Tageslicht / Donnerstag, 29.10.2015

Aktion für Flüchtlinge: Jeden Abend heißer Tee

 
 

Sami Khokhar und Helfer versorgen Flüchtlinge jeden Abend mit heißem Tee. Jetzt läuft eine Sammelaktion für ein Tee-Mobil.

Der Platz ist nicht eben anheimelnd: eine Ecke am Parkhaus hinter dem Harburger Bahnhof, ringsum nur Beton, von ein paar Scheinwerfern mäßig beleuchtet. Trotzdem herrscht reger Betrieb: Jeden Abend kommen Sami Kohkhar und seine Helfer, packen zwei Warmhaltekübel, die aussehen wie R2D2, aus dem Auto und schenken in Pappbechern kostenlos heißen Tee aus. Das Angebot wird gerne angenommen. Männer, Frauen Kinder diverser Nationalitäten drängen sich um den Tisch. Ein junges Pärchen aus Harburg hat ein Blech mit selbstgebackenem Kuchen mitgebracht.

Teemobil (14)

Er hatte die Idee mit dem Tee-Mobil: Sami Khokhar, Informatiker und Vater von drei Kindern. Seine Frau Somaira gibt Deutschkurse für Flüchtlingskinder in Jenfeld

„So ist das oft“, sagt Sami Khokhar. „Freiwillige aus dem Stadtteil bringen Kekse, Kuchen, hartgekochte Eier. Was gebraucht wird, poste ich auf Facebook. Und meistens klappt das.“ Fast immer wird Zucker gebraucht, „du glaubst nicht, wie viel Zucker die Leute in ihren Tee tun.“ Der Renner bei den Flüchtlingen sind allerdings hartgekochte Eier mit Salz.

Viele kommen aber einfach nur, um beim Tee zu klönen. Mohammad und sein Freund Khales zum Beispiel erzählen, dass sie aus dem Irak geflohen sind, auf der Balkanroute. “Bulgarien sehr schlecht”, sagt Khales und drückt eine Faust gegen sein Gesicht. Nach einigen pantomimischen Übungen wird klar, dass Mohammad auf dem Bau gearbeitet und Khales Wirtschaftswissenschaften studiert hat. Sie wollen so schnell wie möglich Deutsch lernen und haben tausend Fragen. “Es ist sehr gut, dass hier jeden Abend die Tee-Leute kommen, mit denen wir reden können”, sagt Khales auf Englisch.

Rund 60 Helfer gehören mittlerweile zur Tee-Brigade

Auch wenn das keine St.-Pauli-Aktion ist: Wir finden, das Tee-Mobil hat Unterstützung verdient. Vor drei Wochen fing Sami mit einer kleinen Gruppe von Freunden und nur einem Teekocher an. Inzwischen bekamen sie einen zweiten Kocher gespendet, und die Tee-Brigade ist außer in der Harburger Poststraße abends auch in den Flüchtlingsunterkünften in Eidelstedt bei Praktiker und seit einer Woche in Eimsbüttel bei MediMax präsent, immer gegen 20 Uhr jeweils am Haupteingang. „In Eimsbüttel dürfen wir den Tee auch im Gebäude ausschenken“, sagt Sami. „Die Johanniter als Träger der Unterkunft waren dankbar für jede helfende Hand. In Eidelstedt helfen sogar schon Refugees selber mit, etwa beim Tische aufstellen und Strom verlegen.“

Jeden Abend kommen freiwillige Helfer zur Teeausgabe. Izumi (2.v.r.) wohnt in Harburg und ist regelmäßig dabei

Insgesamt rund 60 Tee-Helfer wechseln sich mittlerweile abends ab. „Die Aktion hat sich derart entwickelt, dass wir jetzt Geld für einen gebrauchten Transporter sammeln“, sagt Sami. Ihm schwebt ein Tee-Mobil vor, ähnlich wie bei den Tafeln: „Mit dem Transporter könnten wir einen festen Tourenplan mit festen Zeiten organisieren und den Tee direkt vom Wagen ausgeben.“ Der Tee wird jeden Abend in einer Harburger Pizzeria gekocht, die einem Cousin von Sami gehört, und dann in privaten Pkw transportiert. Bisher. Die Organisation würde mit einem Transporter viel leichter.

