Tageslicht / Montag, 22.09.2014

Initiative stellt Wirte an den Pranger

 
 

Eine Initiative hat Gastronomie-Beschäftige über die Arbeitsbedingungen in ihrem Betrieb befragt. Doch die Ergebnisse sind umstritten.

Wer von euch schon einmal in der Gastronomie gearbeitet hat, der weiß, dass jeder Cent hart verdient ist. Doch klar ist auch: Nirgendwo kann man neben Studium und Ausbildung so flexibel jobben, wie in den Bars, Kneipen und Cafés dieser Stadt. Besondere Qualifikationen braucht es meist nicht. Allein auf St. Pauli und in der Schanze finanzieren so Hunderte von Studenten und Überlebenskünstlern ihre Bleibe.

Alles entrechtete Minijobber, die in prekären Beschäftigungsverhältnissen für einen skrupellosen Chef ackern müssen? Das zumindest könnte man meinen, wenn man das Ergebnis einer Online-Befragung der „Initiative Gastrolohn“ liest. Die Initiative hatte über ihre Internetseite in den vergangenen Wochen Angestellte aus der Hamburger Gastronomie über die Zustände und Arbeitsbedingungen in ihrem Betrieb befragt und erste Ergebnisse vor einigen Tagen dort veröffentlicht. Bislang werden 25 Gastronomiebetriebe verschiedener Preisklassen aufgeführt, darunter fünf Läden aus der Schanze und sieben Betriebe aus St. Pauli, wie Ex-Sparr, Feldstern oder Barbarabar.

„Uns war es wichtig, ein repräsentatives Bild über die Zustände in der Hamburger Gastronomie zu erhalten“, sagt Katharina Alt (Name geändert) von der „Initiative Gastrolohn“, die aus rund 15 Personen aus der linken Szene besteht, die zum Teil selbst in der Gastronomie arbeiten oder gearbeitet haben. „Wir haben eine große Bandbreite an Betrieben aufgeführt.“ Ihr Fazit: „Weder das Klientel, noch die Preise oder die Lage, sagt etwas über die Arbeitsbedingungen in dem Betrieb aus. Es ist eine weitverbreitete Praxis, gängiges Recht zu unterlaufen.“ So seien Lohnfortzahlung im Krankheitsfall oder bezahlter Urlaub eine seltene Ausnahme. Häufig müssten Mitarbeiter dagegen sogar unbezahlte Überstunden oder Putzdienste leisten. Auch Vorwürfe wie „Sexismus am Arbeitsplatz“ oder „Gängelei durch Vorgesetzte“ werden aufgeführt.

Initiative: „Gängiges Recht wird unterlaufen“

Bei den Beschäftigen herrsche eine große Unkenntnis der Rechtslage, so das Fazit der Initiative. So hätten beispielsweise auch sogenannte Minijobber im Krankheitsfall Anspruch auf Lohnfortzahlung. „Es gibt arbeitsrechtliche Mindeststandards, die eingehalten werden müssen“, sagt Katharina. „Die Einhaltung dieser Standards muss für die Läden ganz selbstverständlich sein. Wenn ich krank werde, wer soll dann meine Miete bezahlen?“

Die Initiative will die Ergebnisse in den kommenden Wochen auf DIN-A-2-großen Plakaten in der Umgebung der jeweiligen Läden veröffentlichen. „Die Menschen sollen sich selbst informieren und entscheiden, ob sie in dem jeweiligen Laden weiterhin konsumieren wollen“, sagt Katharina. Ein gezielter Boykottaufruf sei dies nicht. „Wir wollen Öffentlichkeit schaffen und offenlegen, zu welchen Konditionen Menschen in der Hamburger Gastronomie arbeiten müssen.“

Das Problem: In der Befragung tauchen logischerweise nur Läden und Betriebe auf, von denen sich vermeintliche Beschäftige an der Umfrage beteiligt haben. Nur weil ein Laden nicht auf der „schwarzen Liste“ auftaucht, heißt das nicht, dass die Arbeitsbedingungen in diesem Betrieb unbedingt besser sind. Den Vorwurf der Willkürlichkeit, weist Katharina jedoch strikt von sich.

Wirte drohen mit Klage

Viele Wirte fühlen sich von der Initiative an den Pranger gestellt. „Gegen einen informellen Austausch unter Beschäftigen, wie es zunächst klang, ist nichts einzuwenden“, sagt Steffen Röber vom Café Miller. „Die Grundidee hätte ich gut gefunden, aber ich halte die Umsetzung für sehr unprofessionell. Den Teilnehmern war von vorneherein nicht bekannt, wie ihre Daten genutzt werden.“ Zudem sein offen, von wem die Angaben im Internet stammen. Tatsächlich kann das Formular im Internet von jedem ausgefüllt werden  theoretisch auch von Betreibern anderer Läden, die der Konkurrenz eins auswischen wollen. „Es gibt keine Möglichkeit, die Angaben zu überprüfen.“

