Tageslicht / Montag, 02.11.2015

Der Tod hat auch auf St. Pauli ein Gesicht

 
 

In einem Beinhaus unterhalb der katholischen Kirche St. Joseph an der Großen Freiheit ruhen die Gebeine von rund 350 Menschen.

Von Edgar S. Hasse

“Ich bin die Auferstehung und das Leben.” Wer den Eingang mit dem bekannten Jesus-Zitat hinter sich gelassen hat, dem bietet sich im ersten Augenblick ein eher gewöhnungsbedürftiger Anblick: Schädel und Knochen liegen dicht an dicht über- und nebeneinander, fein säuberlich in Reih und Glied geordnet. Die menschlichen Überreste reihen sich fast bis unter die Decke des kleinen Kellergewölbes. In der Mitte des Raumes ruht auf einem Boden ein massives Messingkreuz.

An der Großen Freiheit, der weltbekannten Amüsiermeile, hat jetzt sogar der Tod ein Gesicht. Denn was kaum einer weiß: Nur wenige Meter unterhalb der katholischen Kirche St. Joseph befindet sich hinter einer Glastür das Beinhaus. In dem beleuchteten Gruftgewölbe ruhen seit Kurzem die Gebeine von rund 350 Menschen. Die Toten waren zwischen 1719 und 1871 unter dem Gotteshaus in Särgen bestattet worden.

Was eher in Süddeutschland und im Mittelmeerraum zur Bestattungstradition gehört, erlebt nun auch in der Hansestadt nach einer wechselvollen Geschichte eine Würdigung. Das neue Beinhaus soll am Montagabend zu Allerseelen von Pfarrer Karl Schultz gesegnet werden und zählt neuerdings dann zu den wenigen historischen Erinnerungsstätten dieser Art in Norddeutschland. Die katholische Kirche hat in das Projekt, samt aufwendig gestaltetem Eingang, rund 400.000 Euro investiert.

Beinhaus Große Freiheit

In dem Gruftgewölbe ruhen die Gebeine von rund 350 Menschen

Wo die Toten einst lagen, sollen sie auch heute ihre letzte Ruhe finden – in der Kirchenkrypta an der Großen Freiheit. Seit die zugemauerte Gruftanlage unterhalb der St.-Joseph-Kirche vor wenigen Jahren wiederentdeckt wurde, sind Experten im Auftrag des Erzbistums dabei, die sterblichen Überreste zu bergen und zu erhalten.

Wie viele wissen, hatten die Bombennächte über Hamburg das Gotteshaus samt Krypta fast vollständig zerstört. Bei den Fliegerangriffen am 28. Juli 1944 blieben nur der Ostgiebel, Seitenwände und Teile des Daches jenes Gotteshauses erhalten, das als die “katholische Mutterkirche im Norden” gilt. St. Joseph, 1721 eingeweiht, war der erste katholische Neubau in Nordeuropa seit der Reformation Martin Luthers.

In der Nachkriegszeit wurden die Särge geplündert und ihr Holz beim Heizen verbrannt. Diebe entwendeten Bronzetafeln und Schilder; Schwarzmarkthändler nutzten die Gruft als Versteck. Während eines Umbaus entdeckten Experten im Januar 2011 das inzwischen komplett vermauerte Mittelgewölbe. Das Erzbistum beauftragte das Archäologenteam um Andreas und Regina Ströbl und Dana Vick mit der Bergung, Erhaltung und Dokumentation dieser Stätte.

Beinhaus2

Dombaumeister Thomas Jochem (v. l.), Pfarrer Karl Schultz, Dana Vick, Andreas Ströbl

Als sie mit der Arbeit begannen, bot sich ihnen ein Bild der Verwüstung. Alles lag in Schutt und Asche. “Ein wilder Haufen”, sagen sie. Es ist auch nicht mehr möglich, die Gebeine den Namen der Toten zuzuordnen. Bestattet wurden hier im 18. und 19. Jahrhundert wohlhabende Menschen. Unter ihnen auch ein französischer Kardinal, eine Hofdame sowie mehrere Priester. “In den Kirchengrüften ließ sich die soziale Elite bestatten”, sagt Archäologe Ströbl. 1718 legte Graf Ernst Fuchs von Bimbach, ein kaiserlicher Gesandter, den Grundstein für die neue Kirche. “Und er war auch die erste Person, die im Gruftgewölbe beigesetzt wurde, weil er noch im selben Jahr verstarb”, sagt Dombaumeister Thomas Jochem. Den sozialen Status der beigesetzten Hamburger beweisen die entdeckten Stiftzähne. Sie bestehen aus Nilpferdzahn und galten damals als zahnmedizinische Innovation.

Doch nicht nur Zähne haben die Experten gefunden. Zu den Grabbeigaben zählen auch ein Rosenkranz, Kruzifixe, Kämme, Spielzeug und Textilien. Restauratorin Claudia Schillo musste die Messgewänder und Kleider reinigen, waschen und konservieren. Nun ist in einer Vitrine das seidene Messgewand und Totenkleid eines Priesters aus dem 19. Jahrhundert zu sehen. Die Gebeine geben zudem auch Auskunft über medizinische und anthropologische Befunde. Zu den am häufigsten krankhaften Veränderungen zählten damals Erkrankungen der Gelenke und der Wirbelsäule. Außerdem diagnostizierten die Experten mehrmals schlecht verheilte Knochenbrüche.

Beinhaus4

Neben Zähnen haben die Experten auch viele Grabbeigaben gefunden

Unter dem Motto “memento mori” (Denke daran, dass du stirbst) will die katholische Kirchengemeinde auf St. Pauli mit dem heute gesegneten Beinhaus vor allem einen Beitrag zur Bestattungskultur leisten. Die katholische Gemeinde auf dem Kiez stehe für eine “Pastoral der offenen Tür”, sagt Pfarrer Schultz. Allerdings soll das Beinhaus samt Krypta nur bei besonderen Anlässen geöffnet werden – etwa bei Vorträgen und musikalischen Veranstaltungen.

Die Kirche erarbeitet jedoch zudem derzeit ein Konzept für öffentliche Führungen. Demnach sei auch eine enge Kooperation mit ausgewählten Stadtführern denkbar, die das Gruftgewölbe in ihr Programm aufnehmen könnten. “Außerdem ist vorgesehen, dass sich Schüler aus einer katholischen Schule vor Ort in einem Projekt mit dem Thema Leben, Tod und Auferstehung befassen.”

(Der Text erschien im Original am 22.10. im Hamburger Abendblatt. Fotos: Marcelo Hernandez)

 

Kommentare


  1. 2005 bin ich nach Metz gefahren und habe im bischöflichen Palais ein Porträt des Kardinals Montmorency-Laval fotografieren können. Von 1808 bis 1900 haben die Gebeine des Kardinals in der Krypta gelegen, bis sie 1900 nach Metz überführt worden sind. Ich freue mich, dass meine Bemühungen seit 2008 zur Errichtung dieses Beinhauses nun endlich zu einem guten Abschluss geführt haben,

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *



Aktion soll zeigen: Pudel und Park Fiction gehören eng zusammen. Künstler unterstützen Forderungen nach Erhalt dieser Einheit am Hafen. ... weiterlesen

Autor Robert Brack schreibt nicht nur am Pinnasberg, sein neuer Krimi handelt auch von der unmittelbaren Umgebung – allerdings im Jahr 1920.  ... weiterlesen

Update: Beim ersten Einsatz der neu gegründeten Einheit zur Bekämpfung der Dealerszene wurden vier Männer vorläufig festgenommen. ... weiterlesen

Wordpress | Impressum | Datenschutz