Für das Tee-Mobil fehlen noch rund 1330 Euro

Der Gebraucht-Transporter kostet 2500 Euro. Allerdings macht das geltende Spendenrecht es schwer für freiwillige Helfer – das merken auch schon andere Initiativen für Flüchtlinge. „Ich habe mich mit der Fundraising-Gruppe von ‘Refugees Welcome Karoviertel’ beraten“, sagt Sami. Bei Portalen wie „Better Place“ Spenden für ein Tee-Mobil zu sammeln, geht nicht. Und extra einen gemeinnützigen Verein zu gründen, wäre zu aufwendig. Deshalb läuft die Sammelaktion erst mal über Samis Facebookseite mit einem Link zu Pay Pal. „Wer ein Pay-Pal-Konto hat, kann dort spenden.“ Bis Mittwoch kamen schon beachtliche 1165 Euro zusammen.

Das Motto der Aktion

Das Motto der Aktion

Sami ist in Hamburg geboren und aufgewachsen, aber mit Flüchtlingsschicksalen kennt er sich aus: „Mein Vater ist aus Pakistan geflohen, meine Mutter aus Oberschlesien.“ Tagsüber arbeitet der ausgebildete Fachinformatiker als Salesmanager in einem IT-Büro in der Gertigstraße. Nach Feierabend – den gibt es eigentlich gar nicht mehr – hatte er zuerst die Flüchtlingshelfer am Hauptbahnhof unterstützt, Flüchtlinge von der Bahn abgeholt, Brötchen geschmiert und bei den türkischen Läden am Steindamm Lebensmittel organisiert.

„Dabei hab ich mitbekommen, dass 600 Flüchtlinge nach Harburg sollten. Hier drängelten sich 600 Neuankömmlinge und kein Helfer. Ich dachte: Was geht denn hier ab?“ Es war kalt, deshalb kam er auf die Idee: „Man muss was Warmes für den Abend anbieten.“

 „Jungs, lasst uns das machen”

Der Ort ist trotz Kerzenschein unwirtlich, aber viele kommen einfach zum Klönen

Der Ort ist trotz Kerzenschein unwirtlich, aber viele kommen einfach zum Klönen

Die ersten Helfer warb er in seiner Religionsgemeinschaft. Sami ist im Vorstand der Ahmadiyya Muslim Jamaat, die 1889 als islamische Reformgemeinschaft im heutigen Pakistan entstand und in Deutschland etwa 35.999 Mitglieder hat, in Hamburg um die 3000. In der Hansestadt hat sie den Status einer Körperschaft des öffentlichen Rechts (ist damit den Kirchen gleichgestellt). Zu ihrem Credo gehört die Achtung der ursprünglichen Werte des Koran, allen voran der Barmherzigkeit. „Ich habe meinem Gemeindevorsteher von der Aktion erzählt, und er hat gleich gesagt: Jungs, lasst uns das machen.“

Einer der Helfer ist Munawar Rathore, Leiter der Ahmadiyya-Gemeinde in Harburg und tagsüber Taxifahrer. „Pro Abend brauchen wir allein hier in der Harburger Poststraße rund 300 Becher und zwei bis vier Packungen Schwarzen Tee, etwa 200 Beutel“, sagt er. Für alle drei Standorte fallen täglich 20 bis 30 Liter H-Milch an.

Heute Abend drängen sich viele Kinder um den Tisch und sind ganz fasziniert von den Teelichten. „Für die Kinder würden wir auch gerne Kakao anbieten, im Moment können wir das noch nicht”, sagt Rathore. „Aber die Kinder sind ganz wild auf Kakao.“

 

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