Ein anderer Wirt aus der Schanze sieht es ähnlich. „Ich habe versucht, Kontakt mit den Initiatoren aufzunehmen und darum gebeten, die namentliche Nennung zu unterlassen.“ Auch rechtliche Schritte will er nicht ausschließen. „Die Fakten, die dort genannt werden, sind schlicht falsch. Das ist in meinen Augen üble Nachrede.“ Auch andere Betreiber fühlen sich von den Anschuldigungen schwer getroffen. „Die Vorwürfe sind an den Haaren herbeigezogen“, sagt der Inhaber einer Bar aus St. Pauli, der ebenfalls rechtliche Schritte erwägt. „Wir haben einen guten Anwalt.“

Initiative will weitere Beschäftigte befragen

Ein Mitarbeiter eines betroffenen Ladens aus der Schanze, der lieber unerkannt bleiben will, hält einzelne Vorwürfe jedoch für nicht aus der Luft gegriffen. „Bei uns gibt es keinen bezahlten Urlaub und auch kein Geld, wenn man krank ist. Wer nicht arbeitet, kriegt auch nichts“, sagt er. Die Arbeitsbedingungen in der Gastro seien nun mal prekär. „Insofern ist es richtig, darauf aufmerksam zu machen.“ Doch an der Art und Weise der Befragung durch die Initiative, hat auch er seine Zweifel.

„Man wird vorgeführt, ohne dass man davon erfährt, ohne Absender oder nachprüfbare Grundlagen. Mir wird als Betreiber das Recht entzogen, Stellung zu beziehen “, sagt Steffen. Die Ankündigung, die Ergebnisse auf Plakaten im Viertel öffentlich zu machen, empfinde er „als Konfrontation, die nicht nützlich ist.“ Andere Wirte sprechen sogar von einer „Kriegserklärung“.

Die „Initiative Gastrolohn“ will trotzdem an ihrem umstrittenen Vorhaben festhalten. „Wir haben Hoffnung, dass die betroffenen Läden reagieren und ihre Praxis ändern.“ In Zukunft sollen zudem weitere Beschäftigte befragt werden. Befürchtungen, dass das Betriebsklima in den betroffenen Läden kippt und einzelne Mitarbeiter eingeschüchtert oder gar gekündigt werden könnten, hat sie nicht. „Wir sind jederzeit ansprechbar, falls Unterstützung gebraucht wird.“

 

Kommentare


  1. Natürlich stellen Gastronomen jeden negativen Bericht über ihr Gewerbe infrage, sind ja alles selbstlose Wohltäter! Wohltäter mit ausgezeichneten Verbindungen, auch zu den Medien! Kritisiert man z.B. Molotow, kann es sein, dass der Kommentar gleich wieder gelöscht wird!

  2. Auf der Seite werden sowohl schlechte, als auch gute Dinge eines Betriebes aufgeführt, von einem Pranger würde ich da nicht sprechen. Das es keine Lohnfortzahlung im Krankheitsfall und im Urlaub gibt ist schlicht eine schweinerei und da gibt es keine Entschuldigung für. Da muss einem kein Kneipenwirt Leid tun. Und natürlich steh da nicht, von wem die Daten stammen. Das wäre ja noch schöner, wenn der Chef weiß, wer da was gegen ihn gesagt hat…

  3. Hallo,
    am schlimmsten ist es bei den Portugiesen, (von der Redaktion entfernt) Manche zahlen teilweise 3,00 EUR die Stunde. Es wird dort viel schwarz gearbeitet, auf 450 euro angemeldet , aber die Leute arbeiten am Tag mehr Stunden, bekommen dann auch mehr Gehalt. Alles am Finanzamt vorbei.

  4. Die Gastronmie ist zur Fratze des Kapitalismus verkommen und das nicht nur auf Sankt Pauli oder im Schanzenviertel – im ganzen Land ist das so!

  5. Tja klar das die Wirte jetzt rum heulen. Vielleicht sollten sie lieber mal ihr Verhalten ändern im Bezug ihres Umganges mit ihren Mitarbeitern. Das sich hier gerade der Chefs des Cafe Millers gegen eine solche Aktion stellt ist schon sehr lächerlich. Ich dachte immer eher das wäre so eine „linke“ Kneipe. Tja aber wenn es ums eigene Geschäft geht dann lassen solche Leute meistens als erstes die Maske fallen. Klar könnte man die Methoden dieser Umfrage verbessern aber es ist ein erster guter Schritt auf die Vorkommnisse hin zu weisen.

  6. och….arme Wirte. Gesetze brechen, erwischt werden, jammern.
    Ich arbeite auch in dem Bereich und kann der Initiative nur zustimmen.

  7. Es soll sich keiner in meine Bar wagen von diesen Leuten meine Leute sind lange bei mir (bis zu 40 Jahre).Bestimmt nicht, weil sie schlecht bezahlt werden.

  8. Och jetzt droht er auch noch, der Hentschel (Zuhälter) Freund! Mag ja sein, dass Sie Ihr Personal „ordentlich“ bezahlen, dann brauchen Sie sich ja auch nicht künstlich aufzuregen!

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