Tageslicht / Donnerstag, 05.11.2015

Ein Bunker zwischen Traum und Borke

 
 

Großes öffentliches Interesse beim Info-Abend des Bezirks zur Zukunft des Feldstraßen-Bunkers. Auch der Bauherr stellte sich vor. Update

Update: Ein “engagierter Nachbar und Architekt” hat auf der Seite fragmal.net eine Möglichkeit eingerichtet, sich mit offenen Fragen und Hintergründen des Bauprojekts zu beschäftigen – auch anhand von Visualisierungen – und in einer Abstimmung die eigene Meinung kundzutun. 

Das Interesse war groß, die Aula des Wirtschaftsgymnasiums St. Pauli füllte sich am Donnerstag Abend schnell. Vor der Anhörung des Bezirks zum Thema „Begrünung und Aufstockung“ des Bunkers an der Feldstraße drängten sich Anwohner, Neugierige und Stadtteilaktive um die Entwurfszeichnungen, die an Tafeln ausgestellt waren. Auch viele Bezirksabgeordnete waren gekommen, um sich ein Bild zu machen. „Ich bin gespannt“, sagte Wolfdietrich Thürnagel (Piratenpartei). „Wir haben ja bisher weder im Stadtplanungsausschuss noch im Bauausschuss darüber beraten.“

Wie berichtet, will Erbpächter Thomas Matzen den ehemaligen Flakbunker durch Aufbauten erweitern und auf dem Bunkerdach einen „Stadtgarten“ einrichten. In den fünfstöckigen Aufbauten sollen unter anderem ein großer Konzert- und Freizeitsaal, außerdem drei Künstler-Gästehäuser sowie „Stadtteilflächen“ für Initiativen oder Vereine entstehen. Für die Gartenanlagen hatte das Beteiligungsprojekt Hilldegarden ein detailliertes Begrünungskonzept erarbeitet.

Auf dem Podium, v.l.: Michael Osterburg, Thmas Matzen, Robin Houcken (Planungsbüro Bunker) und Tobias Boeing (Hilldegarden)

Auf dem Podium, v.l.: Michael Osterburg, Thomas Matzen, Robin Houcken (Planungsbüro Bunker) und Tobias Boeing (Hilldegarden)

Der Umfang des Bauprojekts ist auch für den Bezirk neuartig. Ein Dachgarten fürs Gemeinwohl und Innenräume für die Privatwirtschaft – wie sich beides verträgt (und mit dem Stadtteil), wird seit einem Jahr diskutiert. Da war es positiv, dass der Bezirk auch den Investor selbst aufs Podium gebeten hatte. Thomas Matzen – Unternehmensberater, Mäzen und Dozent für Management an der TU Hamburg-Harburg – war bisher auf den Veranstaltungen nicht in Erscheinung getreten.

Matzen erinnerte vor dem Publikum daran, dass er den Bunker vor 21 Jahren in einem schlechten Zustand übernahm. Sanierung und Umbau zum heutigen Medienbunker dauerten Jahre. „Dieser Bunker ist kein Spekulationsobjekt und wird es auch nicht werden“, sagte Matzen. Man habe „einen Mix entwickelt auf Kosten unserer eigenen Wirtschaftlichkeit“. Er trat auch gleich einigen Kritikpunkten entgegen: Auf dem Dach sei kein „Hotel“ geplant, sondern “stark subventionierte Künstlerwohnungen”, für die in Hamburg großer Bedarf bestehe. Die zuerst für Musik und Events geplante Halle soll nun offenbar zur Sport- und Veranstaltungshalle werden: „Der FC St. Pauli hat sich die Option gesichert, dort oben Sport anzubieten.“

Thomas Matzen nahm auch zu Kritikpunkten Stellung; neben ihm ein Plakat von Gegnern des Projekts

Thomas Matzen nahm auch zu Kritikpunkten Stellung; neben ihm ein Plakat von Gegnern des Projekts

Über seine ganz persönliche Vision, seine persönlichen Antriebsgründe gerade für dieses Projekt sagte Matzen leider kaum etwas. Sie schimmerten nur durch wenige Sätze: „Wer hat schon einen Park in 50 Metern Höhe? Wo auf der Welt gibt es das sonst?“, sagte er. Auf dem Bunker solle „etwas Einzigartiges auch für den Stadtteil“ entstehen.

