Tageslicht / Dienstag, 22.03.2016

Box-Club Hanseat: „Ich krieg sie müde“

 
 

Bei Hussein Ismail trainieren Einheimische und Flüchtlinge. Jetzt unterstützt auch das Schmidt Theater sein Integrationsprojekt „Durchboxen und ankommen“.

„Aufwärmen“ stimmt: Schon das Seilspringen über zehn Minuten bringt die rund 35 Männer, drei Frauen und zwei Kinder gehörig ins Schwitzen. Am Donnerstagabend trainieren in der Halle des BC Hanseat in der Seilerstraße alle zusammen: Hamburger/innen aus St. Pauli und dem ganzen Stadtgebiet und Flüchtlinge aus verschiedenen Unterkünften. „Die Leute kommen sogar aus Bergedorf, Farmsen und Wilhelmsburg“, sagt Hussein Ismail, Mitbegründer und „Seele“ des BC Hanseat.

BC Hanseat

Beim Training machen die Teilnehmer alles selbst, hier werden die Sandsäcke aufgezogen

Seit November macht der BC Hanseat mit seinem Projekt „Durchboxen und ankommen“ von sich reden: Drei Mal pro Woche können junge Flüchtlinge kostenlos in der Halle trainieren. „Wir waren im Oktober in verschiedenen Erstaufnahmen, haben mit Flyern über das Projekt informiert, und Hussein hat auch Flüchtlinge auf Arabisch angesprochen“, sagt Vereinssprecher Michael Augustin, „inzwischen kommen die Einrichtungen selbst auf uns zu.“ Die Aktion hatte Erfolg: Das Angebot wurde schon rund 850 Mal wahrgenommen.

Zu den Trainingsstunden kommen jede Woche zwischen 30 bis 35 junge Flüchtlinge in die Seilerstraße. Viele hätten Talent, sagt Hussein Ismail. Knapp zehn hätten schon in ihrer Heimat geboxt und sogar Kämpfe ausgetragen. Einige sind volljährig, die größte Gruppe ist aber zwischen 12 und 17 Jahre alt. Die Jugendlichen – unter ihnen auch ein paar Mädchen – sind unbegleitet ohne Eltern in Deutschland angekommen und leben jetzt in Hamburger Einrichtungen.

Donnerstags tranieren beim BC Hanseat alle zusammen

Donnerstags tranieren beim BC Hanseat alle zusammen

Hussein Ismail ist selbst auch einmal Flüchtling gewesen. 1979 kam er aus dem Irak nach Deutschland. „Ich hatte mit 15 in Bagdad mit dem Boxen angefangen“, erzählt er. Auch in Deutschland boxte er in Vereinen, plante aber von Anfang an sein eigenes Box-Studio. „Aber erst mal habe ich in Göttingen meine Trainerausbildung gemacht.“ 1993 eröffnete er den BC Hanseat. Dass er Persisch und Arabisch spricht (nebenbei ist er auch als Übersetzer für das Bundesamt für Migration tätig), hilft ihm bei dem Flüchtlingsprojekt.

„Aber hier beim Training wird grundsätzlich Deutsch gesprochen“, sagt Ismail. „Wir haben auch ganz klare Regeln. Wir fangen alle zusammen an und hören zusammen auf – wer zu spät kommt, macht Liegestütze.“ Für viele ist das Boxen ein wichtiger Ausgleich neben der Schule. „Sie können sich körperlich verausgaben, aber sie lernen auch Fairness und Respekt.“ Ismail guckt in die Halle, wo an Seilen gerade die Sandsäcke aufgezogen werden, und grinst: „Ich krieg sie müde. Das Feedback aus den Einrichtungen ist gut: Nach dem Training liegen die Kids abends um 22 Uhr in der Falle.“

Das Training für die Jugendlichen ist kostenlos, die Ausrüstung (z.B. Handschuhe) wird vom BC Hanseat gestellt. Dafür kam auch finanzielle Unterstützung vom Bezirk Hamburg-Mitte. „Ich möchte mich hier ausdrücklich beim ehemaligen Bezirksamtsleiter Andy Grote bedanken, der sich viel um unser Projekt gekümmert hat und auch persönlich gekommen ist“, sagt Ismail. Er ist stolz, dass Weltmeisterin Susi Kentikian und Boxtrainer Ulli Wegner die Schirmherrschaft für sein Projekt übernommen haben.

