Schlaglicht / Donnerstag, 14.01.2016

Türsteher-Patrouille geht auf Streife

 
 

Die mobilen Türsteher sind ab dem Wochenende auf der Großen Freiheit im Einsatz. Sie sollen Kiez-Besucherinnen ein Gefühl von Sicherheit geben.

Nach den schlimmen Vorfällen der Silvesternacht, geht man auf der Großen Freiheit neue Wege: Bei einem internen Sicherheitsgipfel am Mittwoch, an dem neben Club- und Barbetreibern, auch Vertreter des BID Reeperbahn+ und die Leiterin der Davidwache Cornelia Schröder teilnahmen, wurde vereinbart, bereits ab dem kommenden Wochenende mobile Türsteher als Patrouille in der Straße einzusetzen. Das bestätigten uns mehrere Teilnehmer der Runde auf Nachfrage. Zudem werde eine engere Kooperation der Türsteher auf der Großen Freiheit angestrebt.

Bei den neuen Security-Streifen, die äußerlich durch Warnwesten oder Armbinden klar erkennbar sein sollen, handelt es sich laut Teilnehmern um erfahrene Türsteher aus der Großen Freiheit. Einzelne Läden hätten bereits signalisiert, Personal bereitzustellen. Wie viele dieser mobilen Sicherheitsmänner es zukünftig geben soll, ist noch unklar. Bislang ist von zwei bis vier Personen die Rede. „Die Männer sollen zusätzlich zu den Türstehern vor den Clubs Präsenz in der Straße zeigen und vor allem den Besucherinnen ein Gefühl von Sicherheit geben“, sagte eine Teilnehmerin der Runde. „Jeder, der Hilfe braucht, kann sich an sie wenden.“ Darüber hinaus könnten die mobilen Türsteher junge Frauen auf Wunsch sogar bis zur S-Bahn-Station oder zum Taxi begleiten.

Über die sozialen Netzwerke, aber auch durch Hinweisschilder in den jeweiligen Läden, wolle man die Besucher in Kürze über die neue Maßnahme informieren. In Absprache mit Cornelia Schröder, Leiterin der Davidwache, habe man jedoch ausdrücklich vereinbart, dass die mobilen Türsteher keinerlei polizeiliche Aufgaben übernehmen würden. „Sie haben keine Ordnungsgewalt“, sagte uns ein Clubbetreiber. „Wenn unsere Securitys eine Straftat beobachten, werden sie die Polizei informieren, die für alles weitere verantwortlich ist.“ Die Botschaft der Polizei sei mehr als deutlich gewesen: „Wer selbst handelt, bekommt Ärger.“

Rotlichtmilieu droht mit Selbstjustiz

Eine klare Ansage, die nötig geworden war, nachdem auch auf St. Pauli zuletzt Stimmen laut geworden waren, die forderten, man müsse unabhängig von der Polizei nun hart durchgreifen. In schlechter Erinnerung ist der Polizei vor allem ein Vorfall aus dem Oktober 2014 geblieben. Damals waren fünf mutmaßliche minderjährige Taschendiebe im Alter von 15 und 16 Jahren von Unbekannten auf dem Kiez brutal zusammengeschlagen worden, bis sie zum Teil bewusstlos waren. Wie berichtet, könnte es sich dabei um eine konzertierte Aktion aus dem Rotlichtmilieu gehandelt haben, da die Jugendlichen auch immer wieder Freier rund um die Reeperbahn bestohlen haben sollen.

Nach den Vorfällen der Silvesternacht häufen sich derzeit auf St. Pauli Gerüchte, es könnte bald wieder zu ähnlichen Fällen von Selbstjustiz kommen. Ein Mann aus dem Umfeld des Rotlichtmilieus sagte der „Bild“-Zeitung, dass auch in der Herbertstraße „neuerdings massiv Gruppen aus arabischsprachigen Ländern“ auftauchen würden. „Sie glotzen nur, machen null Umsatz und verschrecken die zahlende Kundschaft.“ Auch viele der Prostituierten auf dem Kiez würden von den Männern massiv belästigt und angegafft. „Wenn die Polizei machtlos ist, machen die Jungs das eben selbst.“

Mancherorts auf St. Pauli gab es zuletzt große Sympathien für eine solche Ankündigung. „Wenn die Polizei nichts macht, müssen die Jungs halt ran“, sagte uns am vergangenen Wochenende der Türsteher einer Diskothek an der Großen Freiheit. „Dann macht man die Straße dicht und verpasst denen eine ordentliche Abreibung.“ Auch Türsteher Viktor Hacker hat von ehemaligen Türleuten ähnliche Absichtsbekundungen vernommen und warnt dringend davor, sich zu einer Art Privatpolizei zusammenzutun. „Viele wollen jetzt eine Art Heldendasein proben, das halte ich für sehr gefährlich“, sagt Hacker, der wöchentlich für unseren Blog von seinen Erlebnissen an der Tür berichtet. „Der einzige Weg ist nach wie vor, mit der Polizei zusammenzuarbeiten. Wenn ich etwas beobachte, muss ich das den Beamten melden, die sich darum kümmern.“ Andernfalls drehe sich die Spirale der Gewalt immer weiter.

