Schlaglicht / Sonntag, 07.02.2016

Eingangs erwähnt – Neues von der Tür

 
 

Als Türsteher auf St. Pauli erlebt Viktor Hacker nachts die bizarrsten Situationen. Für diesen Blog schreibt er sie jetzt regelmäßig auf.

Ich darf mich kurz mal vorstellen: Mein Name ist Viktor Hacker, 48. Seit den frühen 90er-Jahren bin ich auf St. Pauli als Türsteher tätig und betreue seitdem die Eingänge etlicher Etablissements wie Molotow oder headCRASH in Sachen Sicherheit. Zahllose Diskussionen rund um mitgebrachte Fremdgetränke, minderjährige Begleitungen, schon zu „erschöpfte“ aka besoffene Gäste, zu seltsame Aufmachungen (Junggesellenabschiedsverkleidungen, die jeglichen ästhetischen Rahmen sprengen) und die Bedeutung des Wortes „Feierabend“ haben mein Nervenkostüm in den vielen Jahren derart gestählt, dass ich nahezu durch nichts mehr aus der Ruhe zu bringen und in der Lage bin (mich in), fast alle(n) Situationen zu deeskalieren.

Für alles andere nutze ich als Ventil die Bühne. Zum Beispiel als Ensemble-Mitglied bei „Zeit für Zorn – die Türsteherlesung“ – einer Spoken Word-Performance-Truppe, die das oftmals bizarre Geschehen an den Club-Türen auf und rund um der Reeperbahn komödiantisch aufbereitet zum Entertainment nutzt. An dieser Stelle findet ihr jeden Sonntag eine neue Folge meiner nächtlichen Erlebnisse auf dem Hamburger Kiez. In diesem Sinne wünsche ich euch viel Freude beim Lesen.

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Um die Übersichtlichkeit zu erleichtern, haben wir hier die ersten 60 Episoden von „Eingangs erwähnt“ zusammengefasst. Neues von der Tür gibt`s hier.

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Vol. 60: Fopp den Dj!

Bei den vielen grimmigen Themen rund ums Türstehen sollte natürlich auch der Spaß in der Erlebnis-Gastronomie nicht zu kurz kommen. Schließlich ist Wochenende und der Arbeits- oder Studienalltag fern. Warum also in dieser Kolumne immer nur das Verhältnis von Gast und Türmann auf der Suche nach einem tieferen Sinn durchleuchten? Warum nicht einfach mal das Geschehen laufen lassen, den Abend seinen ganz individuellen Entertainment-Charme entfalten lassen, indem man sich für heute auf einen ganz anderen Bereich der Event-Szenerie konzentriert: den Dj und sein kreatives Tun? Er ist ein wunderbares Ziel für einen gepflegten Prank.

Der Unterhaltungsmusik-Sachverständige hinter seinen Reglern und Turntables erweist sich in der Praxis als besonders scherz-affin, wie aus wohlinformierten Türsteherkreisen zu vernehmen ist. Mit einem gezielt auf seine Verulkungs-Bedürfnisse zugeschnittenen Spiel wollen wir ihm heute ein wenig den Abend verkürzen.

„Fopp den Dj!“ ist ein Reality-Game für alle volljährigen Club-Besucher. Ob jung oder alt, groß oder klein, das spielt alles keine Rolle – im Gegenteil: ein gemischtes Publikum ist zum Erreichen des Spielziels sogar förderlich. Gespielt wird vornehmlich in Tanzclubs oder kleineren Discotheken. Es ist darauf zu achten, dass der Dj für jedermann frei und abschirmungsarm zugänglich ist.

Das Spiel macht mindestens einen Gast sowie einen Dj erforderlich. Die Anzahl der Gäste-Mitspieler kann variieren – je mehr Gäste, desto mehr Möglichkeiten. Die Zahl der Djs hingegen sollte zwei nicht übersteigen. Der Clou: Die Djs wissen im Gegensatz zu den Gästen nicht, dass sie Teilnehmer eines Spiels sind. Gewinnen kann daher nur der Club-Gast bzw. ein Gäste-Team, falls in Mannschaftsgröße gespielt wird. Ziel des Spieles ist es, den Dj mit wohlüberlegten Spielzügen an den Rand des Wahnsinns zu bringen; den unweigerlichen Nervenzusammenbruch aber soweit hinauszuzögern, dass die natürliche Länge des Partyabends nicht übermäßig verkürzt wird.

Hier ein paar Beispiele typischer Spielzüge.

Der Wunsch (Basisvariante): Ein Gast äußert gegenüber dem Dj einen Musikwunsch. Dieser darf nicht zum gerade vorherrschenden Genre passen. Laufen gerade eher Rock-Sachen, kommt man mit Pop. Erschallt hauptsächlich Punk oder Hardcore, verkündet man seine Sehnsucht nach Hamburger Schule. Dies wiederholt man solange, bis der Dj darauf eingeht – dann wechselt man selbstverständlich die Richtung: aus Pop wird Rock, aufs Gitarrengeklimper dürrer Oberstufenschüler folgt wieder der Ruf nach Metalcore. Merke: stets gegen den Strich wünschen.

Der Mob: Hier sprechen die Gäste immer mindestens zu zweit, besser noch in der Gruppe beim Dj vor. Selbstverständlich mit völlig widersprüchlichen Wünschen. Die vorherige Absprache untereinander ist hier vorteilhaft.

Das Charting: Hier gilt es, ausschließlich nach Songs zu fragen, die gerade aktuell in den Top 20 sind. Je höher das Ranking, desto besser. Titel, die mehrfach am Tag im Radio laufen und einem giftgrün aus den Ohren heraushängen, sind zu bevorzugen. Wiederholt vorsprechen und penetrant nachfragen. Sollte der Dj auf den massentauglichen Musikwunsch eingehen, sofort das Lokal für ein kurzes Luftschnappen verlassen und erst nach dem Ende des Lieds zurückkehren.

Play it again, Sam: Bei dieser Variante versucht man den Dj dazu zu bringen, bereits gespielte Songs noch einmal in den Äther zu schicken. Mit den Worten „da war ich noch nicht da“, „habe ich gar nicht gehört …“ usw. lässt sich hier Nachdruck verleihen. Mehrfach fragen. Immer wieder die Freundin oder andere weibliche Begleitung vorschicken. Dieser Zug lässt sich wunderbar mit dem zuvor erläuterten Charting kombinieren.

Keine Bewegung: Dies ist ein Spielzug, der nur in der Gruppe angewendet werden kann. Je größer die Gruppe, desto besser. So funktioniert’s: Gelangweilt herumstehen und nur ganz geringe Reaktionen auf die Musikauswahl des Djs zeigen. Bei jedem neuen Song zu ihm hinschauen, aber immer, wenn er glaubt, dass er euch gleich hat, wieder desinteressiert versteinern. Gern auch in großen Gruppen unvermittelt den Raum verlassen. Oder mitten im Song wiederkommen, aber nach kurzem Überlegen die Tanzfläche erneut räumen. Der Dj sollte hier so richtig schön ins verzweifelte Wühlen in seinem Plattenfundus geraten.

Die Kritikerrunde: Ein Spielzug, der sich für zwischendurch immer wieder anbietet. Hierzu postiert sich eine Abordnung von drei bis vier Gästen am Dj-Pult. Bei jedem Griff ins CD-Buch oder jedem Drehen am Festplatten-Jockpad muss sogleich der anschwellende Bocksgesang der Kritiker erschallen: „Willst du echt den Song spielen?“ „Warum nicht die „B-Seite“?“ „Meinst du nicht, dass jetzt mal ein Genrewechsel angesagt ist?“ „Du weißt aber schon, dass der Titel vorhin schon mal lief, oder?“ Wahlweise kann man zwischendurch auch noch versuchen, beim Dj ein Getränk zu ordern.

Dieser letzte Punkt gehört streng genommen bereits zur Freestyle-Runde. Hierbei gilt es, den Dj in seiner Konzentration zu stören, ihn unablässig mit Unfug auf Trab zu halten. Dazu dienen Getränkebestellungen am Dj-Pult – „ich hätte gern drei Bier! Wie, kein Tresen? Wa? Ja nee, drei Astra, bitte, nä“ –, das Abfüllen des Djs mit Hartalkohol – „hier guck, wir stoßen erst einmal mit diesem finnischen Pfefferminzschnaps an. Und gleich nochmal – hoch die Tassen!“, das Erzählen von Anekdoten aus der Vorstadt, während er das nächste Musikstück aussucht, ihn zu fragen, wie er das eigentlich macht, dass er solange nicht aufs Klo gehen muss, wo er doch so viel trinkt. Und wenn er dann einen langen „Pinkel-Song“ auflegt und zur keramischen Abteilung eilt, dreht man natürlich ein wenig am „Pitch“. Der Song läuft schneller, hört sich furchtbar an und ist natürlich auch schneller vorbei – der gute Mann muss sich sputen, wenn die Hälfte nicht in die Hose gehen soll … Ist er wieder am Platz, rempelt man – sofern er mit CDs oder, noch besser, mit Vinyl auflegt – wiederholt „versehentlich“ gegen’s Pult. Ein unschönes Springen im Song ist ganz schlecht für die Reputation des musikalischen Unterhalters. Er wird in Hektik geraten. Die gucken auch schon so komisch zu ihm herüber. Die Leute hinterm Tresen.

Jetzt wäre auch der passende Moment für den finalen Fangschuss: den unbemerkt ins Kippeln geratenden klebrigen Drink, den man vorhin oben auf der Umrandung des Dj-Pults platziert hatte und der bis zu diesem Moment von niemanden mehr beachtet wurde. Jetzt fällt er und ergießt seine Ladung in die teure Technik …

Obacht: das ist der Moment, an dem „Fopp den Dj!“ schnell unkontrolliert in „Freestyle mit dem Türmann“ umschlagen kann. Vielleicht ist nun dringend ein dezenter Locationwechsel angesagt. Schönen Abend noch. Bis nächste Woche!

PS: Sollte euch das geschilderte Verhalten bei einigen Partygästen auf dem Kiez auffallen – nun, jetzt wisst ihr: Es ist alles ein Spiel!

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Vol. 59: Fugazi!* Ein Türmannausbruch

Schichtbeginn. Alles ist gut: Der Becher mit dem frischen Kaffee dampft, die Tische stehen sauber und der Ellenbogen ruht klebefrei auf ihrer Oberfläche. Auf der Straße keine Scherben, keine Mageninhalte, keine Pissflüsse. Aber da kommen sie auch schon unweigerlich, die verdammten CKTs – die Colakorntrinker, das Bauernvolk aus den Randbezirken, die menschgewordenen Fleischwürste mit ihren fettig alkdurchtränkten Sabberstimmen, die johlend und gröhlend den Abschied von Hans-Dieter Knackwurst aus dem Junggesellendasein feiern müssen. Feiern müssen, Reihern müssen, begrapschen müssen in speckiger Achselschweißumarmung.

Sie tragen hässliche Hüte und sind die breite Masse, die sich hineinzwängt in die Nacht, mit ihrem Riesenarsch furzend und rülpsend mit an den Kieztisch setzt, auf ächzenden Stühlen breitärschig lümmelnd, ungefragt in die Schale mit dem Gemüse hineinlangt, ihre Grabbelfinger um die Longdrinks anderer Leute schließend lauthals verkündet, dass es Wochenende sei und sie schon so lange nicht mehr auf dem Kiez … ich hasse die breite Masse, diesen kleinsten gemeinsamen Nenner des Menschseins, die breite Masse mit ihrem Breitengeschmack … Breitensport … begreifen es wieder nicht, dass wir unsere eigenen Getränke verkaufen, dass wir genügend Reserven im Keller haben, dass das Bier nicht ausgehen wird und sie ihre Literdosen nicht mit hinein nehmen müssen, nehmen dürfen. Stehen im Eingang und labern rum, trinken ihren mitgebrachten Schnaps demonstrativ langsam mitten in der Tür, wollen ihre Taschen nicht zeigen, diskutieren um jeden Dreck – der Kumpel, der zu besoffen, der sieht immer so aus, der ist völlig nüchtern, der kotzt gerade nur in den Eingang, weil er die Wandfarbe scheiße findet … machen sich lustig, ignorieren die barsche Ansage, strecken ihre fettigen Finger aus, wollen auf Schultern klopfen, wollen den Türmann umarmen, sehen nicht ein, die Popo-Fiedeln, dass der nicht will. Machen sich lustig über den Akzent des anderen Türmanns: Haha, ist der Ausländer? Darf der überhaupt Deutsche kontrollieren? Ignorieren alle Warnungen, wollen schon wieder umarmen.

Dann habe ich die Schnauze voll und es klatscht zwei Mal keinen Applaus, sondern einmal bei ihnen in der Fresse und einmal sie auf den Boden und schon gibt’s wieder Geschrei und die anderen stehen rum, sie stehen dumm, mit weiten Augen und es droht noch einmal kein Applaus und sie weichen zurück und dann liegt da diese Bauernfleischwurst, diese Riesenarschwurst und wiegt drei Zentner und der Kollege fasst mit an und es ist immer noch so, als würde man einen Wal zurück ins Meer befördern, man kann auch zu Zweit keinen Pudding an die Wand nageln! Verdammte Axt! Drecksbockmist! Doofpillermannarschloch! Strunzdämliche Landbevölkerung. Dann erhebt sie sich wieder, die bescheuerte Kackwurst und geht ganz allein, will jetzt nicht mehr Freundschaft schließen, pöbelt in Zeitlupe, die Fettfresse in der Hand, die Wabbelwange in der Hand, findet den Kiez doof, die Riesenqualle …

Durchatmen.

Neuen Kaffee bekommen.

Zum hundertsten Mal den Tisch abwischen. Klebefrei der Ellenbogen. Nächstes Fremdgetränk. Kann wieder weggehen, ist noch minderjährig. Der Ausweis schaut albern. Das Bild schaut albern. Sieht ganz anders aus in Natur. Ist nicht 182 Zentimeter, sondern nur 165 Zentimeter. Zickt herum, ich frage, bist du geschrumpft, oder was? Die Freundin des albernen Bildes will sich reinschleichen, will durchschlüpfen, will Teil sein der verdammten Schummeljugend. Der verdammten „Me First and the Gimme Gimmes“-Generation. Ist ein Smombie, ein Smartphone-Zombie, starrt aufs Display, sieht nix und rennt gegen die geschlossene Tür. Ist empört, ist sauer, das Dummgezicke. Muss nun doch den Ausweis zeigen. Ist ein Schülerausweis. 15 ½. Seid ihr eigentlich nicht ganz dicht? Fragt sie und nicht ich.

Nächster Patient. Steht im Eingang. Guckt rätselnd aus der Wäsche. Gehst du jetzt mal weiter, oder was? Warum ist denn da eine Treppe? Ich sage, der Architekt dachte, so kommt man besser in den oberen Bereich! Er sagt: Achso. Ich schiebe ihn weiter. Er fragt: Eintritt? Ich sage: du kannst auch zwei haben, da sind wir gar nicht geizig. Er sagt: Achso. Fragt wieder: Eintritt? Ich sage: Siehst du hier irgendwo ne Kasse. Er fragt: kein Eintritt? Ich sage: Nei-en! Er fragt: Kann ich hier rein? Ich sage nix, schiebe ihn rein, er dreht sich und: kriege ich keinen Stempel? Ich: wozu denn? Er: damit ich später wieder reinkomme. Ich: den brauchst du nur, wenn du wieder raus willst. Er: Achso. Und steht mitten im Gang, muss sich entscheiden – Treppe rauf zum oberen Club, geradeaus zum unteren Club und kann sich nicht entscheiden und blickt dauernd hin und her, wird panisch und ich nehme ihm gnädig das Denken ab und schiebe ihn unten hinein. Erleichterung. Vor allem bei ihm.

Dann staut sich die Masse schon wieder: Ein junges Mädel zieht sich umständlich an, will hinaus und hält alle drin. Alles wartet. Dann muss sie ihren Drink umfüllen und will wissen warum und ich sage: Glasflaschenverbot. Und sie sagt: Na und? Und ich sage: wenn du eine Flasche aus unserem Laden hinausträgst und die Polizei dich sieht, müssen wir alle Strafe zahlen – du, weil du eine Flasche auf die Straße trägst und ich, weil ich zulasse, dass unsere Flaschen hinausgetragen werden. Und sie guckt in der Gegend herum und sagt: Aber die Flasche ist doch gar nicht von euch … Ich möchte schreien. Einfach nur schreien. Und Leute umbringen. Blutig umbringen. Alle töten. Mit einer voll betankten und frisch gefetteten V8-Kettensäge durch die Leute durch und ich rede auf meinen Kollegen ein und erkläre ihm erneut, ich sei zu alt für diesen Scheiß und ich sage ihm, ich bin echt zu alt für diesen Scheiß.

Ich will das nicht mehr und dann ist die Schicht plötzlich zu Ende und ich darf nach Hause gehen und ich schaue zu meinem Kollegen, der sich im Gesicht herumzerrt, der versucht, den Fisch wieder von der Backe zu kriegen, den ihm die Stammgäste im Laufe der Nacht dorthin gelabert haben.

Schönen Sonntag wünsche ich. Er sagt „bis gleich“ und ich seufze tief und resigniert. Die Woche wartet und ich hoffe, sie dauert lang.

Aber dann ist wieder Donnerstag. Schichtbeginn. Alles ist gut: Der Becher mit dem frischen Kaffee dampft, die Tische stehen sauber und der Ellenbogen ruht klebefrei auf ihrer Oberfläche.

* Fucked up, got ambushed, zipped in …

Willkommen auf dem Fugazi-Planeten. Seid stark und mit Teflon beschichtet.

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Vol. 58: Weihnachtsmänner

Wie schon zuvor in dieser Kolumne erwähnt, werden wir Türleute sehr oft Zeugen der scheiternden Kommunikation zwischen weiblichen und männlichen Gästen. Wir stehen daneben und werden als Teil der Club-Einrichtung nicht weiter beachtet – die Menschen reden frei von der Leber weg.

Insbesondere die Weihnachtszeit hat diesbezüglich ihre besonderen Momente zu bieten: Eben noch in lockerem Plaudern beim freitagabendlichen Ausgehen begriffen, friert die eine Hälfte des gemischtgeschlechtlichen Pärchens plötzlich vor Entsetzen ein. Was war geschehen? Nun, der weibliche Part hatte soeben folgende Bemerkung fallen lassen: „Das war schön eben auf dem Santa Pauli-Weihnachtsmarkt, oder? Ich habe sogar noch ein kleines Präsent für dich gesehen. Mal gucken, ob ich’s noch besorge – weil, eigentlich habe ich ja alle Geschenke für dich schon zusammen …“ Im Film würde jetzt ein dramatischer Akkord erklingen. Passend zu den großen Augen des Mannes und seinem Mund, der ein stimmloses „Oh!“ formt, während das zu den Lippen geführte Longdrinkglas auf halbem Wege innehält. Ihm ist gerade klar geworden, dass er natürlich noch nichts dergleichen vorweisen kann. Selbstverständlich hat er das Weihnachtsfest bis eben mangels Ideen erfolgreich verdrängt … dädädädämm … die Kagge dampft gewissermaßen bis zum Dach.

Der Mann und das Fest. Die Weihnachtszeit steht vor der Tür, wie man so schön sagt. Aber im Grunde genommen hat sie das Portal schon längst eingetreten und man sieht die ersten hektischen Männergestalten umherirren. Sie sind auf der Suche nach dem Geschenk. Dem Geschenk! Sie haben es sich selbst versprochen: dieses Mal soll kein Stress aufkommen. Nein, nein. Und jetzt? Jeden verdammten Tag kaufen alle anderen Menschen mindestens ein Geschenk. Von November bis ins letzte Dezember-Drittel hinein verpacken die Verkäufer die Geschenke in voluminösen Plastiktüten … nein, nicht in Plastiktüten, sie wickeln sie in gewaltige Plastikplanen ein. Plastikplanen, prall gefüllt mit jeder Menge „Die-wollt-ich-schon-immers“ und „Schatz-wo-hast-du-die-denn-hers“ und „Liebling-es-ist-wunderschöns“.

Und du? Pustekuchen und dicke Backen: Dir fällt mal wieder nichts ein. Dir ist gar nichts eingefallen die letzten Monate. Weil dir nie etwas einfällt, wenn es um Geschenke geht. Weil du jedes Jahr der große, einsame Cowboy bist, der nicht weiß, wie er seiner Freundin oder seiner Frau verflixt noch mal eine klitzekleine Freude machen soll. Du siehst dich schon wieder dumm rumstehen, hinterm Tannenbaum drückst du dich herum, und vor deinen Füßen siehst du es glitzern und glimmern: Die tollen Sachen, die sich deine Freundin für dich ausgedacht hat. Das ganze Jahr über hat sie sich Gedanken gemacht. Hier und da ein Schnäppchen gegriffen, scheinbar wahllos aus dem Angebot der kleinen und großen Läden, der Kaufhäuser und Boutiquen. Mit dem zielsicheren, weiblichen Sammelinstinkt hat sie Dinge, die für dich wertlos und überflüssig scheinen, aus dem Warenangebot gefischt. Vielleicht hat sie dabei sogar freudig gejuchzt, während du dumm daneben gestanden hast. Auf dem Gabentisch dann haben sich die Dinge plötzlich harmonisch zusammengefunden und du staunst nicht wenig, während du feststellen musst, das nichts von dem, was sie in den letzten Monaten zusammengepflückt hat, unsinnig oder überflüssig ist. Nein, die Präsente sind ebenso originell wie praktisch, sie erfüllen einen alltäglichen Zweck und passen perfekt zu deinem Typ. Und dir ist bloß die Zeit zwischen den Fingern zerronnen wie der Wüstensand auf dem Marsch der Legion durch die Sahara. Scheiße. Du hast es auch dieses wieder nicht geschafft, deine Geschenke-Schäfchen rechtzeitig ins Trockene zu bringen.

Dabei ist es doch so einfach, zu schenken. Höre zu, Mann, hier kommen die ultimativen Tipps. Regel Nr. eins: Achte auf versteckte Seufzer, wenn du mit ihr über den Weihnachtsmarkt schlenderst. Vielleicht nimmt sie dich auch zufällig zum Klamotten-anprobieren mit. Hat sie eine abfällige Bemerkung über eine andere Frau gemacht? Wenn ja, worum ging’s da? Frauen wissen, dass wir doof sind, sie helfen uns gerne auf die Sprünge. Wenn du die erste Regel befolgst, dann hast du bis zum Heiligen Abend garantiert 10 Top-Geschenke auf deiner Liste.

Die sehr wichtige Regel Nummer zwei lautet: Schmeiß die Liste jetzt weg. Tu es, wir sind schließlich nicht im Kindergarten! Wenn du deine Frau nicht überraschst, dann wirst du nie ihr Superheld sein.

Daher Regel Nummer drei: Ein Geschenk muss deinen Charakter repräsentieren. Das heißt, es muss süß sein, es muss super-verdammt-männlich sein, es muss absolut einzigartig sein und es muss auf jeden Fall romantisch sein. Halt! Schlag dir die Sache mit dem Überraschungsei sofort aus dem Kopf! Hmm, natürlich könntest du ihr etwas basteln. Das ist auf jeden Fall süß. Höchstwahrscheinlich wird es auch einzigartig sein, wenn auch nicht in einem geschmackvollen Sinne. Fragen wie „Das ist süß, was ist das?“ möchten wir uns dann doch lieber ersparen. Außerdem: Zu süß ist schlecht für die Männlichkeit. Du könntest ihr selbstverständlich auch überhaupt nichts schenken. Antworte auf ihr süßes Säuseln „Willst du mir gar nichts schenken?“ mit „Nein“. Das ist auf jeden Fall super-verdammt-männlich. Birgt aber wenig Zukunft in sich.

Du könntest sie natürlich zum Essen einladen. Das ist auf jeden Fall romantisch. Und wenn man es richtig anstellt, bringt man auch die drei entscheidenden Punkte unter: Vorher Blumen auf den Tisch stellen (süß), etwas vorher mit dem Küchenchef aushandeln, was selbstverständlich nicht auf der Karte zu finden ist (einzigartig). Damit machst du nichts falsch, aber wie kannst du dabei super-verdammt-männlich sein? Ach ja, der Wein. Kipp dir ordentlich einen rein. Weil du dich so gut fühlst. Weil es so schön mit ihr ist. Schenk dir nochmal nach. Denn das lockert die Zunge. Du musst nämlich jetzt über deine Gefühle für sie sprechen. Aber sei vorsichtig, dass du dich nicht versehentlich in die Unzurechnungsfähigkeit becherst. Es gibt nichts weniger super-verdammt-Männlicheres auf diesem Planeten als einen betrunkenen Helden, der beim Versuch, seine innere Befindlichkeit zum Ausdruck zu bringen, herumfuchtelnd sämtliche Gläser vom Tisch räumt und ihr anschließend die Vase mit den Blumen in den Schoß kippt. Also, halte dich zurück, und wenn ihr dann auf dem Weg nach Hause seid, sag ihr Sachen, die ihre Fantasie in Gang bringen. Du weißt schon. Du bist beschwipst, denk nicht drüber nach. Sag es einfach. Versprich aber nichts, was du hinterher nicht mehr halten kannst. Sie wird glücklich in deinen Armen einschlafen. Und du wirst das gottverdammte Weihnachtsfest für dieses Jahr überstanden haben.

Ach, wo wir gerade dabei sind: Für den Fall, dass du es in deiner Glückseligkeit vergessen haben solltest, denk jetzt an das Geschenk zum Valentinstag. Der kommt bekanntlich in Sachen „epische Wucht“ für Männer gleich nach Weihnachten und bis Februar ist es nicht mehr lang hin. Er pocht quasi schon vehement an die Tür. Wetten, dass sie „etwas Kleines“ für dich vorbereitet und schon vor langem eingelagert hat? Ach, und hast du dir auch schon Gedanken darüber gemacht, wo ihr vorher Silvester feiern wollt? Sie wird dich sicherlich bald danach fragen …

Und nicht Herum-ähen, bitte! Das ist total uncool, Mann!

Sollte alles schief gehen, hast du natürlich noch immer die Möglichkeit, auf den Kiez zu gehen und dir amtlich die Festplatte zu löschen. Das ist sowieso eine ganz wunderbare Idee für die Zeit nach der weihnachtlichen Bescherung im familiären Kreis. Speziell hierfür – den Feiertagsblues – hat Sankt Nikolaus bekanntlich die Reeperbahn und ihre umliegenden Straßen geschaffen. Du wirst dort viele Schicksalsgenossen sehen, die sich schwören: Nächstes Jahr wird alles anders! Hihi.

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Vol. 57: Gästeliste

„Ja aber, wenn das 4 Leute sind und die jeweils 2 Texte während der Show vortragen, dann sind das doch insgesamt 8 Showteile. Und da ich jetzt die ersten beiden verpasst habe, muss ich selbstverständlich nur noch 6,75 Euro vom ursprünglich 9 Euro betragenden Eintritt bezahlen.“

„…“

Immer noch nicht verstanden? Schau: 1 Euro und 12,5 Cent pro Künstlerauftritt. Das ist einfachste Logik. Selbst ein schlichter Tür-Ordner wie du sollte das nach kurzem Nachdenken begreifen, oder nicht? Ich meine, das übersteigt nun wirklich nicht das Schulniveau in der Hauptschul-Abschlussklasse. Zumal, wenn man die, so wie scheinbar du, ein paar Mal wiederholt hat.“

„…“

Wie, das ist meine Schuld, wenn ich zu spät erscheine. Und du willst mir keinen Rabatt gewähren? Spinnst du? Eigentlich müsste ich mich überhaupt nicht mit dir hier wegen des Eintritts absabbeln – ich bin von der Presse, schreibe fürs Pinneberger Tageblatt. Und übrigens verpasse ich gerade den nächsten Künstler. Jetzt kriegst du nur noch 5 Euro und 62,5 Cent von mir. Was? Ich soll nicht nerven und im Kreis herumdiskutieren? Du bist es doch, der hier so eine alberne Diskussion führt! Aber, weißt du was? Ich habe jetzt sowieso keinen Bock mehr auf diesen Quatsch. Ich gehe woanders hin. Wo man meine Anwesenheit wertschätzt.“

„…“

„Aber nur mal interessehalber: Ich glaube, ich stehe aller Wahrscheinlichkeit nach sowieso auf der Gästeliste. Schau mal nach. Wie, habt ihr nicht? Keine Gästeliste? Boah, ihr seid solche Dilettanten, nä – jeder Veranstalter ist verpflichtet, eine Gästeliste zu führen! Lies das mal nach, das steht im Veranstaltungsgesetz. Doch, doch!“

„…“

„Wie bitte? Ich soll nach nebenan gehen? Zur Schuhladen-Eröffnung? Dort bekäme ich einen Luftballon geschenkt? Also, verarschen lassen muss ich mich hier nicht! Aber echt nicht! Tschüss!“

Ich stehe als Türmann ganz gerne hin und wieder an der Abendkasse einer Veranstaltung. Was man dort an Dialogen zwischen Gästen und Personal mitbekommt oder gar selber führen muss, liefert hervorragendes Material für die Bühne. Oder eine Glosse oder Kolumne. Andererseits macht es mich natürlich auch recht nachdenklich. Darüber, was den Menschen wichtig ist, wo sie ihre Prioritäten setzen und vor allem, wo du selbst als Künstler ins Bild passt.

Ob du dich nun als Musiker oder – wie in meinem Fall – als Kleinkünstler und Kabarettist auf den Brettern, die die Welt bedeuten, bewegst, du machst das, was du an Entertainment darbietest, ja nicht im luftleeren Raum. Dazu gehört selbstverständlich auch ein Publikum. Und eine wie auch immer geartete Entlohnung für die viele Arbeit, die du in deine Show gesteckt hast. Die unsichtbare Arbeit: das Finden von Ideen, das Schreiben von Texten, das Proben des Vortrags – all das bezahlt der Gast mit seinem Eintritt. Er blecht ja nicht nur für die ein, zwei Stunden, die er dich auf der Bühne sieht.

