Schlaglicht / Dienstag, 16.02.2016

Warum der Pudel Club erhalten bleiben muss

 
 

Nach dem Brand ist die Trauer auf dem Kiez groß. Doch in einem ist man sich einig: Der Pudel muss weiterleben. Die Reaktionen.

Auch zwei Tage nach dem Feuer im Golden Pudel Club am Fischmarkt sitzt der Schock bei vielen nach wie vor tief. Wer den Brand gelegt hat, ist ebenso unklar, wie die Frage, wie es mit der Immobilie nun weitergehen soll. Reicht es womöglich den abgebrannten Dachstuhl wieder aufzubauen oder muss das gesamte Gebäude am Ende doch abgerissen werden? “Im Moment sind die Polizei und die Versicherung am Zug, dann wird man sehen”, sagt Künstler und Autor Rocko Schamoni. Doch egal, was da kommt, auf dem Kiez ist man sich einig: Der Pudel ist ein einzigartiges Stück St. Pauli.

“Kompromisse wurden selten geduldet”

“Der Pudel ist kontrovers, immer gewesen, das macht die Idee des Pudels aus. Es ging niemals um einen Club, sondern um die Einstellung, Alternativen aufzuzeigen, sei es im Clubbing, im Lebensstil, in der Musik, und natürlich immer ganz viel Politik. Kompromisse wurden selten geduldet, und Hamburg in den 90ern und 00er Jahren wäre sicherlich eine andere Stadt. Erinnerungen sind da viele, die Nächte waren lang, die Inhalte der Gespräche meist tief, es wäre ein Jammer, wenn nachfolgende Generationen diese Chance nicht hätten.” Anja und Tan, Betreiber “Hasenschaukel”

“Magisches Experimentierlabor”

Bernd Begemann - Presse 2 cmyk, credits Andreas Hornoff - ilovehorny.com“Für mich ist “Pudel” immer gefühlt der alte Pudel, Schanzenstraße, Ecke Kampstraße, wo Helge Schneider und Funny van Dannen zum ersten Mal in Hamburg gespielt haben. Ein magisches, verwunschenes Experimentierlabor, zusammengehalten durch Rocko Schamonis soziales Genie. Ich glaube, der Pudel ist der EIGENTLICHE Grund, weshalb die meisten Leute mal nach Hamburg gezogen sind.” Bernd Begemann, Musiker

“Bei Sonnenaufgang nach Hause”

„Der Pudel war immer DER Anlaufpunkt, wenn die Clubs und Kneipen an der Reeperbahn einem zu langweilig wurden. Morgens kurz nach 2 Uhr nochmal im Pudel den Abend mit netten Leutchen um einen herum ausklingen lassen. Ok, Pudel und Ausklingen, das hört sich vielleicht merkwürdig an. Manchmal konnte die Nacht dann auch mal etwas länger dauern – aber es lohnte sich! Denn der Weg vom Club zu Fuß nach Hause bei Sonnenaufgang am Hafen entlang, war stets einfach unbezahlbar!“ Maria, Sexarbeiterin

PUDEL! GROSSE TRAUER! Ab jetzt heisst’s nüchtern bleiben.XTOCShttps://vimeo.com/63573337

Posted by Tocotronic on Dienstag, 16. Februar 2016

“Der Stadtteil steht hinter dem Pudel”

Dominik Großefeld, Silbersack (2)„Ich bin traurig, dass schon wieder ein alteingesessener Laden zu verschwinden droht. Aber ich würde mir wünschen, dass die gesamte Pudel-Kommune nun noch stärker darauf pocht, den Club noch ewig und drei Tage weiter zu betreiben. Ich bin mir sicher, dass im Falle einer Reparatur oder Sanierung der ganze Stadtteil mit aktiver Hilfe hinter ihnen steht, so wie ich es tue. Ich kann mir eine St. Pauli-Club-Welt ohne Pudel ebenso wenig vorstellen, wie eine St. Pauli-Kneipen-Welt ohne meinen Silbersack.” Dominik Großefeld, Wirt “Zum Silbersack”

“Wahnwitzig bis abenteuerlich”

