Tageslicht / Mittwoch, 19.08.2015

Messehalle: “Die Situation läuft aus dem Ruder”

 
 

Update: Behörden zeigen sich bei Info-Veranstaltung überfordert. Die Wut der Anwohner aus Karoviertel und Umgebung richtet sich vor allem gegen den Senat.

Da standen sie auf einmal. Mitten am dem rechten Randstreifen, während ein Auto nach dem nächsten wie ein Blitz an ihnen vorbeirauscht. Der Fahrer des Transporters hatte die vierköpfige Familie direkt hinter der deutschen Grenze ausgesetzt. Völlig orientierungslos und ohne eine Idee, wo, geschweige denn wie weit es bis in die nächste Stadt ist, liefen sie los, in der morgendlichen Dämmerung die Autobahn 3 in Richtung Passau entlang – den Kleinsten der Familie, der das vierte Lebensjahr noch nicht erreicht zu haben schien, auf dem Arm. Auf die Frage, wohin sie denn wollten, konnte der Vater, ein drahtiger Mann mit lichtem schwarzem Haar nicht mehr sagen als ein mühsam erkennbares „train“. Zum Bahnhof. Nach Hamburg.

Ob sie ihr Ziel tatsächlich erreicht haben oder am nächsten Bahnhof von Polizisten der Bundespolizei aufgegriffen wurden, wissen wir ebenso wenig, wie der Zeuge, der uns von dieser traurigen Begegnung erzählt. Doch wenn sie es geschafft haben, schlafen auch sie jetzt vielleicht in einem der über Tausend Feldbetten, die derzeit in kleinen, mit provisorischen Stellwänden getrennten, Arealen in der Halle B6 auf dem Messegelände im Karolinenviertel aufgestellt sind – und niemand um sie herum ahnt womöglich, welche Odyssee die Familie bereits hinter sich hat. Eine Reise, die noch lange nicht zu Ende ist.

Denn für die vielen Flüchtlinge, die derzeit in der Messehalle an der Karolinenstraße untergebracht sind, ist es nur eine vorübergehende Durchgangsstation. Wie berichtet, wird die mit 13.000 Quadratmetern größte Halle der Hamburg Messe seit gut einer Woche als eine Art Außenstelle der Zentralen Erstaufnahmeeinrichtung (ZEA) genutzt: Weil der Platz am Hauptstandort an der Harburger Poststraße schon lange nicht mehr ausreicht, greift die Stadt derzeit auf übergangsmäßige und improvisierte Notunterkünfte zurück. Um eine solche „Notmaßnahme“ (Innenbehörde) handelt es sich auch bei der Halle B6, die die stadteigene Hamburg Messe bis Ende September vorübergehend für die Unterbringung von rund 1.200 Flüchtlingen zur Verfügung stellt.

Schutzsuchende, die in Hamburg ankommen und bei denen unklar ist, ob sie in Hamburg bleiben können oder auf andere Bundesländer „umverteilt“ werden, kommen hier vorübergehend unter. „Derzeit bleiben viele Flüchtlinge deutlich länger in der Zentralen Erstaufnahme als theoretisch vorgesehen“, sagte Johanna Westphalen, Amtsleiterin des Einwohnerzentralamts der Hamburger Innenbehörde bei einer öffentlichen Infoveranstaltung für die Bewohner des Karolinenviertels in dieser Woche. Im Normalfall dauert es nur wenige Tage bis klar ist, welches Bundesland zuständig ist. Aus Tagen können derzeit jedoch auch Wochen werden.

Infoveranstaltung Flüchtlinge Messe

Bei einer öffentlichen Infoveranstaltung von Innenbehörde, der Bezirke Mitte und Altona und “Fördern und Wohnen”, waren am Montag Anwohner eingeladen, Fragen zu stellen

„Die Entwicklung ist historisch“, sagte Westphalen. Die Zahl der ankommenden Flüchtlinge sei in den vergangenen Wochen „regelrecht explodiert“. Waren es in den ersten Monaten dieses Jahres noch rund 120 Menschen, die jeden Tag in die Stadt kamen, so sei die Zahl seit Mai auf rund 200 bis 300 Flüchtlinge pro Tag gestiegen. Allein in den ersten 17 Augusttagen kamen laut Innenbehörde 3604 Flüchtlinge in die Stadt. Die Mitarbeiter in den zuständigen Behörden kämen mit der Bearbeitung der Fälle schlicht nicht mehr hinterher. „Das hat ein bisschen was von einer Völkerwanderung.“

In der Halle B6 an der Karolinenstraße sind an diesem Montagvormittag 880 Menschen untergebracht. Bis zum Abend könnten es jedoch noch mehr werden. „Es ist ein ständiges Kommen und Gehen“, sagte Melanie Anger. Die 39-Jährige ist Abteilungsleiterin für die Zentrale Erstaufnahme beim öffentlichen Träger „Fördern und Wohnen“. „Täglich kommen neue Flüchtlinge an, während andere aufgefordert werden, die Halle wieder zu verlassen, um in anderen Einrichtungen unterzukommen.“ Rund 60 Prozent der ankommenden Flüchtlinge in Hamburg werden innerhalb der ersten Tage – laut den Vorgaben des Königsteiner Schlüssels – auf andere Bundesländer verteilt.