Über Facebook formiert sich eine „Hamburger Bürgerwehr“

Über Facebook formiert sich derzeit eine „Hamburger Bürgerwehr“, die zukünftig „durch präsentes Auftreten“ die Sicherheit „in den Straßen Hamburgs“ gewährleisten will. „Wie viele von uns müssen ehrlich feststellen, dass es kaum noch möglich ist, zu später Stunde durch die Stadt zu ziehen, ohne angepöbelt zu werden und das Gefühl von Verunsicherung bei sich zu tragen“, heißt es in einer Erklärung der Gruppe. „Gerade unter dem Vorbehalt, dass vorzugsweise Frauen Opfer von Angriffen werden, sehen wir uns in der Pflicht, solche Missstände aufzuzeigen und selbst aktiv zu werden.“

Die Facebook-Initiative beruft sich dabei auf das sogenannte „Jedermann-Festnahmerecht“ nach § 127 Abs. 1 Strafprozessordnung. Demnach ist jedermann befugt, eine Person ohne rechtliche Anordnung vorläufig festzunehmen, wenn die Person auf frischer Tat betroffen oder verfolgt wird, der Flucht verdächtig ist oder ihre Identität nicht sofort festzustellen ist. Die Festnahme selbst muss unter Beachtung des Verhältnismäßigkeitsprinzips erfolgen. Sie darf beispielsweise nicht bei geringsten Vergehen zu erheblichen Verletzungen beim Täter führen. Die Gruppe betont, dass man das Gewaltmonopol des Staates anerkenne und „vernünftig“ mit der Hamburger Polizei zusammenarbeiten wolle.

Bei der Hamburger Polizei stößt man mit der Ankündigung dennoch auf wenig Begeisterung. „Wir begrüßen so etwas natürlich nicht“, sagte eine Polizeisprecherin. Das Gewaltmonopol liege immer noch beim Staat und damit bei der Polizei. Solange sich eine solche Bürgerwehr jedoch im Rahmen der Legalität bewege, sei sie für die Polizei nicht strafrechtlich relevant. Man werde aber ein Auge auf die Aktivitäten der Gruppe haben, heißt es.

Bessere Zusammenarbeit mit der Polizei vereinbart

Von einer „Bürgerwehr“ will man bei der neuen Türsteher-Patrouille auf der Großen Freiheit ganz bewusst nicht sprechen. Eine Lösung, da sind sich die Club- und Barbetreiber einig, könne es nur mit der Polizei zusammen geben. Daher soll die Kommunikation und Zusammenarbeit mit der Polizei deutlich verbessert werden. So sei es in der Vergangenheit oftmals zu Missverständnissen zwischen Türstehern und jungen Bereitschaftspolizisten gekommen. „Den jungen Beamten fehlt oft das nötige Feingefühl für den Kiez“, sagte ein Clubbetreiber. Sie müssten daher für den Einsatz auf St. Pauli besser gebrieft werden. Eine Anregung, die man von Seiten der Polizei mitgenommen habe. Im Gegenzug verpflichteten sich Türsteher und Betreiber Beobachtungen umgehend an die Polizei weiterzugeben. „Ich glaube, wir sind nach der Gesprächsrunde auf einem guten Weg“, so der Clubbetreiber. „Wir müssen jetzt gemeinsam nach vorne schauen.“

Acht Tatverdächtige inzwischen ermittelt

Nach den sexuellen Übergriffen auf Frauen in der Silvesternacht konnte die Polizei inzwischen acht Tatverdächtige ermitteln. Dabei soll es um Verdächtige gehen, die seit mehreren Jahren in Hamburg wohnen, aber auch um Flüchtlinge, die in Einrichtungen untergebracht sind, sagte LKA-Vizechef Frank-Martin Heise am Donnerstag im Innenausschuss der Bürgerschaft. Den Verdächtigen könnten konkrete Taten in besagter Nacht zugeordnet werden, so Heise. Bislang ist jedoch keiner von ihnen in Haft.