Und hier kommen einem dann manchmal echte Zweifel. Zum Beispiel wegen der unvermeidlichen Witzbolde, die dich am Tag der Show mit einem Bombardement an Anrufen und Nachrichten – per SMS, via Facebook oder Rückmeldung gemahnender Nachrichtendienste, wie etwa „Was’los?“, eindecken. Sie wollen, dass du Karten zurücklegst. Weil sie es „irgendwie nicht geschafft“ haben, sich welche im Vorverkauf zu besorgen. Selbstausdruckbare Ticketvariante? Oh, leider kein Papier zur Hand. Druckerpatrone vermutlich leer. Kann gerade nicht aufstehen und zum Laptop ‚rübergehen. Kannst du mich nicht sowieso einfach auf die Gästeliste setzen? Ach, das Ticket kostet bloß sechs Euro? Ja Mann, dann stell‘ dich doch wegen der paar Kröten nich‘ so an – mal ehrlich: ob du die nun noch verdienst oder nicht, das macht den Kohl doch auch nicht mehr fett.

Wie war das noch neulich am Telefon? „Du, ich kann dir leider keine Tickets zurücklegen. Wir sind nicht der Veranstalter, sondern gebuchte Künstler. Müssten die Tickets genau wie du an der Theaterkasse erwerben oder per online bestellen. Wie bitte? Das wäre nett von mir? Soll ich dir die Karten auch noch vorbeibringen, oder was? Das wäre noch netter? Du könntest mir die Kohle dafür aber erst nächsten Monat geben? Oh, Mann …

Es hat etwas mit Wertschätzung zu tun, wie man mit dem Kartenkauf umgeht. Es hat etwas damit zu tun, was einem die Kunst wert ist, wieviel Achtung man vor der Arbeit des Künstlers hat. Einen Gästenlistenplatz zu verlangen, das fiele mir selbst im Traum nicht ein. Den bekommt man nach meinem Verständnis angeboten. Und dann bietet man selbst immer noch nachdrücklich an, für die Show zu bezahlen. Freut sich dann nach kurzem Hin und Her über die Einladung. So, und nicht anders. Oder, wie beschrieb es neulich ein Freund von mir – Dirk Trashedsoul Wieczorek, der Sänger der ganz wunderbaren Düster-Rock-Band „Eyes Shut Tight“ – so treffend (die Jungs waren als Support gebucht): „Da bringt es auch nichts, mir zu schreiben, „wir wollen ja nur euch sehen“. Dann sollten wir aber auch das Geld wert sein, oder?“

Recht hat er. Ich hatte übrigens ein Ticket für seine Show. Musste es aber weitergegeben. Weil ich an dem Abend selbst auf der Bühne stand. Mit Kabarett in Form der Leseperformance „Rock ’n‘ Roll Overkill“. Mein Anteil an der Show: Zwei Texte im Gesamtwert von 2 Euro und 25 Cent, wie eine Diskussion mit Gästenachzüglern an der Kasse ergab …

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Vol. 56: Der Wesenstest

Treffen zweier Türleute kurz vor ihrem jeweiligen Schichtbeginn.

„Moin!“
„Moin.“
„Und?“
„Und was?“
„Alles gut?“
„Jo. Nur wieder nich im Loddo gewonnen …“
„Ich auch nich.“
„Steckst nich drin, nä.“

„Nee. Haste gehört? Im ‚Börps‘ auf der Reeperbahn arbeiten se jetzt für 6 Euro die Stunde.“
„Tah. Für die paar Kröten an der Tür stehen. Davon noch Steuern und Krankenversicherung abziehen. Astrein. Wenns ums Türstehen geht, haben wir früher immer gesagt: Knast oder Krankenhaus. Heute heißt’s: KKH. Krankenhaus, Knast und Hartz IV-Aufstockung.“
„Kannst nix machen. Du findest immer irgendeinen Idioten, der es für noch einen Euro weniger macht – das gilt auf dem Bau ebenso wie fürs Türstehen! Demnächst stehen wir hier alle ehrenamtlich herum.“
„Oder lassen uns in Naturalien auszahlen, wie manche von diesen Hobby-Türstehern. Fangen die Schicht nüchtern an, löten sich gemächlich ein Bier nach dem anderen rein, während sie so tun, als würden sie Ausweise und Taschen kontrollieren, und sind am Ende voll wie die Amtmänner. Wenn dann was passiert, müssen die Kollegen von nebenan einspringen, weil die Türgestalt vom Dienst besoffen am Tresen zusammengesackt ist. Super, und bei den Bullen hast du dann auch noch nen Stempel weg: weil der Laden, in dem du Amtshilfe geleistet hast, bei denen dick und fett im Lastenheft steht. Wegen Dealerei und Schnapsausschank an Minderjährige … vielen Dank auch.“

„Und?“
„Und was?“
„Bei dir schon was los?“
„Nee. Hab aber ne Horde Engländer im Laden. Die machen schon ordentlich Umsatz.“
„Boah, ich kann die Inselhopser nicht ab. Saufen sich per Druckbetankung die Hucke voll, sind furchtbar laut, beanspruchen den ganzen Laden für sich und reißen sich früher oder später die Klamotten vom Leib. Und wenn sich einer nicht nackig machen sollte, ist das der Engländer!“
„Joa, das stimmt schon. Aber die machen auch in kürzester Zeit enormen Umsatz! Und es gibt meist jede Menge Tipp für die Tresenleute.“
„Trotzdem: nackte Engländer? Nee, danke! Da reichen mir schon unsere einheimischen Vollpfosten.“

„Ich hab ja immer noch diese Idee mit dem ‚Wesenstest‘.“
„Wat für’n Wesenstest?“
„Na, für Gäste. Wenn irgendjemand als Kiezbesucher durch Fehlverhalten auffällig geworden ist, muss er vor dem erneuten Betreten der Meile einen Wesenstest durchlaufen. So als Befähigungsnachweis, ma sagn … der männliche oder weibliche Gast muss dabei unterhalb einer gewissen Strafpunktezahl bleiben, wenn er wieder an der Party teilnehmen will. Also ein Wesenstest seiner gesellschaftlichen Befähigung gewissermaßen.“
„Du meinst, wie bei gefährlichen Hunderassen?“
„Genau. So ähnlich. Der Gast muss nachweisen, dass er in der Lage ist, grundlegende zivilisatorische Regeln im Miteinander zu erkennen UND zu befolgen. Erst dann darf er wieder auf den Kiez.“
„Cool!“

„Ja, das geht los mit den vier Zauberphrasen Hallo, Bitte, Danke und Auf Wiedersehen. Für viele eine schon fast nicht zu meisternde Hürde. Da trennt sich dann schon die erste Spreu vom Weizen. Für Ghetto-Slangsprecher, also so Leute, die es witzig finden, wie böse Gangsta aus sozialen Brennpunkten zu sprechen. Also, die so tun, als wüssten sie, wie Ghettobewohner miteinander reden, gibt es dann noch die Sonderprüfung: Bilde einen vollständigen deutschen Satz mit den Artikeln ‚der‘, ‚die‘ oder ‚das‘, ohne dabei die Wörter Digga, Alder, weissu und ‚ich schwör‘ zu verwenden.
„Werden die Digga-Alders nur auf vollständige und richtige Sprache geprüft?“
„Nee, die müssen auch einen Verhaltenshindernisparcours durchlaufen. Eine Bahn voller Fallstricke, die Strafpunkte nach sich ziehen können: Da stehen dann wohlproportionierte Blondinen, die sie nicht im Vorbeigehen begrapschen dürfen, es gibt simulierte Gehwege, auf denen es gilt, zufällig herumstehende Passanten nicht zwischen parkende Autos zu schubsen; sie dürfen grundsätzlich niemanden anrempeln, in Gruppen nebeneinander gehen oder auf den Gehweg spucken. Und, ganz wichtig: Am Rand der Hindernisbahn stehen immer wieder unauffällige Testpersonen, die unvermutet irgendwelche genuschelten Sätze mit den Anfangswörtern ‚deine Mudda‘ formulieren – wenn hier die Möchtegern-Gangster auf ihre gewohnte Weise mit einem klischee-entsprechenden, tätlichen Angriff reagieren, sind sie ausgeschieden!“

„Das ist aber ganz schön hart. Ich frage mich, ob das überhaupt irgendjemand mit dem dazugehörenden Digga-Persönlichkeitsprofil bewältigen kann. Und was ist mit den Mädels? Bekommen die auch einen auf sie zugeschnittenen Wesenstest?“
„Aber hallo! Die müssen unter anderem immer und immer wieder Eingangsbereiche durchschreiten. Mit Warteschlangen davor. Hier gibt es Strafpunkte fürs Vordrängeln. Die Prinzessinnen haben ja meist nach zwei Minuten des Wartens keine Lust mehr und drängeln sich rein, weil sie jetzt ja wohl lange genug herumgestanden hätten. Noch mehr Strafpunkte sammeln die Mädels dann, wenn sie, ihrer Gewohnheit folgend, direkt nach dem Überschreiten der Türschwelle stehenbleiben und die Spitze eines Gästestaus bilden. Außerdem werden sie von weiblichen Securities unerwartet auf Fremdgetränk-Mitführung gefilzt. Tragen sie irgendwelche der ihnen zuvor draußen angebotenen Tetrapacks mit Wodka-Mango-Mische oder Plastikfläschlein mit Wasser am Körper, gibt es einen großen Abzugs-Punkt fürs Wesenstest-Konto. sozusagen einen Ippon. Gleiches gilt für ‚Billigprostitution am Tresen‘. Geraten die Mädels im Test schon durch das mangelnde Mitführen von Barmitteln unter Verdacht – nur Kupfergeld im Portemonnaie, das ansonsten schier platzt vor unzähligen, vollkommen überflüssigen Einkaufszetteln und Kassenbons -, müssen sie auch nach erfolgreichem Durchlaufen der Eingangsprozedur innen aufmerksam beobachtet werden. Fallen sie dann dadurch auf, dass sie sich den ganzen Testabend hindurch von den männlichen Gästen mit Drinks aushalten lassen, besteht der dringende Verdacht auf ‚Billigprostitution‘. Dies schadet zwar auf den ersten Blick nur der weiblichen Würde, führt aber im realen Leben zu schlecht gelaunten, auf’s Belohnungsversprechen hereingefallenen männlichen Gästen. Sind zu viele solcher Damen anwesend, entsteht die Gefahr von Randale und Prügeleien in der Bar.“

„Das sind aber alles echt harte Anforderungen, mein Lieber. Das werden wir kaum durchsetzen können – das schafft doch keiner unserer Gäste, da bleibt der Kiez nachher völlig leer und wir sind alle arbeitslos.“
„Ich weiß, aber man wird doch noch träumen dürfen, oder? Ich muss mal nachschauen, was meine Engländer da so am Kicker treiben. Eine ruhige Schicht wünsche ich dir!“
„Jo, danke. Ich wünsch‘ dir auch ne ruhige Schicht. Lass dich nicht ärgern! Bis später.“

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Vol. 55: Du bist voll und im Bilde!

Wie ich neulich erfuhr, zeitigt das Experiment der Hamburger Polizei mit speziellen „Video-Cops“ auf der Reeperbahn wohl ermutigende Ergebnisse. Die mit Bodycam ausgerüsteten Polizisten laufen seit dem frühen Sommer bei ausgewählten Fußstreifen am Wochenende mit und zeichnen kritische Situationen auf. Etwa bei Diskussionen mit stark alkoholisierten Partybesuchern, die ein bedrohliches, aggressives Verhalten zeigen. Hierzu steht der deutlich als „Filmemacher“ gekennzeichnete Beamte – er trägt große reflektierende Patches mit dem rechtschreiblich robust formulierten Aufdruck „Polizei Video Team“ auf Brust und Rücken – etwas abseits und startet bei Bedarf per Knopfdruck seine kleine Schulterkamera. Dies geschieht nicht jedes Mal, sondern nur dann, wenn die Situation zu eskalieren droht und eventuell körperliche Zwangsmaßnahmen nötig werden sollten.

Die Polizei verspricht sich zwei Dinge davon: Zum einen soll so eine lückenlose, juristisch verwertbare Dokumentation des Einsatzes zur Verfügung stehen und zum anderen verspricht man sich eine Deeskalation der akuten Situation. Die Tatsache, bei seinem Tun gefilmt zu werden, könnte rein psychologisch eine beruhigende Wirkung auf den Delinquenten in spe zeitigen. Bedenken von Datenschützern werden insofern ernst genommen, dass die Aufnahmen, sofern sie nicht gerichtsverwertbar sind, nach vier Tagen wieder gelöscht würden. Das Experiment läuft noch bis zum Sommer 2016. Zeitigt aber wohl schon jetzt positive Ergebnisse.

Nun, mich erinnert das an eine Idee, die mir vor einigen Jahren während einer Türschicht auf dem Hamburger Berg im Anschluss an einen Schlager-Move mit seinen unzähligen, verhaltensoriginellen Volltrunkenen in den Sinn kam: Das Emergency-Filmteam.

Mehrere dieser jeweils aus drei Personen – Kamera-, Ton- und Licht-Operator – bestehenden Emergency-Filmteams laufen am Wochenende über den Party-Kiez und können von den Türstehern angefordert werden. Nach dem Motto „Du bist voll und im Bilde!“ nehmen sie dann das gesellschaftlich ungünstige Treiben der Kiezbesucher auf. Sie dokumentieren beispielsweise die höchst sinnreichen und rhetorisch ergebnisrobusten Diskussionen der wegen individuell negativer Gesamterscheinung Abgewiesenen an der Tür – sprich: sie halten drauf, wenn die zu Besoffenen oder Aggressiven, die nicht hinein dürfen, auf den Türmann einreden, ihn beschimpfen, anspucken oder vor die Füße kotzen.

Oder sie filmen die Ergebnisse der Neigung Trunkener zur öffentlichen Verrichtung ihrer Notdurft. Das Abschleppen nahezu in die Besinnungslosigkeit gebecherter weiblicher Partygäste seitens auffällig nüchterner männlicher Aufreißer gehört selbstverständlich ebenso „auf Zelluloid gebannt“ wie das Drehen ebenso leichtfertiger wie ungelenker Versuche, sich auf der Toilette mittels pulvriger „Vitamine“ wieder „frisch zu machen“. Bis der Türmann pustend eingreift und das geschockte Gästegesicht mit weiten Augen und verblüfftem „Oh!“ in der Großaufnahme glänzt.

Der Clou bei der Geschichte: Die Delinquenten werden nicht bloß bei ihrem possierlichen Treiben gefilmt, sondern es findet überdies eine Zwangsvorführung der kinematografischen Highlights am folgenden Sonntagnachmittag im Familien- und Freundeskreis statt: „Hier sehen Sie Ihren Enkel Kevin beim Pinkeln gegen die Tür eines parkenden Autos, weil ihm die zehn Meter bis zur Kneipe mit ihren dafür vorgesehenen Toiletten schlicht zu weit sind. Behalten Sie diese Bilder doch einfach mal im Kopf, bis er demnächst wieder bei Ihnen vorspricht, um Geld fürs Feierwochenende zu erbitten.“

„Und nun Vorhang frei für die Show der kleinen Saskia-Galadriel aus Ottensen, wie sie abwechselnd mit ihren Freundinnen in druckvollem Schwall vor den Clubeingang kotzt. Ihren Flüssigkeitshaushalt anschließend mit tiefen Zügen aus einem Discounter-Rotwein-Tetrapack wieder ausgleicht, um hernach den Türmann als Nazi, Ar…loch, W.xer und dumme Sau zu bezeichnen. Weil der ihr aus unerfindlichen Gründen hartnäckig den Eintritt verweigert.“

„Hier hingegen haben wir wieder das sozialkritische Drama um drei junge, erfindungsreiche Männer aus „gutem Hause“, die sich zu fortgeschrittener Stunde immer gern vergnügliche Späße mit Angetrunkenen erlauben. Indem sie beispielsweise einer „erschöpften“ Highheel-Trägerin ein Bein stellen und Wetten darüber abschließen, ob sie sich noch fängt oder doch nach zwei Stolperschritten umknickt und feucht auf’s Pflaster klatscht. Gleich darauf helfen Sie ihr auf und überreden sie auf einen weiteren Drink. Bevor sie sie in die nahegelegene Bude eines Kumpels abschleppen … Oder hier, da boxen sie einem unachtsam Vorbeitorkelnden in den Bauch und filmen feixend mit dem Smartphone, wie er sich sogleich auf den Knien liegend erbricht. Ja, genau, das sind ihre Söhne auf Urlaub vom edlen Internat. Ja, ich weiß, sie können sich das nicht vorstellen. Aber nicht übel, wie exakt so eine moderne, hochauflösende Kamera die Gesichtszüge selbst bei schlechten Lichtverhältnissen abbildet, nicht wahr? Sohnemann kann das erklären? Oh, warten Sie kurz, das muss ich unbedingt ebenfalls filmen. Das könnte höchst interessant werden.“

Es hat natürlich sein Gutes, dass diese Idee aus Datenschutz-Gründen selbstverständlich nicht in die Realität umgesetzt werden kann. Aber manchmal, manchmal hätte ich große Lust dazu …

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Vol. 54: Wenn ein Club schließen muss

Ein Club ist mehr als ein Arrangement aus Tresen, Tanzfläche und Dj-Pult. Er ist mehr als eine Ansammlung von Menschen mit Getränken in der Hand, die Musik hören, lachen, flirten, fachsimpeln, streiten, trinken, tanzen. Die ihren Abend, ihre Nacht miteinander verbringen und ganz allgemein Spaß haben wollen. Ein Club ist oft ein Ankerpunkt für die einen, ein Zuhause für die anderen, eine Zukunft für manche.

Es gibt natürlich noch immer die klassischen Kneipen an der Ecke. Die „Gardinen-Kneipen“, wie sie oft genannt werden. Wo vertrocknete Gewächse – gern große Kakteenwälder – hinter den trüben, seit Helmut Kohls Kanzlerschaft nicht mehr gereinigten Fenstern stehen. Wobei es sich bei dem, was dort herabhängt, nur selten um Gardinen handelt, sondern vielmehr um Staub- und Spinnenfäden, die eine blickdichte Symbiose eingegangen sind. Ähnlich wie die kalkartige Substanz am Grund der Gläser, in den über die Jahre holzgewordenen Glasregalen hinterm Tresen.

Dann gibt es natürlich auch die Edelbars in den Prunkhotels mit den fantasievollen Getränkepreisen und einem Post-Yuppie-Publikum, das weiß, dass der Nobelwirt weiß, dass sie wissen, dass alle wissen, dass sie hier ausgenommen werden. Aber was soll’s, wenigstens ist man hier unter sich. Fernab vom Pöbel der Junggesellenabschiede und der Partymeilen-Touristenströme draußen auf der Reeperbahn.

Oder die großen Disko-Locations mit ihren morgendlichen Urin-Seen in den Toiletten und den klebrigen Scherbenteppichen vorm Tresen. Deren Betreiber ihre Angestellten scheiße finden, weil diese hinter ihren Tresen immer Alkohol trinken sollen, um die Gäste ebenfalls zum fortwährenden Saufen zu bespaßen, und die das dann tatsächlich machen und dem Betreiber so auch nach Feierabend noch die Haare vom Kopf zechen, während die vollständig abgefüllten Gäste nicht weggehen, sondern den Laden vollflächig mit bunten Straßenpizzen pflastern. Wo übriggebliebene Gäste während der Resterampe zunehmend verbissen versuchen, die jeweils gegengeschlechtlichen Anwesenden – sofern es sich denn um eine hauptsächlich von Heterosexuellen besuchte Lokalität handelt – zum Beischlaf zu überreden. Naja, nur zu einer Art beischlafähnlichen Aktivität genaugenommen. Einem dem trunkenen Zustand geschuldeten kläglichen Horizontalgehampel, bei dem immer einer mittendrin vorzeitig wegpennt. „Und? Wie lang‘ hast du gestern noch gemacht?“ …

Von diesen Etablissements im gastronomischen Gesamtangebot des Kiezes soll dieser Text nicht handeln. Heute möchte ich einmal das Augenmerk auf die selteneren Clubs mit einem eher alternativen Musikangebot richten: die so genannten Indie-Clubs.

In diesen treffen sich jedes Wochenende die leidenschaftlichen Fans eigenwilliger Musikrichtungen. Gern auch bei Liveauftritten von Bands mit unaussprechlichen, endlos langen Namen. Die auf ihrer Ochsentour durch die kleinen Venues dieser Welt regelmäßig in den Indie-Clubs der großen Städte haltmachen. Bands, für die der finanzielle Erfolg ihres musikalischen Wirkens zunächst einmal zweitrangig ist. Die keine Lust haben, den Gesetzmäßigkeiten des Mainstreams zu folgen. Und zudem dank bescheidener Gagenforderungen auch für das knappe Budget einer kleineren Location erschwinglich sind.

Diese Art von Club hat einen witzigen selbstverwaltenden Effekt. Dadurch, dass er hauptsächlich von einem festen Stammpublikum frequentiert wird, dessen Mitglieder sich irgendwann wie im eigenen Wohnzimmer fühlen, entsteht ein unaufhörlicher Pool an ortskundigem Tresen-, Tür- und Dj-Nachwuchs. Oft werden sehr junge Gäste dabei – wenn der Betreiber die Erlaubnis zur Ausbildung beispielsweise in punkto Eventmanager hat – zu Praktikanten im Betrieb. Die Familienwerdung aller Anwesenden im Club. Eine Bevölkerung mit irgendwie flexibel wechselnder Funktionalität: Ob vor oder hinter dem Tresen, vor oder hinter dem Dj-Pult sowie der Bühne, die Besetzung ist quasi frei austauschbar. Zumal das Personal hier genauso gern feiern geht wie die Gäste.

Aber was passiert, wenn solch ein Club schließen muss? Weil die Mieten zu teuer werden, das Gebäude abgerissen werden soll, um Platz für neue Bauvorhaben zu schaffen oder die Betreiber sich anderen Aufgaben zuwenden möchten?

Dann entsteht ein Exodus verlorener Seelen. Die Identifikation mit dem Club ist nachgerade symbiotisch. Der Zwang zur Gewöhnung an andere Musikgenres, an andere Gäste (oh Gott: fremde Menschen!), an neue, meist höhere Getränkepreise wird nicht nur schlicht als Zumutung empfunden – nein, er ist nahezu existenzbedrohend. Wo soll man jetzt am Wochenende hingehen? Die heimatlosen Clubgäste irren anschließend orientierungslos über den Kiez. Besuchen das alte Personal an dessen neuen Wirkungsstätten. Sofern es welche gefunden hat. Dabei werden sie einen unsicheren Eindruck machen, sich häufig unentspannt am fremden Tresen festkrallen und in Sachen Musik schwer fremdeln. Vorausgesetzt, sie bringen es über sich, das unbekannte Etablissement überhaupt zu betreten. Womöglich entscheiden sich sich bloß dazu, angestrengt locker mit dem ihnen bekannten Türmann draußen vorm Eingang zu plaudern. Die Entwurzelung droht.

Bei der Schließung eines Indie-Clubs gilt höchste Eisenbahn: schnell muss ein neuer Betreiber – natürlich mit gleichem oder zumindest sehr ähnlichem Konzept – gefunden werden. Oder ein neues Objekt, in dem sich der Club wieder in alter Form etablieren lässt. Doch auch hier lauern Gefahren: Schon der bloße Umzug auf die andere Straßenseite kann eine Location gänzlich ihrer „Atmo“ berauben, vor allem im Empfinden langjähriger Stammgäste. Infolgedessen wanken die ihrem Biotop entrissenen Indie-Alternative-Fans menschgewordenen Depressionen gleich inmitten der partywilligen Kiezbesucher umher und stecken diese womöglich mit ihrer düsteren Verzweiflung an. Ein vorzeitiges Aus der Feiernacht drohte. Und das, werte Leserinnen und Leser, wäre höchst ungesund!

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Vol. 53: Schlangenverhalten

Es heißt in einem alten Witz: Wenn ein Engländer eine Schlange sieht, stellt er sich hinten an … Nun, gleiches gilt für viele Kiezgäste. Sobald irgendwo vor einem Club eine Menschenmenge auf den Einlass wartet und es offensichtlich nicht voranzugehen scheint, drängt es in der Nähe Flanierende wie unter Zwang, sich ebenfalls dazu zu gesellen. Es ist ein geflügeltes Wort unter Kiez-Gastronomen, dass nur ein voller Club voll werden kann. Erst das Gewühl im Einlass ist der „wahre Jakob“, erst die unerträgliche Überfüllung erzeugt den hochmotivierenden Impuls, eine Lokalität unbedingt betreten zu wollen. Man möchte Teil dieses Events sein, das so viele andere anlockt. Der vollgestopfte Eingangsbereich erzeugt bei den Außenstehenden die Vorstellung, dass im Inneren der Lokalität ein geheimes Paradies des Glamours und der Erfüllung auf den Suchenden wartet. Hier muss quasi das „Shangri-La des Feierns“ gerade stattfinden – wie sonst wäre es erklärlich, dass so viele andere zugegen sind? Man vermutet Geheimwissen und möchte auch dabei sein!

Und so harren die Partywilligen hoffnungsvoll vor dem Einlass aus. Im berühmten Drei-Reihen-Stillleben. Das bekanntlich immer dann entsteht, wenn sich eine Warteschlange nicht weiter bewegt und daraufhin eine zweite Warteschlange links daneben eröffnet wird. Die sich ebenfalls nicht weiter bewegt. Und daraufhin eine dritte Warteschlange rechts daneben eröffnet wird. Die sich auch nicht weiterbewegt. Meist endet die Initiative aus Platzgründen bei drei regungslosen Reihen nebeneinander. Vor Clubs, in denen vorwiegend Elektro-Mucke zu Gehör gebracht wird, soll es jedoch hin und wieder zur Bildung einer zusätzlichen vierten Wartereihe kommen. Deren Spitze endet dann für gewöhnlich neben dem Clubeingang an der Hauswand. Was der entspannte, ergebnisoffene Elektro-Fan aber nicht so eng sieht.

Die wartenden Gäste leiden. Es ist anstrengend, vor einer Location anzustehen. Und darauf zu hoffen, dass es gleich weitergeht. Darauf, dass irgendetwas passiert. Womöglich erweisen sich die Umgebungsbedingungen zu allem Überfluss auch noch als sehr kalt, sehr heiß oder vielleicht sogar sehr regnerisch. Ablenkung entsteht in der erzwungenen Ruhe des Stillstands nur dann, wenn sich ein, zwei Gäste aus dem Eingang hinausquetschen: Dann könnten doch jetzt bestimmt wieder drei, vier Leute hinein, oder? Warum müssen die Türleute denn diesen Quatsch mit dem „Einlass-Stopp aus Sicherheitsgründen“ so verflucht genau nehmen? Diese Prinzipien-Nazis! Wie schön es doch wäre, jetzt da drin zu sein. Mit Freunden und einem Kaltgetränk am Tresen zu sitzen. Zu quatschen. Eine gute Zeit zu haben. Vielleicht zwischendurch tanzen zu gehen. Vorher noch beim Dj vorzusprechen und sich einen Lieblingssong zu wünschen. Ja, das wäre toll. Aber nein, man muss ja hier draußen herumstehen und warten. Pappvoll da drin. Sieht man schon durch die große Glasfront. Treten sich da unentwegt gegenseitig auf die Zehen, die Gäste. Gott, kann das jetzt hier mal weitergehen? Da passen doch noch locker zwanzig Leute rein, sag‘ mal!

Der Laden gleich nebenan ist übrigens baugleich. Hat den gleichen Tresen. Das selbe Musikprogramm. Die gleiche Tanzfläche. Die Getränkepreise sind sogar ein wenig niedriger als hier. Heute gibt’s zudem ein Cocktail-Special: immer zwei zum Preis von einem. Die ganze Nacht lang. Der Dj soll sehr nett sein und ein durchaus offenes Ohr für die Songwünsche des Publikums haben. Ja aber, der Club ist doch total leer, bloß zehn Leute drin oder so, merkt ein weiblicher Gast in der Schlange an. Schon seit fünfzehn Minuten muss sie von ihrem Freund gestützt werden – kann einfach nicht mehr stehen auf ihren High Heels. Fast unerträglich die Schmerzen. Was sollen wir denn da, fragt sie. Ist doch nix los. Da kann man doch bloß am Tresen herumsitzen, am Drink nippen, mit Freunden quatschen und zwischendurch tanzen gehen. Hey, es ist Wochenende! Da muss die Abendplanung schon ordentlich was hergeben, weißt du! Da muss richtig was abgehen. So wie hier zum Beispiel. Oh Mann, geht das denn irgendwann auch mal weiter? Wieso kommt denn da nie jemand raus, was wollen die denn alle da drin?

Einer ploppt wie ein menschlicher Klumpen aus dem Gewühl hinaus ins Freie. Hat das Telefon am Ohr: Ey, hier geht richtig die Party ab! Ihr müsst unbedingt herkommen. Ja, vergiss den Laden, wo du gerade bist! Kommt her! Zu mir gewandt, meint er noch, dass wir aber jetzt mal so richtig Einlass-Stopp machen müssten. Geht ja nich‘ vor und zurück da drin. Alle am Schwitzen, kein Sauerstoff mehr, kriegst keine Luft und so. Ich sage, ok – du hast Recht. Du und deine Leute ihr bleibt jetzt besser erst einmal draußen und so. Viel zu voll hier. Und er so: Ja nee, das is‘ ja scheiße jetz‘. Kannste doch noch bringen, sach mal! Ich grinse, sage ach so: ich soll die anderen alle draußen lassen. Die, die auch wollen, dass ich natürlich die anderen draußen lasse. Und er so: ja, äh, genau!

Ich zeige ihm den Laden nebenan. Guck: da ist Platz. Jede Menge. Da kannst du ganz frei durchatmen. Sogar tanzen. Und er guckt mich an mit einem mitleidigen Blick, wie ein Kind, das sich über einen Erwachsenen lustig macht, der behauptet, dass es gar keine Einhörner gäbe. Und er lacht mich an: Ja, haha, nee! Der Laden ist doch scheiße, ey – da ist doch gar nichts los! Was stimmt denn nicht mit dir? Hast überhaupt keine Ahnung vom Partymachen. Dann quetscht er sich wieder hinein und hofft, dass seine bald eintreffenden Freunde ihn in dem Gedränge überhaupt finden …

Und ich? Ich bin froh, dass ich zum Glück keine Ahnung vom „Partymachen“ habe, dass ich der Türmann bin und daher draußen bleiben darf.