Doch bei der Masse von Menschen sei es schwer, den Überblick zu behalten. „Wir wissen zum Teil gar nicht mehr, wer noch in unseren Einrichtungen ist und wer nicht.“ Auch in der Messehalle gehe zu bisweilen „chaotisch“ zu, so Anger. Da die Flüchtlinge in der Halle jederzeit ein- und ausgehen dürften, sei es schwer nachzuvollziehen, wer wann und wo ist. „Wir haben mittlerweile damit begonnen bei der Essensausgabe den Namen abzufragen, damit wir einen Überblick behalten.“

Zwar habe man die Messehalle mit „großer Kraft und Anstrengung“ in Betrieb nehmen können, dennoch sei man nach wie vor dringend auf die Hilfe von außen angewiesen. Neben studentischen Hilfskräften und Arbeitssuchenden, würden auch Mitarbeiter von Fördern und Wohnen, die sonst in anderen Abteilungen tätig sind, in der Messehalle eingesetzt. Dank der zusätzlichen ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer aus dem Viertel habe man in den vergangenen Tagen jedoch schon einiges erreicht. So sei die Kleiderkammer inzwischen sortiert und die Ausgabe habe bereits begonnen. „Ich danke den vielen Helfern ganz herzlich.“

Infoveranstaltung Flüchtlinge Messe

Rund 250 Flüchtlinge und ihre Unterstützer berichteten bei einer spontanen Kundgebung am Dienstagabend über Missstände ihrer Unterbringung

Gemeint sind damit auch die zahlreichen Unterstützer, die sich am vergangenen Sonnabend zur Kleinen Stadtteilversammlung von „St. Pauli selber machen“ im Knust trafen, um die Hilfe für die Flüchtlinge in der Messehalle zu koordinieren. Drei Vertreterinnen von Refugees Welcome Karoviertel stellten bei der Infoveranstaltung am Montag auch die Resolution vor, die die Teilnehmer am Sonnabend verabschiedet hatten. Dabei wiederholten sie ihre Forderung nach einem dauerhaften Bleiberecht für alle und forderten die Stadt auf, den vorhandenen Leerstand in Wohnraum für Flüchtlinge umzuwandeln.

Während bei anderen derartigen Informationsveranstaltungen in anderen Teilen der Republik sogenannte “Patrioten” auf unerträgliche Art und Weise gegen Flüchtlinge hetzen, zeigte sich auch am Montag, dass die Menschen aus dem Karoviertel und Umgebung den neuen Nachbarn offen und hilfsbereit gegenüberstehen. Immer wieder boten Menschen verschiedener Altersklassen ihre Unterstützung für die Geflüchteten an. Die Wut richtete sich stattdessen vor allem gegen den Hamburger Senat, was die städtischen Vertreterinnen am Montagabend deutlich zu spüren bekamen.

Demnach komme die Stadt ihrer Verantwortung nicht nach, so der Tenor einiger Anwesender. Die Betreuung der Flüchtlinge, insbesondere deren medizinische Versorgung, sei völlig unzureichend. „Die Betreuung von Menschen, die derzeit in unsere Stadt strömen, läuft den Machern im Rathaus aus dem Ruder. Schon lange. Mit Ansage und immer ohne wirkliche Konsequenzen“, so ein Anwohner. Viel zu lange habe die Politik auf die falschen Experten gehört, obwohl die Entwicklung längst absehbar gewesen sei. „Stattdessen versuchen sie diese Situation als krisenhafte Sondersituation zu verkaufen, was sie – wie wir lange wissen und sie lange wissen könnten – nicht ist. Dies ist nicht die Ausnahme, es wird die Regel sein und es wird Zeit sich dem zu stellen.“ Die Stadt müsse endlich dauerhafte Strukturen schaffen, statt der Entwicklung immer hinterherzurennen.

Die Leiterin der Ausländerbehörde, Johanna Westphalen, nahm die Kritik der Anwesenden fast wortlos zur Kenntnis, sprach jedoch auch von einem „unguten Zustand“. „Wir arbeiten daran“, so Westphalen. Es fehle jedoch nach wie vor an Personal. Auf entsprechende Ausschreibungen gebe es schlicht zu wenig Bewerber. Doch auch auf die dringende Frage, wie es ab Ende September weitergehen soll, wenn die Halle zur „Hanse Boot“ wieder geräumt wird, wusste die Behördenvertreterin keine Antwort. Dass Menschen, die vor Krieg, Not und Elend und unter widrigsten Bedingungen, zum Teil in kleinen Holzbooten über das Mittelmeer, geflüchtet sind, in fünf Wochen ausgerechnet einer Bootsmesse für Segelyachten und Motorboote weichen sollen, schien für die Mehrheit der Anwesenden jedenfalls völlig unverständlich.

Nur in einem Punkt erntete die Behördenvertreterin am Ende doch noch Applaus: Zwar sei man in Hamburg glücklicherweise noch nicht in der Situation, Flüchtlinge vor fremdenfeindlichen Übergriffen schützen zu müssen, so Westphalen: „Doch wenn es nötig ist, werden wir auch das tun.“

 

Update: Am Mittwoch, 26.8., ruft St. Pauli selber machen zur 2. kleinen Stadtteilversammlung auf; dort werden NachbarInnen aus dem Karoviertel und drumherum die bereits angelaufene Unterstützung für die Flüchtlinge in den Messehalle koordinieren. Treffpunkt: 19 Uhr, Centro sociale, Sternstr. 2. Aktuelle Neuigkeiten erfahrt ihr auf der Facebookseite von Refugees welcome Karoviertel.

(Fotos: Daniel Schaefer)

 

Kommentare


  1. Nach knapp 30 Stunden haben bereits über 500 Menschen ihre Teilnahme zur Stadtteilversammlung zugesagt. Das eigentlich als Versammlungsort angedachte Centro Sociale ist damit deutlich zu klein. Der FC St. Pauli zeigt sich solidarisch und stellt uns den Baalsaal kostenfrei zur Verfügung. Jetzt ist gewährleistet, dass wirklich alle Interessierten Platz finden: Danke, magischer FC!
    Refugees welcome – Karoviertel
    https://www.facebook.com/events/877646508998888/permalink/878214312275441/

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