Tageslicht / Samstag, 21.03.2015

Esso-Neubau: Kleine Nischen, große Vielfalt

 
 

Die Initiatoren der PlanBude präsentieren erste Visionen für die geplante Neubebauung des Esso-Areals. Es bleibt spannend.

Sie haben Legosteine aufeinandergestapelt und Knetberge zu Fassaden geformt, haben sich die Hände wund skizziert und seitenlange Aufsätze verfasst, haben Zeit, Energie und Hirnschmalz geopfert: Viele Menschen, nicht nur aus St. Pauli, haben in den vergangenen Monaten seit Oktober die Chance genutzt, ihre Idee und Vorschläge für die geplante Neubebauung des Esso-Areals miteinzubringen. Zuletzt war die Ideensammlung der PlanBude nach den Worten der Initiatoren „pickepackevoll“.

 

Mit Spannung dürften daher viele auf die heutige Stadtteilversammlung hingefiebert haben. Dort stellten die Initiatoren der PlanBude am Nachmittag erste „Tendenzen“ vor und boten somit einen ersten Überblick über die Vielzahl und Vielfältigkeit der eingegangenen Vorschläge. „Wir haben jedoch noch nicht alles gesichtet“, stellt Renée Tribble von der PlanBude zu Beginn klar. Kein Wunder: Bei mehr als 2000 Beiträgen haben die Macher derzeit auch alle Hände voll zu tun. „Wir sind mit dem Feedback aus dem Stadtteil mehr als zufrieden“, sagt Kollegin Margit Czenki. „Es ist für uns schön zu sehen, dass sich so viele Menschen aus allen Altersschichten beteiligt haben.“

Präsentation Planbude

Volles Haus bei der ersten Präsentation in der Stadtteilschule am Hafen

Ist der St. Pauli Code denn jetzt geknackt? Nun ja, zumindest einige griffige Thesen haben die PlanBuden-Macher aus den vorliegenden Beiträgen bereits zusammengefasst. „Unterschiedlichkeit statt Homogenität“ zählt ebenso dazu, wie „günstig statt teuer“ oder die Forderung nach „alt vor neu“. Gewünscht wird „schmuddeliger Glamour, echt und lebendig statt Hochglanzfassade“. Noch mehr Büros, Musicals, Luxushotels oder Supermarktketten erteilt eine Vielzahl der Teilnehmer dagegen eine deutliche Absage.

Ganz weit oben auf der Agenda steht für viele vor allem das Thema Mieten. So wünschen sich 52 Prozent der Befragten vor allem bezahlbaren Wohnraum auf dem Esso-Areal. Kleine und günstige Wohnungen für Alleinerziehende und Senioren, aber auch für Flüchtlinge und Obdachlose, werden ebenso befürwortet, wie der Wunsch nach familiengerechtem und gemeinschaftlichem Wohnen. „Tatsächlich steht bei vielen Menschen die Frage im Raum, was man innerhalb eines Hauses teilen kann“, sagt Margit Czenki. Sie sei überrascht, dass gerade viele Ältere scheinbar Gefallen an Wohngemeinschaften gefunden hätten. „Einige brauchen für sich nur ein Bad mit Toilette und ein Schlafzimmer und würden alle weiteren Räume mit anderen Menschen teilen.“

Gemeinsam statt einsam – ein Grundgedanke, der in vielen Beiträgen tatsächlich immer wieder auftaucht. Überhaupt scheint der Wunsch nach einer informellen Begegnungsstätte, einem mehr oder weniger öffentlichen Ort des Miteinanders, vielen Teilnehmern sehr wichtig zu sein. Dies betrifft sowohl Räume für die Bewohner selbst (wie eine Werkstatt oder ein Proberaum für Musiker), ebenso aber auch Orte, die für alle jederzeit zugänglich sein sollen. Ginge es nach den Teilnehmern wäre ein Dachgarten auf dem Neubau daher quasi schon beschlossene Sache – ob mit Palmen oder ohne. „Auf die Dächer muss Leben“, fasst Christoph Schäfer die allgemeine Stimmung zusammen.

Präsentation Planbude

Kleinteilig und verschachtelt, Bestehendes mit Neuem vereint – so jedenfalls ließen sich viele der Vorschläge zusammenfassen

„Es gibt einige, die wieder einen Ort erfinden möchten, wo Besucher und Einheimische aufeinandertreffen“, sagt Margit Czenki. So sei auch ein überdachter Treffpunkt, ähnlich der ehemaligen Esso-Tankstelle, von vielen Menschen vorgeschlagen worden. Hier könnte auch ein 24-Stunden-Kiosk oder ein kleiner Lebensmittelmarkt entstehen, der die Nahversorgungsfunktion der ehemaligen Kieztanke übernehmen könnte. Andere haben bereits der Kogge, die derzeit noch an der Bernhard-Nocht-Straße angesiedelt ist, einen großzügigen Raum an der Taubenstraße/Ecke Kastanienallee reserviert.

