Tageslicht / Freitag, 22.08.2014

Hobbywinzer retten unseren Hafen-Weinberg

 
 

Nachdem die Weinlese am Stintfang im vergangen Jahr ausfallen musste, kann im Herbst wieder geerntet werden. Rund 80 Flaschen könnten es werden.

Unter den neugierigen Blicken der Touristen rollen wir die Netze aus, Meter für Meter, den Hügel hinauf und wieder hinunter. Sorgfältig verpacken wir die kostbaren Reben. Ein Schiffshorn ertönt, zu unseren Füßen zieht ein Dampfer an den Landungsbrücken vorbei. Willkommen auf dem wohl ungewöhnlichsten Weinberg Deutschlands.

Gemeinsam mit Norman, Ekke und Peter bin ich an diesem Nachmittag im wohl nördlichsten Weinanbaugebiet Deutschlands im Einsatz. Die insgesamt fünf Weinfreunde, von denen die meisten einen schwäbischen bzw. badischen Migrationshintergrund haben, sind seit diesem Sommer ehrenamtlich für die 100 Rebstöcke am Stintfang verantwortlich – ein Geschenk, von Wirten aus Baden-Württemberg, die jährlich zum Stuttgarter Weindorf in die Hansestadt kommen. Seit 1995 wird hier bereits Wein angebaut.

Weinberg am Stintfang

Stift weg, anpacken: Gemeinsam befestigen wir die Netze, die die Trauben vor hungrigen Dieben schützen sollen

In den vergangenen Jahren stand der Hamburger Weinberg jedoch unter keinem guten Stern. 2010 klauten Unbekannte über Nacht fast die gesamte Ernte. Im vergangenen Jahr lies ein fieser Pilz die Früchte komplett vertrocknen. Keine Rebe konnte gerettet werden. Derartige Vorfälle sollen sich nicht wiederholen. Jetzt müssen die Schwaben ran!

Der Stuttgarter Winzer Fritz Currle, der für die Pflege des Weinbergs verantwortlich ist, und Rebekka Dezauer vom Verein Pro Stuttgart trommelten daher auf dem Stuttgarter Weinfest vor einigen Wochen ein engagiertes Team aus langjährigen Stammgästen zusammen, die sich nun dem Schicksal des Weinbergs annehmen. „Wir sind quasi mit Wein aufgewachsen“, sagt Norman Sauer, der ursprünglich aus Heilbronn kommt und seit 20 Jahren in Hamburg lebt. „Als Kinder sind wir durch die Weinberge getollt oder haben oft bei der Weinlese mitgeholfen.“

Weinberg am Stintfang

Ekke und Norman bei ihrer Arbeit mit Blick auf die Landungsbrücken

Die Jungs wissen also, worauf es ankommt. Das Klima im Norden, so sagen sie, sei für den Wein noch das geringste Problem.  „Unsere Rebsorten Regent und Phönix sind sehr robust“, sagt Ekkehard Opitz, der einzige St. Paulianer im Team. „Die können das Hamburger Wetter ab.“ Zu kämpfen haben die Hobby-Winzer dagegen mit ganz anderen Problemen. Besonders die viele Bierflaschen und Zigaretten im Weinberg sind ein echtes Ärgernis. „Nach dem Hafengeburtstag oder den Cruise Days sieht es hier aus wie Sau“, schimpft Norman. „Unser größter Feind hat entweder zwei Flügel oder zwei Beine.“

Weinberg am Stintfang

Peter bei der Arbeit. Sieht aus wie Schwaben und ist doch mitten in Hamburg

Um die Trauben vor Mensch und Tier zu schützen, werden die Rebstöcke daher heute mit blauen Netzen umwickelt. Eine Arbeit, die Stunden in Anspruch nimmt und aufgrund des plötzlich einsetzenden Regens immer wieder unterbrochen werden muss. Doch das Ergebnis kann sich sehen lassen. „Es sieht gut aus, Hamburg kann sich freuen“, sagt Peter Kurz, der ursprünglich aus Tübingen stammt. „Durch den warmen Sommer sind die Trauben gut gereift.“ Anfang September könne man mit der Weinlese beginnen.

Im Anschluss wird Winzer Fritz Currle die Trauben mit nach Stuttgart-Uhlbach nehmen, wo der Wein schließlich hergestellt wird. Mit bis zu 80 Flaschen „Stintfang Cuvée“ ist für das kommende Jahr zu rechnen. Ein Wein, leicht und trocken, säurebetont und würzig, sagen die, die ihn in der Vergangenheit schon probiert haben.

Weinberg am Stintfang

Der Weinberg am Stintfang existiert seit 1995 und ist ein Geschenk des Stuttgarter Weindorfs

Am ersten Tag des Stuttgarter Weinfests geht der Wein dann im kommenden Jahr an den rechtmäßigen Eigentümer, die Hamburger Bürgerschaft zurück. Die Flaschen (je 0,375 Liter) sind jedoch nicht käuflich zu erwerben, sondern werden an verdiente Persönlichkeiten der Hansestadt verschenkt.

Noch nicht einmal die Hobbywinzer vom Stintfang wissen, ob sich ihre Arbeit am Ende wirklich lohnt. „Wir haben den Wein noch nie probiert“, sagt Norman. Für ihn und seine Kollegen ist die Arbeit am Stintfang reine Ehrensache. Mit Blick auf den Hafen fühlen sie sich zwischen den Rebstöcken für einen Moment wie in der Heimat. Oder wie Norman sagt: „Hier könne ma schwätze wie die Gosch gwachse is.“

 

Kommentare


  1. Habe in meinem Garten in Pöseldorf 2 Weinstöcke, die 40 kg Trauben jährlich bringen.
    Würde gern auch mal Wein daraus keltern.
    Wer übernimmt so etwas?
    Gruß
    Peter C. Oltmann

  2. Pingback: Für den "Stintfang Cuvée" sieht es gut ausSt.Pauli-News

  3. Pingback: Wie geht es weiter mit dem Hafen-Weinberg? - St.Pauli-News

  4. Anlässlich des Hafengeburtstages habe ich gestern -7.Mai 2017- den Weinberg gesucht aber nicht gefunden.
    War ich an der falschen Stelle – unterhalb des Hotels??

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