Schlaglicht / Donnerstag, 26.02.2015

Wer darf durch das „Tor für die Welt“?

 
 

Hamburg will die Olympischen Spiele – und rühmt sich, eine offene Stadt zu sein. Dies mag für Sportler gelten, aber auch für Flüchtlinge? Ein Kommentar von Matthias Kahrs.

Wenn Hamburg die Olympischen Spiele ausrichtet, soll das „Tor zur Welt“ zum „Tor für die Welt“ werden. St. Pauli sah über Jahrhunderte zuerst, wer durch dieses Tor in die Hansestadt kam, denn traditionell gelangten viele Menschen durch den Hafen hierher. Und auch heute hat der Stadtteil gute Gründe genau hinzusehen, was mit Olympia kommt.

Durch Olympia soll Hamburg internationaler werden, gibt die „Projektgruppe Olympia für Hamburg“ an. Die Stadt sei „traditionell offen für Menschen aus aller Welt“. Doch gilt das nicht für alle Menschen gleichermaßen.

Ein sportliches Feuerwerk abbrennen, um Touristen und Investoren nach Hamburg zu locken? Oder sollen die Stadt brennende Probleme, wie die steigende Zahl der Flüchtlinge, in Angriff nehmen und das Leben der Menschen hier verbessern? St. Pauli ist mit seinem hohen Ausländeranteil bereits sehr international – und muss sich als einer der ärmsten Stadtteile Hamburgs möglicherweise mit ansehen, wie Milliarden für Olympische Spiele ausgegeben werden, während die St. Paulianer Schwierigkeiten haben eine Sporthalle zu finden und selbst Sport zu treiben.

„Hamburger Weg“ als Sackgasse

„Hamburg kennt und bewältigt die Herausforderungen einer internationalen Stadtgesellschaft, die mit dem Zusammenleben von Menschen unterschiedlichster Herkunft, Religion, Weltanschauung und Orientierung verbunden sind“, lobt die Projektgruppe. Dies sei der „Hamburger Weg“, dem Olympische Spiele eine „zusätzliche Dynamik“ verleihen sollen. Doch der „Hamburger Weg“ ist für viele Menschen eine Sackgasse. Die 300 Lampedusa-Flüchtlinge, die in der St.-Pauli-Kirche Zuflucht suchten, sind dafür nur ein Beispiel.

Zuletzt sind die Zahlen der Flüchtlinge in Hamburg massiv angestiegen. Im vergangenen Jahr baten 13.042 Menschen um Asyl in der Hansestadt. 6072 kamen vom „Hamburger Weg“ ab und wurden auf andere Bundesländer verteilt. Von den 6970 verbliebenen Flüchtlingen wurden 1304 im Jahr 2014 abgewiesen – beinah doppelt so viele wie im Vorjahr. 334 von ihnen wurden abgeschoben.

Ist Olympia noch zeitgemäß?

Wer nach Hamburg kommt, soll möglichst Geld mitbringen, als Tourist oder Investor. Für diese Menschen sollen die Olympischen Spiele Hamburg attraktiver machen. Doch der olympische Gedanke war einmal ein anderer. Die Spiele sollten „nationale Egoismen überwinden und zum Frieden und zur internationalen Verständigung beitragen.“ Ländergrenzen haben sich in den Jahrtausenden, in denen es Olympische Spiele gibt, zwar verändert, aber von internationaler Verständigung sind wir wieder sehr weit entfernt, wie sich an den Rändern Europas zeigt. Auf einen Frieden konnten sich die Menschen oft nicht einigen. Und die weltweite Völkerverständigung übernehmen heutzutage Twitter, Facebook und Co.

Wahrscheinlich ist das Konzept der Olympischen Spiele einfach überholt. Brauchen wir wirklich einen milliardenteuren Wettkampf zwischen Kunstturnern, Trampolinspringern und Gewichthebern, um ein friedliches und gemeinschaftliches Zusammenleben von Menschen zu schaffen? Dafür kann Hamburg mit einfachen Mitteln mehr tun als mit einem Sportevent. Der beste Weg zur Völkerverständigung wäre, Flüchtlinge in Hamburg zu integrieren. Das wäre fair und eine Inspiration für die Welt. Dann wäre die Hansestadt auch wieder auf dem „Hamburger Weg“.

Foto: dpa

 

Kommentare


  1. Pingback: NOlympia-Presseschau für Februar 2015 » Nolympia

  2. Ich bin der Erste, der das unterschreibt, dass der Hamburger Senat und weite Teile des Hamburger Establishments sich um ihre Wahrnehmung in der Welt und die viel postulierte „Weltoffenheit“ dringend bemühen müssen, Stichwort #Gefahrengebiet und #LampedusaHH – da sind wir sicher einer Meinung.

    Die Frage, die mich umtreibt, und die wenig konkret diskutiert wird: Sind womöglich solche Großevents, wie Olympia, wo 95% der Investitionen vom Bund kommen, womöglich die einzigen Vehikel, die noch substanzielle Investitionen in öffentliche Infrastruktur ermöglichen?

    Eure Meinung würde mich interessieren …

  3. Olympiade in Hamburg? Überflüssig wie ein Kropf oder ein blöder Seilbahnstumpen! @Erika Hauth. Woher nehmen Sie den Schwachsinn, dass der Bund für 95% der Kosten aufkommt? Die Fiedelbude sollte auch nichts kosten! Was man einigen Leuten alles einreden kann, ist erschreckend und beunruhigt mich!

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