Doch nicht nur die Rock´n´Roll-Kneipe könnte nach dem Willen einiger St. Paulianer auf dem ehemaligen Esso-Areal ein neues Zuhause finden. Neben den ehemaligen Gewerbetreibenden, wie Molotow oder Planet Pauli, die nach dem Willen vieler Teilnehmer wieder in dem Neubau unterkommen sollen, kamen zum Thema Vergnügen und Unterhaltung unzählige Ideen zusammen. So findet sich unter den „10 Punkten für Ausgehkultur“ vor allem die Forderung nach mehr Subkultur, nach kleinen Nischen und großer Vielfalt. Mehr oder weniger versteckte Orte, die durchaus auch einen rauen und dreckigen Charme haben dürfen. „Es fehlt ein Golden Pudel auf der Reeperbahn“, schreibt ein Teilnehmer. „Ein Club mit abwechslungsreicher Musik, der keine 10 Euro Eintritt verlangt, wo alle reinkommen unabhängig von der Hautfarbe.“

Äußerst populär ist auch der Wunsch nach einem Kino an der Reeperbahn, wie es sie früher zuhauf dort gab. „Ein Anliegen, das sich quer durch alle Generationen zieht“, sagt Margit Czenki. Dabei sei auch denkbar, die Kinosäle vielfältig und auch für andere Arten von Veranstaltungen zu nutzen. Tatsächlich taucht bei vielen Ideen immer wieder die Frage auf, wie bestimmte Räume möglichst vielseitig genutzt werden können. Da verwandelt sich der Lesesaal am Nachmittag auch mal in ein Tanzcafé oder der Kinosaal ab Mitternacht in eine Burlesque-Bühne.

„Das Thema Erotik und Rotlicht spielt bei einigen Befragten durchaus eine Rolle“, sagt Christina Röthig vom Team PlanBude. Gemeinsam mit Matthias Grimme hatten die Initiatoren bei einem Workshop Anfang Februar entsprechende Ideen gesammelt. Neben der Aufführung von Cabaret- oder Burlesque-Shows, wird auch die Etablierung eines von Frauen geführten Sexclubs oder die eines veganen Sexshops, nach dem Vorbild von Other Nature aus Berlin, nicht ausgeschlossen. Über allem steht dabei wie überall: „Toleranz und Raum für alles, was von der Norm abweicht.“

Planbude Präsentation IV

St. Pauli in die Zukunft denken: Mehr als 2000 Teilnehmer haben mitgemacht

„Ein sehr bunter Ideenstrauß“, so das Fazit von Panoptikum-Inhaber Hajo Faerber, der vor allem darauf hofft, dass auch sein Wachsfigurenmuseum, das direkt an das Esso-Areal angrenzt, bei der Gestaltung des Neubaus berücksichtigt wird. „Es hat sich schon deutlich herauskristallisiert, was alles gewünscht wird. Ob dies immer so umsetzbar ist, wird man sehen.“

Manch einer der Anwesenden hält die vorgestellten Ideen jedoch für „beinahe komplett realitätsfern“. Der Aspekt der Finanzierung und Wirtschaftlichkeit sei völlig außer Acht gelassen worden. „Die Vorschläge haben durchaus Hand und Fuß“, widerspricht hingegen Andreas Gerhold von den Piraten. „Es darf in einem solchen Prozess nicht von vornherein bestimmte Denkverbote geben.“ Er ist überzeugt, dass viele kleine Teile am Ende ein Ganzes ergeben. „Dieser Prozess kann exemplarisch für ganz Hamburg sein.“

Auch Bezirksamtsleiter Andy Grote (SPD) zeigte sich beeindruckt. Die hohe Zahl der Teilnehmer sei bereits ein beachtlicher Erfolg in sich. „Die Intensität, wie man über viele Fragen nachgedacht hat, ist beeindruckend und verdient Wertschätzung“, sagt Grote. Besonders an der Idee eines Dachgartens scheint der Bezirksamtsleiter Gefallen gefunden zu haben. Viele Ideen und Anregungen seien jedoch zum Teil sehr kleinteilig und in mancher Hinsicht widersprüchlich. „Die Frage wird sein: Wie kriegen wir das unter?“

