Tageslicht / Donnerstag, 04.02.2016

Droht das große Clubsterben auf dem Kiez?

 
 

Die Betreiber der Hasenschaukel wollen ihren Club offenbar aufgeben. Die Burlesque-Bar Queen Calavera kämpft ums Überleben.

Was ist nur los derzeit auf St. Pauli? Nachdem am Montag bekannt wurde, dass das Haus mit dem Golden Pudel Club im Erdgeschoss im April vor dem Amtsgericht Altona zwangsversteigert werden soll, schweben offenbar zwei weitere einzigartige Kiez-Clubs in akuter Gefahr. Ausgerechnet wieder zwei jener selten gewordenen kleinen und unabhängigen Läden, die die Clublandschaft auf St. Pauli in den vergangenen Jahren vor allem mit ihrer Individualität bereichert haben.

Da ist zum einen die Hasenschaukel an der Silbersackstraße. Im Schein des (künstlichen) Kaminfeuers haben hier viele Newcomer ihre ersten Konzerte gespielt, unter ihnen der Singer-Songwriter Gisbert zu Knyphausen. Ein Grund dafür, weshalb die Hasenschaukel vor zwei Jahren beim Hamburger Club Award als „Bester Live-Club“ ausgezeichnet wurde. Doch der beliebte Musikclub von Anja Büchel und Tanju Börü stand bereits Ende 2013 kurz vor dem Aus. Nur dank einer äußerst erfolgreichen Crowdfunding-Kampagne, bei der innerhalb von zwei Monaten mehr als 20.000 Euro zusammen kamen, konnte der Club gerettet werden.

Bereits kurz nach der Erfolgsmeldung deutete sich jedoch an, dass die Hasenschaukel noch lange nicht über den Berg ist. “Es ist leider nur ein Teil der Schulden und Kredite, die wir damit bezahlen können”, so die Betreiber damals. Dennoch zeigte man sich im Mai 2014 noch optimistisch, den Club auch weiterhin am Leben erhalten zu können:  “Es ist ein tolles Zeichen, dass so viele Leute hinter uns stehen. Das fühlt sich unglaublich gut an!”

Anja Büchel vor dem gemütlichen Kamin der Hasenschaukel (Foto: Jung)

Betreiberin Anja Büchel vor dem gemütlichen Kamin der Hasenschaukel (Archivfoto: Jung)

Jetzt scheint das endgültige Aus mehr als wahrscheinlich. Die Betriebsaufgabe erfolge “aus gesundheitlichen Gründen”, wie es in einer Anzeige auf dem Portal “Immobilienscout” heißt. Darin wird die Hasenschaukel derzeit als “Gastro-Juwel mitten auf St. Pauli” zur Vermietung angeboten. Für die Gesamtfläche von 160 Quadratmetern, davon 79 Quadradmeter Gastraumfläche, werden laut Anzeige 1600 Euro zuzüglich 300 Euro Nebenkosten im Monat fällig.

Das Lokal soll offenbar mit dem gesamten Inventar an einen neuen Mieter übergeben werden. Die Abstandssumme, die in der Anzeige nicht genannt wird, beinhalte das komplette Inventar inklusive diverser Einbauten, Lüftung, Kühlraum, Küchen- und Tresenausstattung, heißt es. Selbst eine Grundausstattung an Geschirr und Besteck sei dabei.

Theoretisch könnte ein neuer Mieter die Musikkneipe daher unverändert fortführen. Dass das passiert, ist jedoch unwahrscheinlich  es sei denn, es findet sich ein Fan der Hasenschaukel, der die rosafarbene Inneneinrichtung zu schätzen weiß. Wie lange der Club noch in seiner jetzigen Form erhalten bleibt, ist unklar. Die Betreiber wollten sich auf Anfrage vorerst nicht öffentlich äußern.

