Schlaglicht / Dienstag, 26.04.2016

Wenn Liebe rostet – Fahrräder auf St. Pauli

 
 

Sie werden betrunken vergessen, geklaut, getreten oder einfach verlassen – Fahrräder haben es auf St. Pauli nicht leicht. Was das Viertel zu so einem unwirtlichen Ort für Drahtesel macht.

Die Wege der Liebe sind unergründlich. Auf St. Pauli führen sie außerdem über gefährliches Pflaster. In diesem besonderen Stadtteil muss jeder Radfahrer eine Entscheidung treffen: Bekenne ich mich zu meinem Rad und will ich es ehren bis ans Ende seiner Tage? Oder ist es nur eine Beziehung aus Kalkül? Das Fahrrad als Mittel zum Zweck? Bei den Radfahrern, deren Drahtesel mehr kosten als manches Auto, dürften da Zweifel kommen. Sie lassen ihre oft maßgefertigen Stahlrenner auch nicht auf der Straße stehen, sondern nehmen sie meist mit in das Treppenhaus oder sogar die Wohnung. Entweder stehen sie dort im Flur oder hängen wie ein Kunstwerk – das einige durchaus sind – an der Wand.

Doch beim Gang durch St. Pauli drängt sich der Eindruck auf, die Anwohner wären keine Fahrradliebhaber. Denn an vielen Zäunen, Laternen oder Straßenschildern sind Räder angeschlossen, die ein trauriges Schicksal erfahren. Sie sind vergessen und verlassen. Manche sind verbeult oder verrostet. Teile hängen nur lose am Rad, manchen Räder fehlen gleich Sattel, Lenker oder Reifen. Manchmal ist auch nur noch der Rahmen übrig.

Von diesem Fahrrad ist kaum noch etwas übrig

Von diesem Fahrrad ist kaum noch etwas übrig

Die einen geben dem Alkohol die Schuld. „Manche Betrunkene fahren mit dem Rad auf den Kiez und können sich nicht erinnern, wo das Rad steht“, sagt eine Radfahrerin auf der Clemens-Schulz-Straße. Wie schnell sie verwahrlosen, hänge dann davon ab, wie lange die Räder auf der Straße stehen. „Besoffene lassen auch gern ihren Müll im Fahrradkorb anderer liegen.“

Der Betreiber des Fahrradladens Speiche an der Bleicherstraße sieht auch finanzielle Nöte als Ursache. „Manche Leute ziehen weg und lassen die Räder stehen, weil sie nicht mehr so gut sind“, sagt er. „Andere haben keine Geld für eine Reparatur und kümmern sich nicht mehr darum. Das liegt aber auch an unserer Gesellschaft.“

370 Fahrräder als Schrott markiert

Die Stadtreinigung Hamburg bestätigt, dass Fahrräder es auf St. Pauli nicht einfach haben. „Im Bereich St. Pauli wurden in 2015 rund 370 Schrottfahrräder von Mitarbeitern des Bezirksamtes oder der Polizei markiert und letztendlich rund 220 Stück von der Stadtreinigung Hamburg im Auftrag des Bezirksamtes entsorgt“, sagt Pressesprecher Reinhard Fiedler. „Das entspricht einem Anteil von circa acht Prozent von der Gesamtzahl.“ Nur im Ortsteil Eimsbüttel sei der Anteil mit 15 Prozent noch größer, in Ottensen und Winterhude ähnlich wie auf dem Kiez. „In allen anderen Ortsteilen wurden deutlich weniger Schrottfahrräder markiert.“

Die Stadtreinigung markiert Schrotträder mit orangefarbenen Zetteln. Die Eigentümer haben dann noch zwei Wochen, ihr Rad zu entfernen.

Die Stadtreinigung markiert Schrotträder mit orangefarbenen Zetteln. Die Eigentümer haben dann noch zwei Wochen, ihr Rad zu entfernen.

Schrottfahrräder werden laut Fiedler als solche deklariert, wenn sie nicht mehr fahrtauglich sind oder wesentliche Bestandteile fehlen. Außerdem wenn sie verrostet und in einem verwahrlosten Zustand seien, sich mit einfachen Mitteln nicht mehr Instandsetzen ließen oder verkehrsgefährdend abgestellt worden seien. „Insgesamt muss ein Schrottfahrrad den Eindruck erwecken, dass der Besitzer sich dessen entledigt hat oder entledigen will“, so Fiedler. Die nächste Fahrradschrottaktion der Stadtreinigung ist im Spätsommer geplant.

Zahl der Fahrraddiebstähle verdoppelt

Auch die Polizei gesteht St. Pauli ein besonderes Gefährdungspotenzial für Fahrräder zu. Sachbeschädigungen an Fahrrädern werden zwar nicht in der Polizeilichen Kriminalstatistik erfasst. Doch die Zahl der Diebstähle ist deutlich gestiegen. Im Jahr 2010 waren es „nur“ 229 gestohlene Räder, 2011 aber schon 348 und im folgenden Jahr bereits 480. Im Jahr 2013 wurden sogar 540 Fahrräder gestohlen, fast doppelt so viele wie drei Jahre zuvor. 2014 ging der Fahrraddiebstahl etwas zurück, es gab noch 529 Fälle.

Haben sich Fahrraddiebe hier einen Scherz erlaubt?

Haben sich Fahrraddiebe hier einen Scherz erlaubt?

„Der Stadtteil Hamburg-St. Pauli weist durch seine örtlichen Gegebenheiten (Veranstaltungen, Vergnügungsviertel) eine besondere Tatgelegenheitsstruktur auf“, sagt Tanja von der Ahé, Pressesprecherin der Polizei. „Insbesondere aus diesem Grund gehört der Stadtteil St.Pauli bezüglich des Fahrraddiebstahls zu den höher belasteten Stadtteilen.“

Denn auf der Straße stehen nicht nur Schrotträder. Viele Anwohner sind gezwungen, ihre Räder auf der Straße stehen zu lassen. „Es gibt kaum Unterstellplätze“, nennt ein Mitarbeiter aus dem Fahrradladen in der Talstraße als Grund. Deswegen müssten viele ihr Fahrrad unter freiem Himmel anschließen.

Immer wieder sieht man auf St. Pauli zerbeulte Reifen

Immer wieder sieht man auf St. Pauli zerbeulte Reifen

Doch selbst während man auf seinem Rad fährt, kann St. Pauli gefährlich werden. „Feiernde werfen oft einfach ihre Flaschen weg“, heißt es aus dem Fahrradgeschäft in der Talstraße. Daher gebe es hier besonder viele Glasscherben auf dem Boden. „Viele Kunden kaufen deshalb verstärkte Mäntel.“

Doch es gibt auch Beziehungen zwischen Rädern und ihren Fahrern, die selbst St. Pauli nicht zerstören kann. „Mein Rad wurde mal geklaut und ich hab es ein paar Tage später einige Straßen weiter wieder gefunden“ erzählt Annika aus der Wohlwillstraße. „Und mein anderes Rad hab ich mal eine Woche unabgeschlossen vorm Copy-Shop vergessen, das Schloss hing um den Lenker und eine Woche später stand es immer noch da.“

 

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