Zudem ermittelt die Polizei gegen 18 bis 20 weitere Personen, die sich in der Silvesternacht an den fraglichen Orten rund um die Reeperbahn und am Jungfernstieg aufgehalten haben sollen.  Zwar könnten ihnen noch keine konkreten Taten zugeordnet werden, einige Fotos würden jedoch nahelegen, dass sie ebenfalls Täter sein könnten. Laut Heise kümmert sich derzeit eine Ermittlungsgruppe aus 26 Beamten um die Taten.

Zuletzt aktualisiert: 14.1. um 21 Uhr.

(Mit Material von cia/zv (Hamburger Abendblatt) / Foto: Symbol/Michael Arning)

 

Kommentare


  1. Besorgte Bürger und Rocker und Zuhälter – die einen wollen als Bürgerwehr getarnt Ausländer jagen die anderen ihre Geschäfte mit der Ausbeutung von Frauen schützen

    Wer schützt die Menschheit vor denen

    • „Ausländer“ jagen? Wo steht das? Theresa bitte nicht verdrehen oder hetzen! Die sog. „Security will/soll und muss mit der Polizei zusammenarbeiten um Kiez Besuchern wenigstens ein größeres Sicherheitsgefühl zu geben!

    • schonmal überlegt, das viele dieser „rocker“,“zuhälter“ und „security männer“ selbst ausländer oder deutsche mit migrationshintergrund sind? welche ausländer sollen denn ihrer meinung nach von diesen ausländern gejagt werden? war das eine anspielung darauf, dass das alles nazis sind? da muss ich sie leider enttäuschen

      • Genau, die Wirte und Türsteher können nicht wegschauen, wenn VOR ihrer Tür Menschen in Gefahr sind und um Hilfe rufen! Sie würden sich strafbar machen, unterlassene Hilfeleistung! Die Leute organisieren sich eben! Die Bewohner von St.Pauli sollten froh sein, dass zusätzliche „Kräfte“ sich um die Sicherheit im Stadtteil kümmern! Den Geschäftsleuten kann es auch nicht gefallen, wenn St.Pauli immer unsicherer wird und die Besucher/Kunden weg bleiben!

        • Es gibt immer ein paar Leute die einfach nicht verstehen dass gehandelt werden muss.
          Die „hilfsbedürftigen“ Lampedealer werden ja auch von einzelnen Leuten aus dem Viertel verteidigt, wahrscheinlich weil sie bei denen ihren Kiff und ihren Sniff kaufen…

    • Witzig, aber das Blättchen ist Satire, das wissen Sie schon, oder?
      Dort werden immer fiktive Nachrichten auf lustige Art und Weise verwurstet…

      • Das kann nur Satire sein und der Unmut gegen wachsame Bürger. Man kann über Bürgerwehren streiten, aber wessen Freundin/Frau/Bekannte mal von dieser „Wehr“ beschützt wurde, denkt natürlich positiv!

  2. Also Glotzen und Null Umsatz Machen ist jetzt auch schon eine Straftat?

    „Wenn die Polizei nichts macht, müssen die Jungs halt ran“, sagte uns am vergangenen Wochenende der Türsteher einer Diskothek an der Großen Freiheit. „Dann macht man die Straße dicht und verpasst denen eine ordentliche Abreibung.“

    Warum nicht auch gleich Standgerichte? Das wäre nur konsequent. In der Scharia findet man einige Anregungen für nachhaltige und abschreckende Strafen.

    • Wenn die nur Scharia verstehen, dann sollen sie ne Abreibung bekommen!
      Wird wohl kaum die falschen Treffen…2014 haben sich so einige aufgeregt als paar „Jungs“ die Dealer vermöppt haben, ganz ehrlich: Mein Mitleid hält sich in Grenzen…

  3. Wenn sich Bürgerwehren bilden weil unsere Gerichte, Beamte und Polizisten inzwischen vollkommen hilflos und überfordert sind , ist das kein gutes vorzeichen für die Zukunft unseres Landes.
    Wo es keine Gesetze mehr gibt und die Straße regiert werden wir alle am Ende darunter leiden müssen.
    Eine Bürgerwehr ist ein schritt in die vollkommen falsche richtung.

    • Im Prinzip bin ich bei Ihnen, aber wie wollen Sie einigermaßen Sicherheit schaffen? Es gibt doch schon seit gut 20 Jahren Gegenden in Deutschland, wo keine Polizei mehr einschreitet! Einschreiten kann, weil es entweder politisch nicht gewollt ist- oder natürlich auch, weil man Tausende Polizisten neu einstellen müsste! Der Schäuble ist ja bestimmt nicht dumm, der regte schon als Innenminister (in weiser Voraussicht?) an, die Bundeswehr im Inland einsetzen zu dürfen……..

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