Auch das “Queen Calavera” bangt um seine Existenz

Neben der Hasenschaukel kämpft derzeit noch ein weiterer Kiez-Club in direkter Nachbarschaft um seine Existenz: Die Burlesque-Bar Queen Calavera an der Gerhardstraße. Die im Juni 2008 eröffnete Bar gilt als erste Burlesque-Bar Deutschlands. Viele bekannte Künstlerinnen aus der Szene haben hier ihre ersten verruchten Auftritte hingelegt, darunter die Harbour Pearls, Eve Champagne oder Julietta la Doll. Neben bekannten Künstlern aus allen Ländern der Welt, verdrehen auch vergleichsweise junge Newcomer dem überwiegend weibliche Publikum  jedes Wochenende den Kopf.

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Das “Queen Calavera” hat in Sachen Burlesque in Deutschland Pionierarbeit geleistet (Foto: Mandy Privenau)

Doch jetzt ist “The Home of Burlesque”, wie sich das Queen Calavera nennt, in finanzielle Schwierigkeiten geraten. So habe sich die wirtschaftliche Lage in den vergangenen Monaten deutlich verschlechtert, sagt Betreiber Sven Petersen, der das Queen Calavera seit 2013 führt. “Während der Hamburger Berg boomt, ist es in der Gerhardstrasse oftmals leer.” Gleichzeitig seien die Kosten für die zahlreichen internationalen Künstler nach wie vor sehr hoch. Hinzu kommt, dass Petersen derzeit mit Steuerschulden zu kämpfen hat. “Ich bin seit Jahren noch an einem anderen Laden beteiligt. Jedoch habe ich mich mit meinem Partner schon vor einiger Zeit zerstritten und mich dort weitgehend zurückgezogen.” Jetzt ist der Laden pleite und Petersen muss einen beachtlichen Teil der Steuerschulden übernehmen. Diese könnten nun dem Queen Calavera ebenfalls zum Verhängnis werden.

Um die bei Anwohnern und Touristen gleichermaßen beliebte Burlesque-Bar am Leben zu erhalten, bleibt nur wenig Zeit. Bereits zum Ende des Monats sei ein Teil der Schulden fällig. Von behördlicher Seite drohe sonst das Aus. “Mein Steuerberater ist gerade dran und wir schauen, was wir machen können.” Zudem soll der andere Laden, der für die Misere hauptsächlich verantwortlich ist, umgehend aufgelöst werden.

Kampflos aufgeben kommt für Sven Petersen und sein Team jedoch nicht infrage. “Ich liebe den Laden und bin nicht bereit, das aufzugeben.” Aus diesem Grund hat man nun eine Crowdfunding-Kampagne auf der Plattform “Indiegogo” ins Leben gerufen. Von den anvisierten 55.000 US-Dollar sind nach drei Tagen mehr als 2000 US-Dollar zusammengekommen. “Wir haben den Betrag in Dollar angegeben, weil wir die burlesque Szene weltweit mit unserer Aktion mobilisieren wollen”, erklärt Petersen. Bereits jetzt habe man via Facebook mehr als 60.000 Menschen mit der Kampagne erreicht. “Wenn jeder nur einen Euro gibt, wären wir safe.”

Zusätzlich zur Crowdfunding-Aktion arbeite man derzeit an zahlreichen weiteren Ideen, um Geld in die Kasse zu bekommen. Neben großformatigen Burlesquefotos oder Fotoshootings mit Burlesqueperformern, können sich Unterstützer eines der streng limitierten Soli-Shirts von Künstler Till Bleifuß a.k.a. Rockabilly Artworks sichern. Eine erste Soli-Veranstaltung mit Türsteher und Autor Viktor Hacker und Sänger Chris Laut von Ohrenfeindt ist für den 18. Februar (21 Uhr, 10 Euro) geplant. “Ich habe die Hoffnung noch nicht aufgegeben”, sagt Sven Petersen zuversichtlich. “Wir werden kämpfen bis zum bitteren Ende.”

