Schlaglicht / Montag, 23.06.2014

WM-Fanfest auf St. Pauli: Das Team hinter dem Spiel

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Wenn 50.000 Menschen gemeinsam eine Party feiern, gibt es viel zu tun. Ein Blick hinter die Kulissen des WM-Fanfests auf dem Heiligengeistfeld.

Es ist ein äußerst seltener Moment. Jascha Bergmann sitzt auf einer der großen braunen Transportboxen neben der Bühne, zieht genüsslich an seiner Zigarette und streckt die Beine von sich. „Magnesium zum Frühstück hilft“, sagt Jascha und lacht. Das erste Mal seit acht Stunden, dass Jascha für einen Augenblick durchatmen kann. Ein seltener Moment der Ruhe während nur wenige Meter neben ihm bereits rund 25.000 Fans dem Beginn des WM-Spiels Deutschland gegen Ghana entgegenfiebern. Noch knapp anderthalb Stunden bis zum Anpfiff.

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Der 25-Jährige ist Projektleiter der Kia Fan-Arena auf dem Heiligengeistfeld und damit für Logistik und Infrastruktur der Veranstaltung verantwortlich. „Das Mädchen für alles“, wie Jascha sagt, der bereits seit 12 Uhr mittags auf dem Gelände unterwegs ist. Denn schon frühzeitig müssen alle notwendigen Absprachen mit Polizei, Rettungsdienst und der Security-Firma getroffen sein, damit am Abend alles glatt geht. Rund 130 Polizisten und 85 Securities sind zum Deutschlandspiel an diesem Abend im Einsatz. „Wir sind auf alles vorbereitet“, sagt Jascha. Jede noch so unwahrscheinliche Extremsituation wird in Gedanken schon einmal durchgespielt. „Falls es wirklich zum Super-Gau kommt, weiß jeder, was zu tun ist.“

Funkgerät, Gafferband und Multitool – mit seinem Ausrüstungsgürtel, sieht er selbst aus wie ein Elite-Polizist. Lediglich die Uniform wurde durch Jeans und ein schwarz-rotes Deutschlandtrikot ersetzt. Sein nächster Einsatz lässt auch nicht lange auf sich warten. Über Funk erreicht Jascha die Meldung, dass im Brasilienzelt der Strom ausgefallen ist – und das ausgerechnet eine Stunde vor Anpfiff.

Fanfest 8

 

Im Laufschritt bahnt sich der 25-Jährige den Weg durch die Menge. „Türlich, Türlich“, schallt „Das Bo“ von der Bühne. Wer so regelmäßig auf großen Veranstaltungen unterwegs ist wie Jascha, der weiß, wie er sich in solchen Situationen bewegen muss, um schnell voranzukommen. Wendigkeit, ein gutes Reaktionsvermögen und ein selbstbewusster Gang sind hier klar von Vorteil.

Am Brasilienzelt angekommen wartet bereits das nächste Problem. Am Nachbarstand, der schwarz-rot-goldene Schnäpse an die Besucher ausgibt, läuft das Wasser. Das Schlauchventil fehlt plötzlich. „Wir können das Wasser nicht abstellen“, sagt Jascha. „Da hängen alle Stände dran.“ Doch gewusst wie: Mit einem Kabelbinder wird der Schlauch abgebunden. „Für den Moment hält es, bis wir ein neues Ventil haben.“

Ganz so einfach lässt sich der Stromausfall jedoch nicht beheben. Die Sicherung ist komplett durch. „Kühlschrank, Musik- und Lichtanlage, das ist einfach zu viel für einen Schuko-Anschluss“, erklärt Jascha dem enttäuschten Brasilianer. Jetzt hilft nur noch der Notfalldienst. Passend zum Song geht es „atemlos“ durch die Menge zurück zum Bürocontainer auf der anderen Seite des Geländes.

Fanfest 2

Jascha dürfte an einem solchen Abend beim WM-Fanfest kaum weniger Kilometer zurückgelegt haben als Müller, Hummels und Co. Den Spielstand erfährt er meist nur durch den Jubel oder das Aufstöhnen der Fans. Trotzdem liebt der Projektleiter seinen derzeigen Arbeitsplatz, wo generations- und schichtübergreifend miteinander gefeiert werde. „Es ist noch schöner als im Stadion. Dort sind immer die Spieler auf dem Platz, hier sind es die Fans.“

Die gilt es jetzt zu zählen, genauer gesagt zu schätzen. Gemeinsam mit Kollegin Tina Kugler und zwei Polizeibeamten vom PK 16 an der Lerchenstraße, geht es mit einer Arbeitsbühne auf rund 30 Metern Höhe. Bis zum Anpfiff in Fortaleza sind es nur noch wenige Minuten. Die Fläche ist jetzt bereits zu gut zwei Drittel gefüllt, doch in der Ferne sieht man immer noch Menschenmassen vom U-Bahnhof Feldstraße Richtung Eingang strömen. Erst jetzt merke ich, wie schwierig es ist, eine sich bewegende Masse zu schätzen. „Heute Abend sind wir voll“, prognostiziert Jascha. 50.000 Fans sind demnach trotz gelegentlicher Schauer zum Public Viewing gekommen. Doch der Regenbogen über dem Heiligengeistfeld macht auch das bisschen Feuchtigkeit vergessen.

