Tageslicht / Samstag, 05.12.2015

Der Architekt hinter dem Esso-Entwurf

 
 

Bau-Ideen für St. Pauli: Wie tickt der Architekt, der den Sieger-Entwurf für die Esso-Neubebauung mit entwickelte? Interview mit Kamiel Klaasse.

Kleinteiligkeit kennt er aus Amsterdam, Gentrifizierung auch. Kamiel Klaasse vom Amsterdamer Büro NL architects steht zusammen mit BeL aus Köln hinter dem Plan für die Esso-Neubebaung. Aber St. Pauli ist ein besonderer Fall: In dieses ästhetische und bauliche Wimmelbild soll etwas Neues und zugleich Passendes integriert werden. Was hält er von diesem Stadtteil, von Altem und Neuem und den Forderungen der Paulianer für den Neubau? Klaasse, Jahrgang 1967, studierte an der TU Delft und gehörte 1997 zu den Gründern von NL architects.

Der Siegerentwurf des städtebaulichen Wettbewerbs Grafik: NL architects)

Der Siegerentwurf des städtebaulichen Wettbewerbs (Grafik: NL architects)

St. Pauli News: Waren Sie früher schon auf St. Pauli? Und was ist Ihnen hier besonders aufgefallen?

Kamiel Klaasse: Ich bin schon ein paar Mal hier gewesen, ist lange her, Pudel Club usw. Ich erinnere mich, wie schwer es war, die Mädchen in der Nähe von der Herbertstraße loszuwerden, die haben wirklich fast an einem festgeklebt. Ich war perplex. Sie haben eine ganz andere Beziehung zu den potenziellen Kunden als in Amsterdam, wo die Mädchen sich hinter Glas befinden.

“Widersprüche schaffen Raum im Kopf”

Wie würden Sie das Erscheinungsbild von St. Pauli beschreiben?

Klaasse: St. Pauli ist im Vergleich mit Amsterdam abwechslungsreicher. Mir gefällt das sehr. Alt und neu, zerfallen, gepflegt… Das Ganze ist nicht so hermetisch, sondern lässt Möglichkeiten offen. Diese Widersprüche schaffen Raum im Kopf. Große Freiheit, könnte man sagen. Die Nähe zur Elbe ist großartig und wirkt ebenfalls befreiend. Auch die Reeperbahn ist etwas ganz Einmaliges: ekstatische Werbung, Plakate, Skulpturen, Neonreklamen, Bildschirme, Vordächer. Das hat eine ganz eigene Ästhetik.

Gibt es Ähnlichkeiten mit Teilen von Amsterdam, z.B. den Mix von alten und modernen Gebäuden?

Klaasse: Ich fühle mich sehr zuhause in St. Pauli. Es erinnert mich an Amsterdam, aber an das Amsterdam aus den 80er Jahren. Hier in Amsterdam wird Alt und Neu kaum gemischt. Es gibt eine Art von Allergie bei den Amsterdammern gegen das Neue. Paradox: Der historische Charakter wird ständig weiter verstärkt, hässliche Neubauten werden ersetzt durch Neubauten, die alt aussehen. Asphalt auf der Straße wird ersetzt durch Klinker. Es gibt eine Sehnsucht nach Vergangenheit und Mittelalter, aber ohne die dazu gehörenden Pferdeäpfel. Alles wird poliert und blinkt. Die größer werdende Kohärenz in der Altstadt von Amsterdam ist wunderschön, aber auch fast erstickend. Weil es immer mehr Geschichte gibt, fragen meine Kinder sich: Wo ist die Zukunft? Die freuen sich, wenn wir mal nach Rotterdam fahren zum Beispiel.

Gentrifizierung in Amsterdam

Klaasse bei der Bürgerwerkstatt am 10. Juli im Ballsaal des FC St. Pauli

Klaasse bei der Bürgerwerkstatt am 10. Juli im Ballsaal des FC St. Pauli

Ist Gentrifizierung auch ein Problem in Amsterdam?