(Aufmacher: Montage – Fotos von Irene Jung)

 

Kommentare


  1. Herrlich, da hat einer Steuerschulden und nun sollen die Leute per Crowdfunding helfen.
    Mensch, ich hätte auch gerne ein neues Auto – wer zahlt mir das?
    Unglaublich, dass Leute da zahlen…

    • Hallo Svenne,

      du hast wohl nicht allzu viel Ahnung von Steuerangelegenheiten oder? Man zahlt Steuern auf erzielte GEWINNE. Im Klartext heißt das, dass dort unternehmerisch falsch gehandelt wurde und jetzt andere seine wirtschaftliche Existenz retten sollen.

      • Stimme dir voll zu – und vor allem wird das Geld vom crowdfunding einbehalten ob es reicht um das Queen zu retten oder nicht . Da will jemand einfach seinen Kopf retten und nicht das Queen !

  2. da nützt es auch nix, dass die “ach so wunderbare Reeperbahn” weltweit beworben wird.Masse n(m)achts eben nicht ..verdammt nochmal und einmal im Jahr ne ordentliche Einnahme ( Schlagermove.oha )bringt für diese Clubs NICHTS..wie sich zeigt.und der Hamburger Berg ??

    • Schön geschrieben….die “ach so wunderbare Reeperbahn” … eine lieblos zusammengestecke Rotlichtmeile mit 30 Kiosken, ekligem Fastfood, Abzockertabledance und prolligen Tourischuppen. Mehr ist da nicht.

  3. naja.. bei den Mieten kann sich in der Ecke halt nur noch kommerzieller Massenramsch halten… Untergrund und “Geheimtipps” funktionieren halt nur, wenn die Mieten im Rahmen sind… dann kann man sich ausprobieren… Klar, einige alte Läden gibts noch, oft auch immer mal kurz vor Ende und oft auch nur, weil sie über viele Jahre eine breitere und treue Fanbasis erarbeiten konnten… aber insgesamt braucht doch heute auf St. Pauli keiner mehr versuchen was “anderes” oder “besonderes” zu starten, wenn er nicht zufällig extrem reiche Eltern oder bereits 5 andere gut laufende Läden dort hat. Hamburg brüstet sich dann gerne mit seiner Clubgeschichte und wer alles vor kleinem Publikum hier gespielt hat/aufgetreten ist bevor es richtig losging mit der Karriere aber in Zukunft werden sich dann halt andere Städte über solche “Anekdoten” freuen dürften… Ausnahmen gibts natürlich… das Rock Cafe, was aber auch nicht von “Neulingen” gestartet wurde oder das Uebel & Gefährlich, was aber auch “alte Hasen” und den Riecher für die richtige Location am Start hatte.

  4. Der hasenschaukel wünsche ich das sie einen Betreiber findet der das Konzept beibehält . Und dem Queen Calavera – eine schöne Bar ohne Zweifel . Aber sich an mehreren Läden zu beteiligen , Steuerschulden zu machen ( da ist es doch egal ob man verstritten ist oder nicht das hat ja nichts mit den zu zahlenden steuern zu tun , die kommen mit oder ohne Streit ) und dann diese auf einen anderen Läden zu verschleppen und per crowdfunding Geld zu sammeln – vermutlich eher um den eigenen Kopf zu retten als das Queen – ist schon frech . Vor allem wird in der crowdfunding Kampagne die ich mir gerade mal angesehen habe auch keineswegs auf den Grund der finanziellen Nöte eingegangen nur von äußeren Einflüssen geredet … Und da Geld zu spenden ohne das man weiß warum und ohne zu wissen ob damit das Queen gerettet werden kann oder ob es ohnehin geschlossen wird und das Geld nur verwendet wird damit der Betreiber weniger Schulden hat ist schon sehr blauäugig .

  5. Pingback: Kneipensterben: Mary Lou’s muss schließen - St.Pauli-News

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