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Als der Ball rollt, ist Jascha schon wieder unterwegs zur Rollstuhlfahrer-Tribüne. Der zuständige Sicherheitsmann ist nicht vor Ort. Zahlreiche Fans haben daher die Gelegenheit genutzt, sich hier einen exklusiven, wenn auch unerlaubten Aussichtsplatz zu sichern. Jascha hetzt weiter zum Security-Container, von dort werden zwei Männer von den Eingängen angefordert. Wenige Minuten später wird die Tribüne von Jascha und den Sicherheitsmännern, sowie zwei Polizisten freundlich aber bestimmend geräumt. Sein Funkgerät brummt immer noch unaufhörlich.

Kreislaufzusammenbruch an Biermobil 2, zu laute Musik im Deutschland-Zelt, kaputter Bauzaun an der Südseite – für jedes Problem muss Jascha innerhalb weniger Minuten eine Lösung parat haben. Für diesen Job braucht man viel Geduld und eine strukturierte Herangehensweise. Nur nicht den Kopf verlieren. Und den Humor. Daran mangelt es Jascha auch in Stresssituationen nicht. „Außer wenn ich Hunger habe.“ Für den Notfall hat der 25-Jährige heute eine ganze Tafel Schokolade in der Innentasche seiner Jacke versteckt.

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Einsatz kurz nach dem Wiederanpfiff: Im VIP-Container hat sich ein Fernseher umentschieden: Statt Fussball läuft hier nun die Übertragung des Hurricane-Festivals. Zum Glück haben die Promis zwischen Stehtischen und Buffettafel mehr als eine Glotze stehen. Nach wenigen Minuten ist auch das Problem gelöst. Gelegenheit, nun nochmal von der Sitztribüne einen Blick auf das Geschehen zu werfen. Dann geht es ganz schnell: Ecke von Kroos, Kopfball Mertesacker, Klose ist da – Tor! Jascha reißt die Arme hoch. Das 2:2 für Deutschland und er ist mit dabei. „Was für ein seltener Zufall.“

Doch jetzt heißt es, schnell wieder zurück. In wenigen Minuten ist das Spiel zu Ende, dann machen sich 50.000 Menschen vom WM-Fanfest wieder auf den Heimweg. Alle Ausgänge müssen dann geöffnet sein. Ist jeder Security auf seinem Posten? Gemeinsam drängen wir uns am Rand der Menge vorbei, stolpern über Urinpfützen und erbrochene Essensreste. „Manchmal habe ich das Gefühl, dass ich überall danach rieche“, scherzt Jascha und spurtet weiter. Das Aufstöhnen des Fans im Hintergrund verrät nichts Gutes. Verliert Deutschland doch noch das Spiel? Schnellen Schrittes geht es zurück zum Container, danach weiter zu Ausgang 3. Das Tempo ist hoch – im Spiel, wie auch bei Jascha.

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Knapp eine Stunde später ist alles vorbei. Trotz Unentschieden ziehen die Fans gröhlend vom Gelände in Richtung Reeperbahn. Das Hupen der Autos schallt über den Platz. Übrig bleibt ein Meer aus leeren Plastikbechern und zertretenen Werbematerialien. Die Stadtreinigung kommt erst in einigen Stunden. Ein aufgebrachter Fan, der seinen langen Hipster-Bart schwarz-rot-gold gefärbt hat, sucht Streit an einem Getränkestand. Gemeinsam mit drei Securities rennt Jascha über den leeren Platz. Der junge Mann will sein Pfand zurück, kann aber keine Pfandmarken vorweisen. Er verlangt die Polizei.

„Der ganz normale Wahnsinn“, sagt Jascha als wir noch einen letzten Rundgang über das Gelände machen. Im Brasilienzelt läuft der Strom wieder, der Bass dröhnt lauter als zuvor über das Areal. „Zu laut“, wie Jascha findet und bittet einen der fröhlich tanzenden Brasilianer, die Musik runterzudrehen. Die Nerven der Anwohner sollen nicht überstrapaziert werden. Doch ganz so einfach geht es nebenan im Deutschlandzelt nicht. Die Musik ist aus, dafür singen die Fans umso lauter. Eine halbe Stunde haben sie noch, dann wird der Platz geräumt. Sechs Securities bleiben zur Nachtwache auf dem Gelände.

Und Jascha? Er wird bald nach Hause gehen. Erstmal das Spiel angucken. Oder zumindest die Zusammenfassung.

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(Fotos: Daniel Schaefer)

 

Kommentare


  1. Statt einer Homestory könnte man auch mal was Kritisches zu diesem nationalistischen Spektakel schreiben. Themen gäbe es da genug: die Reichskriegsflaggen und Nazisprechchöre 2006, der Einsatz von Bereitschaftspolizei gegen randalierende Fans nach dem Ausscheiden 2010, die seit eh und je entnervte Anwohnerschaft, die stundenlangen Autokorsos, die Bedrohungen von „Gästefans“…

  2. Pingback: Das Fanfest steht vor dem Aus - St.Pauli-News

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