Klaasse: Ja, ist es. In Amsterdam hat es immer ‘rent control’ (Mietpreiskontrolle, d.Red.) gegeben. Früher konnten sowohl Reiche als auch Arme an den Grachten wohnen. In dieser Hinsicht war die Stadt sehr interessant und attraktiv. Vor fünf Jahren gab es noch Häuser, in denen Leute für 400 Euro pro Monat eine 120-Quadratmeter-Wohnung mieten konnten, während ihre direkten Nachbarn 1,2 Million bezahlt haben für eine vergleichbar große Eigentumswohnung. Mittlerweile sind die Mieten liberalisiert. Menschen mit kleinen Einkommen werden verdrängt. Studenten ohne wohlhabende Eltern finden nur noch außerhalb des Zentrums Wohnmöglichkeiten. Diese Verdrängung führt jetzt in anderen Stadtteilen zu einer neuen Dynamik, die werden auf einmal auch attraktiv.

Sie haben bei der Vorstellung des neuen Esso-Entwurfs erzählt, dass Ihnen viele neue Fassaden in Amsterdam „zu glatt“ sind, dass die alten Vordächer und Vorsprünge fehlen. Was haben Sie damit gemeint?

Klaasse: Amsterdam hatte eine Tradition von Portiken: schöne halböffentliche Vorräume vor Wohngebäuden. Eine Art von attraktiven Höhlen. Die werden heute nicht mehr realisiert. Das kommt daher, dass wir in den letzten Jahrzehnten ängstlich geworden sind: In der Plastizität der Fassaden könnten sich ja Mobbers oder Kriminelle oder Jugendliche herumdrücken. Deshalb hat der neue Städtebau nicht versucht, neue Plätze zu gestalten, auf denen sich Menschen informell aufhalten können. Die Straßen werden so glatt wie möglich gemacht. Wo kann man noch hin? Zu Starbucks! Andererseits wird Amsterdam auch immer freundlicher, es gibt immer weniger Gefahr. Laut einer neuen Studie fühlen sich die Leute jetzt genau so sicher in der Stadt wie auf dem Land. Das heißt, dass wir vielleicht wieder eine neue Haltung gegenüber öffentlichen Räumen, Vordächern und Überdachungen entwickeln können… und das ist auch interessant in Bezug auf den Klimawechsel. Regen wird häufiger und stärker werden.

“Auf dem Kiez gibt es eine einzigartige Energie und Mentalität”

Was waren Ihre ersten Gedanken, als Sie Ihren Entwurfs für die Bebauung des Esso-Areals vorbereitet haben? Welche “Fehler” wollten Sie nicht machen?

Sie erarbeiteten zusammen den Siegerentwurf: Kamiel Klaasse und Björn Leeser von BeL Sozietät für Architektur (Köln)

Sie erarbeiteten zusammen den Siegerentwurf: Kamiel Klaasse und Björn Leeser von BeL Sozietät für Architektur (Köln)

Klaasse: In unserer Zusammenarbeit mit BeL wollten wir vermeiden. etwas vorzuschlagen, das es anderswo auch geben könnte. Die Umgebungsbedingungen waren dafür zu spezifisch. Wir haben uns gefragt: Wie können wir etwas schaffen, das tatsächlich zum Kontext passt? Etwas, das sich aus der DNA des Viertels entwickelt? Für uns ist Planung ein Teamsport. Es ist für uns wichtig, gut zuzuhören und zu beobachten: Was wollen die Leute, die Behörden, die Investoren? Was für Kräfte wirken mit? Um daraus eine Art Kompromiss zu entwickeln, einen intelligenten Kompromiss, der von so vielen Parteien wie möglich getragen wird. Keinen ‘weichen’ Kompromiss, sondern einen starken mit Charakter, der mehr ist als die Summe der einzelnen Teile.

Was hat Ihnen die Planbude als Organisator der Bürgerbeteiligung vermittelt?