Robin Houcken vom Planungsbüro Bunker stellte anhand einer Powerpoint-Präsentation vor, welche Nutzungen auf jeder Ebene der fünf neuen Stockwerke vorgesehen sind. Demnach sollen mit der Aufstockung 7734 qm öffentliche Flächen, 7523 qm gewerbliche genutzte Flächen und 7590 begrünte Flächen entstehen. Die detaillierte Präsentation hätte mehr Zeit verdient, denn sie war noch nicht veröffentlicht worden (das soll in diesen Tagen auf der Webseite des Planungsbüros nachgeholt werden, so Houcken).

Die auf dem Dach geplante Park-Gastronomie soll demnach den Parkbetrieb übernehmen und die Einhaltung der maximalen Personenzahl auf dem Dach gewährleisten. Zum Stichwort Verkehrskonzept nannte Houcken die Schaffung von Fahrradstellplätzen und die Zusammenarbeit mit Car-Sharing-Anbietern; geprüft werde noch, ob benachbarte Parkhäuser mitgenutzt werden könnten (das wäre dann wohl das Parkhaus der Rindermarkthalle). Nach einem eigens erstellten Gutachten soll sich die von Anwohnern befürchtete Verschattung der gegenüberliegenden Häuser in Grenzen halten: Nur in zwei Monaten sei der Sonneneinfall geringer, als er jetzt ist. Um eine Lärmbelastung der Anwohner zu minimieren, sollen Besucher des Dachs auf der Südseite des Bunkers abgeleitet werden, außerdem sei eine schallschluckende Bepflanzung geplant.

Für viele Zuhörer, die anschließend noch die Arbeitsergebnisse der Gruppe Hilldegarden erfuhren, (demnächst dazu ein Interview), war die Informationsfülle etwas erdrückend. Das machte sich bemerkbar, als Versammlungsleiter Michael Osterburg (Die Grünen) gegen 20.50 Uhr die öffentliche Fragestunde eröffnete. „Jetzt in Beiträgen von anderthalb Minuten alle Fragen oder Einwände einzubringen, ist unmöglich“, monierte Harald Lemke („Keimzelle“). „Wir wollen keinen Planungsprozess, bei dem schon alle Pläne fertig vorliegen.“

An der Diskussion beteiligten sich rund 20 Teilnehmer aus dem Publikum

An der Diskussion beteiligten sich mehr als 20 Teilnehmer aus dem Publikum

Die Beiträge waren allerdings so gemischt wie das Publikum. Neben dem Vorwurf, das „Großprojekt passt nicht zu St. Paulis Votum für mehr Kleinteiligkeit“, wurde u.a. bemängelt, die Aufstockung verändere „den Charakter des Bunkers als Mahnmal („Wie haben Sie es geschafft, den Denkmalschutz auszuhebeln?“, fragte ein älterer Herr). Ein anderer Anwohner meinte: „Der Dschungel auf dem Dach ist nur ein Feigenblatt gegenüber einer riesigen gewerblichen Nutzfläche.“

Hilldegarden erntete Respekt für die intensive Arbeit über Monate mit mehreren Infoveranstaltungen und sechs Workshops. Dass ein „Beteiligungsformat“ vom Investor finanziert wird, erregt bei vielen aber immer noch Misstrauen. Neben dem Argwohn „Stimmt es, dass die Architekten für eine Firma arbeiten, die Herrn Matzen gehört?“ kam auch die Frage: „Wer ist für was von wem bezahlt worden?“ Ein Zuhörer wollte noch einmal wissen, warum die Kulturbehörde (für den Bunker zuständig) dem Investor die Kosten für die Verlängerung der Erbpacht erlassen wolle. Weil die Investitionssumme den Pachtzins um ein Vielfaches übersteige, sagte Thomas Matzen sichtlich verärgert.