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Vol. 52: Fortbewegung auf der Partymeile

Wenn der Mensch kein klares Ziel vor Augen hat, keinen Ort, an dem er etwas erledigen muss, er also nicht ergebnisorientiert von A nach B strebt, gerät er ins Spazierengehen. Dann wandert er impulsgesteuert durch die Gegend. Dinge, die er sieht, hört, riecht oder ertastet, regen ihn zu Richtungswechseln an. Unberechenbar und unerkennbar für das Umfeld zieht es ihn mal hierin, mal dorthin. Das ist eigentlich kein Problem. Soll ja zudem auch gesund für Körper und Seele sein, einfach mal keinen Plan zu haben. Und stattdessen im großen Strom des Lebens dahinzufließen. Etwa am entspannten Freitagabend.

Aber genau hierin liegt leider auch der Kasus Knacksus der Sache begraben: Das machen die anderen Menschen an diesem Wochenende auch. Und so entsteht auf der Straße ein großes, träges Gewimmel, in dem Fortbewegung zur reinen Stehbewegung gerät. Wobei: es hat seinen ganz eigenen Reiz, als Türmann am Eingang stehend die Menschen vorm Club dabei zu beobachten, wie sie trotzdem entschlossen versuchen, ganz entspannt von einem Club zum anderen zu gelangen.

Zumal noch ein weiteres Problem erschwerend hinzukommt: Evolutionstechnisch gesehen befinden wir uns im Prinzip genau zwischen der Fortbewegung auf allen Vieren und dem aufrechten Gang; quasi erst neulich haben wir beschlossen, uns aufzurichten, um jederzeit über das Steppengras in der Savanne hinausblicken und Feinde oder Beute frühzeitiger erkennen zu können. Die paar zehntausend Jahre, die seitdem vergangen sind, fallen rein biologisch betrachtet kaum ins Gewicht. Schon das reine Stehen ist ein heikler Balanceakt – das Gehen hingegen gleicht einem kontrollierten Absturz. Wir fallen nach vorn und setzen schnell einen Fuß in die Leere, um nicht unvermittelt feucht aufs Pflaster zu klatschen. Schwierig, riskant und eigentlich furchtbar ineffizient. Vor allem dann, wenn um uns herum jede Menge andere vernunftbegabte Zweibeiner just genau das Gleiche treiben. Überdies treten dann noch die Human-Hürden auf den Plan. Zum Beispiel die Vorstopper und Schlenderer!

Beim Betreten eines Clubs bleiben Vorstopper grundsätzlich sofort nach dem Überwinden der Türschwelle stehen, um in aller Ruhe das Innere der Lokalität in Augenschein nehmen zu können. Während ihr Blick also ausgiebig durch die Bar schweift, auf der Suche nach möglicherweise vorhandenen Freunden oder im bunten Flaschenangebot an der Bar versinkt, wächst hinter ihnen natürlich die Schlange der Wartenden zunehmend an. Werden Vorstopper nicht zum Weitergehen aufgefordert, kann es sehr lange dauern, bis sie sich von ganz allein wieder in Bewegung setzen. Am liebsten würden sie den ganzen Abend im Eingangsbereich verbringen, wie ich oft vermute.

Umgekehrt bleiben Vorstopper beim Hinaustreten aus dem Club ebenfalls auf der Türschwelle stehen, weil sie in diesem Moment feststellen, dass es draußen kühler ist als drinnen und es zunächst gilt, erst einmal die vielen Kleidungsschichten wieder anzulegen, die sie unterm Arm mit sich führen.

Oftmals geht Vorstopperei auch mit moderner Telekommunikation einher. In den meisten Clubs ist der Handyempfang auf Grund der dicken Schallisolierung sowie der vielen Stromabnehmer wie etwa großer Lautsprecherboxen stark beeinträchtigt. Nicht einfach, direkt darunter stehend zu telefonieren. Also muss bei einem Anruf der Club sogleich fluchtartig verlassen werden. Man könnte mitten in der Nacht am Wochenende ansonsten wichtige Informationen verpassen. Und, oh Wunder, sobald die Türschwelle erreicht ist, erstrahlt der Empfang in bester Brillanz. Ergo unterlässt der Vorstopper sogleich jede weitere Fortbewegung und widmet sich der Kommunikation. Erst die fortwährende Unterbrechung durch nervige Türleute, die jetzt in Unkenntnis ob der Wichtigkeit des geführten Gesprächs stets zum Weitergehen auffordern und schließlich den Telefonierenden hinausschieben, macht den Eingang wieder frei. Für eintretende Gäste. Unter denen womöglich aber schon der nächste Vorstopper lauert.

Der zunächst viel friedlicher und sympathischer erscheinende Typus des Schlenderers hingegen hat sogar noch größeres Nerv-Potential. Er tritt zumeist paarweise oder in Gruppengröße auf. Quälend langsam schiebt er sich pendelnd vorwärts, schaut mal hierin, mal dorthin, bleibt unvermittelt stehen, um irgendetwas Langweiliges oder nur für ihn irgendwie Interessantes eingehender zu betrachten, fächert auf oder verdichtet sich zu einem Menschenknäuel, beschleunigt sein Tempo plötzlich, um andere, sich normal bewegende Menschen zu überholen und unmittelbar danach wieder abzubremsen.

Ähnlich wie den stets in Horden auftretenden Schwerlasttransportern im Park – den Nordic Walkern – ist Schlenderern oft eine gewisse Neigung zur Adipositas zu eigen: Weit ausladend blockieren die Langsamgeher in Gesäßbreite den Gehweg. Sie zu umrunden ist ohne die Mitführung großzügiger Nahrungsvorräte nahezu unmöglich – man würde sich bei dem Versuch entweder verlaufen oder auf halber Strecke elendig verhungern. Letztlich zwingen sie allen anderen Fußgängern ihre Geschwindigkeit auf und diese folgen ihnen resigniert, bis sie dann, um Stunden verspätet, ihr Ziel endlich erreichen. Achtung: das Ansprechen von Langsamgehern mit der Bitte ums Vorbeilassen bringt nichts. Diese bleiben dann lediglich stehen und fangen eine endlose Diskussion über die Hektik unserer Zeit an; dabei blockieren sie weiterhin fröhlich den Gehweg. Auch das Umboxen oder zu Boden Ringen von Schlenderern ist keine gangbare Alternative. Denn diese sind, wie vorab schon angemerkt, oftmals recht voluminös. Und wer hat schon zufällig eine alpine Ausrüstung bei sich, mit der die liegenden Bergrücken dann zu überwinden wären.

Als Türmann betrachte ich dieses Geschehen vor meinem Eingang natürlich mit einem gewissen Amüsement, muss ich doch nicht daran teilnehmen und kann, entspannt an meinem Tisch stehend, die Tragikomödie der menschlichen Fortbewegung in ihrer ganzen schaurigen Pracht aus der Distanz genießen. Morgens bei meinem Feierabend sind sie letztlich alle verschwunden und ich muss auf meinem Heimweg nur noch die Hölle des Öffentlichen Personen Nahverkehrs durchstehen. Aber das ist eine gänzlich andere Geschichte.

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Vol. 51: Vegane Tür? Zu gefährlich!

Neulich telefonierte ich mit einem Veranstalter, der wissen wollte, ob wir spezielle Essgewohnheiten hätten, die er fürs Catering beachten solle. Er hatte mich und meine beiden Kollegen von „Zeit für Zorn – die Türsteherlesung“ für seine Venue gebucht und plante jetzt den Abend. Ob Vegetarier dabei wären oder gar Veganer, meinte er auf meine verblüffte Nachfrage. Ich entgegnete, dass wir als Türmänner auch auf der Bühne keine großen Ansprüche stellen und ganz normale Kost bevorzugen würden. Dann witzelten wir noch herum, dass es einem Vegetarier in Sachen Security wahrscheinlich am nötigen Biss gebräche, von Veganern gleich ganz zu schweigen. Hahaha. Welche Optionen so jemandem wohl im Stressfall zur Verfügung stünden. Den Aggressor außer Gefecht quatschen? Mit Zubereitungstipps für Tofu-Salat mit Mandelmilch-Dressing in die Flucht schlagen? Das Gelächter war groß und gehässig! Selbst geraume Zeit nach dem Auflegen musste ich noch immer grinsen angesichts der Vorstellung, so einem Ernährungshippie, solch einem Captain Hirsehelm die Sicherheit eines Clubs anzuvertrauen. Dort braucht es zur Durchsetzung schließlich einen Carnivoren, einen Fleischfresser mit Beutegreifer-Instinkt. Ein mächtiges Raubtier. Einen Löwen zum Beispiel!

Sogleich hatte ich das Bild des vitalen, vor Kraft strotzenden „Königs der Tiere“ vor Augen. Wie er so da lag. Im Hitzeflirren der afrikanischen Savanne. Gemütlich im Schatten einer ausladenden Schirmakazie. Die ihn umschwirrenden Fliegen mit mattem Schwingen der Schwanzspitze ebenso träge wie erfolglos verscheuchend. Müde niesend vom aufwirbelnden Staub. Das Haupt desinteressiert durchatmend wieder auf den ausgestreckten Vorderläufen ablegend. Noch einmal seufzend ausatmend. Und einpennend.

Hm … irgendwie ließ mich dieser Anblick dann doch etwas zweifeln.

Streng genommen lehrt uns die Verhaltensbiologie, dass es eben die Pflanzenfresser und nicht die Fleischverzehrer sind, von denen wahre Gefahr ausgeht. Löwen muss man nicht fürchten – sie interessieren sich kein Bisschen für uns Menschen. Wir sind weder ernst zu nehmender Rivale noch gewohnte Beute; für uns haben sie nur ein müdes Gähnen übrig, wenn wir uns in ihre Nähe trauen.

Aber macht das mal bei einem Herbivoren, wie beispielsweise einem afrikanischen Büffel, der friedlich grasend irgendwo in der Savanne steht. Du latscht durch sein Revier, erweckst seine Aufmerksamkeit. Er sieht dann etwas, das er nicht kennt. Alles, was er nicht kennt, könnte ihm Böses wollen; ihn oder ein anderes Mitglied seiner Herde zum möglichen Mittagessen erklären. Er wird den Kopf heben, den ungebetenen Gast fixieren. Ihn einmal, nur einmal, durch kurzes Schnaufen warnen. Dann wird er anfangen, einen Huf stampfend vor den anderen zu setzen. Schneller und immer schneller. Sein Weg führt ihn in deine Richtung. Jede deiner Richtungen wird jetzt automatisch zu seiner Richtung. Er wird sich unaufhaltsam nähern. Mit steigender Geschwindigkeit. Federnd und weiter ausgreifend. Er beschleunigt. Er streckt sich. Nimmt rasanter und müheloser Fahrt auf, als man einem solch massigen Gesellen zutrauen würde. Schließlich: Ein Schnellzug aus Knochen, Muskeln, Schnaufen und Donnern. Und du? Du wirst im Weg stehen … zumindest noch für einen kurzen Moment der Reue.

Ich stand einmal einem Rhinozeros im Weg. Das war während meiner leider nicht ganz zu Ende gebrachten Ausbildung zum Zoo- und Heimtierpfleger. Meine Aufgabe bestand an einem sehr frühen Morgen darin, einen alten Autoreifen herauszuholen, der als Spielzeug im Nashorn-Gehege lag und dank der liebevollen Behandlung seitens der adipösen Einhörner schon etwas zerfleddert war. Leider befand sich der zuständige Revierpfleger zu dieser Zeit noch in einem recht unterkoffeinierten Zustand. Hatte nicht alle Sinne beisammen und öffnete ohne nachzuschauen den schweren Schieber, der die Nachtunterkünfte der Tiere vom Außengehege abtrennte. Es war dieses verblüffte Schnauben irgendwo hinter meinem Rücken, das mich beim Abmühen mit dem alten Reifen innehalten und über mehrere mögliche Zukünfte nachdenken ließ. Die alle unerfreulich für mich endeten. Ein Blick über die Schulter offenbarte mir einen großen, leicht nickenden Kopf, der halb aus einem breiten Portal herauslugte. Kurzsichtig linsend und mit bebender Oberlippe schnüffelnd, versuchte sich der imposante Hausherr darüber klar zu werden, wer ich war und was ich zum Teufel nochmal in seinem Wohnzimmer zu suchen hätte.

Ich machte einen Schritt in Richtung des Personalausgangs – 25 Meter entfernt auf der anderen Seite. Hinter mir das einzelne Schlurfen eines Unpaarhufs. Ich machte einen weiteren Schritt, hinter mir ertönte das wuchtige Echo. Ich schritt aus, es schritt aus. Es wurde schneller. Ich beschleunigte, schleuderte den Reifen, den ich aus irgendwelchen unerfindlichen Gründen noch immer in beiden Händen hielt, zur einen Seite und warf mich zur anderen. Direkt durch die Seitenpforte. Selbige schlug hinter mir in ihre Verankerung. Der Revierpfleger, der seinen Fehler mittlerweile bemerkt hatte, wandte mir sein kreidebleiches Gesicht zu und ich wollte gerade etwas sagen, als es dumpf in die Stahltür einschlug. Ihre Mitte wölbte sich unter einer nachdrücklich schiebenden Last knarzend und knackend nach innen, der große metallene Querriegel knickte wie aus Pappe gefertigt in der Mitte ein – die gesamte Konstruktion wurde unter der immensen Belastung einer gewaltigen, brachialen Kraft kreischend und stöhnend an ihre Grenzen gebracht! Dann plötzlich: Stille. Und ein kurzes, hervorgebelltes Schnaufen hinter dem gerade noch in den Angeln hängenden Portal. Ein seltsam amüsierter, fast schon menschlicher klingender Laut der Zufriedenheit.

Immer, wenn mich später irgendwelche Verrichtungen am Gehege des gewaltigen Hornträgers vorbeikommen ließen, schenkte ich ihm einen Apfel. Und schaute zu, wie er das geliebte, saftige Obst zermalmte und mich dabei belustigt aus seinen kleinen Augen mit den erstaunlich langen, gebogenen Wimpern anblickte. Als erinnere sich der vegane Koloss stets gern daran, wie er einmal einem der arrogant umher stolzierenden Zweibeiner klar gemacht hatte, wie dünn die Schicht der Sicherheit in dieser Welt sein kann.

Ok, und ich sehe jetzt mein eingangs gefälltes Urteil dann doch bestätigt: Veganer taugen tatsächlich nicht zum Türmann. Sie sind einfach zu gefährlich und zu brutal für diese Aufgabe.

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Vol. 50: Betrunkenen-Magnet

Das Leben besteht oft aus Wünschen, die sich auf den ersten Blick nicht miteinander vereinbaren lassen. Etwa, wenn einem der Sinn nach einem Fell tragenden Haustier steht, aber Haus oder Wohnung leider großzügig mit textilen Möbeln eingerichtet sind. Diese könnten nach dem Einzug des vierbeinigen Haushaltsmitglieds schnell unschön werden, indem sie nach und nach, Schicht um Schicht, die Pelzfarbe des putzigen kleinen Lieblings annehmen. Hier sollte man aber nicht verzweifeln oder verzichten, denn es gibt wirkungsvolle Abhilfe.

Zum Beispiel, indem man sich regelmäßig Freunde einlädt, die bestimmte Bekleidungsstoffe bevorzugen – insbesondere Wolle oder Microfleece verfügen über hervorragende Produkteigenschaften bezüglich der Aufnahme- und Haltefähigkeit von Tierhaaren. Einfach einen Kaffee anbieten, den Besuch immer wieder an verschiedenen Positionen Platz nehmen lassen. Später, nach der Verabschiedung und Neu-Verabredung für ein baldiges Wiedersehen, darf man sich an Sofas und Sesseln erfreuen, die wieder in ihrer ursprünglichen, haarfreien Pracht erstrahlen.

Das gleiche Prinzip gilt auch in der Event-Gastronomie am Wochenende auf dem Kiez. Hier fungiert der Türsteher als wirksame Fusselbürste für die menschgewordenen Tierhaare der Nacht: die Betrunkenen. Die glücklichen Gäste, die das Ziel erreicht haben.

Je nach Art der Schnapsdrossel muss er sich lediglich als Abstreifbrett weithin sichtbar an der Tür postieren oder aber den nicht mehr spielfähigen Gast direkt aus dem Fell der Nacht zupfen, bevor der sich im Polster der Party verhaken kann. Etwa, indem man ihm ein „Foul“ nachweist: „Kann ich die Tasche bitte mal sehen?“
„Wieso’dn? Da is nix drin.“
„Und was ist das hier für eine komische Thermoskanne?“
„rüüülps … da’is‘ nix’in … voll leer, hupps.“
„Das ‚leer‘ ist flüssig und riecht nach Alkohol, du Heini!“
„Ja, nee … Hahaha … Bööörp … Du siehsauss wie Kevin Clooney!“
„Wie wer?“
„Kevin Clooney … hicks.“
„Und wer soll das bitte sein? Georges hässlicher Bruder, oder was? Du bist doch schon völlig erschöpft, du kannst doch gar nicht mehr.“
„Ich kannimma … genau der hässliche, hahahahupps, und ich bin’ner hübsche …“
„Weißt du, du verwechselst mich. Ich bin in Wirklichkeit Dustin Tarantino. Quentins voll gemeiner und total humorloser kleiner Bruder. Und genau deswegen bleibst du jetzt mal draußen!“
„Echt? … bööörp!“
„Ja, echt!“
„Och menno …“
„Und nimm bloß deinen Kapselkaffee mit Wodkaaroma wieder mit!“

Andere rücken dem Türmann ganz freiwillig auf den Pelz. Zum Beispiel Freunde oder Bekannte des Türstehers, die, wenn sie auf einem bestimmten Level des „über den Durst Trinkens“ angekommen sind“, den unwiderstehlichen Drang verspüren, für ihren Zustand um Entschuldigung zu bitten. Vor allem beim Türmann, der als Profi bekanntlich stocknüchtern ist und ihnen den Normalzustand des Menschen so schmerzhaft vor Augen führt. Hier suchen sie Absolution. Und# so gilt es, ihnen diese zu liefern. Einfach und sanft mit leichter Ironie. Die Zwischentöne wird der Trunkene zwar nicht wirklich verstehen, aber er wird das Gefühl bekommen, dass er sich unbedingt weiter entschuldigen muss: „Imma wennu michsiehs, binnich besoff’n! Was mussu bloß von mir denk’n, sach ma? Tumirleit!“
„Och, ich bin eigentlich immer sehr beeindruckt von dir.“
„Echt? Wiesodassen?“
„Ja, weil du immer noch alles so gut geregelt bekommst.“
„Gannix kriechich geregelt. Binnoch total besoff’n! Und dann steh‘ ich immer hier vor dir un dubiss völlig nüchern. Das issoch peinlich, issas … tumirleit, echma!“
„Ach, halb so wild. Außerdem merkt man dir doch gar nichts an.“
„Wa? Ich lall‘ doch nunnoch!“
„Naja, das ist ja normal. Guck mal, wir werden dafür bezahlt, nüchtern zu sein. Du hingegen darfst feiern. Voll ok. Und außerdem bin ich doch extra geschult, Menschen auch dann zu verstehen, wenn sie ein klein wenig verschliffen kommunizieren. Das passt schon.“
„Ich kommo … kummu … kommusie … kimonosier bestimm sehr geschliff’n! Peinlich issas. Tumirleit!“
„Ja, schon. Womöglich ist deine Artikulation sogar mit einem nicht ganz mehr ganz so scharfen Messer geschnitten. Tähä. Aber was soll’s, auch gerupftes Brot ernährt den Mann, wie meine Tante Ilse immer sagte. Nä. Außerdem hast du doch noch fast alles im Griff. Das finde ich beeindruckend. Vor allem angesichts deiner sonstigen Symptomatik.“
„Ja, nä. Aber, welche Sümmomatik meinsu denn?“
„Bestimmt nicht einfach, den Alltag immer so im Griff zu haben, wenn man zeitgleich mit einem akuten Alkoholproblem ringt.“
„Äh, bidde? Ich hab doch bloßn paar Bier getrung’n, kumma ich kann die Flasche sogar noch logger in’n Plassik-Becher umfüll’n, nä …“
„Ja! Und das trotz des ausgeprägten Tremors! Bewundernswert. Ehrlich.“
„Was’n Tremor?“
„Händezittern. Tritt ja häufig bei schweren Trinkern auf. Aber mal was anderes: Wie geht denn deine Freundin damit um?“
„Wommit?“
„Na, mit ihrer Co-Abhängigkeit. Die nahen Angehörigen sitzen bei einem Alkoholkranken im fortgeschrittenen Stadium ja mit im sinkenden Boot. Schon ne harte Sache. Zumal du den Kern deines Schicksals ja zu akzeptieren gelernt hast. Du jonglierst mit der bösen Macht, die dich im Griff hat. Jedes Wochenende.“
„Wa? Weil ich das Bier in’nen Becher un so füll’n kann?“
„Und genau darin liegt ein landläufiger Irrtum begraben: Die erfolgreiche Meisterung der kleinen Verrichtungen des Alltags ist mitnichten das Erste, was schwindet, sondern häufig die letzte Kompetenz, die dem Hardcore-Schluckspecht bleibt. So als letzter, kurzer Lichtblick vor der langen, langen Nacht … Vielleicht sollte ich doch schon mal besser eine Kerze für dich anzünden.“
„Dassis ja furchbar! Du spinnsoch. Ich geh‘ jetzt nach Hause!“
„Bist du sicher, dass du noch eines hast? Ich meine ja nur. Man muss sich manchen Tatsachen auch einfach mal stellen. Im eisigen Wind der Realität quasi den frostigen Fingern der kurzen Zukunft die Brust entgegenstrecken! Aber, du machst das schon – will nix gesagt haben. Verliert ja auch nicht jeder seine Wohnung, bloß weil er säuft. Allerdings musst du wahrscheinlich eh nicht lange unter der Obdachlosigkeit leiden. Denn, dieses beginnende Gelb in deinen Augen, nä, das verheißt nichts Gutes bezüglich der Leberwerte und so …“

Bumms: Wankt der entsetzte Bekannte heim und hält eventuell in seinem Partyleben für einen gesunden Moment inne.

Insgesamt könnte man es natürlich auch so formulieren, dass die Sicherheits-Fusselbürste zwischen den helfenden Einsätzen an der Clubtür immer wieder einmal die in Schnaps, Bier, Cocktails und Longdrinks eingeweichten Haare abstreifen muss, um für neue bereit zu sein. Alles im Sinne des schöner Lebens, des schöner Feierns, des schöner Partymachens. Prost!

+ + +

Vol. 49: Ein Platz für Bekloppte – von Neurotikern und Psychos

„Und? Wo ist die mutmaßliche Schädigerin jetzt hin?“

„Sie befindet sich auf der Flucht. Seit ein paar Minuten. Guck, da vorn ist sie …“

Die Reeperbahn mit ihren umliegenden Straßen ist in den Nächten des Wochenendes ja nicht nur ein Tummelplatz für partywillige Kiezbesucher – auch die Schrägen und die Bekloppten, kurz „Psychos“ oder in der aggressiveren Variante „Schizos“ genannt, tummeln sich im Gewühl. Es ist ganz ähnlich wie unterwegs im öffentlichen Personennahverkehr: Der S-Bahn-Waggon bietet jede Menge freie Plätze, aber der just zugestiegene Mitreisende in Strickjacke und Bundfaltenhose nimmt zielstrebig neben dir Platz. Er grinst dich strahlend von der Seite an und genau in dem Moment, in dem du ihm sein übergriffiges Fehlverhalten erläutern willst, legt er los: „Sagen Sie, haben Sie heute schon über Jesus nachgedacht? Darf ich ihnen die Fahrt mit ein paar erbaulichen Passagen aus dem Buch der Bücher verkürzen? Warten Sie, ich lese Ihnen mal meine Lieblingsstelle aus der Bibel vor …“

Neurotisch lädierte Zeitgenossen benötigen stets ein Publikum für ihren leidvollen Auftritt. Sie tragen den Kampf mit den Einhörnern in ihrem Kopf und den komischen Farben des Universums im Allgemeinen nicht sozialverträglich allein in ihrem stillen Kämmerlein aus, sondern müssen hinaus in die Welt. Sie möchten sich mitteilen. Es zieht sie hin zu anderen Menschen. Und dadurch am Wochenende unwiderstehlich zum Kiez mit seiner Unmenge an potentiellen Zuschauern und Zuhörern. Hier leben sie dann ihre teils bizarren Psychosen freudig im Gewühl der Partygäste aus und entdecken bisweilen sogar ganz neue Störungen für sich.

Es gibt die Gesprächsbedürftigen, die fremden Menschen ebenso hartnäckig wie hemmungsfrei von ihrem letzten Aufenthalt in der „Geschlossenen“ berichten. Und sich dabei heulend ihrer Kleidung entledigen. Musikanten, die bar jeglichen Talents und jeglicher Ahnung mit Hilfe eines mitgeführten Instruments die aktuellen Charts nachspielen. Etwa der Typ mit dem riesigen Keyboard, das auf Knopfdruck eine große Menge gespeicherter Songs abspielt, wozu er dann wild auf den Tasten herumdrückt und im Kreis tanzt. Eigentlich ganz putzig. Indes verlangt er anschließend sehr eindringlich eine Gage in fantasiereicher Höhe und ergeht sich in übelsten Beschimpfungen, wenn dankend abgelehnt wird. Oft genug muss ein in der Nähe befindlicher Türmann einschreiten, um zu verhindern, dass die zahlungsunwilligen und vor allem unfreiwilligen Zuhörer sein Tasteninstrument über den Kopf gezogen bekommen.

Oder die Autoaggressiven. Sie schmeißen sich plötzlich unvermittelt schreiend auf den Boden und schlagen ihren Kopf auf die Gehwegplatten bis die Kopfhaut platzt. Sieht super aus für den sachunkundigen, neu hinzugetretenen Gast: Da steht ein Türmann mit noch beschwichtigend erhobenen Händen und vor ihm windet sich ein blutendes Bündel Mensch auf dem Trottoir – da wird sogleich das Telefon gezückt und der Secu-Mitarbeiter darf sich auf ein ausgedehntes Gespräch mit der demnächst eintreffenden Streifenwagen-Besatzung freuen …

Auch die Paradiesvögel unter den Gestörten haben so ihre Tücken. Etwa die stark geschminkte Person unbestimmbaren Geschlechts mit Riesenperücke, Federboa und buntem Kostüm im Rollstuhl. Auf den ersten Blick lediglich etwas seltsam in Sachen Farbzusammenstellung entpuppt sie sich als hartnäckiger Kokaindealer, der alle anwesenden Gäste nach potentiellen Käufern abklappert. Willst du sie entfernen, zieht sie die Bremsen am Rolli an und du guckst in die Röhre. Zum Transport eines widerborstigen Rollifahrers sind zwei Türleute vonnöten. Problem: Während die beiden links und rechts zupacken, um den Rollstuhl samt Inhalt hinauszutragen, hat der Rollstuhlfahrer ja immer noch zwei Hände frei, mit denen er um sich schlagen, kratzen und kneifen kann. Ein Alptraum. Zumal die Umstehenden sofort Partei für den „armen behinderten Menschen“ ergreifen und die Stimmung schnell in Richtung Lynchmob kippt.

Dann sind da die zwischen – Weltschmerz und Aggression – hin und her oszillierenden „Druffis“. Mit schlecht eingestellter Medikation bewegen sie sich schnorrend von einer auf dem Gehsteig befindlichen Gästegruppe zur nächsten und versuchen immer wieder, in einen der an der Straße gelegenen Clubs hineinzugelangen. Gelingt ihnen dies, klauen sie so lange unbemerkt die Drinks der Gäste am Tresen oder an der Tanzfläche, bis diese untereinander in Streit geraten. Oder sie schließen sich im Klo ein und schlafen sich erst einmal aus. Fast aussichtslos, sie da herauszubekommen. Zumal, wenn die Klotüren nach innen aufgehen: Du kannst nicht wissen, ob sie mit ihrem Kopf vor der Tür liegen, wenn du diese einzutreten versuchst. Also hilft nur gutes Zureden. Und da kann es lange dauern, bis die gewünschte Wirkung eintritt. Aber auch, wenn sie sich scheinbar harmlos im Gastraum aufhalten, ist es zumeist nicht möglich, sie ohne geschäftsschädigenden Aufruhr zu entfernen. Ein schreiender Mensch wird von kräftigen Sicherheitsleuten aus seiner Umklammerung des Dj-Pults gelöst und hinausgezerrt – oft missverständlich fürs restliche Party-Publikum. Hier werden dann schnell die Ärmel hochgekrempelt und man schreitet erneut zur „rettenden Heldentat“.

Ich empfehle in solchen Momenten das Delegieren des Psychos an die couragierten Ersthelfer: „Hier guck, deine neuen Freunde wollen dir nebenan einen ausgeben!“ Immer sehr witzig, wenn die erbosten Bürger nach einer Weile bemerken, was für ein Ei sie sich selbst gelegt haben. Und händeringend beim Türmann um Hilfe vorsprechen, um den inzwischen recht unangenehm gewordenen „neuen Kumpel“ wieder loszuwerden. Tja, dumm gelaufen. Und selbstverständlich verweigere ich dann die Unterstützung – möchte mich ja nicht gemein machen mit einer derart fiesen Ausgrenzung von Mitmenschen, nä.

Aber auch dem besten und umsichtigsten Türmann unterläuft mal ein Fehler. Der Kollege aus der zweiten Schicht ist eingetroffen und macht einen kleinen Rundgang durchs Objekt. Es ist schon einigermaßen gefüllt und er möchte sich einen Überblick verschaffen. Über die Atmosphäre, über mögliche Störungskandidaten, über die Stimmung der Gäste.