Auf die Frage nach der Umsetzbarkeit der entwickelten Visionen, zeigt sich Grote optimistisch, betont aber: „Wir kommen jetzt in die kritische Phase.“ Konfrontation sei dabei nicht ausgeschlossen. „Ein Risiko besteht immer.“ Demnach wird die Bayerische Hausbau am Ende wohl nur bauen, wenn es eine gesamtwirtschaftliche Finanzierungsgrundlage gibt. „Wir werden daher eine Balance zwischen den verschiedenen Nutzungsarten finden müssen.“

Der eigentliche Stresstest für das Projekt PlanBude steht somit erst noch bevor. Die spannende Frage, ob und wie genau bestimmte Vorschläge in der Aufgabenstellung für den anstehenden Architektenwettbewerb, der im Juni starten soll, festgeschrieben werden können, wird man wohl erst in einigen Wochen beantworten können. „Wir haben bereits eine gute Übersicht zusammengestellt“, sagt Renée Tribble von der PlanBude. Nun gehe es darum die bereits ausgewerteten Tendenzen weiter zuzuspitzen und die „Hard Facts“ herauszuarbeiten. Diese sollen dann bei der nächsten Stadtteilversammlung am 11. April erörtert werden.

(Fotos: Daniel Schaefer)

 

Kommentare


  1. realitätsfern ist noch nett ausgedrückt… totaler irrsinn. wer zahlt bestimmt und kein anderer! wenn ich schon so was lese, von veganen sexshop.. gehts noch?

    • @Meister. Volle Zustimmung, teils komplett hirnrissige Vorstellungen! Die wollen die alte Esso durch die Hintertür wieder einführen! Ein kleiner Kiosk. der 24 Std geöffnet hat? Ballermann wie gehabt! Ein Dachgarten? Von welchem sich der Lärm der Grölenden bis in die Endo Klinik fortpflanzt? Ist Herrn Grote bewusst, dass in St.Pauli auch Menschen wohnen? Bis zu seiner Wohnung, tief in der Talstr. wird der Krach natürlich kaum dringen……! Und dann auch noch ein kleiner Markt? Hallo? Wurden und werden die beiden, von Randständigen belagerten Märkte auf der Reeperbahn nicht permanent verflucht? Und jetzt wird nach noch so einem gegiert? Als Investor hätte ich längst hingeschmissen!

      • Korrektur. Der Bezirksamtsleiter HH Mitte Herr Grote hört jetzt noch weniger Lärm. Er ist nämlich von der Talstraße weggezogen in ein Haus, welches vom Chef seines Vorgängers, des neu in die Bürgerschaft gehievten Markus Schreiber verwaltet wird!!!! Filz? Ach was! Um die Immobilie herum soll es bereits mächtig brodeln, siehe die taz! Der 1.Mai wirft seine Schatten voraus!

  2. Wie schon geschrieben, kommt der „stresstest“ erst noch… denn die Ausschreibung wird internationalen Ablaufen und woher Bitte soll ein australischer oder japanischer Architekt wissen wie er st.pauli zu interpretieren hat, wenn es mit den tanzenden türmen(Leitidee für den Entwurf ist die Ausbildung eines expressiven Baukörpers, der dem heterogenen Kontext des Ortes und seiner überregionalen Bedeutung gerecht wird — o-ton h.t.) ein hiesigem Architekten schon nicht gelang… in sofern muss man ganz klar feststellen : je verrückter die Ideen die ihnen vorgestellt werden, desto größer wird die Chance sein, dass einer versteht was erwartet wird! Und das es im Ergebniss etwas sein kann was uns gefällt und gleichzeitig lukrativ ist, erachte ich nicht als unmöglich… es wird nur so sein, dass es eine Variante geben wird die uns weniger gefällt , dafür aber noch lukrativer ist uns welchen Weg die bayerischen Hausbauern dann einschlagen, will ich heut noch nicht wissen.

  3. der ansatz , auch „unrealistische“ ideen bewusst zuzulassen und sich keine beschränkung zu geben, ist der richtige.. nur so kann sich ein stadtbild verändern hin zu räumen und flächen, die auch gerne in anspruch genommen werden. siehe park fiction.. ansonsten entsehen nur weitere dunkle windschleusen mit designerwippen , auf die sich kein kind traut. ein guter anfang. jetzt gilt es , diese vorschläge ernst zu nehmen und in kommunikation zu bleiben.

  4. Pingback: Esso-Neubau: Die Essenz des "St. Pauli-Code"

  5. Wer sind eigentlich diese Personen aus der PlanBude? Wer hat die eingestellt, sind es Genossen, die der Beruhigung und Ablenkung im Stadtteil dienen? Zur erfolgreichen Umsetzung von
    Bürgerideen nach Grote-Manier schaut mal zum Cremon, häßliche Neubauklötze mit Mieten zu Höchstpreisen und von 186 ganze 16 Sozialwohnungen…

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