Aber es gab auch etliche Fürsprecher. „Dieses Projekt ist vom Investor finanziell abgesichert, dadurch kann etwas Neues entstehen. Oder wollen wir weiter in Waschbeton wohnen?“, fragte ein Mann. Das Projekt bringe viele Interessen von Anwohnern zusammen, sagte eine Frau von Hilldegarden. „Wenn es etwas Kommerzielles gibt, dann ist es die Rindermarkthalle und nicht dieses Projekt.“

Im Juli wurde der Bauantrag für das Projekt gestellt. Ein städtebaulicher Vertrag soll die Absicherung des Gemeinwohls absichern. Aber noch sei nichts verbindlich entschieden, versuchte Bezirksamtsleiter Andy Grote zu beruhigen. Von Seiten des Bauherrn wird ein Baubeginn im Frühjahr 2016 angestrebt, sagte Robin Houcken. Er rechne mit einer Bauzeit von 18 Monaten.

Man möchte nicht in der Haut der Abgeordneten stecken. Vielleicht ist das Projekt einfach zu groß und zu vielschichtig, um nach nur einer einzigen bezirklichen Anhörung darüber entscheiden zu wollen.

 

Kommentare


  1. Oh man, da setzt sich jemand ein, will mit eigenem Geld etwas gutes für die Öffentlichkeit und für Künstler schaffen, und muss sich jetzt schon die wildesten Vorwürfe und Anfeindungen anhören. Wo leben wir denn?

    • Wahrscheinlich sind Sie unzufrieden über die Diskussion, da Sie den geplanten Dachgarten als ein besonderes Geschenk ansehen? Wie aber wäre ein aktiver Geschäftsmann wirklich in der Lage, etwas zu verschenken?

      Im Gegenteil, wenn ihm auch dieses Geschäft gelingt, dann nimmt er schon über die zusätzliche Gewerbefläche bedeutend mehr ein, als er für den Dachgarten ausgibt. So ein Garten könnte – ebenso wie die kulturellen und sportlichen Aktivitäten – zusätzlich die Attraktivität erhöhen und damit die Einnahmen der regulären Vermietung steigern (z. B. der Appartments an wohlhabende Touristen etc.). Der Laden brummt…

      • Ja, und was ist an Unternehmertum verwerflich? Er schadet niemandem, schafft Jobs und Möglichkeiten. Sie scheinen daher nur missgünstig und neidisch zu sein.

  2. Den Vorschlag von Thomas Matzen mit einer 21m hohen Aufstockung, einem Gästehaus, etwas Grüngestaltung und einer Veranstaltungshalle mit über 1.000 qm Fläche kennen wir jetzt.
    Nun scheint der Zeitpunkt gekommen, dass auch weitere Alternativen eine Chance erhalten. Es eilt ja nicht…wir sollten uns Zeit lassen und in Ruhe nachdenken. z.B. über:

    a) eine “extensive” Begrünung – “ohne Aufstockung”, wie beim ehemaligen Bunker in Wilhelmsburg, dem Vorbild von Hilldegarden

