Schlaglicht / Mittwoch, 07.01.2015

Twist geht auch mit Hosenträgern

 
 

Bei der Faltenrock-Party Ü60 geht einmal im Monat im Nochtspeicher die Post ab – zum großen Vergnügen der Generation Twist und Rock’n’Roll.

(Alle Songtitel: aus der Playlist der Faltenrock-Party am 4.1.)

Wanda Jackson: Let’s Have A Party Kurz nach 18 Uhr schieben sich immer mehr Leute hinter uns in den Partykeller im Nochtspeicher. Lustiges Gefühl: Ich darf hier eigentlich noch gar nicht rein – U60 ist  nur in Begleitung von Ü60 zugelassen, aber eine Ausweiskontrolle gibt’s wohl nur bei krassen Verdachtsfällen. Der Raum ist in rotes Licht getaucht, auf den Tischen stehen Kerzengläser und kleine Schälchen mit Knabberzeug. Hinter der Musikanlage sitzt Uwe Meetz als lebende Jukebox. Der erfahrene Radio-DJ und Moderator (z.B. NDR-Diskothek) ist selber 70 und bringt seit 1967 Menschen verschiedener Altersstufen in rhythmische Wallungen.

Chubby Checker, Let’s Twist Again Gibt es einen Dresscode für eine Faltenrock-Party? Man sollte den Titel nicht allzu wörtlich nehmen: Ich sehe nur ein einziges Kleidungsstück, das entfernte Ähnlichkeit mit einem Faltenrock hat, und nur eine einzige Perlenkette. Ansonsten alles, von Jeans und Holzfällerhemden bis zu Damenbluse und Hippiekleid, nur keine Stöckelschuhe und Dauerwellen. Viele kennen sich schon, sind mit einer Freundin oder mit ein paar Bekannten gekommen, Paare gibt’s eher wenige. Ein Herr trägt sogar Hosenträger.

DJ Uwe Meetz ist dico-erfahren, nicht nur im NDR-Radio, sondern auch bei Partys

DJ Uwe Meetz ist dico-erfahren, nicht nur im NDR-Radio, sondern auch bei Partys (Foto: Jung)

Chuck Berry, No Particular Place to Go Bis 2011 hatten wir zwar schon Ü30- und Ü40-Partys in Hamburg, aber eben no particular place für die Rock’n’Roller über 60; überall wurden (und werden) sie völlig undifferenziert mit Karel Gott oder Udo Jürgens beschallt. Das muss sich ändern, fanden Kristina Sassenscheidt und Christian Ströh und gründeten mit Rita Kohel und Franziska Schillig im Oktober 2011 die Faltenrock-Partys. „Meine Mutter tanzt gern und wir wollten zusammen ausgehen, sie fühlt sich aber zu alt fürs Nachtleben“, sagt Kristina Sassenscheidt. „Deshalb kam uns die Idee zu diesen Partys.“ Die schlugen ein wie eine Bombe – zuerst in der Jupi-Bar im Gängeviertel mit DJane Rita Kohel. Der Erfolg ist so groß, dass Faltenrock-Partys seit Juni 2014 einmal im Monat auch auf St. Pauli stattfinden. „Der Nochtspeicher ist toll“, sagt DJ Uwe Meetz, „das Personal ist sehr freundlich und wir haben mehr Platz als im Gängeviertel. Deshalb fühlt man sich hier einfach wohl.“

Shirley & Company, Shame Shame Shame Uwe kennt sich inzwischen aus: Mit Rock’n’Roll-Titeln der 50er und 60er, aber auch reichlich Uptempo-Nummern aus Rock, Funk, Soul und Disco-Sound trifft er zuverlässig den Geschmack seiner Gäste. Die können auch Wünsche in seine Liste eintragen. Neben Donna Summer und Tina Turner steht da aber auch Amy Winehouse. Ich versuchs mit „Should I Stay Or Should I Go“ von The Clash. Meine Sorge, eine Massenflucht zu verursachen, ist völlig unbegründet – es gibt hier auch reichlich Punk-Freunde.

