und steril sei. Er sei vor allem gespannt, welche Auswirkungen die neue Rindermarkthalle auf den Verkehr habe. „Wir werden sehen, wie das im Betrieb funktioniert.“

Rindermarkthalle V

Torsten Hönisch beruhigt: Die Rindermarkthalle sei schon früher als Einzelhandelscenter genutzt worden, daher werde es keine Probleme geben. Der Projektleiter ist zuversichtlich, dass bis zur großen Eröffnungsfeier am kommenden Sonnabend auch die letzten Marktstände eröffnet haben. Die letzten Flächen im Obergeschoss sollen dann zum 1.11. den Betrieb aufnehmen. Mit dem Ergebnis sei er trotz kleinerer Schwierigkeiten am Eröffnungstag sehr zufrieden. „Es ist faszinierend zu sehen, wie dieser Ort beginnt zu leben.“

Und während die einen mit einem Glas Sekt auf das erwachende Leben in der Rindermarkthalle anstoßen, tragen andere eine Utopie zu Grabe. Nach einigen Lob- und Abgangsgesängen, nahmen am Abend mehr als 50 Anwohner aus Stadtteil Abschied von dem Urban-Gardening-Projekt „Keimzelle“ am Ölmühlenplatz. Mit Schaufeln und einem Bagger wurden die ersten Beete – unter den verstörten Blicken einiger Anwohner – von ihren Schöpfern zerstört. In den kommenden Tagen sollen auch die anderen Hochbeete verschwinden.

image(11)

Das soziale Gartenprojekt war im Mai 2011 am Ölmühlenplatz ins Leben gerufen worden. Es sollte ursprünglich der Auftakt eines großen Gemeinschaftsgartens („Grün-Areal“) auf dem Gelände der Rindermarkthalle sein. „Wir wollen mit dieser Beerdigung ein politisches Zeichen setzen, was passiert, wenn man solche Projekte einfach ins Leere laufen lässt“, sagte Anke Haarmann von der Initiative Keimzelle in ihrer Abschiedsrede. Sie ärgert sich, dass die Stadt einerseits in Imagebroschüren mit dem Gartenprojekt werbe, andererseits dieses aber nicht unterstütze. „Unsere Vision ist gescheitert an der Arroganz städtischer Entscheidungswillkür, wo Fakten geschaffen werden und Worte wie Nahversorgung und Teilhabeprozess nur Imageblase sind. Mit dem Ergebnis, dass jetzt asphaltierte Parkplätze dort sind, wo Planungsgärten sein sollten.“

image(12)

Die Keimzelle sei für sie und ihre Mitstreiter stets viel mehr gewesen als Urban Gardening. „Unser Ende visualisiert den Versuch, städtische Öffentlichkeit zu gestalten, und zugleich steht ihr Ende für die Realität des Scheiterns“, so Anke weiter. „Doch ihr Ende setzt ein Zeichen: kein Weiter-so mit uns.“

 

Kommentare


  1. Super. Endlich mehrere Nahversorger unter einem Dach, die nicht am Stadtrand liegen. Alles ist zu Fuß oder mit dem Rad erreichbar.
    Viel Erfolg!

  2. Ich denke solange das Gesamtkonzept noch nicht dort bereit steht , hätte man ruhig warten sollen bis alles fertig ist. Um dann gemeinsam das gesamte Gebäude zu Eröffnen. Ich bin sehr gespannt was die Zukunft bringt und ob sich das Konzept durchsetzen wird. Die Eröffnung hat schon gezeigt, das es dringend nötig war einen Markt zu Eröffnen der für alle Anwohner in St. pauli Nord / Karoviertel und der Sternschanze etwas bietet. Nach jahrenlangen Stillstand und wenig Einkaufsmöglichkeiten war dieses auch dringend nötig. Ich pers. hatte mir die Halle ganz anders vorgestellt, Aldi und Budni hab ich nur überflogen , beide Läden wirkten so hell und kalt , was ich von den anderen Budnis und dem alten Aldi in St. Pauli nicht gewohnt war. Auch als Nachteil empfand ich , das man durch die gesamte Markthalle laufen mußte um zu Edeka , Aldi oder Budni zu kommen. Von der eigentlichen Markthalle und den Ständen hatte ich auch heute kaum etwas mitbekommen . Ausser eine unendliche lange schlange vor dem Döner Stand. Vielleicht lag es aber auch daran das alles wirklich neu ist und es dort heute vollkommen überfüllt war.
    Bei Edeka war ich vom Warenangebot sehr überrascht.Ich glaube ich war da heute eine Stunde und hab immer noch nicht alles gesehen. Das Ambiente und Design gefiel mir dort gut. Auch die Beleuchtung stimmte. Da hatten sich die Planer wirklich Gedanken gemacht. Die Preisteigerung zum Edeka in St. Pauli ist allerdings enorm.Was vielleicht auch mit den hohen kosten von 25 Millionen für die Samierung der Halle zusammenhängt. Dem Vorplatz zum Halle empfinde ich viel zu kahl . Hamburg ist eine grüne Stadt .Dort dem Urban Gardening eine große Fläche möglich zu machen wäre eine tolle sache und macht auch die Umgebung um einiges Lebenswerter und Schöner.

  3. Super halle..endlich sind alle Viertel in St. Pauli wieder vereint ,2 mal dort gewesen und ein dutzend Anwohner zum Klönschnack getroffen. 🙂 Jetzt macht das Einkaufen endlich wieder spaß .Ich habe das hier so vermißt. Schade nur für alle anderen kleinen Supermärkte in St. Pauli. Da geht nun keiner mehr hin.

  4. Pingback: Wo ist unsere Abgeordnete? - St.Pauli-News

  5. Pingback: Rindermarkthalle: Das große Verzögern - St.Pauli-News

  6. Pingback: Wasserpfütze wird "Rocco" zum Verhängnis - St.Pauli-News

  7. Pingback: Durwachsener Start für Rindermarkthalle - St.Pauli-News

  8. Pingback: Rindermarkthalle: (K)ein Grund zum Feiern - St.Pauli-News

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.



Aktion soll zeigen: Pudel und Park Fiction gehören eng zusammen. Künstler unterstützen Forderungen nach Erhalt dieser Einheit am Hafen. ... weiterlesen

Autor Robert Brack schreibt nicht nur am Pinnasberg, sein neuer Krimi handelt auch von der unmittelbaren Umgebung – allerdings im Jahr 1920.  ... weiterlesen

Update: Beim ersten Einsatz der neu gegründeten Einheit zur Bekämpfung der Dealerszene wurden vier Männer vorläufig festgenommen. ... weiterlesen

Wordpress | Impressum | Datenschutz