Tageslicht / Freitag, 15.05.2015

Filmnächte am Millerntor – ohne 3001-Kino

 
 

Und alles wegen Geld: Der FC St. Pauli sagt „Good-bye 3001“ und wechselt zu einem anderen Kino-Anbieter. Unter den Fans sorgt das für Aufregung.

Von „Fuck ju Göte“ über „Good-bye Lenin“ bis zum Film über die Esso-Häuser: Seit zehn Jahren bot das 3001 Kino abwechslungsreiche sommerliche Filmkost auf der Südtribüne im Millerntorstadion. In diesem Jahr nicht mehr: Der FC St. Pauli hat sich aus wirtschaftlichen Gründen von dem Stadtteilkino getrennt und die Filmnächte an die „Outdoor Cine GmbH“ vergeben, die auch das Open Air Schanzenkino im Schanzenpark veranstaltet. Die „Filmnächte im Millerntor“ firmieren jetzt unter „St. Pauli Sommerkino“, in diesem Jahr vom 7. Juni bis zum 17. Juli. Für Vollzahler bleibt der Eintrittspreis acht Euro, der Preis für Ermäßigte steigt allerdings von fünf auf sieben Euro.

„Mal wieder werden die Kleineren von den Größeren verdrängt“

Der Konkurrent sei bereit, „eine deutlich höhere Miete“ für die Filmnächte zu zahlen, schreibt das 3001 in einer Stellungnahme. Die Betreiber sind tief verletzt. „Die Kleineren werden mal wieder von den Größeren weggedrängt“, sagt Carl Schröder vom 3001. „Wir hatten uns mit dem FCSP verständigt, dass wir eine nichtkommerzielle Nische gestalten wollten. Deshalb haben wir auch immer auf Werbung verzichtet und Angebote von Werbefirmen ausgeschlagen. Jetzt hat uns der Verein mitgeteilt, dass sein Wirtschaftsprüfer findet, man könne die Südtribüne nicht länger fast umsonst weggeben.“

Foto: 3001

Die Filmnächte: Open Air, aber überdacht, mit Kaltgetränk (Fotos: 3001)

Das 3001 habe pro Saison im Durchschnitt ca. 5000 Euro an den FCSP für die Filmnächte gezahlt. Schröder geht davon aus, dass Outdoor Cine rund 12.000 Euro mehr bietet. Das Argument des FCSP, er müsse Arbeitsplätze erhalten, sei nicht stichhaltig: „Von 12.000 Euro kann man keine Stelle finanzieren. Wir sehen in der Reaktion des FCSP eine Willensbekundung, ob er auf das Geld verzichten will oder eben nicht.“ Das 3001 habe trotz persönlicher Anschreiben an Vorstand, Präsidium, Aufsichtsrat und Ehrenrat des FCSP keinerlei Reaktion bekommen. Auf seiner Website fordert das Kino die Fans auf: „Wir bitten euch, den FC St. Pauli an seine Verantwortung für den Stadtteil zu erinnern.“

Enttäuscht ist Schröder aber auch von Dirk Evers, dem Geschäftsführer von Outdoor Cine. Man kennt sich nämlich: Evers war früher selbst mal beim 3001 tätig – als Filmvorführer – und startete vor 15 Jahren das Schanzenkino auf der Wiese im Schanzenpark. Dort stieg im Jahr 2001 auch das 3001 Kino ein, brachte ein Leinwandgerüst und größeren Projektor mit, so Schröder. Ein paar Jahre später zog sich das 3001 aus dem Schanzenkino zurück – und organisierte 2003 die „Filmnächte am Millerntor“ im Rahmen der Retter-Kampagne für den FCSP. „Dirk Evers hat uns jetzt nicht mal angerufen, als er die Anfrage vom FCSP erhielt“, sagt Schröder.