Jeder tanzt, wann, wie und mit wem er will. (Foto: Marlena Waldthausen)

Jeder tanzt, wann, wie und mit wem er will. (Foto: Marlena Waldthausen)

Gianna Nannini, Bello e impossibile Anfangs stehen sich etliche Männer am Tresen die Füße platt. Wie immer sind es die Frauen, die als erste auf die Tanzfläche stürzen. „Ja, die Herren zünden später, aber das ist bei Ü40 genauso“, meint Uwe. Carola ist mit einer Freundin aus Nienstedten gekommen (beide 67). „Wir hatten es auch schon mit den Oldie-95-Partys im Landhaus Walter im Stadtpark versucht, aber die Stimmung gefällt uns hier besser“, meint sie. „Jeder kann tanzen wie er will, mit wem er will oder auch alleine.“ Ob sich jemand langsam und vorsichtig bewegt (mit künstlicher Hüfte eventuell noch in der Reha) oder raumgreifend herumspringt, ist völlig wurscht.

Aretha Franklin, Think (bekannt aus der Kantinenszene in „Blues Brothers“) „Es ist gut, dass Ältere unter sich sind, weil man sich dann freier fühlt“, meint Carl, der sein Alter nicht verraten will, aber „schon sehr oft“ hier war. Uwe stimmt ihm zu: „Man war ja als Jugendlicher auch nicht mit den Eltern beim Tanzen, warum also heute mit den Kindern?“ Obwohl: Das darf auch sein. Ein Herr ist mit Tochter gekommen. Gegen 21 Uhr haben sich auch die Tresenmänner warmgetanzt, und die Kondition der Gäste ist durchweg beeindruckend.

Beach Boys: I Get Around Jetzt kommen die „Faltenrock Top Ten“. Das ist eine Liste von besonders erfolgreichen und meistgewünschten Titeln, die Uwe monatlich nach einem eigenen Punktesystem zusammenstellt. Diesmal mit dabei: die Beach Boys, „Josephine“ von Fats Domino und „Twist and Shout“ von den Beatles. Zu Ehren des gerade verstorbenen Joe Cocker spielt Uwe „Unchain your Heart“. Was es nicht alles gibt: Jemand kommt aus dem hinteren Teil des Raums und beschwert sich, die Musik sei so laut, man könne sich nicht gut unterhalten. „Leute, das ist hier kein Bingo und kein Kaffeeklatsch, sondern eine Party!“, stellt Uwe klar.

Hier begann es: Faltenrock-Schwof im Gängeviertel (Foto Franziska Holz)

Hier begann es: Faltenrock-Schwof im Gängeviertel (Foto Franziska Holz)

Bob Marley, No Woman No Cry Aha, jetzt kommt eine Engtanzphase. Draußen vor der Tür erzählt eine Raucherin, was sie ihren Enkeln zu Weihnachten geschenkt hat. Sie ist mit ein paar Bekannten hier, die alle gern tanzen, „aber bitte nicht zu den Wildauer Herzbuben oder wie die heißen“. Dann schon lieber Tom Jones.

Tom Jones mit Mousse T, Sex Bomb Inzwischen ist die Faltenrock-Idee sogar kopiert worden und hat einen Nachahmer in Solingen. „Kreuzfahrten sind Klischees. Torten essen und Bingo spielen sind langweilig“, heißt es da auf Facebook, „die Generation 60+ ist mit Rockmusik aufgewachsen und zu alt für die Disco und zu jung für Tanztees“. Übrigens, der walisische Ex-Staubsaugervertreter Tom „Tiger“ Jones ist heute 74 und tritt immer noch auf.

AC/DC, Highway To Hell Erst ab 22 Uhr lichten sich die Reihen. Mir ist inzwischen völlig klar, dass Seniorenheime in absehbarer Zeit ihre Musikbeschallung ändern müssen. Statt pensionierte Oberförster, Speditionskaufleute und Buchhalterinnen mit Jürgen Marcus oder Helene Fischer zu paralysieren, sind Elvis, Deep Purple oder Status Quo gefragt. Oder die Ramones. Denn selbst diejenigen, die schon während des Blitzkriegs geboren wurden, haben ja später „Blitzkrieg Bop“ mitgekriegt. Oder?