Scheckübergabe im Schmidt-Theater: vorn Abiola Kotun, der vor zwei Jahren aus Nigeria flüchten musste und seit sechs Monaten beim BC Hanseat trainiert, und Leyla Horn, zweifache deutsche Meisterin, die als Trainerin bei dem Projekt mitwirkt. Mitte: Hussein Ismail und Corny Littman, oben Ensemblemitglieder (Foto: Schmidt Theater)

Scheckübergabe im Schmidt-Theater: vorn Abiola Kotun, der vor zwei Jahren aus Nigeria flüchtete und seit sechs Monaten beim BC Hanseat trainiert, und Leyla Horn, zweifache deutsche Meisterin, die als Trainerin bei dem Projekt mitwirkt. Mitte: Hussein Ismail und Corny Littman, oben Ensemblemitglieder (Foto: Schmidt Theater)

„Durchboxen und ankommen“ wird aber vom gesamten Verein getragen. Viele Mitglieder unterstützen das Projekt aktiv und finanziell. Zu den Sponsoren gehören neben vielen Kiez-Geschäften wie etwa „Susis Show Bar“ auch Unternehmen (z.B. Crown, Grossman und Berger). Und jetzt auch das Schmidt Theater: Auf der Bühne übergab Corny Littman am Donnerstag einen Scheck über 5000 Euro an den BC Hanseat. „Sport verbindet“, sagt Littmann, mit der Spende soll der Verein sein Angebot noch erweitern können. Der BC Hanseat trage mit seinem Angebot dazu bei, „dass Flüchtlinge schneller in unsere Gesellschaft integriert werden.“

Der Boxverein hat rund 80 Mitglieder zwischen 6 und 68 Jahren und aus zehn verschiedenen Nationalitäten. Bisher machte er weit über Hamburg hinaus mit seinem Engagement im Frauenboxsport von sich reden: Als Frauenboxkämpfe vom Deutschen Boxverband noch verboten waren, hat der Verein die ersten illegalen Wettkämpfe veranstaltet und damit maßgeblich zur Aufhebung des Verbots beigetragen. Heute sind ein Viertel der Mitglieder Frauen und Mädchen, darunter die zweimalige Deutsche Meisterin Leyla Horn. Seit 2009 richtet der BC Hanseat jährlich einen „Girls Box Cup“ aus. „Wir sind dabei, auch für Flüchtlinge eine Frauengruppe aufzubauen“, sagt Ismail.

Für ihn ist aber wichtig, dass der Verein wie bisher allen offensteht. „Unser Verein ist auch eine Betreuung. Wenn jemand arbeitslos ist oder allein oder neu in Hamburg, findet er hier Freunde.“ Wer den Beitrag nicht zahlen kann, darf umsonst kommen. Rund 50 Prozent der Mitglieder zahlen die Beiträge für andere mit. Und finden das ganz normal.

 

Kommentare


  1. Das war auch mein erster Gedanke…die Flüchtlinge die mit Schlagstock durch die Strassen auf St.Pauli laufen, kriegen hier noch eine Weiterbildung im Nahkampf um ihre Performance bei Raubüberfällen zu verbessern. Na vielen Dank

    • @lincoln, vielleicht könntest Du dich mal als freiwilliger Boxsack zur verfügung stellen, so als Zeichen des “aufeinander zugehens”. Immer nur am Nölen, dann mach du doch was um Leute zu supporten, die es brauchen können…

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