Tageslicht / Dienstag, 17.11.2015

Unterwegs auf der Route des Elends

 
 

Viermal war Moritz Meyer-Sternberg in den vergangenen Wochen auf der Balkanroute unterwegs. Die Fotos seiner Hilfsfahrten werden auf St. Pauli ausgestellt.

„Die ungarische Regierung unternimmt nichts, um die Lage vor Ort zu entschärfen. Es war klar: Ungarn wollte mit den Bildern aus Röszke Abschreckung und Angst erzeugen. Den Preis dafür zahlen traumatisierte Menschen, die vor Krieg fliehen mussten und dann auf der Flucht wieder unzumutbaren Zuständen ausgesetzt sind. Bilder transportieren nicht die Tragweite des Elends, denen diese Menschen auf der Flucht vor Krieg und Armut hier ausgeliefert waren – und es an anderen Orten dieser Tage immer noch sind. Wir fahren verzweifelt zurück und werden noch lange an diesen Horror denken.“

Es ist das Fazit eines Berichts, den Moritz Meyer-Sternberg erst vor einigen Wochen verfasst hat. Der 44-Jährige steht inmitten des leeren Raumes und blickt auf die zahlreichen Fotos an den Wänden. „Ich hatte keine Vorstellung von dem, was mich erwartet“, sagt Moritz. „Jede Tour war eine krasse Erfahrung.“ Viermal war der Architekt bereits in den vergangenen Monaten auf der Balkonroute unterwegs  in Röszke (Ungarn), Horgoš (Serbien), Tovarnik (Kroatien) und Brežice (Slowenien).

Die Fotos seiner Fahrten sind seit dieser Woche im „8. Salon“ an der Trommelstraße ausgestellt. Die Aktion geht auf die Initiative „Welcomefeder“ zurück, die Anfang des Jahres von Neu-Hamburgerin Katja, ihrer Schwester Tina und Freund Khudor gegründet wurde. Bei einem Willkommensfest für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge in München, stieß Moritz im Juli zu der dreiköpfigen Gruppe hinzu. „Ich war vorher eher ein mittel-politisch interessierter Mensch“, sagt Moritz. Und doch habe ihn das Thema in den vergangenen Monaten immer wieder beschäftigt. „Die Bilder in den Nachrichten haben mich sehr bewegt.“

Moritz_I

Ein syrischer Mann mit seinem Sohn auf den Schultern (Foto: Moritz Meyer-Sternberg)

Gemeinsam sammeln die Vier über Wochen Geld- und Sachspenden für eine erste Hilfsfahrt nach Ungarn.  Am 8. September schließlich macht sich Moritz erstmals gemeinsam mit drei Begleitern von München auf den Weg nach Röszke, wo zu diesem Zeitpunkt Tausende Flüchtlinge ausharren, die von Serbien weiter nach Norden wollen. Den Transporter haben die Helfer bis unters Dach mit Kleidung und Babynahrung, Medikamenten, Schlafsäcken und Zelten beladen.  Zwei Tage sind für die Reise eingeplant. Am Ende sollte sie mehr als doppelt so lang dauern.

„Als wir das erste Mal am Camp ankamen, waren wir von den Zuständen geschockt. Die Menschen saßen mitten auf einem kargen Feld ohne Schutz und ohne irgendeine Art Infrastruktur vor Ort“, schildert Moritz seine ersten Eindrücke. „Es hat nur noch geregnet und das bei Temperaturen von gerade mal drei Grad.“ Im Nachhinein sei Röszke eine der schlimmsten Stationen gewesen, auch wenn jeder Ort seine eigene Qualität des Elends habe. „Es war unheimlich laut und hektisch und auch die ungarischen Polizisten wirkten sehr aggressiv und angsteinflößend.“

Von all dem jedoch, versuchen sich Moritz und seine Mitstreiter vor Ort nicht beirren zu lassen. Fast Tag und Nacht helfen sie beim Auf- und Abbau der Zelte, schaffen neue Lebensmittel und Hilfsgüter heran oder versuchen, zwischen den Flüchtlingen und der Polizei zu vermitteln. „Viele Polizisten waren völlig überfordert und zum Teil seit mehr als 30 Stunden ohne Schlaf im Einsatz. Wir haben auch ihnen immer wieder Wasser angeboten.“

Moritz_II

Kleiderausgabe in einem Camp bei Röszke (Foto: Moritz Meyer-Sternberg)

Auf ihren Fahrten übers Land treffen sie zudem immer wieder neue Gruppen von 30, manchmal mehr als 100 Flüchtlingen, die sie mit dem Notwendigsten, vor allem Wasser und warmer Kleidung, versorgen. „Es gibt keinen Moment, in dem man denkt, die Situation verbessert sich oder man könnte abfahren.“ Am Ende müssen sie doch zurück.