„Sag mal, diese Frau mit den Krücken, hast du die reingelassen oder war die schon vor deinem Schichtbeginn da?“

„Groß, rotblonde Wallemähne, durchsichtige bleiche Haut, um die Vierzig, zwei Krücken? Ja, die habe ich vor ner halben Stunde reingelassen, wieso?“

„Nun, die ist völlig irre. Totaler Psycho.“

„Echt? Die war ganz nett. Hat gefragt, wie’s mir ginge, nett gegrüßt und so und ist dann rein.“

„Jetzt sitzt sie auf der langen Eckbank am Fenster und stößt andere Gäste mit den Gehhilfen weg. Sagt, sie sollen sich nicht auf ihre „Freunde“ setzen. Die Bank ist aber mit Ausnahme von ihr völlig leer … die kannst du gerne selber wieder rausholen. Mit der hatte ich schon im letzten Winter mehrfach richtig „Spaß“. Die wird hochaggressiv, schlägt um sich und schreit mit der Lautstärke einer Luftschutzsirene …“

Um es kurz zu machen: Ihre Hinauskomplimentierung ging nicht ohne Blessuren für alle Beteiligten über die Bühne. Sie fuchtelte derart wuchtig mit ihren Gehhilfen in der Gegend herum, dass mehrere zu ihrer Unterstützung herbeieilende Gäste amtliche Beulen und Prellungen davontrugen. Und ihrerseits die Staatsgewalt verständigten. Als diese kurz darauf in Form einer Fußstreife eintraf, hatte sich die zeternde Rothaarige auf dem winterlich-rutschigen Gehweg erst etwa zwanzig Meter entfernt.

„So, wo befindet sich denn die mutmaßlich schädigende Person?“

„Die befindet sich auf der Flucht. Guck, da vorn rudert sie von dannen.“

„Na, die kennen wir doch schon. Da werden wir doch gleich mal die Verfolgung aufnehmen“, sagte die Polizistin grinsend und schlenderte der davonkrückenden Straftäterin hinterher …

Die anwesenden Gäste wandten sich vorwurfsvoll an uns: „Ihr müsst aber auch echt aufpassen, was für Leute ihr hier reinlasst. Echt mal.“

Es bleibt schwierig … aber irgendwie auch lustig.

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Vol. 48: Im Graben

„Ey Alder, deinen Job möcht‘ ich auch ma‘ haben: Konzert ganz umsonst un‘ auch noch in der allaerst’n Reihe! Du hassas voll richtich g’macht, ey!“

Ich nicke freundlich mit sparsamem Lächeln. Der Konzertbesucher hinter der Grabenbarriere prostet mir zu. Ich frage mich, woher er die Glasflasche hat und überlege noch, ob ich sie ihm nicht besser abnehmen sollte, bevor hier gleich das kontrollierte Chaos ausbricht. Eigentlich sind ja nur Plastikbecher erlaubt. Aus Sicherheitsgründen. Dann sehe ich seinen Fotoapparat. Statt auf sein Smartphone verlässt er sich auf richtiges Oldschool-Equipment. Mit Blitzlicht. Na, das kann ja heiter werden. Ich hasse es, wenn mir unvermittelt ins Gesicht geblitzt wird. Aber was soll man machen – sie meinen es ja nicht böse.

Das Hallenlicht ist gerade herunter geregelt worden, die Bühnenbeleuchtung schimmert in Blau und Rot. Eben startete die Intro-Musik und oben an der Backstage-Treppe sehe ich die Mitglieder der Band schon in den Startlöchern stehen. Gleich geht’s los. Die Menge hibbelt vor der Bühnenbarriere hin und her, im Graben dahinter stehen wir Secus – vier an der Zahl – in Reih und Glied. Wir sind relaxt, aber auf alles vorbereitet.

Könnte sein, dass es später während des Auftritts zu einem ausgelassenen Moshpit. Prinzipiell kein Problem – die Freunde der härteren musikalischen Gangart springen zwar gern wild umher, achten dabei aber meist sehr gut aufeinander. Geht einer zu Boden, wird er umgehend vielhändig wieder auf die Beine gestellt. Etwaige Probleme entstehen allerdings oft durch ungeschulte Neulinge. Oder durch „Touristen“, die sich nicht an die ungeschriebenen Gesetze des chaotischen Rempeltanzens halten. Diese lauten: Gefallene aufheben. Hände unterhalb der Schultern in Brusthöhe lassen, um nicht versehentlich in Gesichter zu schlagen. Tanzunwillige in Ruhe den Rückzug nach außen antreten lassen.

Etwas links von der Mitte im vorderen Drittel entdecke ich im allgegenwärtigen Schwarz der dunkelgekleideten Metallheads zwei kräftige Typen in schreiend bunten Hawaiihemden, die sich mit irgendwie spöttisch wirkendem Grinsen umschauen. Ich ahne: mit denen werden wir womöglich später noch unseren Spaß haben. Blicke zu meinem Kollegen rechts von mir im Graben, deute mit einer Kopfbewegung zu den beiden Heinis hinüber. Er nickt und hebt zwei Finger zu den Augen. Hatte er auch schon bemerkt. Nun denn, hoffen wir aufs Beste. In der Vorbesprechung zum Konzert wurden wir zudem auf die heikle Situation mit der Säule im Raum hingewiesen. Diese befindet sich vom Saal aus gesehen mittig links außen gleich vor der Treppe zur zweiten Ebene. Sollte ein Circle Pit – der chaotische Bruder des Moshkreises – entstehen und auf eine bestimmte Größe anwachsen, droht hier nicht unerhebliche Verletzungsgefahr für die unweigerlich dagegen klatschenden Tanzenden. Allerdings ist mir nicht ganz klar, was wir Securitys dagegen unternehmen sollten. Der Veranstalter meinte, er wollte es wenigstens angesprochen haben. Bisher sei da ja auch noch nie etwas passiert. Aber, man wüsste ja nie, nä. Und was wir dann unternehmen sollten? Uns in den Weg stellen? Ja nee, das bringt ja auch nichts. Keine Ahnung. Er wollte es nur gesagt haben. Tja.

„Ey Alder, dein Job isser geilste!“ Der Typ vom Anfang hat sein Bier auf meiner Seite der Barriere auf der Stufe abgestellt, die ich später brauchen werde, um Crowdsurfer frühzeitig entgegennehmen und im Graben absetzen zu können. Ich will den Moment nutzen und die Flasche verschwinden lassen, da drängt sich ein sehr beleibter Mann mit Backstage-Pass am Bändchen vorbei. Schnaufend wuchtet er eckige Metallbehälter herum. Er sei der offizielle Fotograf, sagt er, und will gleich seine Graben-Bilder machen, hat ja nur die ersten drei Songs. Ich nicke abwesend, schaue der Flasche hinterher. Von der Stufe gestoßen rollt sie im Graben umher.

In diesem Moment schreitet die Band auf die Bühne, ergreift ihre Instrumente und lässt den ersten Akkord erklingen. Die Menge stöhnt auf, rückt noch einen Schritt näher nach heran, komprimiert sich vorn an der Barriere. Hände werden emporgereckt, Münder und Augen aufgerissen, freudig aufjohlende Stimmen verdichten sich zu einem Rrroooar. Die Show beginnt!

Der erste Song ist kaum in Gange, da stechen mir wieder die beiden kantigen Hawaiihemden in der Menge ins Auge: Sie stemmen gemeinsam einen sehr dicken Kerl in die Höhe, platzieren ihn auf den Händen der Davorstehenden, geben ihm einen Schubs und – schwupps: eine schwergewichtige Aufgabe crowdsurft auf mich zu. Ich steige auf die Stufe, spüre die stützende Hand eines Kollegen im Rücken, ergreife ein Bein des Dicken und zerre ihn daran zu mir herüber. Er strahlt und lacht ausgelassen. Fuchtelt herum. Scheint wohl das erste Mal in den Genuss dieses Schwebens über der Menge zu kommen. Ich lege seinen Arm flink über meine Schulter, beiße die Zähne zusammen und wuchte ihn in einer Drehbewegung hinab in den Graben. Ein helfender Kollege weist ihm den Weg links hinaus und zurück in die Menge.

Just wieder im Hinuntersteigen, erhasche ich einen Blick auf die beiden bunten Kraftsportler vorn zwischen den Tanzenden. Sie klatschen sich ab. Zeigen grinsend in meine Richtung und packen sich den nächsten Riesenklops. Seufzend lehne ich mich nach vorn und mache mich bereit für eine weitere Runde Gewichtheben. Gleiches Spiel, gleiche Regeln: Heranziehen, Arm ergreifen, Drehbewegung. Doch genau in diesem Moment blitzt die Kamera des Konzertbesuchers unter mir auf, ich bin geblendet, kann nichts sehen. Wie zum Beispiel die zurückrollende Bierflasche im Graben, auf die ich gleich treten werde. Ich werde wegrutschen und zu Boden gehen. Mit geschätzt 103 kg Metallhead in meinen Armen, die weich auf mir landen werden …

Ach, der Job im Konzertgraben ist tatsächlich eigentlich ganz geil. Man muss nur die Herausforderung lieben. Und damit klar kommen, dass man die ganze Zeit mit dem Rücken zur Bühne steht und gar nichts von der Show mitbekommt. Nächstes Mal bewache ich wieder den Backstage-Eingang oben an der Treppe. Das ist der Wellness-Posten für ältere Secus. Und man sieht von dort viel besser.

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Vol. 47: Bomberjacke

Kaum ein Kleidungsstück ist klischeehafter mit dem Job des Türstehers verbunden als die Bomberjacke. Aus strapazierfähigem Nylon gefertigt, kuschelig warm gefüttert und in der klassischen Ausführung MA-1 mit kurzem Strick-Kragen für frei bewegliche Fallschirmgurte geliefert, hüllte sie den Türmann vor allem in den 1980er Jahren bei allen Witterungsbedingungen bestens ein und stattete ihn zuverlässig mit der weithin sichtbaren Identität des Securitybeauftragten aus.

Überdies sorgte sie auch bei eher „drahtigen“ Türstehern für eine beruhigend autoritätsgemahnende Breitschultrigkeit. Es herrscht ja leider auch heute noch die unter Gästen verbreitete Fehleinschätzung, dass „platzsparendere“ Türleute – also alle Securitys unter 1,90 m und 95 kg – ungefährlicher im Einsatz wären. Diese müssen ihre deeskalierenden Fähigkeiten oft erst schmerzhaft am renitenten Gast demonstrieren, bevor sich dieser verständnisoffener für Belehrungen bezüglich seines Fehlverhaltens zeigt. Die voluminöse Bomberjacke erleichtert ihm hier eine realistische Einsortierung seiner Person in die Nahrungskette und verkürzt die Einsatzzeit des Türmannes dadurch erheblich – er ist schneller wieder frei für neue Aufgaben und muss zudem nicht ständig energiefressend zwischen Ernst und Freundlich hin und her schalten.

In den 1990er Jahren wurde der Bomberjacken-Klassiker in den Clubeingängen für fast ein ganzes Jahrzehnt vom Pea-Coat oder Caban abgelöst, nach seinem Kieler Hersteller auch Colani genannt. Der aus der Seefahrt bekannte Kurzmantel verlieh mit seiner rustikalen Optik aus dicker Schurwolle den Türleuten eine gewisse maritime Anmutung, die zugleich eine elegante Note an den Tag legte. Darüber hinaus stellte sie eine für die Türarbeit hilfreiche Reminiszenz an den „Seewolf“ dar. Diese Figur aus dem gleichnamigen Jack London-Roman war im deutschsprachigen Raum untrennbar mit Raimund Harmstorf im TV-Advents-Vierteiler verbunden. Wer als Kind in den Siebzigern vor dem Bildschirm saß und die intensive Darstellung der mal unterschwellig brodelnden, mal offen brutalen Gewalttätigkeit des raubeinigen Kapitäns Wolf Larsen durch Harmstorf miterlebt hatte, vermied später als erwachsener Discobesucher jegliche ausschweifende Diskussion mit einem Türmann ähnlicher Anmutung.

Leider geriet die seemännische Caban-Jacke irgendwann unter die Räder der Massen-Mode. Plötzlich latschte in den kühleren Jahreszeiten jeder damit herum und die Verwirrung in den Eingängen der Kiez-Etablissements war groß: Gäste zeigten sich gegenseitig die Stempelabdrücke, erlaubten neu Eingetroffenen auf Nachfrage das Mitführen von Fremdgetränken, und die echten Türleute wurden im Gewimmel der Seemannsjacken nicht mehr als solche erkannt. Es musste dringend Abhilfe geschaffen werden.

Dies geschah zunächst in Form eines kurzen Comebacks der Bomberjacke. Diesmal allerdings in der Variante mit Hemden- oder Fellkragen. Man wollte sich so optisch ein klein wenig von irgendwelchen „Nazis“ abheben, die Anfang der 2000er Jahre plötzlich damit anfingen, die alte „Skinhead“-Jacke wieder in den Alltag zu bringen. Dabei aber gern die security-schwarze statt der traditionellen, politisch anrüchigen grünen verwendeten. Blöd für uns Türsteher. Viele Kollegen wechselten daher gleich ganz zu einer hochwertigeren Variante: der allwettertauglichen Outdoor-Jacke eines bekannten Norderstedter Herstellers mit einem weißen Kreuz auf rotem Grund. Sauteuer, leicht brandloch-empfindlich gegenüber Gästen, die mit glimmenden Zigaretten unachtsam in der Gegend herumfuchteln und sich folgerichtig hinterher einen Backs fangen, sowie ganz allgemein eigentlich viel zu gut für die Tür.

Ich bevorzuge daher für die Secu-Arbeit einen anderen Türklassiker: die Regimentsjacke. Das M-65 Fieldjacket. Der „Schimanski“ unter den Oberkörper-Warmhaltern. In Pech-Schwarz. Bequem im Schnitt, per herausnehmbarem Inlay an die Außentemperaturen anpassbar, bestens fürs Tragen mit Stichschutzweste geeignet und vor allem: Wunderbar optisch identitätsstiftend für Türleute. Meistens jedenfalls.

Neulich stürmen zwei Mädels im Schantalle-Styling – inklusive weiß lackierter Maulwurfsschaufel-Fingernägel, neongrüner Riesen-Ohrringe sowie pinkfarbenen Lidschatten – ellenbogend durch den Eingang, vor dem ich gerade stehe.
„Halt, nicht so drängeln! Erstmal möchte ich eure Ausweise sehen!“
„Äööä (es ertönt dieser seltsame nasale Jodel-Laut, den solche Mädels gern am Satzanfang produzieren, wenn sie mit komplizierten Sachverhalten konfrontiert werden) … Wer bist du denn?“
„Der Türmann. Der wissen will, ob ihr schon volljährig seid!“
„Ööä? Hier gib’s Türmann? Hab ich gar nich geseh’n, ey. Müsst ihr nich schwarze Bomberjacke tragen, oder so?“
„Nicht immer. Ich trage lieber Jacken in Gelb. Leuchtendes Kanarien-Gelb. Sieht man in der Regel besser.“
Zum Beweis deute ich auf meine tiefschwarze Regiments-Jacke.
„Hää? Was redet der? Is voll nich gelb. Aber gar nich, weissu! Der Spast! Und hab ich kein Ausweis, nää!“
„Tut mir Leid, aber ohne Ausweis dürft ihr leider nicht in den Club hinein. Ich vermute sowieso, dass ihr eigentlich noch ein bisschen geistig nachreifen solltet. Geht mal woanders hin. Oder besser nach Hause. Schönen Abend noch.“
„Äööä! Voll asi, ey! Geh’n wir eben woanders hin, ey. Und, echt mal, geh mal zum Arzt, Digga – deine Jacke ist voll nich gelb, die is schwarz, Aller!“
Es bleibt schwierig. Egal, in welcher Jacke.

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Vol. 46: Bewerten Sie Ihren Rauswurf

Auf dem Weg zur Türschicht sehe ich einen Kollegen, der offenbar schon zu dieser frühen Abendstunde tätig werden musste. Er drückt einen männlichen Gast mit dem Knie im Rücken flach auf den Gehsteig. Ein Arm des Zubodengebrachten ist in einem straff angezogenen Kreuzfessel-Griff festgelegt – er scheint vorbildlich unter Kontrolle gebracht zu sein. Der Türkollege hält dem Fixierten ein Smartphone unter die Nase:

„Du sollst dich zwischen einem und fünf Sternen entscheiden. Ja doch, den erläuternden Text kannst du dann später noch nachträglich hinzufügen. Da will ich mal jetzt nicht so pingelig sein. Also: wie viele Sterne gibst du dem Rauswurf? Einfach hier kurz antippen. Anschließend darfst du dann wieder kontrolliert aufstehen!“
„Brauchst du Unterstützung?“, versuche ich mich hilfreich einzubringen, während ich mich bereits vorsorglich zwischen das Stillleben auf dem Boden mit Kollege und Nicht-Gast sowie ein Grüppchen neugieriger Gaffer schiebe. Man weiß nie, ob die interessierten Zuschauer nicht unvermittelt als couragierte Helden gleichermaßen enthusiastisch wie situationsfehleinschätzend einschreiten und eine kontrollierte Situation in ein verletzungsträchtiges Chaos aus guten Absichten und herumfuchtelnden Gliedmaßen verwandeln. Gut, wenn dann ein zusätzlicher Kollege mit Durchblick zur Hand ist.

„Ja nee, der soll bloß die Bewertung in der Gastro-App ordnungsgemäß durchführen. Von wegen Servicetauglichkeit des Rauswurfs, und so, nä.“
„Bewertung? Ich verstehe nicht …“
„Seit Kurzem sind wir in einem neuartigen Gastronomie-Portal zu finden. In dem können die Gäste direkt nach jeder Serviceleistung die Kompetenz bewerten. Je mehr Bewertungen, desto weiter oben in der Suchleiste taucht unser Laden dann auf. Das kurbelt das Geschäft an. Da kann man einen VIP-Status erreichen und als Tagestipp auf der Internetseite der offiziellen Touristeninformation landen. Das ist bares Geld. Sagt die Chefin.“
„Was wird denn da bewertet? Die Drinks, die Musik, oder was?“
„Na, alles wird bewertet. Und zwar direkt nach Inanspruchnahme. Hast du den Drink bezahlt und einen ersten Schluck genommen, bumms: rappelt dein Handy und bittet um eine kurze Einschätzung bezüglich Geschmack, Schnapsgehalt, Deko. Und selbstverständlich Art der Übergabe, Lächeln beim Entgegennehmen des Trinkgeldes und so weiter. Schmeißt der Dj einen neuen Song in den Player, zack: fragt dich die App, wie du das zuvor gespielte Lied fandest. Ob du tanzen warst, und wenn ja, wie dir die Darbietung der anderen Gäste auf dem Dancefloor gefallen hat. Und natürlich, ob der Dj auch ordentlich zu seiner eigenen Mucke abging …“
„Das artet ja in Stress aus. Warum sollte sich jemand so etwas antun?“
„Das dient alles einem höheren Sinn. Ein Algorithmus wertet sämtliche Daten – also die Sternvergabe von 1 bis 5 sowie die Notizen im Bewertungsfeld aus und berechnet daraus Verbesserungsvorschläge für unser Etablissement. Wir haben mittlerweile den ganzen Laden vernetzt. Betreten des Clubs, Toilettenbesuch, Getränkebestellung, Musikbeschallung, Wechsel vom Tresen zur Tanzfläche, Rausgehen zum Rauchen, Zurückkehren in die Lokalität – dank Standortlokalisation des Telefons checkt die App, wo du gerade bist, was du machst, und bittet um Sternvergabe. Das kommt jedem Gast am Ende zugute, weil wir die Chance erhalten, immer präziser auf die Wünsche des Kunden einzugehen. Außerdem bekommt man ab einer bestimmten Intensität der Teilnahme einen Drink eigener Wahl aufs Haus.“
„Und ein Verweisen des Gastes aus der Lokalität ist auch Teil des Bewertungssystems?“
„Aber hallo, das ist sogar ein zentrales Thema! Wir liegen hier richtig im Wettstreit mit anderen ebenfalls angeschlossenen Läden – wie beim Quizduell und so … Äh, warte mal – ich sehe gerade, der muss ja noch seinen Tresenflirt bewerten. Die App zeigt hier noch ein leeres Feld.“
„Ist seine Freundin noch drin? Haha, für die verlangt das System doch bestimmt auch noch ne Bewertung, oder?“
„Ja nee, das war nicht seine Freundin. Wegen ihr ist er ja rausgeflogen. Hat sie belästigt. Nicht lockergelassen, obwohl sie mehrfach nein gesagt hat. Das Bewertungssystem macht da aber leider keinen Unterschied, ist noch nicht ausgereift, braucht noch etwas Feintuning. Hm, die Flirtbewertung funktioniert nur in unmittelbarer Objektnähe. Der muss leider nochmal kurz rein. Packst du mal mit an? Wir müssen ihn da vorn an die Tresenecke schleppen, bis die Standortfunktion seines Handys reagiert – dann noch schnell die Sternvergabe und wir können das Kapitel mit ihm abschließen …“
„Sterne 1 bis 5, schon verstanden. Ich fass‘ eben mit an.“

Hauruck. Ordnung muss sein.

Zugegeben, diese Geschichte hat sich natürlich nicht in dieser Form abgespielt. Sie ist erstunken und erlogen. Aber als sich neulich bei einem Kinobesuch mit meiner Freundin mein Telefon permanent summend zu Wort meldete und die eigentlich nur für den papierlosen Ticketkauf nötige App sich unablässig nach allem erkundigte – wie mir das Erwerben der Kinokarten gefallen habe, ob das Popcorn knusprig genug sei, wie ich den Komfort des Kinosessels fände, ob der Film meinen Erwartungen entspräche -, da ahnte ich, dass uns auch in der Gastronomie auf dem Kiez demnächst drollige Zeiten bevorstehen werden.

Darauf sollte man sich mental vorbereiten. Ich freue mich schon auf die vielen trunkenen Leute, die sich schwankend vornübergebeugt Gratisdrinks herbeizubewerten versuchen und dabei verzweifelt auf ihren fummeligen Tastaturen herumfuhrwerken …

Das bleibt schwierig. Auf sicher.

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Vol. 45 – Der Test-Kollege: Tag 2

Was bisher geschah: Auf der Suche nach geeigneter Verstärkung für sein Tür-Team hat der Club-Inhaber einen möglichen Kandidaten im Auge. Er stellt ihn zur Probe einem erfahrenen, schon längere Zeit in dem Etablissement tätigen Kollegen für ein Wochenende lang zur Seite. Dieser soll ihn quasi „im Einsatz“ auf Herz und Nieren prüfen und dabei auch gleich schon einmal in die Gepflogenheiten des Clubs einarbeiten. Der Neue ist dem Chef wärmstens von der anderen Seite des Kiezes empfohlen worden, erweist sich indes an seinem ersten Arbeitstag als „Freestyler“ in punkto Equipment und vor allem auch als leicht übermotiviert im Einsatz des selbigen – es kommt im Verlaufe der Schicht zu einem fulminanten Zwischenfall mit einem getarnten Elektroschocker sowie einem schwer zu Boden gehenden Türmann …

Tag 2: Neue Schicht, neues Glück. Der Rest der gestrigen Türnacht mit dem neuen Kollegen war dank des leidigen Intermezzos mit dem Taschenlampen-Taser in einem bläulichen Nebel der Restbetäubung an mir vorübergegangen. Zum Glück ohne weitere Vorkommnisse unangenehmer Natur. Außer vielleicht die Sache mit der „Ersatz-Waffe“. Mein Kollege leistete auffallend wenig Widerstand gegen die Anordnung, seinen komischen Taschenlampen-Schocker bis zum Morgen in der Türsteher-Kammer abzulegen. Später verstand ich auch warum: Während der an Publikumsverkehr eher armen Zeit zwischen fünf und sechs Uhr, in der wir Türleute oft über längere Zeit kaum etwas zu tun haben – abgesehen vom Abweisen mittlerweile völlig zerstörter Junggesellenabschiede, die den Laden „über Bande“ zu betreten versuchen und gleich nach dem Türrahmen zu Boden stürzen –, zog der Praktikant plötzlich einen Tonfa hervor. Und begann ihn, mehr oder weniger gekonnt umherzuwirbeln.

Nachdem ihm der Schlagstock mit dem charakteristischen Quergriff im vorderen Drittel einmal gegen den Kopf und mehrfach aus der Hand gleitend gegen den Türrahmen geknallt war, bat ich ihn inständig, das Ding wieder unsichtbar zu verstauen. Und nur noch im äußersten Notfall hervorzuholen. Ansonsten sähe ich mich gezwungen, ihm das Teil ebenfalls abzunehmen. Nun zeigte er sich dann doch etwas mucksch und sprach für den Rest des Abends kaum noch ein Wort. Fand wohl auch blöd, dass ich ihm darüber hinaus die Quarz-Handschuhe verboten hatte, die er weithin sichtbar in einer Spezialvorrichtung am Gürtel trug. Mein Hinweis, das bloße Mitführen solcher Schlagverstärker würde einem Türmann von der Staatsgewalt gern als „schwere Körperverletzungsabsicht“ ausgelegt werden, quittierte er mit schmollendem Murren. Und schwieg fortan eisern.

Das war eigentlich ganz angenehm, denn jetzt am zweiten Tag seines Probeeinsatzes, den er auch wieder mit standesgemäßen dreißig Minuten Verspätung einläutete, redete er um so mehr. Es begann nach der Begrüßung mit einer Art Handgebe-Ritual, das er als Türsteher-Markenzeichen in einer ländlichen Großraumdisko kennengelernt hatte und nun auch hier einzuführen gedachte. Schließlich bräuchte man ordentliche Erkennungszeichen im gefährlichen Umfeld der Reeperbahn, wenn man sich als professionelle Secu-Mitarbeiter begrüßte. Aha. Nun denn, dies war der Startschuss eines Redeschwalls, wie ich ihn noch nie zuvor erlebt hatte. Sein Kinn mahlte und fuhrwerkte in allen möglichen und unmöglichen Winkeln unter seinem Gesicht umher, während er sich unablässig in Weisheiten und Geschichten aus den Themenkreisen „Automobile“, „Frauen“ und „Kampfsport“ erging. „Ey, Digga, er so ‚ich schwör‘ und ich so ‚Alter!‘ und er so ‚gibs ja nich‘ und ich so: Bämm!‘ Die Kiste hatte locker vierhundert PS, weissu, und kein Rost und ich so: ‚Kauf ich, Alter!‘ und der Händler voll so: Hände schüttel, Vertrag mach‘! und ich so: ‚Vorbesitzer unbekannt? Scheiß drauf!‘ Voll Schnäppchen, ey – was für’n Opfer von Händler, verkauft viel zu billig! Und dann ersma los mit der neuen Schüssel, paar Weiber klarmachen, nä!“

Überhaupt: der Ausdruck „Weiber“. Das scheint seine generelle Bezeichnung für alle Mitglieder des weiblichen Geschlechts zu sein, wenn man ihm verbietet, das Wort „Schlampe“ zu verwenden. Wollte ich nicht hören. Verstand er nicht. Hielt sich aber dran. Wenn auch mit Stirnrunzeln. Mir war ja bewusst: Er versuchte Konversation zu machen. Wollte sich einbringen. Ich ertrug es, brachte es nicht übers Herz, ihm knapp und kurz zu erläutern, dass mir Autos am Arsch vorbei gingen, ich sie höchstens als Transportmittel von A nach B verstand. Ich keinerlei Interesse an seinen „Aufriss-Erfolgen mit zweifelhaften Methoden“ im weiblichen Bevölkerungsanteil hegte – „muss man erstmal ordentlich abfüllen, die Schla…weiber. Die brauchen das, um locker zu werden.“ Überdies kann es mit der Zeit sehr langweilig werden, die immer gleichen Geschichten der Kategorie „Und dann habe ich alle umgehauen!“ anhören zu müssen. Dieses „Rocker-Latein“, bei dem die Gegner mit jedem Erzählen der Story größer und zahlreicher werden.

Also beschloss ich, mir eine Atempause zu verschaffen und eine längere „Kontroll-Runde“ durchs Etablissement zu drehen. Porentief nach dem Rechten zu schauen. Rund zehn Minuten später auf dem Rückweg zur Tür sah ich mich gezwungen, mehrere straßenbekannte Taschendiebe einzusammeln und der Lokalität zu verweisen. Die Tür war unbewacht, der Kollege fort. Kam nach einer Stunde zurück. Meinte, er hätte doch bloß eine Pause gemacht und wäre was essen gewesen … Wie? Hier gibt’s keine Pausen? Und was ich damit meine, er hätte hier alle möglichen komischen Leute hineingelassen, während ich oben die Atmosphäre checkte. Das sei ja Quatsch – er könne die Typen doch gar nicht hineingelassen haben, da er ja nicht da gewesen wäre. Verstünde er nicht … Und außerdem müsse er jetzt sowieso erst einmal den „Döner mit allem“ mit einem ordentlichen Schluck Red Bull/Wodka hinunterspülen. Zum Wachbleiben. Da er vermutete, dass er sich wohl jetzt nicht noch für’n kleines Verdauungsschläfchen hinten im Büro kurz aufs Ohr hauen dürfe …

Nachher kämen übrigens noch ein paar Kumpel vorbei. Nicht, dass ich mich wundern würde. Sähen auf den ersten Blick ein bisschen komisch aus, seien aber voll in Ordnung. Sprächen zwar fast nur russisch und lachten nie, wären aber gute Kollegen. Er habe ihnen neulich erzählt, dass man hier im Club sehr gut „Weiber klarmachen“ könne. Da spräche doch nichts dagegen, oder? Und die Drinks der Jungs gingen ja wohl aufs Haus, oder?

Ich liebe meinen Job. Doch, ich liebe meinen Job. Manchmal allerdings muss man sich das immer wieder selbst sagen. Damit man es nicht vergisst …

PS: Der Kollege wurde dann im Anschluss an seine Probeschicht übrigens doch nicht eingestellt. Dem Chef schwante für die Zukunft nichts Gutes, als er bei der routinemäßigen Durchsicht der Kameraaufnahmen mitansehen musste, wie der Tür-Praktikant nach Schichtende noch kurz in den Keller ging und sich zwei Kisten Whiskey als selbst verordneten Bonus unter den Arm klemmte.

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Vol. 44 – Der Test-Kollege: Tag 1

Seit jeher ist die Frage des Personalzuwachses im Tür-Team vor allem eine Sache des Vertrauens. Zum einen möchte der Gastronom natürlich jemanden im Eingang wissen, der sein Etablissement mit der nötigen Würde vertritt. Die Gäste sollen anständig behandelt und die Nicht-Gäste unaufgeregt entfernt werden. Zum anderen erwarten die vorhandenen Türleute selbstverständlich eine angenehme Verstärkung im Eingangsbereich, mit der man gut über viele Stunden auskommt und auf die man sich im Ernstfall verlassen kann.

Wie aber findet man so eine rundum kompetente Person?