    b) eine Begrünung mit nur 1-2 zusätzlichen Geschossen

    c) keine Veränderung der Hülle, aber der TRÄGERSCHAFT / eine Übernahme des Bunkers (nach Ablauf der Pachtzeit) durch eine GEMEINNÜTZIGE STIFTUNG “Krieg und Frieden”, die sich sowohl mit der Geschichte des Bunkers als auch mit aktuellen Gründen für Flucht und Vertreibung auf Grund von kriegerischen Konflikten auseinandersetzt. Hier könnten jeden Tag Schulklassen von derzeitigen Kriegs-Flüchtlingen hören, welche bedrückenden Erlebnisse auch heute noch zu beklagen sind…”Krieg” ist leider keine “weit entfernte” Geschichte, die man mit einer Gedenktafel “distanziert wahrnehmen” kann.
    Wie wäre es, wenn z.B. Udo Lindenberg, der sich seit Jahrzehnten für Abrüstung und Völkerverständigung einsetzt, mal angefragt würde, was ihm dazu einfällt.
    Das STIFTUNGSMODELL ist ökonomisch tragfähig und könnte sich wie folgt finanzieren:
    15% der Mieteinnahmen = Erbpachtzins
    20% Instandsetzung/Reparatur
    10% Begrünungsprojekte, Stadtteilarbeit und Kulturelles / “auf dem Boden”
    40% Stifungs-Tätigkeit / Öffentlichkeitsarbeit / Kriegsflüchtlinge berichten / Bildungsarbeit mit Schulklassen
    15% Stiftungs-Verwaltung / Miet-Verwaltung

    Sicher gibt es demnächst noch weitere Vorschläge…St. Pauli ist ja kreativ, oder ?

    • Hallo,

      es ist begrüßenswert, dass Sie sich Gedanken machen und diese sachlich äußern.

      Zum Thema “Zeit lassen und in Ruhe nachdenken”, möchte ich nur beisteuern, dass man den potentiellen Investor natürlich nicht überstrapazieren sollte, denn sonst springt er ab und dann ist über eine realisierbare Alternative weniger zu entscheiden.

  3. @freimensch: dann ist Herr Matzen aber eben auch nicht mehr als ein austauschbarer Investor. Das ist nicht verwerflich, aber auch überhaupt kein Grund, sich von ihm und seiner Idee bzw. den Ideen seines Planungsbüros (Grünpyramide, Mehrzweckhalle, Hotel) unter Druck setzen zu lassen. Eher im Gegenteil: da wir jetzt wissen, daß er offen ist für Ideen bezgl. einer Umgestaltung des Daches, kann man den Schwung doch nutzen. Gerade die beim Beteiligungsprojekt hilldegarden Engagierten müßten doch offen dafür sein, zumindest die Idee zu entwickeln, wie man einen Dachgarten ohne die umstrittenen rein kommerziellen Aufbauten realisieren kann. Dann kann man sich auch die umstrittene Rampe sparen, weil es eben nicht mehr um die Entfluchtung des Hotels und der Mehrzweckhalle geht. Und die Kosten für den Dachgarten dürften auch erheblich fallen. Ob man die dann noch über einen Teilerlaß der Pacht refinanziert oder andersartig (Stiftung, Genossenschaft), wäre zu diskutieren. Aber dann könnte man zum ersten Mal authentisch über ein gemeinwohlorientieres Grünprojekt sprechen. Und bräuchte nicht mehr über das kommerzielle Projekt der Dachpyramide diskutieren.

  4. Wer Ermutigung braucht: Angelika und Thomas Matzen Stiftung googeln. Siehe Förderprojekte: Prof. Matzen ist ein St.Paulianer, sozial und mit gutem Herzen, oder warum fördert man sonst schon lange Viva con Aqua oder das Jesuscenter und deren Arbeit.
    Will er was zurück? Nein. Macht er es gerne? Offenbar ja. Siehe die Ottos, Herz, Fa. Trigema,Porta Möbel,Melitta usw. Es gibt Unternehmer die wie alle Geld verdienen wollen, viele auch enorm, doch viele geben davon auch wieder Vieles ab! Das darf man nicht vergessen und vor allem nicht alle über einen Kamm scheren. Mancher Kritiker ist einfach grenzenlos scheiße informiert…

  5. Der Bunker sollte so bleiben, wie er ist.Es muss nicht immer alles “Aufgehübscht” werden, wir haben genug “Sehenswürdigkeiten” für die Touris in Hamburg und Wohnungen für Künstler, sind meiner Meinung nach nur ein soziales Feigenblatt, der den wirklichen Kommerz dahinter verdecken soll. Ich wohne seit 30 Jahren im Karoviertel und habe die Nase voll, von noch mehr Menschen, Autos und Dreck in diesem Viertel.

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