Angesichts der Abstiegsgefahr will der FC St. Pauli „Kosten minimieren und mögliche Erlöse erzielen“

Vereinssprecher Christoph Pieper bestätigt auf Nachfrage im Wesentlichen die Angaben, die Pauli-Präsident Oke Göttlich im Gespräch mit dem „Übersteiger“ gemacht hatte. „Aufgrund der sportlichen Situation und eines möglichen Abstiegs in die 3. Liga ist das Präsidium durch den Aufsichtsrat und den Betriebsrat aufgefordert, bei wirtschaftlichen Entscheidungen so zu verfahren, dass Kosten minimiert und Erlöse erzielt werden“, sagt Pieper. „Das war auch bei dieser Entscheidung der Fall. Denn schließlich soll alles dafür getan werden, die Arbeitsplätze der Mitarbeiter zu sichern und der Verantwortung ihnen gegenüber nachzukommen. Zudem sind wir als Verein – nicht zuletzt wegen der umgesetzten Infrastrukturmaßnahmen – angehalten, vernünftig zu wirtschaften.“ In der Geschäftsstelle des FCSP sind rund 35 Mitarbeiter/innen beschäftigt. Dazu kommen noch Mitarbeiter im Nachwuchsleistungszentrum, Honorarkräfte, freie Mitarbeiter und geringfügig Beschäftigte – insgesamt also mehrere hundert Personen.

„Hätten die beiden Angebote (der Kino-Anbieter) ähnlich beieinander gelegen, hätten wir auch weiter mit dem 3001 zusammengearbeitet“, sagt Pieper. Das aber kommt für das 3001 nicht in Frage: „Wir möchten ab nächstes Jahr unsere Filmnächte wieder machen, auf der Südtribüne, zu den gleichen Konditionen wie 2014.Wir zahlen keine höhere Miete!“, so das Kino auf seiner Website.

Auf die Frage, warum das 3001 Kino auf seine Briefe an die Vereinsführung keine Antwort erhalten hat, räumte FCSP-Präsident im „Übersteiger“ einen „großen Fehler“ ein. Demnach hat der Verein Mitte April eine ausführliche Erklärung an das 3001 Kino verfasst, aber versehentlich nicht abgeschickt.

Filmnächte künftig mit besserer Technik – und Werbung wie schon beim Schanzenkino

Dirk Evers von der Outdoor Cine GmbH tut es „sehr leid, wie das jetzt gekommen ist“, sagt er. Seine Firma habe dem FCSP erst auf Anfrage ein Angebot gemacht. „Der Verein ist an uns herangetreten. Wir sind nicht auf Einkaufstour durch Deutschland und seine Stadien.“

Outdoor Cine ist in erster Linie ein technischer Dienstleister für Projektionstechniken, z.B. bei Public Viewing, bei der Kieler Woche, dem Schleswig Holstein Musikfestival und auf Weihnachtsmärkten. Seit 15 Jahren veranstaltet Evers das Schanzenkino, „und in derselben Art wollen wir auch das St. Pauli Sommerkino machen: mit einer moderneren Projektionstechnik (DCP wie in Indoor-Kinos) und mit Werbung. Das kann man uns vorwerfen, aber dadurch bekommt der FC St. Pauli auch mehr Geld in die Kassen.“

Fans reagieren angefasst

Viele Fans sind zwischen Baum und Borke: Einerseits verstehen sie, dass der Verein in seiner jetzigen Lage unter dem Damoklesschwert des möglichen Abstiegs finanziell vorsichtig wird und dass das Controlling genau mitrechnet. Trotzdem reagiert die Fanszene kritisch. Etwa im Kiezkicker auf Facebook: „Ein Stadtteilkino, nach Jahren der Zusammenarbeit vom Stadtteilverein herausgedrängt und durch jemanden ersetzt, der ganz schnöde mehr zahlen kann?“, heißt es da in der Kolumne Filmnächte am Millerntor – ohne die Macher?! „Und dann, nach jahrelanger Zusammenarbeit, nicht mal auf deren Briefe (Mehrzahl!) reagieren? Tolles Ding… Ich will meine Filmnächte am Millerntor zurück! Die echten! Vom Erfinder!“

Oder „Frodo“ im „Übersteiger“-Blog: „Ab welcher Summe ist so eine Entscheidung vertretbar, wenn unterm Strich Arbeitsplätze im Verein dadurch gesichert werden können, zumindest anteilig? Wie viel Verantwortung trägt der Verein für Unternehmen im Stadtteil, wie existenziell ist die Veranstaltung für das Kino?“ Auch auf der Sommerkino-Facebook-Seite gibt es Kritik von „Ganz großes Tennis, FC“ bis „Was passiert nur mit unserem Verein… Schande“.