Nun, im Idealfall bekundet ein bereits bekannter und daher gut einschätzbarer Türmann einer anderen Location sein Interesse. Diese hat vielleicht sogar eine ähnliche Gästezusammensetzung. Schließlich erfordert jede Klientel einen ganz eigenen Umgangston und jede Club-Musikausrichtung stellt ihre individuellen Anforderungen: Bei Reggae- und Hip-Hop-Events unaufhörlich deeskalieren, wegen der Testosteron-Überfunktion. Indie-Alternative-Publikum umsichtig anfassen, da zerbrechlich. Elektro-Leute nicht erschrecken, nur leise ansprechen. Punkrock- und Hardcore-Fans aufmerksam vor sich selbst beschützen. Perfekt, wenn hier schon ein gewisses Maß an Erfahrung mitgebracht wird.

Dann gibt es da natürlich auch die „Der Chef kennt da jemanden“-Situation. Und dieser jemand soll nun eine Probeschicht zusammen mit einem bereits etablierten Türsteher absolvieren. Um zu testen. Ob es passt. Man ist sich aber sicher. „Ist ein guter Mann, kenn‘ ich noch von früher. “ Nun, die Praxis wird es zeigen …

Eines noch vorweg: Sämtliche im Anschluss geschilderten Ereignisse liegen schon ein wenig zurück. Den Club gibt es in dieser Form nicht mehr. Der betreffende „Türmann“ arbeitet in einem völlig anderen Berufsfeld. Betritt den Kiez nur selten. Sehr selten. Eigentlich fast nie. Genau genommen gar nicht mehr.

Freitag. Tag 1. Eine halbe Stunde nach Dienstbeginn. Ich warte auf den Kollegen in spe. Er gehört zum erweiterten Bekanntenkreis des Chefs, soll dieses Wochenende eine halbe Schicht zur Probe machen. Mit Einarbeitung. Morgen dann eventuell eine komplette von Anfang bis Ende. Albert* heißt er (*Name geändert – die Red.). Kenne ihn nicht, versuche indes wie üblich, neutral an die Sache heranzugehen. Ein Kollege meinte, Albert sei neulich schon mehrfach da gewesen, hätte sich mit den Örtlichkeiten ein wenig vertraut gemacht. Wo die Toiletten zu finden sind, die Fluchtwege entlangführen, wer so zum Personal gehört und so weiter. Klingt schon mal ganz gut. Als Ex-Soldat finde ich es sympathisch, wenn selbsttätig eine ordentliche Informationsbasis für den Einsatz geschaffen wird. Aus dem gleichen Grund finde ich es allerdings beunruhigend, wenn man schon beim ersten Mal zu spät erscheint. Ist diffizil beim Türstehen: Du kommst zu spät und dein Kollege hat vielleicht gerade diesen einen fiesen Ärger des Monats. Ohne Back-up. Wird vielleicht sogar beschädigt. Und muss anschließend auch noch der Staatsgewalt ganz allein Rede und Antwort stehen. Während die beteiligten Gäste selbstverständlich vollkommen unschuldig sind und sich das mit überzeugend gespielter Empörung gegenseitig bestätigen … Das ist der Super-Gau, das verzeiht man sich nicht.

Mir fällt eine Figur auf, die sich langsam von der Seite nähert. Ganz in Schwarz. Die Jacke – eine M-65 Feldjacke, wie sie gern von Türleuten getragen wird – bei ihm hochgeschlossen und voluminös. Irgendwie steif anliegend. Unbeweglich und unförmig. Spezialeinheiten-Einsatzboots (diese Mischung aus Turnschuh und Armee-Kampfstiefel), eine Kappe mit der Aufschrift „Security“ sowie zur Abrundung eine blickdichte, eng anliegende Sonnenbrille, wie sie US-amerikanische Sniper gern tragen. In Hollywood-Filmen. Er bewegt sich an der Hauswand entlang, bleibt neben mir stehen, macht einen halben Schritt von der Wand weg, wedelt kurz mit den Armen zur Seite und nach hinten. „Bewegungsfreiheit im Rückraum herstellen“, raunt er mir zu, gefolgt von: „Wie ist die Lage? Alles friedlich?“
„Geht so. Und? Wer fragt mich das?“
„Oh, sorry. Ich bin Albert. Wir sind heute Kollegen!“
„Guck an. Interessanter Aufzug. Was soll die Brille?“
„Die verhindert, dass die Gäste sehen, wo ich hinschaue.“
„Ach. Das ist ja schlau. Nimmst du sie bitte ab?“
„Ok.“
„Und das komische Headset hinterm Ohr bitte auch – wir arbeiten hier ohne Funk.“
„Ok … wenn’s sein muss. Ich dachte, das schafft Autorität.“
„Zwingend. Vor allem vor der Playstation. Hier lassen das wir das aber mal, ok? So. Der Job hier besteht hauptsächlich darin, zu verhindern, dass in der Location geraucht wird – ist von Amts wegen verboten; wir sind mit der Schankfläche überm Maximum und das Ordnungsamt hat uns schon mit Konzessions-Konsequenzen gedroht. Da ruft wohl immer einer an und stellt uns als eine Art Raucherclub dar. Die sollen draußen qualmen. Des Weiteren müssen wir auf Fremdgetränke in den mitgebrachten Taschen achten. Einfach mal anfassen oder aufmachen lassen und einen Blick hineinwerfen. Nicht vergessen: Ausweise checken. Wir haben hier oft Minderjährige, die hinein wollen. ‚Vergessen‘ immer, dass ihnen das nur bei Konzerten erlaubt ist. Der normale Club-Betrieb ist ab achtzehn. Sollte hier der Alarm losgehen: Die untere, rote Lampe ist für die Keller-Tanzfläche; die obere, blaue für die Bar hinten. Drückst du hier drauf, dann geht der Alarm aus und die wissen: Du hast es gesehen. Dann zum entsprechenden Eingang gehen und einen Blick zum Tresen oder Dj werfen – die sollen Zeichen geben und den Türmann zum Ort der Störung einweisen. Alles klar?“
„Alles verstanden! Wie sieht das mit Waffen hier aus? Ich habe zur Sicherheit meinen Tonfa-Schlagstock und die Gaswumme hier dabei …“
„Hallo! Hallo! Das Zeug mal bitte schnell da ins Türsteher-Kabuff – das will ich hier nicht an der Tür sehen. Brauchst du auch nicht. Ne Gaswumme? Sach ma, geht’s noch?“
„Ok, ok – ich dachte ja nur …“
„Ich seh‘ schon, das wird eine drollige Schicht. Guck: da kommt ein Pärchen. Er soll mal die Jacke auseinander falten, die er da vor sich hält. Ob keine Flasche drunter ist und so. Und sie soll bitte ihre Tasche aufmachen, wenn sie hier rein will. Da mal einen Blick hineinwerfen … “

In dem Moment, als der weibliche Gast seine Tasche öffnet, zieht Albert eine Art Taschenlampe hervor, die sich beim Einschalten als LED-Kanone mit einer Lichtstärke von locker 4.000 Lumen erweist. Sie stellt das aufblitzende Xenon-Fernlicht einer BMW-Oberklasse-Limousine beim Verkünden der Überholabsicht locker in den Schatten. Für einen Sekundenbruchteil meine ich zu fühlen, wie sich das sonnengrelle Gleißen durch meinen Stirnknochen brennt und ein Abbild meines Gesichts einem Beamer gleich hinten an meine Schädelinnenseite projiziert. Dann höre ich, wie Albert verkündet: „Geil, oder? Das geht sogar mit Stroboskop-Blitz …“ Ich kämpfe mich wie in einem Stop-Motion-Trickfilm blind durch den flackernden Photonensturm zur Quelle des Lichts und greife zu. Hätte ich doch bloß eine Sekunde länger gebraucht. Denn in diesem Moment demonstriert Albert ein weiteres Feature seines Security-Gadgets: „Aber das hier, das ist der eigentlich Hammer: Die Front der Lampe dient als Elektro-Schocker!“ Ein prasselndes Knistern dringt an mein Ohr. Im selben Moment schließt sich meine Faust um die verdammte Lampe. Ich hänge wie ein Fisch am Haken, zapple wild umher, höre noch ein „Ups!“ und – zack! – gehen mir die Lichter aus …

Fortsetzung nächste Woche.

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Vol. 43 – Perfektes Parken

„Voll cool! Nur einmal um den Block und dann genau vorm Club einen gefunden!“ Der junge Mann und seine Begleitung sind sichtlich begeistert vom zielnahen Abstellplatz für ihr fabrikneues Gefährt. Fröhlich bugsieren sie ihren teuren GTI mit dem Winsen (Luher)-Kennzeichen in die seltsam leerstehende Anwohner-Parkbucht, klatschen sich ab und machen sich vergnügt auf in die Partynacht. Hier und da schlendern noch ein paar weitere vorzeitige Gäste über den Kiez, der sich zu dieser Sandmännchen-Stunde – es ist gerade einmal 22 Uhr – noch recht menschenleer präsentiert. Später in der Nacht wird die Besucherzahl reichlich anwachsen, es werden jede Menge Drinks konsumiert und viele Tanzbeine geschwungen werden. Bis die Menschen müde sind. Und ihnen die Füße weh tun.

Zum Glück gibt es jede Menge Sitzgelegenheiten, die von treusorgenden Mitbürgern zur Verfügung gestellt wurden. Sie tragen zumeist die amtlichen Kennzeichen von Stade, Ahrensburg, Winsen (Luhe), Buchholz, Buxtehude, Elmshorn sowie natürlich Pinneberg und warten mit ihren einladend glänzenden Motorhauben auf erschöpfte Kiezgäste, die sich nur kurz einmal ausruhen möchten. Im Gegenzug sorgen die vielen sich abwechselnd Niederlassenden bis zum Morgen für einen stylischen Knitterlook im Deckelblech, der ganz wunderbar mit der individuellen Spiderweb-Optik im Glas-Display des jüngst versehentlich zu Boden geworfenen Smartphones korrespondiert.

Doch die Popo-förmigen Mulden in der Motorhaube sind selbstverständlich nur der Anfang des professionellen Kieztunings der leichtfertig mitten auf der Partymeile abgestellten Fahrzeuge. Abgesehen davon, dass sie perfekte Landebahnen für türsteherseitig hinausgeworfene Nicht-Gäste darstellen, eignen sie sich zudem auch ganz wunderbar als Abstützvorrichtung beim „Durch den Kopf gehen-lassen“ der vielen Drinks der letzten Stunden. Dabei wird selbstverständlich auch das Auto großzügig mitbedacht. Doch keine Sorge: Die Soße trocknet zwar hartkrustig an, lässt sich jedoch leicht durch eine intensive Reinigung wieder entfernen. Am Besten beim nächsten Waschstraßenbesuch in der Mittagspause. Möglichst gleich am Montag, denn der Kontakt mit menschlicher Magensäure kann alsbald Lackschäden nach sich ziehen.

Vielleicht haben die Fahrzeugbesitzer aber auch Glück und einer der zahlreichen Autotüren-Pinkler – eine altehrwürdige Tradition unter Kieztouristen; vor allem aus dem südlichen Deutschland, wie mir dünkt – spült die vertikale Straßenpizza freundlicherweise gründlich per Druckstrahl vom Vehikel.

Eine ganz andere Sache sind natürlich die amüsanten Versuche, das abgestellte Fahrzeug mittels leerer Getränkebehälter festlich zu dekorieren. Seien es abenteuerlich an Dachrelingen balancierende Bierflaschen oder schmierige Pappbecher in dieser Lücke zwischen Motorraumklappe und Scheibenwischer – interessanter Nebeneffekt: der Restinhalt ist mit Sicherheit in den Ansaugbehälter der Fahrzeugbelüftung hineingelaufen. Sollte es sich um besonders aromatische Drinks wie etwa Energy-Alkohol-Mixturen gehandelt haben, ergibt das beim späteren Starten des Motors sowie dem Einschalten der Lüftung aufregende Geruchserlebnisse. Vor allem im Winter, wenn die Heizung das ganze Geschmadder noch ordentlich auf Temperatur bringt.

Sollte man sein Fahrzeug vor einem der zahlreichen Billiggetränk-Kioske auf dem Kiez abgestellt haben, gilt es jedoch in jedem Fall schon vor dem Einsteigen, einen bewundernden Blick auf die kunstvoll arrangierten Billig-Caipirinha auf sämtlichen horizontalen Flächen des Autos zu werfen. Ich habe hier schon wahrhaft eindrucksvolle Exponate gesehen: von vorne bis hinten vollflächig zugepflastert mit kleinen Plastikbechern, in denen sich noch die zerdrückten Limetten-Reste mit dem halb aufgelösten braunen Zucker nahezu unlösbar mit dem kurzen Trinkhalm am Autolack festklammerten. Immer wieder umrundet von fassungslosen Fahrzeugbesitzern, die sich partout nicht sicher sind, ob es sich bei dieser mobilen Mülldeponie wirklich um ihren Wagen handelt. Meist wird hier der Versuch, den gröbsten Dreck vom Auto zu pflücken, schnell aufgegeben. Stattdessen steigt man mit spitzen Fingern ein und gibt ordentlich Gas auf dem Weg heim nach Pinneberg in der Hoffnung, die Becher mögen vorm Fahrtwind kapitulieren …

Am nächsten Wochenende ist der ganze Schlamassel dann wieder vergessen. Zusammen mit den anderen Peinlichkeiten der Party verdrängt – wie etwa dem unschönen Erwischtwerden beim Sexversuch auf dem Klo oder dem Verlaufen im Getränkelager bei der morgendlichen Suche nach dem Ausgang aus der Feierlocation. Und bald schon ist wieder Samstag und man fährt zum „Party machen“ auf den Kiez … Mit prachtvoller Parkmöglichkeit direkt um die Ecke beim Club. Dieses Mal sogar ein eingezäunter, bewachter Parkplatz. Eventuell etwas matschig, aber was soll’s: Montag muss der Wagen sowieso wieder gewaschen werden. Der Türmann labert zwar irgendwas von „Baustelle – kein Parkplatz! Außerdem haben die da gerade Betonfundamente gegossen, ihr Experten!“ Aber, was weiß der schon, der hat doch gar kein Auto; fährt immer bloß mit dem Öffentlichen Personen Nahverkehr.

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Vol. 42: Live-Musik – Die Bands

Heute: Flöhe hüten beim Forum für Nachwuchs-Bands. Der Türmann als Kassenbesetzung, Show-Runner und Erzieher.

„Wir müssen unseren Auftritt leider absagen …“
„Wie jetzt? Ihr müsst gleich auf die Bühne, ihr seid als zweite Band dran!“
„Ja nee, das geht leider nicht – wir haben technische Probleme: Unser Bassist hat seinen Gitarrengurt vergessen.“
„Bitte? Dann nimm einen anderen! Oder binde ihm die Gitarre mit nem Strick um den Hals. Gibt’s ja wohl nicht …“
„Außerdem ist das Band-Bier schon wieder alle.“
„Das kann doch gar nicht sein – ich habe euch doch eben gerade eine neue Kiste in den Backstage-Bereich gestellt!“
„Die hat die Punkband ausgetrunken. Genau wie die ersten beiden. Obwohl … die erste Kiste haben sie heimlich in ihren Band-Bus geschleppt. Hab ich gesehen. ‚Sozialverträgliche Güterumverteilung‘ nannten sie das. Und knurrten was von ‚Bier vor den Kapitalistenschweinen retten‘, oder so.“

„Ok, ähm, whatever – ihr macht euch jetzt bitte bereit für die Bühne. Und denkt dran: Jeder hat 30 Minuten Stagetime – wir müssen am Ende um 23:30 Uhr durch sein; dann ist Curfew und die machen das Putzlicht an. Nicht dass die letzte Band dann nur noch zehn Minuten hat, nä. Beim letzten Mal hatten wir einen Stonerrock-Act in so einer Situation – die konnten dann bloß noch das Intro für ihren ersten Song spielen …“
„Könntest du vielleicht bei Gelegenheit mal einen Blick auf den Sänger von der Black Metal-Band werfen? Die sollen doch als vierte spielen, aber er hat wohl eine Art Nervenzusammenbruch, weil er sein schwarz-weißes Schminkzeug nicht finden kann. Ich glaube, die Punkband dekoriert damit gerade den Duschraum im Backstage um. So mit politischen Parolen. Sagten, sie wollten ein ‚Zeichen gegen das System‘ setzen …“
„Verdammt nochmal, das ist ja heute Abend ein noch schlimmeres Flöhe-Hüten als sonst! Na gut, ich guck mir das gleich mal an. Jetzt muss ich erst einmal hier unten warten und die Jungs von der Alternative-Band abpassen – die haben mir noch immer nicht das Kartengeld gegeben. Sind oben gerade durch mit ihrem Set, wie ich höre. Na, dann macht ihr euch jetzt mal klar für die Bühne. Und wenn dein Basser keinen Gurtersatz findet, soll er sich für den Gig auf einen Barhocker setzen! Weitere Ausreden akzeptiere ich nicht – hey, ihr wollt doch Rockstars werden, also legt euch ordentlich ins Zeug!“

Ich habe vor geraumer Zeit für einige Jahre mit zwei Freunden ein regelmäßiges Live-Event organisiert, bei dem es vor allem darum ging, dem musikalischen Nachwuchs an der lauten Stromgitarre eine Auftrittsmöglichkeit zu verschaffen. In der Regel heißt es für noch unbekannte Bands ja „pay for play“: Sie müssen mit oft nicht gerade geringen Beträgen in Vorleistung gehen – so minimiert der verständlicherweise an Wirtschaftlichkeit interessierte Betreiber der Location sein finanzielles Risiko. Oft jedoch scheitern vielversprechende Bandprojekte an genau diesem Aspekt – sie sind jung, haben keine Kohle und können sich den heiß ersehnten Auftritt schlicht nicht leisten. Und nur die wenigsten verfügen über verständnisvolle Eltern mit der nötigen Solvenz, die hier in punkto „Rockstar-Karriere“ helfend eingreifen.

Wir dachten uns: Drehen wir die Sache doch einfach mal um und schenken den kleinen Bands etwas Vertrauen, indem wir ihnen eine Bühne ohne finanzielles Risiko bieten. Jede Show bestand aus drei bis vier lokalen Acts sowie einer Band von außerhalb. Jede Truppe bekam vorab dreißig Karten in die Hand gedrückt, die sie in den Wochen bis zum Auftritt nach Möglichkeit komplett unter die Leute bringen sollten. Abgerechnet wurde am Showabend im Zuge des Soundchecks. Karten ließen sich jederzeit nachordern. Von den verkauften Karten gab es einen Anteil für die Band. Auf diese Weise rechnete sich die Veranstaltung für alle Beteiligten. Und kein Musiker lief Gefahr, draufzahlen zu müssen – das Schlimmste, was passieren konnte war, dass man mit Null nach Hause ging. Die meisten Bands haben sich ordentlich was in die Bandkasse gespielt. Nur einige wenige dachten, sie müssten als „Rockstars“ weder Werbung machen noch sich um die Ticketverkäufe kümmern. Das waren dann interessanterweise meistens auch die, die beim Soundcheck am längsten brauchten und sich beim eigentlichen Showcase dann am häufigsten verspielten.

„Ah, da seid ihr ja! Wie viele Karten habt ihr denn nun verkauft? Ich würde jetzt gern mit euch abrechnen. Nein, nächste Woche überweisen geht nicht. Hm, ihr hattet letzte Woche auf meine Nachfrage hin behauptet, ihr wäret alle Tickets losgeworden, wolltet sogar noch nachordern … Komisch, ich habe hier fünf Eintrittskarten von euch liegen. Mal im Ernst: Für euren nächsten Auftritt schlage ich vor, dass ihr mal die Bierdosen vom Proberaum-Sofa räumt und euer ‚Publikum‘ dort Platz nehmen lasst … Nein, von Festgage war zu keiner Zeit die Rede. Wie stellt ihr euch das eigentlich vor? Und ja, ihr müsst euer Equipment auch selbst wieder in den Band-Wagen räumen – wir haben leider keine festangestellten Roadies, die das für euch machen könnten … “

Was mir persönlich aber immer wieder den Abend verschönte, waren die Überraschungsmomente. Beispielsweise vor dem Auftritt heulend zusammenbrechende, sechzehnjährige Black-Metal-Shouter, die ihre Schminkutensilien fürs standesgemäß schwarz-weiße Pandabär-Makeup zu Hause vergessen hatten. Die dann aber auf der Bühne dermaßen überzeugend und handwerklich gekonnt losröhrten, dass ich verblüfft nachschaute, ob es sich wirklich um die Nachwuchsband handelte und nicht deren großen Brüder aus Finnland.

Meine ganz persönliche Abneigung hingegen galt stets den ebenso politisch ambitionierten wie im sozialen Umgang talentfreien „Punk-Muckern mit Message“. Obwohl ich mich musikalisch im Punk und Oi! sehr wohlfühle, war es mir immer höchst suspekt, wenn ich mitbekam, dass wir wieder einmal so eine Truppe für den Abend auf dem Zettel hatten.

Doch dazu nächste Woche mehr, wenn es heißt: „Wir sind Punkrock und ihr seid alle nur die Bauern auf dem Schachbrett der Mächtigen! Staaacheldraaaht!“

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Vol. 41 – Neues Wissen durch Gäste-Beobachtung

Nicht für die Schule, sondern fürs Leben soll man lernen – doch eigentlich ist das Leben selbst die wahre Schule. Vor allem, wenn man als Türsteher arbeitet und es zum Job gehört, den Freizeitmenschen bei ihrem geistreichen Tun aufmerksam zuzuschauen. Da lernt man ständig neue und praktische Dinge.

Gestern Nacht zum Beispiel habe ich lediglich durch reines Beobachten eines Gastes von meinem Türposten aus eine echte Weisheit fürs Leben gelernt. Und hier kommt die Erkenntnis: Man sollte niemals seine Jacke, um beide Hände fürs Abstützen beim Urinieren am Baum freizuhaben, zwischen die Beine klemmen.

Immerhin hatte seine zuvor eher langweilig weiße Jacke jetzt einen viel interessanteren, orange-gelben Farbverlauf zu bieten. Was er allerdings erst nach dem Anziehen sowie etwas Einwirkzeit bemerkte …

Dank des aufmerksamen Studiums allgemeinen Gästeverhaltens lernt man zudem eine Menge über das richtige humoristische Timing. Ein Beispiel: Ein Pärchen steht vor meiner Tür mit je einem Astra in der Hand (diese Biermarke steht im betreffenden Club nicht auf der Karte). Sie schicken sich an, durchs Portal zu treten.
„Euer Bier bleibt aber draußen.“
„Wieso? Das haben wir bei euch gekauft!“
„Nix da, die Marke haben wir nicht. Das trinkt ihr mal schön draußen aus!“

Man zieht sich zur Beratung zurück. Nach kurzem Kriegsrat löst sich der weibliche Part aus dem Zweiergespann und geht an mir vorbei zum Regal mit den Glasflaschengesetz-Umfüllbechern. Sie nimmt sich zwei Plastikbehältnisse und bewegt sich unter meinem interessierten Blick wieder nach draußen. Ich schreite ausnahmsweise mal nicht ein, sondern warte stattdessen ab, was wohl als Nächstes geschieht. Unter konspirativem Gebaren füllen die beiden, mir halb den Rücken zugewandt, den jeweiligen Inhalt ihrer Astraknollen in die Becher um. Die leeren Flaschen werden sorgsam zur Seite gestellt. Anschließend versuchen sie erneut, treuherzigen Blickes durchs Portal zu treten. Ich halte sie ein weiteres Mal auf.
„Die Fremdgetränke bleiben immer noch draußen.“
„Ja nee, das sind keine Fremdgetränke! Das Bier haben wir bei euch gekauft. Guck: eure Becher!“
„Auch umgefüllt in unsere Becher bleibt der Inhalt weiterhin eine Fremdflüssigkeit. Und die lasst ihr hübsch draußen.“
„Och, menno, mach‘ doch mal ne Ausnahme.“
„Moment, lass mich kurz überlegen … Nö!“
Beide wenden sich enttäuscht und verärgert ab. Sie zischt ihm zu: „Wieso merken die das immer?“
Ich halte sie am Arm auf.
„Das kann ich dir erklären. Wir Türleute haben eine spezielle Schulung – wir erkennen mitgebrachte Getränke am Klang!“
Ihr Stirnrunzeln zeigt mir: Da ist noch Platz für eine weitere Theorie.
„Und bevor ihr nachher mit fremden Plastikbechern oder anderen Bierflaschen anrückt – unsere Behältnisse sind zweifelsfrei am bodenseitigen Stempel mit dem Clublogo zu erkennen.“

Ich lag richtig mit meiner Annahme: Es dauert nur eine Sekunde, dann ertönt das charakteristische Plätschern von Flüssigkeit auf einer Gehwegplatte – wir wenden uns zur Geräuschquelle und betrachten den männlichen Gast. Er steht in einer Bierlache. In seinem Gesicht ein irgendwie ertappt verkniffener Ausdruck. Und in seiner Hand der umgedrehte Becher, aus dem noch restliches Bier zu Boden tropft. Wunderbares Timing. Klassischer Slapstick. Man müsste eine Möglichkeit finden, es überzeugend eins zu eins auf die Bühne zu bringen – die Pointe gehört ins Rampenlicht. Ich fürchte nur, das Gästepärchen wird da nicht mitmachen …

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Vol. 40 – Live-Musik. Teil 1

„Wann geht das Konzert los?“, fragt die junge Frau den Türmann am Kassenpult. Kurz zuvor hatte sie minutenlang das Bandplakat mit dem Hinweis „Einlass: 20 Uhr“ sowie das daneben hängende, per Edding beschriftete A4-Blatt eingehend studiert, auf dem „Einlass: Nach Ende des Soundchecks – ca. 20 Uhr“ zu lesen stand.
„Das steht doch da: ca. 20 Uhr.“
„Aber es ist doch schon zehn vor acht!“
„Ja, und?“
„Wann ist denn dann Einlass?“
„Etwa um 20 Uhr. Aber zur Zeit ist sowieso noch Soundcheck …“
„Wann ist denn der zu Ende?“
„Wenn Band und Tonmann mit dem Sound zufrieden sind.“
„Um 20 Uhr?“
„Ich kann dir leider nicht sagen, wann alle mit dem Klang zufrieden sind – weißt du, meine Kristallkugel ist leider zur Zeit in Reparatur.“
„Und wann geht das Konzert los?“
„Sobald die Band auf der Bühne … ach … Hör mal, ich weiß es wirklich nicht, ich bin schließlich nur der Türmann. Du wirst es schon mitbekommen. Erstens sage ich Bescheid, zweitens mache ich die Absperrung auf und …“
„Kann ich nicht schon rein? Ich kenn‘ den Mann am Merch-Stand. Vom Studium.“
„Nein, vor dem Ende des Soundchecks kann ich niemanden reinlassen.“
„Aber die Frau vorhin hast du auch durchgelassen …“
„Die arbeitet hier. Oben hinterm Tresen.“
„Und wieso darf die beim Soundcheck dabei sein?“
„Die muss den Tresen herrichten, die Kasse bestücken und … hey, ich werde mich jetzt bestimmt nicht hier vor dir rechtfertigen! Ab hinter die Absperrung und warten, wie alle anderen auch.“
„Wir studieren zusammen Ägyptologie.“
„Bitte?“
„Na, der Merch-Mann. Von der Vorband. Und ich. Wir sind sogar gemeinsam in einem Workshop: Die Bedeutung der Nil-Orchidee für den Bau der Cheops-Pyramide. “
„Aha. Du, das finde ich alles ganz furchtbar interessant und auch vorbildlich – von wegen: zukunftsträchtige Studiengänge, abnabeln vom Elternhaus und so –, aber könntest du jetzt bitte trotzdem wieder hinter die Absperrung zurücktreten? Sei doch so nett …“
„Kann ich auf deinem Stuhl sitzen?“
„Nein, der ist auf der falschen Seite der Absperrung. Wo du genausowenig hingehörst wie eine Orchidee an den Nil.“
„Guck mal, wenn du mich jetzt reinlässt, nä, dann bin ich auf der ‚richtigen Seite‘ und dann kannst du mich eigentlich ja auch gleich nach oben in den Club lassen. Ist es nicht auch schon nach acht Uhr?“
„Ja, es ist nach acht Uhr. Aber der Sound wird noch gecheckt. Hörst du doch. Und vor dem Ende des Soundchecks lasse ich niemanden hinein. Da steht überall Equipment herum, Kabel liegen in der Gegend, teure Instrumente lehnen an glatten, rutschigen Oberflächen – da hat niemand außer den Bandmitgliedern, dem Tonmann und dem Hauspersonal etwas zu suchen. Sobald man mir von oben das Ok gibt, lasse ich die Gäste hinein. Vorher nicht. Punkt. Und jetzt machst du bitte wieder einen Schritt hinter die Absperrung. Guck, ich helfe dir sogar beim Finden der Richtung und schiebe etwas an …“

Mit vorgestülpter Unterlippe ein wenig schmollend harrt die junge Gästin hinter der Kordel aus, die ihr den Weg ins Reich ihres Begehrens so schnöde verwehrt. Vorerst scheint sie sich mit ihrem Schicksal abgefunden zu haben. Von oben tönen weiterhin die altbekannten Laute der Klangkontrolle. Man scheint noch immer nicht zufriedengestellt zu sein. Speziell der Sound des Gesangmikrofons sorgt für Unmut: „Hey! Hey! One, two … one, two … Hey! Hey! Tss! Tss! … One, two, hey hey!“

Es kommt wohl partout nicht genügend Druck in die Leitung. Gut, das könnte natürlich auch am leicht gebrechlichen Stimmchen des Sängers liegen – sein Volumen-Maximum liegt irgendwo zwischen dem Räuspern einer Grille vor dem großen Zirpen beim Lagerfeuerabend und dem hartnäckigen Sirren einer nächtlichen Mücke, die auf der Suche nach dem richtigen Angriffswinkel auf den Schlafenden im Bett unter sich ist. Eine schwer angesagte Indie-Alternative-Band.

Die Konzertbesucherin nutzt indes die Zeit sinnvoll, indem sie die großen Teile ihrer Oberbekleidung – wie etwa Jacke, Unterjacke und Schalgebirge – auszieht und in den mitgebrachten Rucksack stopft. Dann zieht sie ihr Haarband ab, schüttelt das Gewalle ihrer roten Haarpracht hingebungsvoll aus und bändigt anschließend alles wieder zu einem zwar aufgeplüsterten, aber ordentlichen Pferdeschwanz.

