Tageslicht / Samstag, 15.11.2014

Am Bunker-Stadtgarten scheiden sich die Geister

 
 

Aller Anfang ist schwer: Die Projektgruppe für den Stadtgarten auf dem Feldstraßenbunker steckte beim Info-Treffen im Knust viel Kritik ein. Aber es gab auch Zustimmung.

Das Projekt ist ehrgeizig: Der graue Flakturm am Heiligengeistfeld soll zu einem begrünten Hingucker werden, der für alle zugänglich ist (wir berichteten am 18. 10.). Am Sonnabend im Knust sollte es nun um mögliche Beteiligungsformen gehen: Wie können die Stadtteilbewohner an der Gestaltung des Dachgartens teilnehmen und sich einbringen? „Wir sehen es als offenen Prozess“, sagte Mathias Müller-Using von der Projektgruppe Hilldegarden.

Mathias Müller-Using im Knust mit dem Stadtgarten-Modell

Mathias Müller-Using im Knust mit dem Stadtgarten-Modell

Aber im Knust kamen zunächst mal Einwände und gehörige Kritik auf den Tisch. Der unter Denkmalschutz stehende Bunker, 1942 zum Teil vom Zwangsarbeitern errichtet, sei ein Mahnmal und sollte deshalb „unverändert erhalten bleiben“, sagte in Teilnehmer. „Es ist rücksichtslos, über diesen Aspekt hinwegzusehen.“ Während die für den Bunker zuständige Kulturbehörde Interesse für das Gartenprojekt zeigt, sieht es der Denkmalrat  „kritisch“.

„Ihr plant eine massive Aufstockung“

Aus dem Publikum kamen auch skeptische Stimmen zu dem pyramidenförmig geplanten, fünfstöckigen Aufbau auf dem Bunker-Dach, in dem Gästehäuser für Künstler und ein Kultursaal untergebracht werden sollen. Dafür gebe es „keine planungs- und baurechtliche Grundlage“, meinte einer, die erforderlichen Ausnahmegehnigungen würden „nie erteilt“. Andere waren von dem Modell des Bunker-Gartens „ästhetisch erschüttert“. „Ihr plant eine massive Aufstockung, die den Charakter des Bunkers völlig verändert“, warf ein Teilnehmer der Projektgruppe vor, „er wird das ganze Karoviertel überragen“. „Fünf Stockwerke sind zu viel“, meine Theresa Jakob. Sie kann sich eher vorstellen, die Absenkung im Bunkerdach zu bebauen und darüber eine große Fläche (statt Pyramide) für Gärten herzustellen.

Teresa (links): Der Pyramidenaufbau ist zu hoch

Theresa (links): Der Pyramidenaufbau ist zu hoch

Kritik äußerten vor allem Garten-Initiativen wie Keimzelle, KEBAP und Gartendeck. Sie monierten, dass der Stadtgarten schon bis zur Projektreife durchgeplant und den Behörden vorgestellt worden sei, bevor man die ansässigen Initiativen und die Anwohner informiert  habe. „Dass wir uns jetzt an der Auswahl von ein paar Pflanzen beteiligen dürfen, kann man nicht Beteiligung nennen“, so die Kritik unter anderem von Harald Lemke (Keimzelle). An dieser Stelle entspann sich ein längerer Diskurs, ob sich die Projektgruppe (die hauptsächlich aus St.-Pauli- und Karo-Anwohnern besteht) überhaupt „Anwohnerinitiative“ nennen dürfe. Berechtigt war sicher die Frage, warum das Projekt eigentlich noch nicht im Quartiersbeirat vorgestellt wurde.

„Darf man auf St. Pauli keine Ideen mehr haben?“

Die Projektgruppe war von diesen Reaktionen offenbar völlig überrascht. Vorbild der Planung seien die Erfahrungen mit dem Flakbunker in Wilhelmsburg geween, sagte Mathias Müller-Using: Dort wurde das Bunkergrau erfolgreich begrünt. Bei der Kommunikation in die Öffentlichkeit sei möglicherweise etwas schief gelaufen. Um die Ideen und Anregungen der Bewohner im Viertel aufzunehmen, ist bereits ein Planungscontainer am Bunker aufgestellt worden.