Dank der Vernetzung mit anderen Hilfsorganisationen und einer Crowdfunding-Kampagne konnte „Welcomefeder“ inzwischen drei weitere Hilfsfahrten organisieren. Bei seinen mehrtägigen Aufenthalten auf dem Balkan hat Moritz in der Zwischenzeit ein ganzes Netzwerk freiwilliger Helfer kennengelernt, die aus Deutschland, Österreich und anderen europäischen Ländern über die Wochenenden in Richtung Balkan fahren, um Menschen vor Ort mit dem Notwendigsten zu unterstützen.

Für ihn war jede Fahrt eine Achterbahn der Gefühle. „Als wir in Tovarnik ankamen, waren wir drei Autos. Uns gegenüber standen rund 5000 Flüchtlinge“, erzählt Moritz. „Aber wir haben es gemeistert. Nach und nach kamen immer mehr Volunteers, die uns unterstützt haben. In diesem Moment hat sich das erste Mal so etwas wie Euphorie breitgemacht.“ Doch immer wieder ist es der Frust und die Enttäuschung, die den freiwilligen Helfern zu schaffen macht. „Leider war es jetzt immer so, dass sobald ein Hot-Spot mit zahlreichen Flüchtlingen erst durch große Mühen der freiwilligen Helfer strukturiert wurde, die Flüchtlinge wieder woanders hingebracht wurden.“

Marlon_II

Eine Mutter hält ihr schreiendes Kind in den Armen (Foto: Marlon Roseberry-Bünck)

Die Eindrücke seiner Fahrten hat Moritz Meyer-Sternberg gemeinsam mit Diego Cupolo und Marlon Roseberry-Bünck, zwei befreundeten Fotografen, in zahlreichen Momentaufnahmen festgehalten. „Uns war klar: Wir müssen das zeigen. Wir wollen zeigen, was den Flüchtlingen dort widerfährt.“ Die rund 30 Fotos, die in den vergangenen Wochen entstanden und noch bis Ende der Woche in der kleinen Galerie an der Trommelstraße zu sehen sind, zeigen die beschwerliche Flucht der Menschen  eine Flucht zwischen Hoffnung und Angst, Freude und Wut.

Da sind Kinder, die im Sonnenschein vergnügt auf einem alten Volkswagen herumspringen, die toben und lachen. Da sind junge Männer, die sich T-Shirts um ihr Gesicht gebunden haben und faustgroße Steine in Richtung des Grenzzauns werfen. Und da ist diese völlig entkräftete junge Frau, die ihr weinendes Kind an sich drückt und in deren Augen sich Angst und Verunsicherung widerspiegeln. „Trotz all dem, was diese Menschen durchmachen“, sagt Moritz, „strahlen viele immer noch eine unheimliche Kraft und Würde aus.“

Viele der Geschichten, die der 44-Jährige mit einzelnen Bildern verbindet, wird er wohl nie vergessen. So wie den jungen Mann aus Syrien, den er am Bahnhof von Tovarnik kennengelernt habe. „Eigentlich wollte er nicht weg aus Syrien, erzählte er. Er wollte unbedingt bei seiner Mutter bleiben.“ Doch als der Mann beobachtet habe, wie einem achtjährigen Kind auf offener Straße der Kopf weggeschossen worden sei, habe dieser beschlossen, zu fliehen. „Als der Mann weg war, bin ich völlig zusammengebrochen und habe nur noch geflennt.“

Marlon_I

Spielende Kinder toben um einen alten VW (Foto: Marlon Roseberry-Bünck)

Es sind Geschichten und Erlebnisse wie diese, die freiwillige Helfer wie Moritz immer wieder auch schwer belasten. Umso dankbarer ist der 44-Jährige für seine Mitstreiter und sein gesamtes soziales Umfeld. „Wir müssen uns bewusst immer mal wieder bremsen, weil wir uns sonst selbst zu verlieren drohen“, sagt Katja. Doch die nächste Welcomefeder-Hilfsfahrt ist bereits in Planung. Voraussichtlich kommenden Sonnabend will Moritz mit seinen Begleitern wieder in Richtung Balkan aufbrechen. „Ich kann jetzt einfach nicht zuhause sitzen und über Fußball reden.“

Röszke – Horgoš – Tovarnik – Brežice: Die dokumentarische Fotoausstellung ist vom 17. bis 21.11., im 8. Salon, Trommelstraße 7, geöffnet; jeweils zwischen 16 und 20 Uhr. 

(Aufmacherfoto: Diego Cupolo)

 

Kommentare


  1. Danke für den Artikel!
    Das zweite Foto ist nicht in Röszke sondern Brezice/Rigonce (Slowenien) aufgenommen.
    ‘Kleiderausgabe in Rigonce’ also.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *



Aktion soll zeigen: Pudel und Park Fiction gehören eng zusammen. Künstler unterstützen Forderungen nach Erhalt dieser Einheit am Hafen. ... weiterlesen

Autor Robert Brack schreibt nicht nur am Pinnasberg, sein neuer Krimi handelt auch von der unmittelbaren Umgebung – allerdings im Jahr 1920.  ... weiterlesen

Update: Beim ersten Einsatz der neu gegründeten Einheit zur Bekämpfung der Dealerszene wurden vier Männer vorläufig festgenommen. ... weiterlesen

Wordpress | Impressum | Datenschutz