„Du, kann ich gleich, wenn Einlass ist, meinen Rucksack hier unten bei dir lassen?“
„Tut mir Leid, darauf kann ich leider nicht aufpassen. Siehst ja: Hier wäre auch gar kein Platz zum Verstauen. Aber wir haben doch eine Garderobe – da kannst du deinen Rucksack für einen Euro abgeben. Gleich nach dem Einlass kommst du dran vorbei.“
„Ja, nee, der Rucksack müsste schon hier unten bleiben. Da sind meine Getränke für den Abend drin – drei Bierdosen und zwei Energiedrinks. Wenn ich das Ding an der Garderobe abgebe … die sind da immer so pingelig – lassen einen dann nicht öfter als ein, zwei Mal an die Sachen ran.“
„Wie hast du dir das denn bitte vorgestellt? Ich soll deine Fremdgetränke aufbewahren und du kommst dann gelegentlich vorbei, wenn du Durst hast, oder was? Du bist ja lustig: Kaufst dir Merch und Tickets für deine Lieblingsband, bist aber für die Drinks im Laden zu geizig …“
„Wieso Ticket? Ich hab‘ kein Ticket – viel zu teuer, hahaha. Kann ich jetzt rein? Alles ist ruhig – ich glaube es ist Einlass!“

Es bleibt schwierig …

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Vol. 39 – Seltsame Gerüche

Ich weiß ja nicht, ob es Teil meiner Persönlichkeit ist oder doch schon Symptom einer fiesen, tief in mir schlummernden Krankheit – aber hin und wieder nehme ich unvermittelt Gerüche wahr, die eigentlich gar nicht vorhanden sein sollten. So riecht es für mich beim Spaziergang im tiefsten Wald schon mal nach Currywurst mit Pommes „Schranke“. Oder mein Geruchsorgan versucht mich in der Sauna davon zu überzeugen, dass ich mich in einer Bäckerei befinde, in der gerade die hamburgweite Tagesproduktion von Franzbrötchen angefertigt wird. Mit und ohne Rosinen. Es ist auch schon vorgekommen, dass ich weit draußen in den Wellen von Nord- oder Ostsee das Aroma eines frisch entzündeten Holzfeuers in der Nase zu haben meine.

In solchen Momenten klammere ich mich an meinen eisernen Willen, der mir erläutert: „Ruhig, Brauner, das sind bloß olfaktorische Halluzinationen! Es ist nicht wirklich! Das Geruchszentrum in deinem Gehirn hat zu wenig zu tun und spielt dir einen Streich. Es übt nur.“ Ich übertrage in solchen Fällen gewohnheitsmäßig die Aufgabe des Riechens an meine Augen und Ohren – ich zwinge mich dann dazu, nur noch das zu riechen, was ich auch sehen und hören kann.

Neulich Nacht jedoch geriet ich mit dieser Selbstüberzeugungstaktik an meine Grenzen. Wir – mein Türkollege und ich – standen uns am Eingang gegenüber und kontrollierten so vor uns hin. Wir checkten Altersnachweise, überprüften den Inhalt von mitgebrachten Taschen, monierten das Mitführen von Fremdgetränken, überzeugten uns vom ordnungsgemäßen Zustand der allgemeinen Ausgehfitness, erläuterten Zigarettenträgern geduldig den Unterschied zwischen engem, lautem Nichtraucherbereich – alles innerhalb der Location – sowie gut belüftetem, großzügig dimensioniertem Raucherbereich – alles außerhalb des Objekts, einschließlich Straße und gegenüberliegendem Bürgersteig. Kurz: wir machten das, wofür uns die Menschen bezahlen und die Gäste mögen.

Plötzlich, ich erklärte einem Gast gerade den Unterschied zwischen hier gekauftem und von draußen mitgebrachtem Hartalkohol, hatte ich den Geruch von Farbe in der Nase. Es roch für mich plötzlich penetrant nach frisch lackierten Flächen. Dann war die duftende Seltsamkeit wieder vorbei und ich stand verwirrt mit der fest verschlossenen Flasche Dornberger Donnerdrummel in der Hand im Eingang. Ich verstaute das eigentümliche mittelfränkische Erfrischungsgetränk wieder im Gästerucksack, schickte ihn mit den Worten „nein, das hast du ganz sicher nicht gerade hier bei uns gekauft. Ja, ich weiß so etwas, denn ich bin telepathisch begabt und außerdem Hellseher“ hinaus und wandte mich an meinen Kollegen. Er konnte mein Lack-Witterung jedoch nicht bestätigen und so beschloss ich, nicht weiter darüber nachzudenken.

Kurze Zeit später war das strenge Aroma wieder da. Wie eine kaum sichtbare Spur waberte es durch den Türbereich. Die Quelle schien sich im Innern des Clubs zu befinden. In meinem Kopf entstand das irritierende Bild eines frisch lackierten, das Tanzbein schwingenden Kotflügels. Eine kurze Bemerkung an meinen Türkollegen über das „kurze Checken von Toiletten“ später befand ich mich auch schon auf einem Kontrollgang durch die Lokalität. Der Geruch wand sich wie ein feiner Faden in Schleifen und Kurven durch die schwofende Gästemenge. Jedes Mal, wenn ich ihm näher zu kommen meinte, entzog er sich mir.

Ich hatte mittlerweile schon größte Zweifel an meiner geistigen Gesundheit und malte mir bereits ein Szenario der näheren Zukunft aus, in dem große Männer in Kitteln sowie eine weiße Jacke mit sehr langen Ärmeln eine zentrale Rollen spielten, als mich der Lackduft erneut einhüllte. Hektisch irrte mein Blick umher, bis er schließlich auf einer Gästegruppe zur Ruhe kam, die sich fünf Mann hoch auf der Tanzfläche befand – sie trugen große grüne Koboldhüte und leuchtend grüne Anzüge. Es war ein Trupp Iren, der ausgelassen einen Junggesellenabschied feierte. Wie ich später erfuhr. Und um diesen Anlass wirklich zünftig in der Nationalfarbe der Guinness-Trinker begehen zu können, hatten sie sich billige Second-Hand-Anzüge organisiert und kurzerhand großzügig mit Lackfarbe grün angestrichen.

Da blieb mir doch nur, „Sláinte Mhaith!“ zu wünschen und mich darüber zu amüsieren, dass einer der Jungs später unsere tatkräftige Hilfe benötigte, um den Club wieder verlassen zu können. Vom Feiern müde geworden war er an einer Wand stehend eingeschlafen und festgeklebt … irischer Stillstand – ein drolliges Bild.

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Vol. 38 – Gastro-Jobs im Portrait: Das Garderoben-Wesen

Obzwar noch Neugast auf der Party-Meile, hatte die kleine Ria-Kiezina Nullsummse dennoch klare ökonomische Vorstellungen bezüglich der gastronomischen Dienstleistungen und wusste diese auch forsch zu formulieren: „Den Euro kriege ich aber wieder zurück, wenn ich meine Jacke später abhole! Oder? Der ist ja wohl nur Pfand!“

Ähnlich dem Türmann, nur ohne dessen Weisungsbefugnis, muss sich das Garderoben-Wesen allabendlich geduldig dem fantasievollen Gebahren seiner Intensivkunden stellen. Als Erklär-Bär, Info-Terminal, Seelenmülleimer und Anlaufstelle für gelangweilte Stammgäste; quasi der stationäre Domian, ist er oder sie gezwungen, für alles ein geduldiges Ohr zu haben. Das Kabuff ist recht klein – Flucht oder Verstecken unmöglich und den Hörer kann man auch nicht einfach auflegen. Die Gewandungs-Aufsicht steht inmitten des Muffs von tausend Jacken, die alles, was die Gäste auf ihrem Weg über den Kiez zum Club erlebt haben, wieder ausdünsten, und führt währenddessen Kunden-Dialoge, die eigentlich nach einer festen Hand, nach entschlossener Erwachsenenerziehung schreien.

„Ja nee, Marke habe ich nicht bekommen. Aber ich kann meine Jacke beschreiben: sie ist schwarz und von H&M … So ne Jacke eben, wie man sie heute trägt … Kannst du mir nicht irgendeine von denen da auf der linken Seite geben? Nein? Wieso denn nich? Boah, du bist voll der Spießer, ey! Dann guck‘ doch mal nach, ob meine nicht irgendwo dazwischen hängt! Ich soll zum Schluss wiederkommen, wenn nicht mehr so viele da sind? Was ist das denn für ne Scheiße, ey? Ich will aber doch jetzt nach Hause! Guck‘ dochma kurz weg, dann mach ich das schon, wa …“

Es ist dieser unbedarft egomane Hedonismus, diese naive Egozentrik der Jugend, die dem Jacken-Muckel ungebremst entgegenschlägt. Der Partynachwuchs – daheim von pflichtbewussten Helikopter-Eltern aufmerksam umhegt – macht die ersten Schritte in eine unbekannte, gelegentlich Selbstverantwortung gemahnende Welt und wird hier und da selbstverständlich scheitern.

„Wo is’n mein Rucksack hin, sach ma? Den habe ich vorhin hier an der Wand neben der Garderobe abgestellt! Da musst du doch drauf aufpassen! Wie, ich hätt ihn bei dir abgeben sollen? Ja nee, das kostet doch nen Euro! Du kannst ja wohl mal auch so ’n Blick auf die Sachen deiner Gäste werfen, oder? Dafür bist du doch da. Und was sollen wir jetzt trinken, ey? In dem Rucksack war’n doch unsere Biervorräte! Kannsu da nicht was organisier’n? Kennsoch die Leute hier …“

Selbst trinken sollte der oder die Jacken-Beauftragte übrigens nur in Maßen, denn alles, was oben hineingeht, muss bekanntlich auch unten wieder hinaus. Und das gestaltet sich umständlich. Entgegen dem anderen großen Einzelkämpfer der Gastronomie, dem Dj – der die Möglichkeit hat, einen rund fünfminütigen „Pinkel-Song“ aufzulegen und seiner Kanzel entspannt Richtung Toilette zu enteilen –, darf das Garderoben-Personal seine Oberbekleidungs-Kammer selbstverständlich niemals unbeaufsichtigt lassen; die Witzbolde unter den Gästen würden sofort zu Do-it-yourselfern mutieren und zur Selbstbedienung schreiten. Vor allem die, deren irgendwo in der Location abgelegte Jacke sich einen neuen Besitzer gesucht hat.

Ein Aufpasser muss her. Zum Beispiel einer der Türleute. In einem entspannten, kundenfreien Moment hüpft der Kleiderbügel-Jongleur über seinen Annahme-Tresen und hastet in die keramische Abteilung. Allerdings: Kaum hat sich die Toilettentür hinter ihm geschlossen, schwappt garantiert eine Gästeschar heran und bedrängt den kurz einspringenden Türmann mit der Unterbringung ihrer Habe. Folge: Die dienstbeflissene Security würzt das fein austarierte Sortierungssystem des Garderoben-Wesens unwiderruflich mit fröhlichem Chaos …

Manchmal überschneiden sich aber auch die Arbeitsbereiche von Tür und Garderobe auf andere, auf drollige Weise. Profi-Gast Jörg-Nepomuk Pfannenjunker drückt uns vorn an der Tür seine Garderobenmarke in die Hand. Wir bedanken uns artig. Man schaut sich gegenseitig an. Guckt zur Decke, zur Seite an die Wand und dann wieder nach vorn. Er scheint auf irgendetwas zu warten. Wir haben keine Ahnung, was das sein könnte, und widmen uns daher wieder entspannt dem Geschäft des Ausweis- und Taschenkontrollierens.

Nach einer Weile des Dabeistehens geht sich Jörg-Nepomuk sicherheitshalber einen neuen Drink holen. Zum Aufwärmen. Ist schließlich kalt vorn im Eingang. Nach etwa fünfzehn Minuten kehrt er zurück. Er ist jetzt bestimmt schon fünf oder sechs Mal an der Luke mit der großen Aufschrift „Garderobe“ vorbeigelaufen, hinter der sich seine wärmende Jacke befindet. Er steht noch eine Weile schweigend mit uns im Eingang. Ab und an wirft er einen verwirrten Blick in die Runde. Der Bekleidungs-Sachverständige nickt ihm aus seiner Luke weiter hinten im Gang lächelnd zu; in seinem Blick etwas Fragendes, etwas Aufforderndes. Der Gast indes zeigt keine Regung. Ich gebe ihm schließlich wortlos seine Garderobenmarke zurück und klopfe ihm aufmunternd auf die Schulter, als er sich höflich verabschiedet und oberbekleidungs-mangelversorgt in den fröstelnd dämmernden Morgen entfernt.

Währenddessen öffnet der Knopf- und Reißverschlussbeauftragte an der Garderobe schon einmal den großen Behälter für die Fundstücke und die nicht abgeholten Kleidungsstücke der Partynacht.

Es bleibt schwierig …

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Vol. 37 – Die Parade des unfassbaren Frohsinns: Der Schlager-Move

Einfach mal fließen lassen …

Die Hamburger kennen das: Jeden Sommer bricht eine Flut an Großereignissen über sie herein und Scharen von Besuchern bevölkern die Straßen, besetzen die Plätze und verstopfen den Öffentlichen Personen-Nahverkehr. Insbesondere auf und rund um St. Pauli bleibt den dort lebenden und arbeitenden Mitbürgern oft nur das resignierte Abwarten, bis der Tsunami über sie hinweggezogen und versickert ist. Jedoch scheint die Zahl der Riesenpartys von Jahr zu Jahr zuzunehmen und die Duldsamkeit der Bewohner bezüglich der dazugehörigen Maßnahmen wird immer härter strapaziert. Etwa durch die Absperrungen, die bei Lauf- oder Fahrradwettbewerben quer durchs Viertel gezogen werden und dort den halben Tag verbleiben. „Tut mir Leid, Sie können hier jetzt nicht durch. Ja, auch wenn Sie auf der anderen Straßenseite wohnen und bloß kurz einkaufen waren … Nein, Sie müssen sich schon bis zum Ende des Rennens gedulden … Wie lange? Tja, das wird sich wohl noch drei bis vier Stunden hinziehen … Gehen Sie doch hinten herum. Über Harburg und dann mit der Fähre wieder zurück über die Elbe … Na, nun zeigen Sie doch mal ein wenig Fantasie! Ist doch im Sinne der Stadt, dass hier ordentlich was abgeht!“

Es geht den ganzen Sommer lang ordentlich was ab. Doch wer glaubt, Hanse-Marathon, Cyclassics, Hafen-Geburtstag, Kirchentage, Harley-Days und Co. seien hart zu ertragen, der kennt nur die Spitze des Eisbergs. Das wahre Schwergewicht unter den hanseatischen Massenpartys walzt alljährlich als Schlager-Move durch die City. Nur Godzilla beim Angriff auf Tokyo entwickelte eine ähnliche Zerstörungskraft wie die furchtbare Prilblumen-Pinkelparade auf ihrem Weg über den Kiez.

Allein die akustische Belastung … Vor allem den Angehörigen meiner Generation, den heutigen Endvierzigern, die allwöchentlich mit ihren Eltern vor dem Fernseher das geistlose Geplärre der Deutschen Hitparade über sich ergehen lassen mussten, sollte doch klar sein: Bata Illic, Jürgen Markus, Lena Valaitis, Roy Black oder Cindy & Bert – das war kein Spaß, das war blutiger Ernst! Daraus macht man doch keinen quietschbunten Karnevalsumzug, hömma! Das ist das Abu Ghuraib des halbwegs normalgebildeten Musikliebhabers. Und dann schütten sich diese aus dem Ländlichen angereisten, adipösen Gesangstulpen in ihrer verzweifelten Suche nach gegengeschlechtlichen Abenteuerpartnern auch noch so dermaßen die Birne dicht, dass es unaufhörlich unten wieder aus ihnen herausrinnt … Einfach mal laufen lassen, heißt dann die Devise. Ist ja nur einmal im Jahr. Hossa!

Türmann: „Vergiss es: Euer Weg ist zu Ende. Hier kommt ihr auf keinen Fall rein!“
Gast 1: „Wieso denn nicht? Was haben wir denn gemacht?“
Türmann: „Ich kann es nicht leiden, wenn Leute auf die Straße oder in die Hauseingänge pissen. Und wie bescheuert ihr ausseht in euren dämlichen Kostümen … ey, die Siebziger waren kein Spaß, die Siebziger stanken. Die rochen genauso widerlich wie ihr … sagt mal, habt ihr euch zur Feier des Tages gegenseitig angegöbelt, oder was?“
Gast 2: „Du lässt uns nicht rein, weil wir auf die Straße gepisst haben? Das ist doch voll spießig!“
Gast 1: „Das machen doch alle!“
Gästin 3: „Hossa! Hossa!“
Türmann: „Und genau deswegen stinkt’s hier zum Himmel, du Pfeife. Mann: hier wohnen Leute, wir arbeiten hier. Was ist denn das für ein scheiß Verhalten?“
Gast 2: „Ich wohn‘ auch hier. Gleich da drüben.“
Türmann: „Und du findest das so richtig super, wenn dir alle möglichen Idioten vor die Tür urinieren, oder was?“
Gast 2: „Finde ich voll asig.“
Türmann: „Und dein Kumpel muss auch gleich loslegen? Macht ihr das dann auch bei dir im Wohnzimmer? Auf dem Teppich?“
Gast 1: „Das machen doch alle.“
Gast 2: „Das ist doch die Reeperbahn! Und außerdem ist Schlager-Move! Hossa, Hossa!“
Gästin 3: „Hat sowieso nur einer von uns in den Hauseingang gepinkelt – die anderen standen bloß daneben und haben’s einfach laufen lassen. In die Hose. Und sich selbst eingenässt. Nix auf’m Boden. Können wir jetzt rein?“
Türmann: „…“
Gast 2: „Die wollen überall 50 Cent für die Toilettenbenutzung haben … das ist doch Wucher, ey! Da schiffe ich doch lieber in’n Rinnstein – läuft doch im Endeffekt auch in die Kanalisation, oder nich?“
Gästin 3: „Hossa! Hossa!“
Türmann: „Ernsthaft: ihr verpisst euch jetzt von meiner Tür, ihr hässlichen Vögel. Fahrt nach Hause …“
Gast 1: „Ja nee, wir müssen heute durchmachen. Der erste Zug nach Stade geht erst morgen früh … und sach mal eurem Dj, dass er was von Helene Fischer spielen soll!“
Türmann: „Nächstes Jahr passe ich besser auf: Da markiere ich mir rechtzeitig vor allen Dienstplan-Besprechungen den Schlager-Move dick und fett um Kalender! Nächstes Jahr findet diese grässliche Party ohne mich statt. Das schwör‘ ich mir!“

Es bleibt schwierig … Oder vielleicht kommt ja auch Godzilla netterweise kurz vorbei. Stampft einmal schick durch den farbenfrohen Gesocks-Tsunami und hinterlässt einen Streifen ebenso bunten wie stillen Matsches. Hossa.

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Vol. 36 – Gastro-Jobs im Portrait – heute: Der Springer

Streng musterte die kantige Chefin ihren „Personal-Zuwachs“. Aus irgendeinem, ihr selbst auch nicht erklärbaren Grund erregte er schon jetzt ihr Missfallen. Eine Stirnader begann bläulich unter ihrer nahezu durchsichtigen Haut zu pulsieren. Die Frisur saß auch nicht richtig. Bad Hair-Day. Ihr feuerrotes Haupthaar strebte in alle Richtungen und gemahnte den geflissentlich schweigenden Zuschauer an eine geplatzte Sofa-Ecke.

„Die Kühlschränke müssen kontinuierlich aufgefüllt werden. Am vorderen wie an den hinteren Tresen. Denk‘ bitte dran. Und immer schön erst die alten Flaschen rausräumen, die neuen reintun, dann mit den alten wieder auffüllen. Etiketten nach vorn drehen. Ich weiß, das vergesst ihr dauernd, weil ihr das nicht wichtig findet. Aber das sieht einfach nich‘ aus, wenn da alles wie Kraut und Rüben durcheinander geht. Ich sag immer, das Auge trinkt mit, sag ich immer. Etiketten nach vorne! Soviel Zeit muss sein. Und auf dem Weg durch den Schankraum immer verwaiste Gläser und Flaschen mitnehmen! Gastrowege sind niemals Leerwege – merk‘ dir das.“

Energisch formte die Chefin einen straffen Zopf aus ihren üppig-roten Walla-Walla-Haaren, band ihn mit einer Art Marmeladen-Einmach-Zopfgummi am Hinterkopf zusammen. Der Neue hatte heute seinen ersten Arbeitstag im Club und irgendwas gefiel ihr an ihm einfach nicht. Er würde als „Springer“ arbeiten. Natürlich. Der Job für den Gastro-Nachwuchs. Sofern man nicht gleich als Dj oder Türmann anfing.

„Ein kurzer Blick zwischendurch in die Gästeklos schadet auch nicht. Können ja nie so richtig an sich halten, die kleinen Besoffskis. Am Besten, du hast immer Lappen, Eimer und Fliesenabzieher am Mann, wenn du die Kisten mit dem Leergut ins Lager bringst. Und nicht die Bierkästen vorn am Eingang vergessen. Da sammeln die Türleute die mitgebrachten Fremdgetränke der Gäste. Wenn das zu voll wird, sieht das nicht aus. Am Schichtende drückst du das Fremdgetränke-Leergut einfach einem der Flaschensammler vor der Tür in die Hand. Ach ja, und beim Auffüllen, nä, da nimmst du immer drei volle Bierkästen mit – das minimiert die Wege und hilft überdies beim Durchkommen. Wenn es nachher voll ist im Laden, brauchst du ordentlich Schwungmasse – freiwillig lassen dich die Gäste nicht durch. Gern den Kistenrand und die Kanten einsetzen, dann lernen sie vielleicht was draus.“

Der „Neue“ nickte eifrig und hielt wohlweislich den Mund. Gehörte er doch bis gestern selbst noch zum Gästematerial und hatte oft ebenfalls dem „Springer“ erst auf nachdrückliche Aufforderung den Weg freigegeben. Wenn sich dieser mit leerer Bierkiste über dem Kopf durchs Gewühl bugsierte, um Flaschen und Gläser einzusammeln. Er hoffte inbrünstig, dass ihm später bei dieser Tätigkeit kein Witzbold über den Weg lief, der seine ausgetrunkene Bierflasche so oben auf die Leergutkiste legte, dass der Restschluck hinaus- und ihm beim Sammeln in den Kragen hineinlief. Hatte er oft schon im Club bei anderen gesehen. Auf diese Erfahrung konnte er getrost verzichten. Unvermittelt schreckte er aus seinen Überlegungen auf …

„Träumst du, oder was? Hast du überhaupt mitbekommen, was ich gerade gesagt habe? Nein? Ok, pass‘ auf: Wenn zwischendurch ‚Holland in Not ist‘, springst du bei den jeweiligen Tresen als Aushilfs-Kapselheber ein. Die Preise hast du drauf, oder? Habe ich dir ja am Nachmittag noch zugemailt. Das reichte ja wohl für’s Auswändiglernen …“

Er erinnerte sich dunkel, da irgendwas im Spam-Ordner gesehen zu haben … naja, die meisten tranken eh bloß Bier oder Cola – da bekam er die Preise schon zusammen. Alles andere würde sich schon finden. Zur Not konnte er ja aufrunden … Hoffentlich baute er keinen Mist. Er brauchte diesen Job unbedingt! Auch wenn das „Springer“-Dasein ziemlich uncool war. Eigentlich wollte er ja Dj werden. Das war sein Ding. Endlich das spielen, was er selbst hören wollte … Aber: kommt Zeit, kommt Rat. Jetzt hieß es also erst einmal Kisten schleppen.

„Ach ja: Bevor du da weiter am Tresen stehst und in der Nase bohrst – das Frauenklo im oberen Floor ist verstopft. Bring das in Ordnung. Pümpel und so findest du hinten im Perso-Klo. Und wenn du schonmal dabei bist, nimm Eimer und Lappen mit – da hat wohl einer vors Dj-Pult gekotzt. Das muss auch weg. So, ich red‘ jetzt erstmal mit den Türstehern, die sollen die verdammten Blumenhüte aufbehalten. Schließlich ist nächste Woche Schlagermove und ich will, dass die Gäste frühzeitig begreifen, dass sie hier in Verkleidung willkommen sind. Trinken ja immer ordentlich. Und laufen natürlich auch gern mal aus – da bekommst du reichlich zu tun. Musst keine Langeweile fürchten … Aber jetzt sieh‘ zu, dass du in Wallung kommst! Ich will deine Arme und Beine rotieren sehen. So schnell, dass sie zu einer Scheibe verschwimmen. Und ab!“

Er nahm noch einen tiefen Atemzug, blickte kurz der rothaarigen Clubchefin hinterher, wie sie – laute Anweisungen und Ratschläge an alle verteilend  – den Gang hinunter zum Ausgang wippte, und fügte sich dann in sein Schicksal. Irgendwann würde er Dj sein, das schwor er sich …

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Vol. 35: – Promis und Türleute

Zu früheren Zeiten – etwa in der Blüte Hollywoods in den 1940er und 1950er Jahren – waren Stars noch genau das, was ihr Name suggerierte: entrückte Sterne. Weit weg von allem Sterblichen lebten sie auf den Leinwänden der Kinopaläste, den hohen Bühnen der Theatersäle sowie auf den Titelseiten der glanzvollen Magazine. Ansonsten feierten sie ihre ebenso rauschenden wie geheimnisvollen Bälle und Partys in ihren abgeschotteten Prominenten-Vierteln. Der Fan himmelte sie an wie ferne Sonnen am Firmament. Sie gaben dem Leben der zuschauenden Masse etwas zum Träumen. Sie verliehen der tristen Realität das gewisse Quäntchen Glamour. Die Stars wussten: Hierzu ist eine gewisse Distanz nötig, damit nicht auffällt, dass auch ihrer Haut bisweilen Pickel entsprießen und sie ebenfalls nach durchzechter Nacht keinen Regenbogen kotzen.

Heute sind die so genannten VIPs (oft leider nur irgendwelche Kleindarsteller, die ihre Visage ein bis zwei Mal in die Regionalberichterstattungs-Kamera halten durften) viel zu dicht dran am Volk. Sie haben keinen Manager dabei, der als Profi für sie spricht, sondern übernehmen selbst die Kommunikation. Dann passieren komischen Dinge …

Nun, es ist ja nicht schlimm, wenn beispielsweise ein Promi-Kind – wie das des bekannten, stets weltmännisch souverän und gelassen auftretenden Hamburger Tatort-Darstellers – auch einmal in einem Club feiern möchte. Im Gegenteil. Die Anwesenheit von Gesichtern, die aus Film und Fernsehen, etwa durch den Besitz von „Stofftieren mit ohne Ohren“, bekannt sind, fördert den Umsatz. Indes sollten die Prominenten stets gut abgeschirmt sein, damit man nicht merkt, dass sie leider nur zu oft die Schule mit dem Hinweis „… aber sie malt und tanzt gern“ abgeschlossen haben und sogar gern recht verhaltensoriginell auftreten. Zum Beispiel beim Kontakt mit der Security. Wo sie dann zur Durchsetzung ihres Willens ihren ganzen Charme als „höhere Tochter“ ausspielen: beleidigen, kreischen, auf den Boden werfen, Flaschen durch die Gegend schmeißen und um sich schlagen. Und sich hinterher folgerichtig eine peinliche Anzeige einfangen.

Ebenfalls immer gern gesehen: der Hinweis auf die vermeintliche „gesellschaftliche Stellung“. Dabei ist doch nun wirklich jedem halbwegs vernunftbegabten Menschen klar, dass die „Du weißt wohl nicht, wer ich bin?“-Karte auf der Rückseite das Portrait eines Narren zeigt. Der Türmann kennt solche Situationen in unzähligen Varianten aus vielen Jahren – er stand hier an der Tür, als der Promi noch bei McDoof für kleines Geld muffige Fischmäcs faltete, und er wird hier immer noch an der Tür stehen, wenn der VIP seine „Karriere“ längst durch bipolaren Depri-Suff und heimlichen Drogenmissbrauch auf dem nächtlichen TV-Verkaufsshow-Friedhof beerdigt hat.

Aber, wie soll sich denn ein Prominenter nun verhalten, wenn er in Kontakt mit gewöhnlichen Menschen gerät? Vor allem mit so speziellen Zeitgenossen wie uns Türleuten? Ich denke, eine große Portion Entspanntheit kombiniert mit Humor ist da angezeigt. Diesbezüglich erinnere ich mich an eine mehrere Jahre zurückliegende Begebenheit, bei der ich die Geburtstagsparty eines bekannten Regisseurs bewachen sowie die Gästeliste betreuen musste. Die Feier stand unter dem Motto „Sei ein VIP!“ und war schon recht fortgeschritten, als jemand mit großem Hut, Sonnenbrille und langem Mantel am Eingang erschien.

„Guten Abend. Was kann ich für Sie tun?“
„Ich stehe auf der Gästeliste.“
„Unter welchem Namen?“
„Udo Lindenberg.“
„Das tut mir Leid, aber Udo Lindenberg ist schon drin.“
„Ich bin Udo Lindenberg.“
„Das sehe ich. Kein schlechtes Kostüm. Hut, Brille, Mantel – alles da. Perfekt. Und der Hut bewegt sich sogar genauso ulkig beim Sprechen wie beim echten Udo.“
„Ich bin Udo Lindenberg!“
„Schon klar. Wobei, eine kleine Sache fällt mir auf: Der echte Udo Lindenberg ist schon ein wenig größer, oder? Mindestens zehn Zentimeter. Keine Sorge, das macht aber nichts, weil wir auch normale Leute hineinlassen dürfen, sofern sie ein gelungenes Kostüm tragen. Hier bitte, der Stempel …“
„Verdammt nochmal, ich bin Udo Lindenberg!“
„Ich weiß! Kannst rein. Und: Viel Spaß! Aber bitte keine Autogramme geben, nä. Das wäre quasi Dokumentenfälschung …“
„Boah! Alter, ich bin Udo Lindenberg! Aber weißt du was, nächstes Mal verkleide ich mich tatsächlich. Und zwar als Türsteher und übernehm‘ deinen Job, mein Lieber, dann gibt’s hier auch keinen Stress mehr, nä.“
„Können wir uns gern drauf einigen. Hier, hast du noch nen Getränkebon – gilt aber nur für Eierlikör am Tresen, hihihi.“

Nach etwa 30 Minuten kam er noch einmal heraus an die Tür und brachte mir tatsächlich mit den Worten „Hier, du sollst ja auch nicht leben wie ’n Hund“ ein Schnapsglas mit Eierlikör. Ich habe keine Ahnung, wo er das Zeug drinnen aufgetrieben hatte – aber wir mussten beide herzlich lachen.