Dank an Marlena Waldthausen (2) und Franziska Holz (2) für ihre Fotos

Faltenrock-Party im Nochtspeicher: immer am ersten Sonntag des Monats. Termine hier und auf Facebook. Die nächste Faltenrock-Party steigt am 1. Februar, ab 18 Uhr, Eintritt 6 Euro, im Nochtspeicher, Bernhard-Nocht-Straße 69a

 

Kommentare


    • Auch ich finde, wie die Regina, den Bericht von Irene Jung über die „Faltenrock-Party“ im Nochtspeicher einfach großartig!
      Toll, wie sie diesen Abend beschrieben
      hat, mit viel Pep und Witz, einfach köstlich! Erstklassig beobachtet, sogar mit Infos über aufgelegte Hit-Titel! Das Lesen des Artikels
      machte richtig Spaß, wie die Veranstaltung selbst! Gut, dass sie eine so hervorragende Mitarbeiterin haben!

  1. Wirklich schöner Artikel. Leider nach wie vor mit ein paar Fehlern:

    1) Wir starteten im Oktober 2011 (siehe Homepage und Facebook-Seite). Sind also über drei Jahre am Start, nicht zwei.

    2) Gegründet wurde die Veranstaltung von einem Viererteam.

    3) Das vorletzte Bild stammt von Ganna Kolenchuk (siehe Homepage und Facebook-Seite). Liegt eine Freigabe vor?

  2. Stimmt, Vanessa! Nur: die junggebliebenen beim
    Nochtspeicher-„FaltenRock“ sind nicht nur 35plus, sondern flippen mit ihren 60-90 Jahren auf dem Dancefloor bei Rock’n’Roll, Rock & Funk total aus! Unglaublich! Das ist der helle Wahnsinn!

  3. Stark angelehnt an diesen amüsanten Bericht von Irene Jung wurde nun auch ein NDR-Beitrag von Niels Grützner, der die Beschreibung nochmals im Film, auch mit humorvoller Moderation in knapp 3 Minuten, toll dargestellt hat! Da kann man es den Ü60-Gästen es so richtig ansehen, wie wohl sie sich bei dieser Nochtspeicher-Party fühlen! Wer es nicht gesehen hat:
    ndr fernsehen hamburger journal faltenrock (z.b.
    Google)! Das macht richtig Laune auf den nächsten Falten-ROCK, der bestimmt auch für den Rest des
    Lebens unvergessen bleibt, wie viele der aufgelegten fetzigen Musikstücke!

  4. Klasse von Dir dieser Beitrag – liebe Irene
    Ich bin noch ganz neu hier (am 3.1.2016 war mein Debüt) in dem Keller), habe mich aber gleich wohl gefühlt wie „zurück aus der „Steinzeit = Rockn‘ Roll Ära“ geführt in die kühle Realität des 21. Jahrhunderts“ oder war es umgekehrt? So eine tolle ungezwungene Atmosphäre hätte ich nie erwartet….Ich freue mich schon auf heute abend…..tschüüüüss Gisela+++

  5. Egal ob sich die Falten am Rock oder im Gesicht zeigen, für feiern ist es nie zu spät. Aber hier ein entschiedener Hinweis (und um mal mit dem Klischee aufzuräumen): Hosenträger sind nichts für Alte jenseits des modischen Empfindens. Die Franzosen machen uns das schon lange vor: Die Hosenträger heißen da Les Bretelles de Léon (also bretelles = Hosenträger), sind farbenfroh (nicht albern bunt), sehr stylish und vor allem beim Tanzen praktische Begleiter, die tun, was sie tun sollen: Die Hose oben halten, den Bauch nicht einengen und das weibliche Geschlecht durch Stil und Modebewusstsein betören.

  6. Für alle Rock’n’Roll-Fans gibt es an jedem Freitag und Sonnabend von 22 bis ca.4 h im „20 Flight Rock“ in der Friedrichstr.29 eine Nacht mit wechselnden DJs, die alle mit Leib und Seele dabei sind! Wenn Ihr in der Nähe vom Hans-Albers-Platz seid,
    dann da unbedingt ‚mal hineinschauen, hören, tanzen
    und abrocken

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