„Wer wissen will, was den Pudel ausmachte, muss seinen einzigartigen Charakter verstehen: Dazu zählt sicherlich das wahnwitzig-abenteuerliche, mitunter antikommerzielle Programm, ebenso sein verwarztes Inneres und nicht zuletzt sein äußerst kreatives und kommunikationsfreudiges Team. Aber vor allem war der Pudel im übertragenen Sinne ein Raum, der sowohl öffentlich als auch privat war, zu dem jeder Zutritt hatte, aber in dem man nicht anonym blieb. Für mich mit meinen 65 Jahren und fast weißen Haaren war es der einzige Club in Hamburg, in dem ich mich uneingeschränkt wohl und willkommen fühlte. In dem ich am Tresen in lange, heitere Gespräche mit Menschen verwickelt wurde, die noch nicht einmal halb so alt waren wie ich, und in dem ich mich auf Musik eingelassen habe, die ich anderswo schnell weggeklickt hätte. Ein Ort, wo ich kein “Besucher”, sondern einfach nur da war.“ Klaus Frederking

“Kein St. Pauli ohne Pudel”

“Liebe, Stärke, Wiederaufbau! Kein St. Pauli ohne Pudel.” Oke Göttlich, Vereinspräsident FC St. Pauli

“Er ist nicht zu ersetzen”

Molotow Andi Schmidt “Der Pudel würde Hamburg sehr fehlen. Er ist nicht zu ersetzen. Es wäre nicht auszudenken wenn ein weiterer unkommerzieller Musikstandort verschwinden würde.” Andi Schmidt, Betreiber “Molotow”

 

“Eine echte Institution”

“Der Pudel war immer ein wichtiger Treffpunkt für die alternative Indie-Szene. Was mir besonders gefallen hat: Im Pudel war jeder willkommen. Menschen aus allen Kulturen haben hier gemeinsam gechillt, ohne dass jemand komisch von der Seite angeguckt wurde. Wenn das Gebäude nun verschwinden sollte, geht wieder ein altes Stück St. Pauli. Eine echte Institution.” Michael Koslowsky, Nachbar

:-( #HEIMAT

Posted by Tim Mälzer on Montag, 15. Februar 2016

 

“Der Pudel spaltete und vereinte zugleich”

12713978_10153923456574660_1147910920_n„Laut, unbequem, bunt. Es war immer eng, stickig und alle gingen ab. Egal ob Jupi, Cap-Träger oder Kunst-Heini: Alle tanzen! Der Pudel spaltete und vereinte zugleich. Die Welt ist eine Pudel!“ Sebastian Saavedra, Schauspieler

 

“Wichtiger Ort der Clubkultur”

“Der Verlust des Golden Pudel Clubs ist ein herber Verlust für Hamburg. Es sollte nun alles geprüft werden, wie man diesen wichtigen Ort der Clubkultur erhalten könnte. Ein Stiftungsmodell war ja schon länger im Gespräch. Wenn es hier eine konzertierte Aktion der Musikszene gäbe, wäre das ein tolles Zeichen.” Hansjörg Schmidt, SPD-Abgeordneter der Bürgerschaft

“Wir werden Köter und Park nie aufgeben”

Niels Boeing 9.9 (8)„Der Pudel ist ein toller struppiger Köter, mit dem die gestylten neuen Hunde im eventisierten St. Pauli nicht mithalten können. Seine Wiese ist der Gezi Park Fiction, und die beiden sind unzertrennlich. Die St. Paulianer*innen werden Köter und Park nie aufgeben, nie. Im Gegenteil, sie werden den Pudel bandagieren und pflegen, auf dass er wieder auf die Beine kommt. Long live the Pudel!“ Niels Boeing, Autor

“Ein Stachel in der Turbo-Gentrifizierung”

“Der Pudel ist eine Kulturinstitution im Stadtteil: Rotzig, hedonistisch und immer wieder positioniert. Ein widerständiger Stachel in der Turbo-Gentrifizierung, durch die St. Pauli zusehends subkulturelle, experimentelle Orte verliert, da der Bodenpreis regiert. Der Pudel ist Teil des Park Fictions, der als kollektiver Prozess im Stadtteil erkämpft wurde. Es braucht jene nicht an kommerziellen Interessen orientieren Kulturräume, die sich gegenseitig befruchten. Daher unterstützen wir die langfristige Sicherung des Pudels als kollektiver Ort im Stadtteil durch ein Stiftungsmodell.” Steffen Jörg und Tina Röthig, GWA St. Pauli e.V.