Inzwischen machte sich allerdings im Publikum auch Unmut über die Diskussion breit („was hier gerade läuft, ist beschämend“). „Darf man auf St. Pauli keine Ideen mehr haben?“, fragte ein genervter Teilnehmer. Wenn eine Gruppe sich mit dem Besitzer des Bunkers einige und dort für die Öffentlichkeit Grün planen wolle, sei das doch gut. Man müsse doch nicht gleich „die Tür zuschlagen“.

Diese Teilnehmerin fordert mehr Platz für Schulgärten. Das Projekt sei "zu fertig"

Diese Teilnehmerin fordert mehr Platz für Schulgärten. Das Projekt ist ihr „zu fertig“, biete zu wenig Mitgestaltungsmöglichkeiten

Immerhin sind die Befürchtungen der Garteninitiativen verständlich: Sie kämpfen seit Jahren dagegen, dass immer mehr öffentlicher Raum Verkehrswegen geopfert oder in gewerbliche Flächen umgewandelt wird. Mit Grün- und Urban-Gardening-Flächen kann die Stadt kein Geld verdienen. Gärten auf privatem Grund (wie dem Bunker) seien aber auch keine Alternative: „Die sind nicht nachhaltig für die Öffentlichkeit gesichert“, sagt Kerstin vom Gartendeck. „Die Stadt stiehlt sich hier aus ihrer Verwantwortung, sie applaudiert, wenn sie selbst nichts für Grün bezahlen muss“, meint auch Heike von KEBAP. Mit Verweis auf den Bunker-Stadtgarten  könnte die Stadt argumentieren: Wieso, ihr habt hier doch einen öffentlichen Garten. Ihre Kritik an Hilldegarden haben die Garten-Initiativen in dieser Erklärung zusammengefasst.

Geeignet sind nur extrem robuste Pflanzen

Im Lauf der Diskussion zeigte sich aber, dass es auch viele Unterstützer des Hilldegarden-Projekts gibt. „Ich finde es toll, dass der große graue Kasten grün wird, und habe selber schon Ideen, was man dort machen kann“, sagte eine junge Frau stellvertretend für viele. Die Begrünung dürfte allerdings nicht einfach werden. Das räumt auch die Projektgruppe ein: Geeignet sind nur Pflanzen, Sträucher und Bäume, die Wind und Wetter standhalten. Einen Landschaftsplaner, der erste Vorschläge machen könnte, gibt es noch nicht.

„Wir werden die heutigen Meinungen und Beiträge erst mal auswerten“, sagte Tobias Boeing von Hilldegarden. „Aber jeder ist mit Meinungen und Vorschlägen willkommen.“ In zwei oder drei Wochen ist das nächste Treffen geplant.

Kontakt: Tobias Boeing, tobias@hilldegarden.org; Planungsbüro „Bunker“, Caroline Menge, Tel. 0151 5676 1152, cm@planungsbuero-bunker.info

 

Kommentare


  1. Baum-Massaker auf dem Heiligengeist-Feld geplant

    Für Die Dom/Stadionwache sollen ALLE großen alten Bäume am Rande des Feldstrassenbunkers aggeholzt werden

    Zusätzlich plant die Wirtschaftsbehörde 82 Bäume zu fällen auf dem Heiligengeist-Feld

    • Es gibt wenig, was mich an den Planungen in Hamburg freut. Das meiste ist erschütternd, wie jetzt die Fällung der großen Bäume. Aber die Begrünung des Bunkers ist ein Lichtblick am Horizont. Lassen wir doch mal den kopfgesteuerten Denkmalschutz weg – schöne Häuser werden abgerissen, hässliche bleiben, weil ein paar Verwaltungsbeamte es so wollen. Der Mensch sollte mehr auf sein Herz, sein Gefühl hören – und die Lebenden im Blick haben. Ich drück Euch und mir die Daumen!!!

  2. Und Rollstuhlfahrer schauen sich den Stadtgarten von unten an, oder???

    Ein wirklich behindertengerechter Stadtgarten hätte doch wirklich was. PlanerInnen, bevor ihr weiter plant, setzt euch einmnal versuchsweise 1-2 Wochen in den Rollstuhl und „genießt“ die Stadt.

    • Der Plan sieht doch eine Rampe rund um den Bunker vor, welche ermöglicht auch Rollstuhlfahrern Teil an diesem Garten zu haben. Zudem habe ich was von einem Aufzug gelesen bin mir da aber nicht sicher. Also wird eine barrierefreie Erschließung moglich sein.