Klaasse: Auf dem Kiez gibt es eine einzigartige Energie und Mentalität. Die Leistung der Planbude war sehr hilfreich beim Versuch zu verstehen, wie St. Pauli genau tickt. Es ist wichtig, dass die Planbude weiterhin in der Lage sein wird, Ideen zur Nutzung von Dächern, Innovation Cluster usw. zu implementieren und zu entwickeln. Ihre Anwesenheit und ihr Engagement kann beispiellose städtische Zusammenhänge katalysieren. Das ist wichtig für den gesamten Stadtteil.

“Der St. Pauli Code lässt Raum für das Unperfekte”

Dr Plabude-Container am Spielbudenplatz

Dr Plabude-Container am Spielbudenplatz

Was halten Sie vom “St. Pauli Code”? Finden Sie die Vorgaben als Architekt etwas zu einengend oder sinnvoll?

Klaasse: Der St. Pauli Code war brillant! Kompakt und gleichzeitig umfassend. Als Architekt ist man im Prinzip immer Teil rigoroser Erneuerungen, es geht fast immer um das Schaffen einer perfekten Welt oder um Aufräumen. Hier aber gibt es dank des St. Pauli Codes auch Raum fürs Unperfekte, für Widersprüche. Viele Elemente aus dem St. Pauli Code gehören nicht zu den üblichen Wünschen einer normalen Auslobung. Das Erstaunliche war, dass hier u.a um eine Art von Schmutz sogar gebeten wurde: die typischen verdreckten Kacheln, Tags und Aufkleber sind fundamentaler Teil der Aufgabe!

Was war besonders schwierig umzusetzen? Es geht immerhin um ein traditionsreiches Areal an einer weltbekannten Straße.

Klaasse: Städte sind immer in Bewegung, ändern sich kontinuierlich. Wie können wir den Geist des Kiez umsetzen ohne Nostalgie? Wir haben zusammen mit BeL versucht einen Entwurf zu machen, der spezifisch ist für St. Pauli, der sowohl den Bewohnern des Viertels gefällt als auch den Investoren. Einen Plan, der von der Stadt umarmt werden kann. Eben einen Entwurf, den es wegen des besonderen Umfeldes auch nur hier geben kann.  Wir haben versucht, die Themen in einen räumlichen Entwurf zu übersetzen. Im Bezug auf Kleinteiligkeit, Bezahlbarkeit, Heterogenität geht das im Prinzip. Einfache, kleine Blöcke mit unterschiedlichen Typologien. Das Motiv der Brandwände ist ein interessantes Beispiel. Ich denke, dass diese meistens als etwas Negatives betrachtet werden. In unserem Entwurf bekommen sie eine positive Rolle, sie werden zur Plattform für Ausdrucksmöglichkeiten.  Aber wie setzt man Toleranz, Lebendigkeit um in Architektur? Das ist abhängig von den Leuten, die da wohnen…

Was würden Sie auf St. Pauli unbedingt erhalten?

Klaasse: Ich bin in einem kleinen Dorf aufgewachsen, das hat wie eine Art sozialer Kontrolle funktioniert und das war irgendwie disziplinierend. Ich hab immer den Druck gefühlt, mich auf eine bestimmte Art und Weise zu verhalten. Das anonyme Leben in der Stadt dagegen war für mich sehr befreiend. Die städtische Intensität, die Widersprüche, die Komplexität sind ein Instrument für Toleranz. Das kann man doch planen. Dichte in Kombination mit Vielfalt wirkt heilsam. Die unterschiedlichsten Leute treffen sich auf der Straße.
Es gibt eine Theorie, wonach die häufige Polarität in den USA – diese Unmöglichkeit miteinander zu reden, zu verhandeln, dieses politische Grid Lock – eine Folge ist von Städten, die nur noch mit Autos funktionieren. Jeder ist in seiner eigenen Blase. Man trifft sich nur noch, wenn man zusammenprallt. Die Konsequenz sind Segregation und Kommunikationsmangel, es gibt keinen Austausch. So was wird in St. Pauli nicht geschehen.

 

Kommentare


  1. Ich mag was Kamiel Klaasse so sagt. Schönes Interview. Mal schauen, ob seine Worte dann auch am Ende in Korrespondenz mit seinen Tat stehen werden.

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