“Der Pudel ist nicht nur ein Gebäude”

Tiegervogel und Aal Fatal“Der Pudel ist auch für die Menschen, die der dort aktuell gespielten Musik nicht immer eng verbunden sind, mehr als nur ein normaler Club. Die Preise sind menschenfreundlich, der Style ist roh und angenehm. Die betreibenden Menschen sind Leute, die mit Herz für die Musik und Kunst agieren und nicht für den schnellen und einfach verdienten Euro. Der Pudel ist unangepasst und schafft es tendenziell sich dem großen Kommerz zu entziehen. ABER: Der Pudel ist nicht in erster Linie ein Gebäude, sondern eben die Gruppe und der gemeinsame Gedanke und insofern wird er so oder so weiterleben.” Tiegervogel & Aal Fatal, Musiker

“Danke”

“Wir, der Pudel und Park Fiction möchten uns sehr herzlich für Eure Anteilnahme bedanken.” Rocko Schamoni, Golden Pudel Club

Was macht den Pudel Club für euch aus? Warum gehört er zu Hamburg, zu St. Pauli? Schickt uns eure Statements an stpauli.news@yahoo.de Gerne mit Foto (ist aber kein Muss).

Reaktionen unserer Leser:

“Pudel muss und wird bleiben. Tausend Dank an Tocotronic für dieses Video, welches missverstanden werden könnte, aber für alle, die den Pudel kennengelernt haben, authentisch ist. Im Schock, ich hoffe sehr, der Pudel kann wieder hergestellt werden!” Xyramat (ehemals auch Black Bunny)

(Aufmacher: Kundgebung der Pudel-Familie vor dem Hamburger Amtsgericht, Irene Jung)

 

Kommentare


  1. Ich hab den Pudel erst vor ein paar Jahren für mich entdeckt, in einer Zeit als die Kinder langsam flügge wurden und ich mich fragte, wohin nun mit dem ganzen Herz.
    Es gib sicher viele die den Pudel besser kennen als ich, aber eins hab ich verstanden, und davon bin ich felsenfest überzeugt:
    Die Hütte hat gebrannt, nicht der Hund!

  2. Der Pudel war die erste Anlaufstelle, als ich vor zwölf Jahren von Stuttgart nach Hamburg zog. Dieser erste Nacht in Hamburg/im Pudel blieb für mich unvergessen. Die Atmosphäre und die Leute an diesem wunderbaren/wundersamen Ort haben mich beeindruckt. Obwohl ich nun schon fast 50 bin, kann ich nach wie vor diesen Ort aufsuchen, ohne mich fehl am Platz zu fühlen, ganz zu schweigen von der Musik, die mich nach wie vor begeistert. Die Open-airs nicht zu vergessen. Später, als meine Tochter anfing sich für Clubs zu interessieren, war der Pudel der 1. Club überhaupt, in den sie sich begab. Dort hat sie ihre gesamt Jugend verbracht. Der Pudel hat Generationen begleitet und das muss auch so bleiben. Es ist nicht nur eine Hütte und nicht nur ein Club, es ist eine Haltung – eine Lebenseinstellung. Jedenfalls für mich und für meine Tochter! PUDEL MUSS BLEIBEN – PUDEL IST St. Pauli!!!!

  3. Pingback: Pudel: "Nicht zu kaufen, nicht zu verbrennen" - St.Pauli-News

  4. hallo – ich kenne den pudel noch als er in den sechziger jahren als “hafentreppe”die fischmarktbesucher beim heimweg bewirtete. im sankt pauli museum liegen viele historische fotos. der NDR hat heute einige auf seine hompage genommen. der pudel mussbleiben – der ist unverzichtbar wie der michel für hamburg

  5. Ganz ehrlich. Reißt die traurig stinkende Trümmerruine ab und baut was neues im Stile von St.Pauli auf – schöner und gemütlicher. Man kann es auch übertreiben mit der Glorifizierung der Dinge.

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