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Vol. 34: – Warum nur sind die Kotzbecken weg?

Der Legende nach hielten die alten Römer bei ihren Festbanketten für jeden Gast eine Pfauenfeder bereit. Sobald ein Teilnehmer eines üppigen Gelages seinen maximalen Sättigungsgrad erreicht hatte, kitzelte er sich mit dieser Feder solange den Gaumen, bis Speis und Trank im großen Schwall wieder hervorbrachen. Der nunmehr leer gegöbelte Magen ließ sich anschließend erneut mit allen möglichen Leckereien füllen; die Festivität ging weiter. Heute machen die Feiernden so etwas natürlich nicht mehr, die Partyjugend unserer Zeit braucht dafür keine Pfauenfedern – ihr gelingt die Rückwärtsernährung ganz ohne Hilfsmittel. Und die Beweise werden jedes Wochenende freudig sichtbar erbracht: Spätestens ab drei Uhr morgens sind die Clubeingänge, Gehwege und Parkplätze großzügig mit „Straßenpizzen“ dekoriert. Man kotzt und reihert frei heraus, schafft Platz für neue Drinks und hält so den Wirtschaftskreislauf auf Touren …

Bis vor ein paar Jahren gab es hierfür sogar eine spezielle Installation auf den Gäste-Toiletten: das Kotzbecken. In Fachkreisen als „Expektorier-Keramik“ bekannt, fand diese Vorrichtung zur Aufnahme plötzlichen Würfel-Hustens ihre vornehmliche Verbreitung in allen Herren-Toiletten auf den Partymeilen der Großstädte. Und zwar in direkter Nähe des Eingangs. In Laufrichtung. Ihre Form folgte ihrer Funktion: Ein großes Becken in Bauchhöhe des mitteleuropäischen Normal-Feiernden. Links und rechts flankiert von zwei stabilen Metallgriffen. Mittig hinter der Schüssel für die „Grüne Welle“: ein großer Spiegel, der vor allem dem peniblen Erbrecher zur Wahrung eines gepflegten Auftretens dient, indem er den nötigen Kontroll-Blick zwischendurch ermöglicht. Dank der Haltegriffe war die Bedienung des Speibeckens problemlos solo zu bewältigen und auf Grund seiner großzügigen Ausmaße ließ es sich bei Bedarf auch im Tandem nutzen. Etwa, wenn sich eine helfende, beispielsweise kopfstützende Person dank der Geruchs- und Geräuschentwicklung ebenfalls zum Huldigen des Porzellangottes motiviert fühlte.

Leider jedoch ist diese sinnreiche Gerätschaft mittlerweile nahezu vollständig aus dem öffentlichen Leben verschwunden. Lediglich der eine oder andere Dorfkrug auf dem Lande bietet noch die Gelegenheit, auf professionelle Weise mit Villeroy & Boch zu telefonieren. Ich finde das sehr bedauerlich. Wie sehr, wird aus folgendem Geschehnis deutlich, das ich neulich von meinem Arbeitsplatz an der Tür aus miterleben durfte.

Das kleine Baumbeet zwischen den Parkbuchten vorm Clubeingang wird von vier Kerlen bevölkert, die sich schwankend an den beiden Metallbügeln festhalten, mit denen die kleine grüne Oase links und rechts eingefasst ist. In einer rhythmischen Choreografie beugen sie sich abwechselnd vor und lassen sich den Abend schwallartig noch einmal durch den Kopf gehen. Die Aktivität wird von ihnen sorgfältig per Videofunktion auf dem Smartphone festgehalten. Es wird gelacht, es wird gegröhlt, man rülpst von ganzem Herzen und erbricht sich sportlich – die Freude ist groß.

Und mir langt dieser Anblick recht zügig.

„Sagt mal, was macht ihr da eigentlich? Das ist ja widerlich!“

„Hey, das ist lustig, das machen wir jedes Mal so, wenn wir feiern!“

„Was soll denn daran lustig sein, wenn sich Betrunkene die Seele aus dem Leib kotzen und sich dabei filmen?“

„Na, weil das Kunst ist! Ein Video-Blog. Wir stellen die Clips immer nach dem Wochenende ins Netz. So als Zeit-Dokument über das Feiern. Über das individuelle Partymachen.“

„Aha. Nur mal so aus Interesse: Woran erkennt denn der Kunst-Liebhaber anschließend die Unterschiede? Was ist am Erbrechen individuell?“

„Natürlich die Färbung! Wir trinken jedes Mal ausschließlich Sachen der gleichen Farbe. Guck, heute nur ‚Mexikaner‘: alles rot. Neulich haben wir sogar ne Lebensmittelfarbe in den Gin-Tonic gerührt – da kam dann alles blau wieder heraus, hahaha …“

Und wieder einmal bedauere ich das Verschwinden der Kotzbecken aus der Gastronomie. Wie wunderbar wäre es etwa, dieses prachtvolle Beispiel jugendlichen Künstlerschaffens von der Straße wegzuholen und in den hübsch sichtgeschützten, gekachelten Raum der Toilette zu verlagern. Vor allem für mich und meine strapazierten Seh- und Hörnerven. Überdies ließen sich die Videoclips ungemein kontrastreicher gestalten, wenn das bunte Farbenspiel des Gästeinhalts auf das reine Weiß frischer Keramik trifft …

Es bleibt zu hoffen. Auch wenn sie es einem schwer machen.

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Vol. 33: Kultur-Ikone „Bier-Bike“

„Nein, Mann, wir können und wir wollen keinen Schlauch von unserer Theke hinaus zu eurer legen. Und wenn ihr nicht gleich abdampft, werden die leergelutschten Fässer noch das geringste eurer Probleme sein. Abflug!“

Die echten Werte und grundlegenden Charakteristika einer Gesellschaft lassen sich besonders gut an ihren technischen Innovationen und kulturellen Errungenschaften erkennen. So, wie beispielsweise das Internet hauptsächlich erfunden wurde, um den jederzeitigen Zugang zu pornografischen Inhalten zu erleichtern, dienen Neuerungen im mechanischen Bereich bei uns vorwiegend der effizienten Zufuhr von Alkohol.

Meilensteine des Fortschritts wie etwa der „Sauf-Helm“ – eine Kopfbedeckung mit Trinksystem aus Bierdosen-Halterung und Zuleitungsschläuchen –, die „Bier-Bong“ (eine Vorrichtung zur Druckbetankung, bestehend aus einem langen Schlauch mit Mundstück sowie einem breitkrempigen Trichter am oberen Ende) und andere manuell oder auch elektrisch betriebenen Trinkhilfen zeigen klar, wohin die Reise geht. Und auch die fröhliche Anmutung des geselligen „Eimer-Saufens“ auf Mallorca, dem vergnügten „Wodka-Hüpfen“ am Balaton, dem „hochprozentigen Freiluft-Tanztheater“ vor den Schnaps-Kiosken rund um die Reeperbahn oder die zahllosen Trinkspiel-Anleitungsvideos auf Youtube bieten einen tiefen Einblick in die gesellschaftlichen Bedürfnisse des modernen, nordeuropäischen Volkskörpers.

Markanter Höhepunkt des westlichen Strebens nach weinseliger Vervollkommnung ist das Thekenfahrrad: das so genannte „Bier-Bike“ – der King Kong der Trinkkultur. Hier sitzt sich eine Gruppe von Personen – meist eine Junggesellen-Abschiedsparty – an einem Tresen auf einem vierrädrigen Chassis gegenüber. Das Vehikel verfügt über eine Bierzapfanlage sowie ein Soundsystem und wird per Pedalkraft fortbewegt. Einer versucht, das tonnenschwere Gefährt zu bremsen und zu lenken, die anderen treten in die Pedale. Alle trinken. Sie trinken unaufhörlich. Aus dem großen Vorrat mehrerer mitgeführter Fässer. Unterdessen schlingert der mobile Trinkspaß wie ein betrunkener Wal durch den Straßenverkehr. Gerade Linien und rechte Winkel – etwa beim Einbiegen in die Nebenstraßen – sind dabei echte Herausforderungen. Zudem fährt sich die Fuhre ständig fest und es muss umständlich und straßensperrend rangiert werden. Das alles untermalt vom Johlen der Junggesellen im Wettstreit mit dem Ramba-Zamba der wattstarken Musikanlage.

Sollte auf Grund großen Durstes zwischenzeitlich das Hopfenkalt-Getränk ausgehen, lässt sich das lärmende Gruppenfahrrad problemlos neben vielsprechenden „Wasserlöchern“ parken. Etwa bei einem Club oder einer Bar. Mit etwas Schwung und Hurra ist der Absatz am Übergang von Straße zu Gehweg schnell überwunden und sollte die anschließende Bremsung nicht ganz punktgenau gelingen – nun: die Türen der Location sind recht stabil und der rollende Druckbetankungs-Panzer eh unverwüstlich. Nur die wie üblich humorbefreite Security stellt ein gewisses Hindernis dar: „Ernshaft: Ihr verpisst euch jetzt mit eurer rollenden Erbärmlichkeit aus unserem Eingang oder ihr erlebt eure ganz persönliche Tour de Farce!“

Vielleicht sollten wir Türleute hier echt einmal etwas mehr Toleranz an den Tag legen. Zumal das zwischendurch kommunenweise immer wieder verbotene „Bier-Bike“ ja auch noch gar nicht am Fass-Boden seines Potentials angelangt ist. Da bleibt doch reichlich zivilisatorisches Entwicklungspotential und es gilt, noch viele Einsatzmöglichkeiten zu entdecken. Etwa indem man die zu absolvierende Tour etwas herausfordernder gestaltet. Ein rasanter Ritt auf der Autobahn A7 böte sich an. Richtung Flensburg. Und wenn man im Norden Hamburgs auf die Autobahn A23 wechselt, haben die Junggesellen sogar die Chance, ihrem Heimatort – Pinneberg oder Elmshorn – zuzuwinken. Indes nur kurz, denn eingekeilt im zügig rollenden Fernlastverkehr müssen sie ordentlich kurbeln, um das Überrolltwerden hinauszuzögern.

Überhaupt: Geschwindigkeit. Wann kommen eigentlich die ersten Electro-Bier-Bikes auf den Markt? Schließlich wollen die vielfaltig ergrauten Junggesellen-Abschiede der Jack-Wolfskin-Senioren-Generation auch ihren Spaß auf dem Kiez vor der späten Hochzeit haben. Und zuletzt: Wie wäre es, wenn endlich auch das langgehegte Konzept der „Bier-Boote“ auf der Elbe in die Realität umgesetzt würde? In Form von Theken-Fahrrädern mit Schwimmkörpern und kleinen, pedalbetriebenen Schaufelrädern an der Seite. Angesichts heranrollender Bugwellen großer Containerschiffe erhielte dabei der Begriff „Junggesellen-Abschied“ eine ganz neue, endgültige Bedeutung. Schließlich muss man einfach mal in Würde loslassen können. Auch und gerade beim Kentern.

Ihr seht: die gesellschaftlich wertschöpfende Idee des Tresen-Fahrrads ist noch lange nicht zu Ende gedacht.

„Hey Leute, hier kommt der Schlauch zur Neubefüllung eures Fasses … und ich habe hier auch noch eine Wegbeschreibung für euch. Führt zu einem wunderbaren Aussichtspunkt unten am Hafen. Ja, direkt an der Elbe. Bergab. Müsst ihr nicht so mühsam in die Pedale treten. Keine Sorge – Platz zum Bremsen ist da mehr als genug … Ja, gern geschehen.“

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Vol. 32: Die Jugend forscht

Der Sommer scheint Einzug gehalten zu haben – es wird spürbar wärmer in Hamburg. Eigentlich eine feine Sache: Man muss sich erstmal nicht mehr in unzählige Kleidungsschichten hüllen, kann sich viel freier bewegen. Und es hat etwas irgendwie Mediterranes, wie sich die Menschen auch nach Einbruch der Dunkelheit ohne zu frieren auf der Straße vor dem Club tummeln. Gute Laune, gute Umsätze. Indes ist zum Beginn der wärmeren Jahreszeit auch eine gewisse Eingewöhnung nötig. Man muss sich erst akklimatisieren; und solange das andauert, neigen viele zu recht leichtsinnigem Verhalten. Ähnlich wie bei Vollmond. Hier gilt es als Türmann, noch ein wenig mehr Nachsicht als sonst walten zu lassen.

So auch bei der Gruppe partyfreudiger Jugendlicher, die gern hinein möchten, aber Probleme dabei haben, ihre Ausweise sowohl aufzufinden, als auch vorzuzeigen. Insbesondere ein verdruckstes, ganz offensichtlich noch sehr junges Mädel in der Mitte der Truppe, das sich sehr bemüht, sich vor der Realität zu verbergen …

„Zeigst du mir bitte mal deinen Ausweis?“
„Ja, nee, den habe ich nicht dabei …“
„Wann bist du denn geboren?“
„Ich, äh …“
„Datum. Jetzt. Nicht nachdenken. Einfach sagen.“
„Äh, äh, ’97!“
„Weiter. Monat. Tag. Schneller!“
„Äh, Mai … 16ter, äh … nein … 14ter … äh, nee, doch 16ter … ach, fuck, ich hab’s verkackt, nä?“
„Ich fürchte, ja.“
„Und wenn ich schnell den Ausweis von meiner Mutter hole?“
„Und was soll das bringen? Lass es einfach. Komm wieder, wenn du 18 bist.“
„Och, menno! Und wenn ich nicht ganz hineingehe? Nur hier im Vorraum bleibe und mein Freund mir die Drinks hierherbringt?“
„Nein, du bleibst draußen. Ist gut jetzt!“
„Wo ist denn da der Unterschied, ob ich da draußen stehe oder drei Meter weiter hier drin? Versteh‘ ich nicht.“
„Das Schwellenproblem liegt dazwischen. Es teilt die Welten. Und in der einen Welt spielst du noch keine Rolle. Darfst du noch keine Rolle spielen. Jugendschutz-Gesetz. Dir ist das Feiern noch nicht erlaubt.“
„Und wenn ich sage, dass ich in der Schule ein Referat über den Jugendschutz auf dem Kiez halten will? Dann ist das doch kein Feiern, sondern forschen …“
„Ich werde auch gleich zum Forscher. Und stelle empirische wissenschaftliche Untersuchungen darüber an, wie wohl deine Eltern auf Anrufe mitten in der Nacht reagieren!“

Ihr bisher schweigend daneben stehender Freund sieht den Zeitpunkt gekommen, sich in die Diskussion einzuschalten.

„Was kriegstn du hier so an der Tür?“
„Geht dich gar nichts an! Bist du etwa auch ein Jung-Forscher?“
„Ja nee, sach doch mal, was du so die Stunde verdienst!“
„Weißt du doch nicht!“
„Deswegen frag‘ ich ja!“
„Ja nee, das war eine typische Wilhelmsburger Antwort, wenn man … ach, vergiss es. Warum willst du das denn überhaupt wissen?“
„Na, ich wollte dich als Security für unsere Schul-Party engagieren. Bist ja ein lustiger Typ, so für dein Alter.“
„Hallo? Geht’s noch? Nein, ich werde nicht für euch arbeiten. Übringens könntet ihr euch das sowieso nicht leisten!“
„Wieso? Alles, was über unser Budget hinaus geht, kannst du dir doch mit ‚Verticken‘ aufstocken.“
„Bitte was?!“
„Na, das macht ihr Türjungs doch sowieso. Ihr verkauft alles Mögliche am Eingang. Das weiß man doch.“
„Ich habe keine Ahnung, wo du deine Erkenntnisse herholst, aber mir reicht es jetzt mit diesem Dialog …“
„Ja nee, ich wollte dich nicht beleidigen. Ich mache das doch auch. Verticke alle möglichen Sachen bei mir an der Schule. Speed, Gras, Koks, Ritalin für die guten Noten und so Zeugs, nä … irgendwie muss man ja zu Geld kommen.“
„An welcher Schule bist du nochmal?“
„Da am Weichkeks-Gymnasium in Eppendorf*. Wieso?“
„Och, nur so. Könnten sich ja eventuell noch andere Leute für interessieren …“
„Neue Kunden? Cool! Danke.“
„Ja, äh, so ähnlich. Hier kannst du jetzt aber auch nicht mehr rein.“
„Wieso das denn nicht? Menno …“

Die Jugend forscht. Zwar im Trüben. Aber sie forscht. Nach neuen Erkenntnissen und erweiterten Horizonten. Ich hoffe nur, sie überlebt lange genug, um die Früchte der Suche genießen zu können.

*(Name geändert. – Die Red.)

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Vol. 31: Ausblicke (auf Fassaden)

Auf der Reeperbahn. Nachts um halb eins. Im Jahr 2020. Zwei weibliche Besucherinnen des weltberühmten Hamburger Rotlichtviertels schlendern „die Meile“ hinauf, rütteln hier und da an den Türen der Clubs und Bars. Alles verschlossen. Auch energisches Klopfen zeigt keinerlei Erfolg – es erzeugt nur seltsam hohle Geräusche. Eine männliche Person – etwa Anfang dreißig, gepflegtes, frisiertes Erscheinungsbild mit frisch gewaschenem Vollbart, modisch in Retro-Skinny-Jeans gekleidet – eilt zügigen Schrittes vorbei, hält dann inne, spricht die beiden Mädels an.

„Kann ich irgendwie helfen?“

„Tja, wir wissen nicht so recht, aber, sag mal, wieso haben hier alle Läden geschlossen? Ist heute irgendein Volkstrauertag? Wir kommen dieses Wochenende extra aus München, um hier ordentlich einen draufzumachen. Was ist denn hier los? Vor fünf Jahren sah das doch noch anders aus – da war hier Ramba-Zamba!“

„Vor fünf Jahren wart ihr das letzte Mal hier? Oha, da habt ihr aber so einiges verpasst … Ja, das mit den Clubs und so, das ist jetzt Geschichte. Gab ja immer nur Ärger. Mit den Käufern der neuen, hochpreisigen Eigentumswohnungen. Mit dem Ordnungsamt, der Baubehörde …“

„Es gab Streit mit den Anwohnern? Wegen Lärm, oder wie?“

„Nun, die Häuser wurden nach und nach an finanzstarke ausländische Investoren verkauft. Auch die stadteigenen Grundstücke hatte man irgendwann samt und sonders privatisiert. Und als endlich dieses alberne Denkmalschutzgesetz de facto abgeschafft wurde, ging es hier richtig rund in Sachen Modernisierung. Das war aber schon vor zehn, fünfzehn Jahren, müsst ihr doch mitbekommen haben …“

„Naja, stimmt – der Kiez sah jedes Mal anders aus, wenn wir alljährlich im Sommer zur Party herkamen – hatte fast schon etwas von ‚Redlight Disneyland‘.“

„Da sagt ihr was! Nach den ersten Rechtsstreitigkeiten mit den neuen, zahlungskräftigen Anwohnern in den Luxuswohnungen und den nun vierteljährlich sich ändernden behördlichen Vorgaben für Schalldämmung, Abluft, Öffnungszeiten und so weiter setzte ein Club- und Kneipensterben ein, das alle alteingesessenen Etablissements dahinraffte. Die Behörden begriffen indes, dass sie hier etwas machen mussten, wenn die Stadt ihre weltberühmte Attraktion – die ‚tolle Meile‘ – nicht gänzlich verlieren wollte. Ging ja auch um reichlich Steuer-Einnahmen rund um den Party-Tourismus. Also schuf man Fassaden.“

„Wie, Fassaden?“

„Nun, jeder Club der dichtmachen musste, wurde quasi konserviert. Die Front des Hauses blieb gleich – mit allen blinkenden Lichtern, Werbemitteln, Getränkekarten, Party-Plakaten etc. Vor manchen standen sogar noch eine Zeit lang extra engagierte Türleute, die einfach jeden abwimmelten, der hinein wollte. Hat man aber wieder abgeschafft – rechnete sich einfach nicht. Hinter den Fassaden brachte man ganz ökonomisch die Verwaltungen unter. Hier in dem alten Strip-Club befindet sich beispielsweise die Wirtschaftsbehörde …“

„Und wo feiern die Leute jetzt?“

„Oh, wir haben jetzt hier alle vier Wochen Schlagermove. Die ziehen mit ihren Wagen unter Zimmerlautstärke über die Reeperbahn und steuern anschließend die Hafencity an. Die steht ja mittlerweile leer. Will keiner mehr wohnen da, in diesem zugigen Reichen-Ghetto. Außerdem gibt es jedes Wochenende im Wechsel ein Radrennen, einen Marathonlauf, den Hafengeburtstag und natürlich die Harley Days.“

„Jeden Monat?“

„Jeden Monat! Schallgedämmt und mit Getränkebehältern aus sich selbst kompostierendem Material. Muss man allerdings schnell trinken. Löst sich zügig auf, der Scheiß. Macht aber nichts, wenn man kleckert. Die Stadtreinigung geht immer am Ende des Umzugs mit und spritzt die Straße wieder sauber. Und natürlich gibt es Führungen. Rundgänge über den Kiez, bei denen man sachkundigen Rednern über Kopfhörer zuhören kann. Die erzählen davon, wie es hier früher mal aussah. Ganz spannend eigentlich. Mittlerweile hat man aber die Zahl der Kiezführungen auf rund 25 Stück limitiert – rannten sich immer gegenseitig über den Haufen.“

„Und wo kriegt man jetzt was zu trinken? Man kommt doch trotzdem immer noch zum Feiern her, oder?“

„Ja, klar gibt’s Drinks. An einem der vielen Kioske. Guckt, der da vorne hat ganz leckere Cocktails. Darf ich euch auf einen Caipi einladen?“

„Na, aber sicher doch! Wegen der Caipis sind wir ja schließlich hier, nä …“

Die Zukunft ist ein unsichtbares Land … oder etwa doch nicht? Es bleibt schwierig.

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Vol. 30: Tragische Protagonisten des Kiezlebens: Der Wirtschafts-Student

„Hey, das ist toll, dass du heute hier bist! Wir hatten da auch ein bisschen drauf spekuliert – sollst ja schließlich mitfeiern, ähm …“

Von den vielen bedauernswerten Gestalten im gastronomischen Kiezleben kommt dem „Wirtschafts-Studenten“ eine besondere Rolle zu: Er ist quasi die personifizierte Tragik des Scheiterns. Sichtbar für jeden steht er Abend für Abend, Wochenende für Wochenende hinterm Tresen und man kann ihm dabei zuschauen, wie er im Laufe der Jahre langsam im Sumpf der Nacht versinkt. Bis auch der letzte seiner Träume hoffnungslos feststeckt im Morast der verstrichenen Jahre.

Dabei hatte alles so fröhlich begonnen. Gleich nach dem Schulabschluss unternahm er eine längere Reise ins Ausland, um „den Kopf frei zu kriegen“, um zu sich selbst und herauszufinden, was er mit seinem Leben wirklich anfangen will. Indonesien, Thailand, Mongolei oder Gomera (Valle Gran Rey, natürlich, nicht diesen touristenverseuchten, dem Kommerz verschriebenen anderen Teil der Insel). Auf seiner Wander-Gitarre am Strand mehr oder weniger virtuos vor sich hinklampfend sowie ab und an am Joint ziehend, den er bereitwillig mit anderen Suchenden teilt, die ebenfalls am Feuer im Sand sitzen und vor sich hin trommeln, formuliert er für sich die aufregendsten Zukünfte: Entwicklungshelfer in Afrika, Performancekünstler im Hamburger Schanzenviertel, Autor sozialkritischer, bewusstseins- und gesellschaftsverändernder Bücher oder vielleicht Mediziner … ja, das ist es: Tropenmediziner! Jemand, der ein bezahlbares Medikament gegen irgendeine üble Dritt-Welt-Seuche erfindet, das sich jeder leisten kann, mit dem man viele Leben retten wird. Das ist sein Beruf. Da wird er – wegen der nötigen Feldforschung – viel herumkommen in der Welt. Und sein Leben, sein Wirken wird einen Sinn haben!

Spürbar gereift von der horizonterweiternden Reise wieder daheim eingetroffen, schreibt er sich sogleich an der Uni ein. Dank bester Abitur-Noten kein Problem. Da er von vornherein auf eigenen Beinen stehen will, sucht er sich auch gleich einen Job. Fündig wird er in der Gastronomie auf dem Kiez. Die Personal-Fluktuation ist hier naturgemäß hoch und der Bedarf an Nachwuchskräften daher stets groß. Er beginnt seine Gastro-Karriere als „Schlepper“. Ein Job, der ohne Zweifel zu den härtesten im Trinkservice-Gewerbe gehört: Du schlängelst dich, schwer bepackt mit Leergutkästen, durchs feiernde Gäste-Gewühl; sammelst unter fortwährenden Stößen spitzer Ellenbogen und schweißfeuchtem Reiben an tanzenden, johlenden Partykörpern die leeren Gläser und Flaschen auf der Tanzfläche ein. Dann füllst du unter permanentem Zeitdruck die Kühlschränke hinter den Tresen wieder auf. Deine Vorfahren unter Tage im Bergbau fühlten sich gewiss ähnlich. Indes war ihr Job weniger gefährlich: nur selten kotzte ihnen jemand in den Nacken …

Zum Glück stellt sich der Student gut an, hat nebenbei das schnelle und saubere Zapfen gelernt und steigt zügig zum professionellen Kapselheber am Holz auf. Hier hinter der Theke verdient er als Tresenschlampe (ist nicht diskrimierend – da beide Geschlechter damit gemeint sind) sogar mal richtiges Geld, wenn man den üppigen „Tipp“, das großzügig erhaltene Trinkgeld, dazu rechnet.

Und genau jetzt setzt auch der schleichende Prozess des Klebenbleibens ein.

Der Medizinstudent beginnt sich im Nachtleben einzurichten. Die meisten seiner ursprünglichen Freunde brechen weg, da er immer dann, wenn sie feiern wollen, arbeiten muss. Tja. Irgendwann wird er wegen des ständigen Absagens nicht mehr zu Partys eingeladen. Neue persönliche Beziehungen findet er nur noch auf dem Kiez unter den anderen nachtarbeitenden „Wirtschafts“-Studenten. Man geht nach der Schicht noch zusammen auf ein Feierabendgetränk in eine der länger geöffneten Kneipen. Die Wochenend-Nächte werden länger. Es ist schwere Arbeit, von der man sich die Woche über erholen muss. Der Schlafrhythmus passt sich an. Man lebt im Dunkeln, pennt im Hellen. Von Wochenende zu Wochenende.

Ach, den „Schein“ kann ich doch noch im nächsten Semester machen, die Prüfung später absolvieren. Das geht auch im Hauptstudium. Am Ende, nach dem Diplom, fragt doch niemand mehr, wann du welche Klausur geschrieben hast. Kräht kein Hahn nach. Oh, in diesem Sommer stehen etliche Festivals auf dem Programm. Da kann man hinterm Tresen „ne ordentliche Mark“ machen – muss das Praktikum eben noch warten …

Und dann ist er da, dieser spezielle Moment: Deine ehemaligen Kommilitonen besuchen dich im Club. Freuen sich, dass du ihnen die Biere zapfst, bei ihrer Abschlussfeier. Sie fragen dich, wie es eigentlich mit deinem Studium so läuft … und du sagst, dass du gerade eine Auszeit nimmst. Oder du erzählst eine leicht durchschaubare Münchhausen-Geschichte von „redaktioneller Mitarbeit“ in einem Medizin-Magazin. Du wirst dir Mühe geben, über dieses leicht verkniffene Lächeln der angehenden Ärzte-Elite hinwegzusehen, das dir sagt, dass sie wissen, dass du weißt, dass sie wissen, dass du Blödsinn erzählst. Aber sie helfen dir, dein Gesicht zu bewahren – denn: es feiert sich schlecht, wenn das Scheitern die Drinks serviert.

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Vol. 29: Tragische Protagonisten des Kiezlebens – Der Hobbygastronom

„Und? Wie geht’s so?“
„Och, alles fein eigentlich. Wäre zwar auch ganz gern auf dem Festival da am Strand, wo meine Freunde alle sind, aber einer muss den Laden ja schmeißen, nä …“

Der Gastronom hat gerade dicht gemacht und möchte sich jetzt noch einen schnellen Feierabend-Drink gönnen, bevor’s nach Hause geht. Kurz schlafen, dann wieder ab zum Großmarkt: Getränke heranschaffen. Hat sich bei der Waren-Kalkulation letzten Dienstag etwas verschätzt. Mal wieder. Muss er selbst machen, da sein Betriebsleiter-Schrägstrich-Geschäftsführer kurzfristig ausgefallen ist. Dringender Festivalbesuch. Hilft ja nix. Socializing beim Publikum. Gehört dazu – ist ja wichtig, die Kundenpflege. Der Inhaber schmeißt derweil den Laden allein. Macht er oft. Aber so ist das nunmal in der Gastronomie: Freizeit hast du wenig – „Immer am Ball bleiben“ lautet das Motto.

Es gibt viele tragische Figuren auf dem Kiez. Protagonisten des Nachtlebens, die irgendwie zu bedauern sind, denen man unweigerlich beim „Schöner Scheitern“ zuschauen muss. Denen aber eigentlich auch nicht wirklich zu helfen ist. Ganz weit vorn steht für mich in diesem Zusammenhang der so genannte „Hobbygastronom“. Früher selber für einige Jahre in einem Club hinterm Tresen gewesen, als Türmann, Booker oder DJ tätig, überlegt er sich irgendwann: Ach, mein normaler Job im Büro, im Klassenzimmer – das ist alles so langweilig und vorhersehbar. Soll ich das wirklich bis zu Rente machen? Ich habe doch Erfahrung in der Gastronomie, wieso mache ich eigentlich nicht selbst mal einen Laden auf. So einen richtig geilen Schuppen. Vielleicht sogar mit Live-Musik. Das wäre der Hammer! Kenne ja auch genug Leute – die Hütte müsste doch von Anfang an bummsvoll sein. Und die anderen Gäste, das Laufpublikum, kommt dann von ganz allein. Wollen ja dabei sein, bei der Party. Wer wagt, der gewinnt! Und außerdem: Wer seine Leidenschaft zum Beruf macht, der muss keinen Tag in seinem Leben mehr arbeiten.