  3. Es gibt so viele tolle Gartenprojekte in Hamburg, die wirklich von Anfang an von den Menschen im Stadtteil geplant wurden. Jederzeit bestand die Möglichkeit für Neue einfach so einzusteigen und mitzumachen. In Fall des Investorengartens wird im Geheimen ein fertiger Deal ausgehandelt ganz nach Art des Bürgermeisters Olaf Scholz. Am Ende kommt auf jeden Fall dabei raus, dass weniger öffentlicher Raum für Grün zur Verfügung steht. Der Platz wird ja für Wohnungen gebraucht. Aber Straßenbau und Parkhäuser sind immer noch drin. Die paar Alpenflechten und -Moose, die es da oben aushalten, können die verlorenen Bäume nicht ersetzen. Dies nur, ohne zu erwähnen, dass ein Baum auch ein Lebewesen ist.

  4. Tja, alles nicht so einfach. Gerade in dieser Gegend Hamburgs. Hier kann man es auf sicher nicht allen recht machen.

    Eine schön Zusammenfassung übder den Stand der Dinge hier. Danke schön.

    Was die Bepflanzung angeht, sollte man auf jeden Fall immer jemanden fragen, der sich damit auskennt. Man könnte vieles machen. Wie stehts mit VERTIKALEN Gärten an den Bunker-Wänden?

    Die Argumente betreffs Denkmalschutz verstehe ich nicht. Es ist doch sehr gut, wenn man ein solch mächtiges Ding in die aktuellen Lebensbezüge der Menschen integriert. INNEN geschieht das ja schon längst.

    Und ich sehe es wie Theresa Jakob: „Sie kann sich eher vorstellen, die Absenkung im Bunkerdach zu bebauen und darüber eine große Fläche (statt Pyramide) für Gärten herzustellen.“

  5. ..es kann keine Begründung für eine so hohe Aufstockung dieses Mahnmals sein, dass unten Bäume gefällt werden. Da gehört eine Forderung nach Neupflanzung eher angebracht.
    Gärten auf (Bunker-)Dächern find ich super, aber gerade dieses Mahnmal eignet sich meiner Meinung nach nicht dafür, genug andere stehen in Hamburg dafür bereit. Zudem es ja nicht nur um eine Begrünung geht, sondern eine massive Aufstockung, was im Modell von der Seite geschaut auch klarer wird als im „Werbebild“, was von schräg oben draufschaut.
    Allgemein finde ich es merkwürdig, dass immer über einen Garten gesprochen wird und das eigentlich große, die Aufstockung, kaum Erwähnung findet…Garten ist anschlußfähig, mit dranhängender Aufstockung etwas schwieriger, Aufstockung allein wohl eher nicht.

  6. Ich lebe seit Jahren auf St- Pauli und dieses Projekt ist das Beste, was ich seit langem gehört habe. Orte wie Planten un Blomen, Park Fiction, der Wohlerspark… solche Oasen tuen den gestressten Stadtmenschen gut. So auch dieser Dachgarten mit fantastischem Blick über Hamburg. Es bereichert das Stadtviertel, ja die ganze Stadt und steht in keiner Konkurrenz zu anderen Gartenprojekten. Ich freue mich über solche positiven Stadtentwicklungen, die den Menschen zugutekommen und ärgere mich über die ständige Anti-Haltung der Links-Konservativen, die jede Veränderung zugrunde reden. Denkt doch bitte nicht in solchen Scheuklappen.

    • Bravo, endlich mal eine positive Stimme! Ich kann mich den Worten nur vollkommen anschliessen. Diese ewigen nörgelnden Bedenkenträger sind mir eine Greuel!

  7. Der Versuch Kulturbehörde noch vor der Wahl mit der Verlängerung des Erbbaurechts Fakten zu schaffen ist zwar ruchbar geworden – auch das Millionengeschenk an Matzen.

    Dennoch werden Fakten geschaffen die die Mitwirkung des Bezirkes und der Anwohner auf ein Minimum einschränkt.

    Wie viel Planungsbeteiligung wirklich gewollt ist bleibt fraglich – denn an dem Gewerbeaufbau soll festgehalten werden

    Ebenso fraglich ist ob sich die Begrünungsfantasie umsetzen lässt – da der Bunker 2 verschattete Nordseiten hat – auf Grund seiner Lage

    Ebenso ungeklärt ist der Umgang mit dem Bunker als Mahnmal

    Ungeklärt sind auch die Verkehrsbelastung, die Auswirkungen auf die Mieter während der Bauzeit,………..

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