Vielen FC-Fans und Anwohnern hat bisher nicht nur das Kino in ihrem geliebten Stadion, sondern auch die Auswahl der Filme gefallen. Das 3001 steht eben nicht für Mainstream-und-Multiplex-Action-Blockbuster-Komödie, sondern für eine kleine feine Auswahl vom Klassiker, der sonst fast nirgends mehr läuft, über den Renner („Inglorious Basterds“) bis zu Filmen aus dem/über den Stadtteil und Themen wie Gentrifizierung.

Daran soll sich auch gar nichts ändern, sagt Dirk Evers von Outdoor Cine. „Mit der längeren Spielzeit haben wir noch mehr Arthouse Produktionen und St. Pauli Kultfilme aufgenommen. Außerdem zeigen wir, wie im Schanzenpark, die Reihe ‚The Original Only‘ mit Filmen in der englischen Originalfassung mit deutschem Untertitel.“ Dazu gehört z.B. „The Big Lebowski“. Das Programm steht demnächste auf der Website.

 

Kommentare


  1. Na bitte!
    Wieder ein kleiner Schritt in Richtung Gentrifizierung unseres FCSP! Natürlich kann irgendein Wirtschaftsprüfer feststellen, dass man bei Kinoabenden im Stadion mehr Einnahmen erzielt, wenn man einen Anbieter wählt, der uns mit Werbung beglückt! 4 Euro für ein schlecht gezapftes Stadion-Bier, 3001-Kino ausgebootet – es bringt langsam keinen Spaß mehr bei euch! Der Mythos verblasst zusehends und der FC St Pauli versinkt im Mainstream!

  2. Wer meint das die Entwicklung der letzten Zeit
    Spielereinkauf ,Trainer, der Präsident, alles vor Lienen, nicht im Zusammenhang mit Vertreibung , Geld machen ,auf ein zuschneiden für besserverdienende ist , den die Kohle macht die Musik. Also weg mit den alten Zöpfen. Weg mit den Begründern des positiven .
    Alles klinisch tot. Viel Spaß beim Zombie Film + Fussball.

  3. Fassungslos!
    Hier maulen Fans rum, die unfassbar unwissend und ignorant sind. Wenn der FC St. Pauli e.V. nicht das beste Angebot (Leistung und Gegenleistung) annimmt, verliert der e.V. seine Gemeinnützigkeit. Es wäre ein Verstoß gegen die Vorschrift von § 55 Abs. 1 Nr.1 Abgabenodnung. Als gemeinnütziger Verein ist man verpflichtet, so hohe Einnahmen wie möglich zu erzielen. Das klingt zwar pervers, ist aber so. Beide potentiellen Veranstalter des Kinos sind meines Wissens nach nicht gemeinnützig, dann wäre ein niedrigeres Angebot (aber auch nur theoretisch) akzeptabel.
    Mit dem Verlust der Gemeinnützigkeit verbunden, wäre der Verlust der Lizenz für die ersten 3 Ligen.
    Also jammert hier nicht, sondern seid glücklich, dass unser Verein gute Prüfer/Berater hat.

    • Komisch?
      Und wieso kommuniziert der Verein das dann nicht?

      12000$ ? Wollt ihr mich verarschen? Das ist nicht mal ein Monatsgehalt von einem Spieler.
      Also wenn man hier nicht unbedingt wirtschaftlicher handelt, Ist der Verein echt bald pleite. … tzzz

      Und keine Lizenz für die Bundesliga? Ja und? wen juckts. Der Verein hatte immer genug anderes zu bieten als Fußball. Das hat ihn doch immer von den anderen Vereinen unterschieden. Schade dass das immer weiter bröckelt.

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