Dank tatsächlich vorhandener Kontakte im Nachtleben des Hamburger Kiez gelingt dann schnell eine Verhandlungsaufnahme mit den freundlichen Vertretern der Getränkeindustrie. Man wird sich flugs handelseinig. Mindestabnahme-Mengen werden zuversichtlich optimistisch eingeschätzt, der Zulieferer hilft generös bei der Finanzierung der Bar-Grundeinrichtung. Auch ein passendes Objekt ist zeitnah gefunden. Stehen immer wieder welche leer. Vor allem die, die sich gleich um die Ecke einer gut besuchten Straße befinden. Hier müsste man doch was reißen können! Warum das vorher noch niemand so richtig mit Hand und Fuß versucht hat? Hatten wohl einfach kein griffiges Konzept.

Über Wochen wird dann das Objekt der glänzenden Zukunft enthusiastisch hergerichtet. Mit amtlich schweißtreibender Eigenleistung – Handwerker sind schließlich teuer, vor allem diese Spezialisten für Gastronomie-Elektrik, Akustik-Dämmung und Raum-Abluft. Das macht man kurzerhand selbst. Anleitungen gibt es heute ja jede Menge im Internet. Bei Youtube sogar mit Videos. Den Tagesjob zieht man noch eine Weile parallel durch. Doch spätestens mit der Erkenntnis, dass der Tag tatsächlich nur 24 Stunden hat, wird einsichtig gekündigt. Man will sich fokussieren. Konzentrieren auf das Wesentliche: Die Realisierung der eigenen Bar.

Dann ist alles fertig. Sogar eine halbe Stunde vor der feierlichen Eröffnung. Eigentlich hatte man mittlerweile schon eine Baustellenparty geplant. Die Gäste strömen ins Objekt. Ok, sie tröpfeln eher: da man versehentlich übersehen hatte, dass heute auch ein wichtiges Champions-League-Match im Fernsehen übertragen wird. Leinwand und Beamer sind zwar vorhanden. Aber die Elektrik funktioniert noch nicht so richtig. Was soll’s, heute wird gefeiert.

Wie die nächsten Wochen auch. Viele Freunde kommen zu Besuch. Man fühlt sich wie im eigenen Wohnzimmer. Toller Laden! Klasse Musik. Endlich mal das, was man wirklich hören will, nicht dieser Mainstream-Kack, der überall sonst läuft. Ach ja, schreibst du die Drinks auf nen Deckel? Cool, danke! Kein Problem: wir kennen uns ja alle schon ewig.

Rücklagen sind genug da. Reichen locker für drei Monate. Dann wird der Club ja wohl was abwerfen. Die Kiezbesucher müssten nur einfach mal den Schritt um die Ecke machen, mal gucken, wo die wirklich guten Läden sind – nicht immer nur auf der Partymeile herumrennen. Die „Gema“ ist ganz schön teuer. Das mit der Live-Musik lassen wir besser. Apropos: Wir. Wo ist eigentlich mein Kompagnon schon wieder? Der wollte doch heute von Anfang an mithelfen! Muss ich wohl wieder alleine ran. Die Behörden wollten auch noch vorbeischauen. Wegen der Abluft. Und der Mieter über uns meckert auch schon wieder, will „die Bullen“ holen – wieso haben wir die Wohnung eigentlich nicht doch gleich mitgemietet, wie der Gastro-Makler empfahl?

Na, morgen kümmere ich mich um den Papierkram. Und mit dem Getränke-Vertreter muss ich auch nochmal reden: Die liefern immer viel zu viel. Kann man gar nicht alles an den Mann bringen. Vor allem diese komischen neuen Energydrinks. Läuft einfach nicht. Und ich habe mir mal die Gewinnmarge ausgerechnet: irgendwie verdienen wir da gar nichts dran. Das ist doch auch nicht Sinn der Sache, oder? Hauptsache ich werde nicht krank. Das kann ich mir echt nicht leisten. Na gut, erstmal Feierabend. Lohnt ja nicht heute. Sind alle beim Festival. Ach, ich geh‘ noch einen trinken …

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Vol. 28: Türfrauen – ein ganz spezielles Thema

„Sorry, ich verstehe dich nicht. Was hast du gesagt?“ Der Gast beugte sich noch ein wenig weiter vor – tiefer hinein in die Luke des Holzverschlags, in dem sich die Kasse mit der angeschlossenen Garderobe befand. Und einer leise lächelnden Türfrau. Musste ich mir Sorgen machen ..?

Das Thema „Türfrauen“ ist natürlich eine recht heikle Angelegenheit. Zum einen bemühe ich mich schon mein Leben lang, nicht in altbackenen, überkommenen Rollenklischees zu denken; „Frauen können dies besser, Männer sind in jenem kompetenter …“ – alles längst überwundene Denk-Schemata. Im Prinzip kann jeder alles machen, heutzutage. Egal, welchen Geschlechts. Oder?

Zugegeben: die Anwesenheit einer Türfrau erleichtert den Joballtag ungemein, wenn die Lokalität von vielen weiblichen Gästen frequentiert wird. Zum Beispiel beim leidigen „Fremdgetränkeschmuggel“. Männliche Gäste kannst du als Kerl vorm Eintreten darum bitten, sie abtasten zu dürfen. Bei den Mädels hingegen sind dir sowohl gesellschaftlich als auch gesetzlich die Hände gebunden. Ist ja auch in Ordnung so. Nur leider kannst du dir dann jeden Morgen nach Feierabend die Kritik des Ladeninhabers darüber anhören, dass sich morgens wieder jede Menge PET-Flaschen, Getränkedosen und Biergebinde, die hier in diesem Club nicht verkauft werden, angefunden haben. Und du weißt: Die Mädels haben den Stoff hineingetragen, während sie dir völlig unschuldig und total hämisch lächelnd einen Blick in ihre Handtaschen erlaubten.

Damit ist Schluss, wenn man(n) eine Kollegin parat hat. Und es macht wirklich Spaß, die entgleisenden Gesichtszüge bei den Gästen zu beobachten, wenn sie begreifen, dass sie gleich auffliegen werden. Überdies ist die weibliche Security immens hilfreich, wenn es gilt, übermäßig besoffene, halsstarrig die Aufforderung zum Verlassen der Lokalität ignorierende Besucherinnen aus dem Club zu geleiten. Hier siehst du dich als Mann ansonsten schnell einem grimmigen Lynchmob gegenüber. Clubgäste, die entschlossen zur Rettung der vermeintlich hilflosen Prinzessin schreiten, der offenbar von einem brutalen Unhold gerade Gewalt angetan wird.

Andererseits zeigte mir schon sehr oft die Praxis, dass ich bei den anstrengenden krankenpflegerischen Aspekten des Türjobs – etwa dem Hinaustragen von Tiefschläfern – gänzlich auf mich allein gestellt bin. Von der Kollegin bekommst du zu hören: „Ach Gottchen, du bist doch so’n starker Kerl – soll tatsächlich ich jetzt da ran und schwer heben? Wie sieht denn das aus, sag‘ mal?“ Und du fällst dann mit verkniffenen Mundwinkeln auf die Restspuren Machismo in deinem Herzen herein und gehst schleppen. Du Mann. Verdammte Axt.

In punkto Deeskalation übrigens wird die Anwesenheit einer Türfrau bei Weitem überschätzt. Von wegen, „die Kerle benehmen sich besser gegenüber einer Frau“. Schaut euch einmal an, was passiert, wenn die Türsteherin einen oder mehrere Jungs mit tatsächlichen oder eingebildeten „südländischen“ Wurzeln und dem damit oft einhergehenden Machokulturhintergrund-Handicap am Clubeingang abweist. „Ey, Digga, sagt die Bitsch, isch bin zu besoffen? Was redet die Frau überhaupt ungefragt, Alda. Issas deine? Rufs’u die mal zur Ordnung, Digga!“ Regt sie sich dann berechtigterweise auf, ist das farbenfrohe Straßentheater quasi programmiert …

Zudem darf ein wichtiger Aspekt bei der Türsteherei nicht vergessen werden: Dieser Job lockt oft genug Leute an, die ihn aufgrund ihrer psychischen Voraussetzungen auf gar keinen Fall ausüben sollten. Etwa, wenn bei ihnen „die Lunte schnell brennt“ – sie sich schnell aufregen. Oder Zeitgenossen, die sich für erlittenes Mobbing zu Schulzeiten rächen wollen, indem sie jetzt auch einmal am längeren Hebel sitzen. Von „Sadisten“, „Krawallos“, „Blockwarten“ oder „Machtmenschen“ will ich gar nicht erst anfangen. Seltsamerweise waren meine aggressivsten Türkollegen, vor allem die unberechenbaren und solche, die von allein nicht mehr „herunterkommen“, weiblichen Geschlechts … Aber, wie schon eingangs erwähnt: ich gebe mir Mühe, offen und frei von Vorurteilen zu sein. Zumal ich auch richtig kompetente Kolleginnen kenne, mit denen es ein Vergnügen ist, am Clubeingang zusammen zu arbeiten.

Ach ja, was die Türfrau vom Anfang dem sich vorbeugenden Gast zuflüsterte?

„Wenn du noch näher an mich heranrückst, werte ich das als tätlichen Übergriff und werde mich verteidigen …“

Es bleibt schwierig.

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Vol. 27: Welt ohne Türleute

Neulich wurde ich beim Regeln des Einlasses („Erst aussteigen lassen, dann einsteigen – das kennt Ihr doch!“) von einem männlichen Gast mit den Worten angeraunzt: „Ey, ihr Türtypen, wofür braucht man euch eigentlich? Ihr steht doch bloß in der Gegend herum und nervt. Alles wäre besser ohne euch!“ Ich schob ihn freundlich, aber bestimmt zurück in die Schlange der Wartenden. Und dachte darüber nach, wie es wohl tatsächlich wäre, wenn alle Türleute urplötzlich verschwänden. Frei nach der Dokufiktion „Zukunft ohne Menschen“ entspann sich dabei in meinem Kopf folgendes Szenario.

1 Stunde nach dem Verschwinden der Türleute: Zunächst passiert nicht viel – die Kiezbesucher haben ohne den vertrauten Anblick der schwarz gewandeten Security große Probleme, die Clubeingänge zu finden. Dann tasten sich die ersten vor. Halten in den Eingangsbereichen hinter den Türen inne. Drängen sich schnell auf engstem Raum, da sie niemand zum Weitergehen auffordert. Durst leiden sie nicht – dank des großzügig mitgeführten Dosen-Vorrats an „Vorglüh“-Whiskey/Cola.

2 Stunden nach dem Verschwinden der Türleute: Infolge des Drucks permanent nachrückender Gäste löst sich der Pfropf im Vorraum mit einem dumpfen „Fump!“ Gästelawinen ergießen sich ins Innere der Clubs. Das Thekenpersonal zieht sich panisch in die Getränkelager hinter den Tresen zurück. Errichtet Barrikaden aus leeren Bierkästen.

3 Stunden nach dem Verschwinden der Türleute: Die ersten Minderjährigen entdecken die unbewachten Clubtüren, machen ein paar vorsichtige Schritte hinein. Zunächst noch ungläubig zücken sie schon bald ihre Smartphones, informieren Freunde und Bekannte. Kurz darauf verlässt eine Karawane jugendlicher Begeisterung sämtliche umliegenden Privatpartys und zieht gen Kiez.

4 Stunden nach dem Verschwinden der Türleute: Die Läden sind gerammelt voll, die Kioske in der Nähe von sämtlichen Bierdosen entkernt, erste Gäste dringen hinter die Tresen vor, nähern sich dem richtig teuren Hartalkohol. Einige schlummern bereits selig in ihren diversen Körpersäften auf dem Dancefloor, liegen auf den Treppen und stapeln sich in den Notausgängen.

5 Stunden nach dem Verschwinden der Türleute: Sämtliche Dj-Pulte sind mittlerweile verwaist und fest in der Hand der Gäste. Mit dem Ergebnis: Es läuft „Remmidemmi“ von Deichkind im Wechsel mit Helene Fischers „Atemlos“ – als Dauerschleife. In den Köpfen der Menschen herrscht infolgedessen nur noch weißes Rauschen, ihre Arme heben sich reflexartig zum „Party machen“, hier und dort ertönt mattes, rhythmisches Pfeifen.

8 Stunden nach dem Verschwinden der Türleute: Ohne Security wird nirgendwo der „Feierabend“ durchgesetzt, niemand verlässt die Partylocations der Stadt. Alles ist versunken im weinseligen Alkoholdunst, man erwacht, schwenkt die Arme, ratzt wieder weg, legt nach, lässt sich den Alk nochmal durch den Kopf gehen, füllt erneut auf. Die Straßen und Plätze der Stadt sind menschenleer. Keine Bewegung in der geisterhaften City, alle bleiben im Dunkel der Läden, trinken weiter, die Party ist im Stadium des Perpetuum Mobile angekommen.

10 Stunden nach dem Verschwinden der Türleute: Niemand geht zur Arbeit, die öffentliche Ordnung gerät ins Wanken, bricht zusammen. Alle Räder stehen still. Noch immer ist genug Alkohol allerorten vorhanden, um etwaige aufkeimende Zweifel am Geschehen sogleich zum Verstummen zu bringen.

12 Stunden nach dem Verschwinden der Türleute: Nach und nach verlöschen die Lichter auf der Erde, wie man auf der internationalen Raumstation ISS verwundert zur Kenntnis nimmt. Man fragt nach, was los sei, aber das Kontrollzentrum schweigt. Die Erde kommt zur Ruhe.

24 Stunden nach dem Verschwinden der Türleute: Die geheimen Bewohner der Stadt – Fuchs, Reh, Wildschwein, Marder, Waschbär – tasten sich verwundert in die Leere der City vor, nehmen schnüffelnd und sichernd die verlassenen Wege und Plätze für sich ein. Erste Pflanzenwurzeln durchbrechen den Asphalt. Das Verstummen der ehemals lärmenden Menschen lässt die Welt aufatmen. Schon bald wird sich Mutter Erde ihren Leib wieder vollständig zurückerobert haben. Der blaue Planet gleitet ruhig und entspannt auf seiner Reise um die Sonne durchs All. Das ebenso kurze wie erschreckende Kapitel der Menschheit hat in der kosmischen Geschichte sein Ende gefunden …

Irritiert schüttelte ich den Kopf und meine Sinne richteten sich wieder auf die Realität. Der Bursche vom Anfang stand erneut vor mir. Er hatte die vergangenen Minuten tatsächlich mehr oder weniger geduldig in der Schlange stehend verbracht. „Warte mal bitte kurz. Was ist das, was du da in deiner Jacken-Innentasche versteckst?“ „Nix, wieso?“ „Das ist doch eine Dose Whiskey-Cola. Ein Fremdgetränk. Das lässt du aber bitte draußen, wenn du hier reinwillst.“ „Was’n für’n Fremdgetränk? Das habe ich bei euch gekauft, ey!“ „Wie das denn? Du warst doch noch gar nicht drin …“ „Boah, ey, ihr Türtypen seid solche Klugscheißer, ey! Euch braucht die Welt echt nicht!“ „Tja, da könntest du recht haben – die Welt, die braucht uns tatsächlich nicht …“

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Vol. 26: Wie man auf jeden Fall in den Club hineinkommt

Oft werde ich ja außerhalb des Kiezes danach gefragt, wie man sich denn am Wochenende wirklich vor einer Tür verhalten soll, wenn man nicht an der Security scheitern, sondern unbedingt in den Club hinein möchte. Nun, da dies offensichtlich noch immer nicht in den schulischen Lehrplänen verankert ist, möchte ihr hier einmal kurz umreißen, wie denn eine „Eintrittsstrategie“ aussehen könnte.

Sobald dein Partypulk in voller Stärke und ordentlich vorgeglüht vor dem Eingang versammelt ist, gilt es sogleich, den Türmann frei nach dem Motto „Gruppenumarmung“ von allen Seiten zu umzingeln, ihm möglichst vielhändig auf die Schultern zu klopfen (ruhig fest zupacken: der Mann ist gut im Training und folglich nicht aus Zucker), an ihm herum zu zerren, mit den Händen vor seinem Gesicht herum zu fuchteln und unbedingt unablässig auf ihn einzureden. Hierbei ist zu beachten, dass ihr sehr dicht an den Türsteher herantretet und so laut wie möglich sprecht, denn schließlich stehen wir hier vor einer Disko oder einer Tanzbar und der gehörgeschädigte Dj gibt in der Regel alles, um auch die angrenzenden Straßen mit dem nötigen Sound zu versorgen.

Erläutert dem Türmann eure Planung für den Abend, singt ihm ein lautes, lallendes Ständchen und lenkt währenddessen von euren Rucksäcken und Citybags ab. Schließlich transportiert ihr als echte Profi-Kiezgänger hierin eure voluminösen Tetrapaks und 1,5-Liter-Colaflaschen mit der speziellen Mische für den Abend. Sollte er aufgrund des Gewichtes und der kantigen Ausbuchtungen eurer Behältnisse stutzig werden, macht das gar nichts: Das Fremdgetränkeverbot gilt heute natürlich nicht. Vor allem nicht für euch.

Einer von Euch sollte jetzt dem Türmann mit feuchter Aussprache erläutern, dass er seinen Job früher auch für viele Jahre ausgeübt hätte (dies funktioniert vor allem dann prächtig, wenn derjenige ganz offensichtlich erst neulich seinen 20sten Geburtstag erlebt hat). Um die Behauptung mit professionellen Taten zu untermauern, stellt man sich vor den Türmann und führt stellvertretend Taschenkontrollen an irgendwelchen Gästen durch, fragt nach Stempeln, beginnt willkürlich zu selektieren und versucht, weibliche Gäste „auf Waffen und Drogen“ abzutasten. Dabei ist es ratsam, den mitgeführten riesigen Tetrapack umherzuschwenken. Macht Euch keine Sorgen, wenn ein wenig von dem Inhalt verschüttet wird: Das Party-Outfit darf ruhig nach exzessiver Feierei aussehen und der Türmann, nun ja, der ist das gewöhnt und außerdem abwaschbar.

Sollte er dennoch Protest einlegen und versuchen, Euren „Türsteher-Profi“ sanft zur Seite zu schieben, erläutert ihm, dass er locker bleiben soll und dass ihr zudem seinen Chef sehr gut kennen würdet.

Sollte Euch von der ganzen Herumhampelei im Eingang übrigens schlecht werden … nun ja, ich erwähnte bereits die Abwaschbarkeit der Türleute. Allerdings kommen echte Profis dem Vomitierungsbedürfnis erst im Club nach: hier gibt es den Tresen, das Dj-Pult; und auch der Fußboden der Toilette eignet sich ganz vorzüglich als Fläche für die Rückwärtsernährung. Apropos Toilette: Wer sich an den Pissoirs anstellt, outet sich unweigerlich als Amateur. Du hast das nicht nötig – die Dinger kann man problemlos auch zu zweit benutzen. Sollten schon einige sachkundige Gäste anwesend sein und die Lücken gefüllt haben, nun: da gibt es eine einfache Lösung – schon mal überlegt, weshalb in jedem Kneipen-Toilettenboden ein Abfluss installiert ist? Siehste, wieder was gelernt!

Aber das ist Zukunftsmusik – noch ist die Situation „Draußen vor der Tür“ nicht gänzlich ausgereizt. Das berühmte Türsteher-Interview fehlt noch: Hierzu muss man dem Securitybeauftragten originelle Fragen stellen. Etwa, ob er die ganze Nacht hier stünde, ob es nicht verdammt kalt sei, wie viel er in etwa verdiene, in welcher Klasse er die Grundschule abgebrochen habe, warum er gerade hier stünde, wo ihm doch dauernd die Tür ins Kreuz oder vors Gesicht donnere oder ob ihm nicht langsam langweilig würde. Denkt bitte dran: Immer schön feucht sprechen, dicht heranrücken und den Türmann regelmäßig anfassen – das hilft ihm, sich besser auf Euch zu konzentrieren. Ihr werdet sehen, so seid Ihr in jedem Club gern gesehene Gäste, die sofort Einlass finden. Eurem spaßigen Abend auf der Partymeile steht nichts mehr im Wege!

Ach, übrigens: erwähnte ich eigentlich, dass sämtliche oben genannten Tipps selbstverständlich nur für die Zeit des Schlagermoves (Hamburg), der Wies’n (München) oder des Karnevals (Köln) gültig sind? Zu allen anderen Gelegenheiten wäre ein solches Verhalten der beste Weg, um sich für den „Darwin Award“ zu bewerben …

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Vol. 25: Wer ist der bessere Türmann?

Eine Frage, die so alt ist wie das Türsteher-Gewerbe selbst: Wer ist der bessere Türmann? Der Nette? Der Griesgrämige? Welche Einstellung soll der Türmann zu den Gästen haben? Soll er seinen Dienst mit einer freundlichen Grundhaltung versehen, geleitet von einem positiven Bild des Menschen, der auf seiner Schwelle vorspricht? Oder ist vielleicht doch eher stetes Misstrauen angezeigt gegenüber den Motiven der Clubbesucher? Anders formuliert: Ist der Philanthrop, der Menschenfreund, der bessere Türmann? Oder doch der Menschenfeind, der Misanthrop?

Der intensive Umgang mit Menschen in großer Menge, in chaotischer Bewegung, ist harte Arbeit. Der Türmann muss die Regeln des Hauses robust in der Ansprache, aber freundlich im Ton an den Gast bringen. Alles sehen, auf alles angemessen reagieren. Dies verlangt eine hohes Maß an fokussierter Konzentration. Doch wie tritt der Security-Beauftragte den Gästen nun in der Praxis gegenüber? Was ist die beste Methode, um im Sinne des Clubs zu handeln?

Ein Beispiel: In der Location ist schon reichlich Betrieb. Gäste gehen ein und aus, alles ist in Bewegung. Da steht eine junger weiblicher Gast vorm Eingang, begehrt Einlass. Der Türmann indes hat einen Verdacht und hält die Besucherin auf: „Einen Moment, junge Dame, würdest du bitte, bevor du hineingehst, die Flasche mit dem Fremdgetränk aus der Tasche herausnehmen und hier in die Kiste stellen?“

„Ich habe kein Getränk dabei!“

Der Menschenfreund würde nun noch einmal nachfragen, eindrücklich auf die Folgen des Hineintragens von Fremdgetränken hinweisen: Ärger für alle Seiten, lange Diskussionen, möglicher unangenehmer Rauswurf für den Abend. Soll sie sich nochmal überlegen. Dann seufzend den Weg freigeben. Und kurze Zeit später vom Tresenpersonal hineingerufen werden, um einen bestimmten weiblichen Gast wieder aus dem Club zu entfernen, der sich direkt vorm Dj-Pult eine große Flasche mit privater „Cola-Rum-Mische“ an den Hals gesetzt hatte …

Der Menschenfreund handelt so, weil er das Gute im Menschen sehen will. Durch Freundlichkeit möchte er die Gäste positiv beeinflussen, sich Profi-Gäste heranzüchten, denen die Regeln bewusst sind. Sie sollen Gelegenheit erhalten, ihr Handeln zu überdenken, aus ihren Fehlern lernen und später mit angenehmem Verhalten für gediegenen Umsatz sorgen. Wird der menschenfreundliche Türmann allerdings zu oft belogen und enttäuscht, verwandelt er sich unweigerlich in den Misanthropen, der von vornherein nichts Gutes erwartet hat.

Dieser hätte den weiblichen Gast mit dem verborgenen Schmuggelgut sogleich der Lüge bezichtigt und auf Nachfrage geantwortet: „Woher ich weiß, dass du lügst? Nun, du bist ein Gast und hast den Mund aufgemacht! Wenn du hineingehst und die Flasche mitnimmst, wirst du erwischt werden und von mir Hausverbot bekommen. Und zwar unbegrenzt bis auf Weiteres.“ Der Menschenfeind erwartet, betrogen und belogen zu werden. Das ungute Handeln der Menschen bestärkt ihn noch weiter in seiner Haltung. Und irgendwann führt kein Weg mehr aus der Misanthropie hinaus. Dann muss er, bildlich gesprochen, für immer in der Nacht arbeiten.

Doch wer ist jetzt der bessere Türmann? Nun, das ist natürlich der Realist! Er entzieht sich der leidigen Fremdgetränk-Diskussion, indem er den Personalausweis des Gastes zu sehen verlangt. Er wird feststellen, dass sie noch minderjährig ist, und sie mit dem Hinweis fortschicken: „Hier erst ab Achtzehn!“. Dieses Handeln ist sauber, sachlich und neutral – es bleibt frei von Auswirkungen auf die Psyche des Realisten. Er schüttelt alles problemlos am Ende der Schicht ab und geht beschwingt lächelnd nach Hause.

Immer schön cool bleiben. Und nicht aufregen, liebe Türkollegen.

Ruhige Schicht!

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Vol. 24: Festliche Tür-Deko zur Osterzeit

„Ja nee, sach mal, du hast die Dinger ja schon wieder nicht auf! So geht das nicht!“ Die Geschäftsführerin des Clubs hatte langsam die Faxen dicke. „Unsere Gäste müssen das sofort sehen, wenn sie in die Straße einbiegen. Du bist ein wichtiger Blickfang des Clubs! Das ihr Türtypen das nie in den Schädel kriegt … Mann, Mann, Mann …“

Nun, der Türmann ist bekanntlich der erste und letzte Eindruck einer Location. Und das meine ich ausnahmsweise einmal nicht handlungsbedingt, sondern rein optisch. Seine Laune, sein Auftreten, seine Art der Gäste-Ansprache kann – je nach Persönlichkeit – die Atmosphäre im Laden nachhaltig beeinflussen. Versieht er seinen Dienst verkniffen und grimmig, werden auch die Besucher nach dem Betreten einige Zeit benötigen, um sich zu entspannen. Ist er hingegen gut drauf, lächelt freundlich und legt einen willkommenden Ton an den Tag, werden die Gäste beschwingt ins Innere eilen und sofort ausgelassenen für Umsatz sorgen.

Nun ist dies den Profi-Gastronomen selbstverständlich bekannt und sie werden gut für ihre Secu-Jungs sorgen. Ein heimeliger Eingangsbereich, der unverbaute Zugang zu heißem Kaffee im Winter und eine stete Zufuhr koffeinhaltiger Kaltgetränke im Sommer. Ausreichendes Licht zur Ausweiskontrolle wird ebenso gewährleistet, wie möglichst wenig Zugluft – etwa indem das sonstige Personal ermahnt wird, rückwärtige Türen nicht offen stehen zu lassen. Glücklicher Türmann = glückliche Gäste.

Oder die Chef-Etage nutzt die Präsenz des Türmannes auf gänzlich andere öffentlichkeitswirksame Weise …

„Du sollst die verdammten Hasen-Ohren aufsetzen! Wir haben Ostern! Unsere Gäste müssen sofort sehen, dass wir auch bei diesem verdammten Fest mitmachen. Die kommen schließlich gerade zurück vom Besuch bei Mami und Papi! Die brauchen Zeit und eine heimische Kulisse, um sich wieder für die Party auf dem Kiez zu akklimatisieren … das ist auch dein Job, verdammt nochmal! Du willst dich nicht lächerlich machen? Quatsch! Die Gäste sollen Respekt vor dir haben, sonst kannst du dich nicht durchsetzen? Vor mir solltest du Respekt haben – ich zahl schließlich dein Gehalt, ey! Außerdem musst du ja kein komplettes Hasenkostüm anziehen, sondern nur diese witzigen rosa Pelzöhrchen. Setz‘ die Dinger jetzt auf. Guck: die Tresenleute und der Dj haben auch Hasenlauscher. Und ihren Spaß damit! Ey, hört auf, euch ständig hinter irgendwelchen Werbeschildern und Regalen zu verstecken. Die Gäste sollen euch sehen! Und dich erst recht, mein Freund. Los, aufsetzen oder du kannst nach Hause gehen!“

Der Versuch, den Türmann in die jahreszeitliche Dekoration des Clubs mit einzubeziehen, ihn quasi als Stimmungshöhepunkt in die Atmo zu integrieren, ist eine dieser Schnapsideen, die vor allem weiblichen Gastro-Chefs regelmäßig in den Sinn kommen. Ich weiß nicht, ob es ein Ausdruck allgemeinen Männerhasses oder die stellvertretend am Türsteher ausgelebte Rache am männlichen Geschlecht ist – schließlich haben fast alle schon länger auf dem Kiez arbeitenden Mädels viele grandios gescheiterte Beziehungen und mit Karacho gegen die Wand gefahrene Affären mit Gastro-Kerlen hinter sich und sind häufig noch lange danach porentief sauer. Aber das Ergebnis ist immer dasselbe: sie treten mit roten Weihnachtsmützen, bunten Schlager-Move-Perücken oder eben rosa Hasenohren aus dem Club sowie einem begeistert-gewinnenden Lächeln und den Worten, „du, wir haben da eine tolle Idee!“ Und der Türmann muss sich entscheiden: Mitmachen und morgen Brot auf dem Tisch haben oder aber Würde bewahren und hungrig ins Bett gehen …

Ich hatte zur Weihnachtszeit vor ein paar Jahren würde-technisch vorgesorgt und die rote, von der Tresenchefin ausgehändigte Nikolausmütze mit einer Jacke kombiniert, auf der „Knecht Ruprecht“ zu lesen stand. Sowie einer Rute, mit der ich etwaigen Fremdgetränk-Trägern hernach auf die Finger klatschte …

Liebe Gäste, tut Euch und allen Türleuten, denen ihr während festlicher Zeiten begegnet, einen große Gefallen und ignoriert entwürdigende Accessoires. Und vor allem: Wünscht nur denen „Frohe Ostern“, die in angemessenem Schwarz vor der Tür stehen dürfen. Vielen Dank.

Frohe Ostern Euch allen!

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Vol. 23: Türstreiflichter der Partynacht

Stolpern auf dem holprigen Pfad der Satzbildung. „Hey, Dastin, was machst du denn hier draußen in der Kälte? Warum kommst du nicht zu deinen Freunden in die Bar?“
„Das Ding is, der Türmann lässt mich nicht!“
„Du darfst nicht rein?“
„Naja, ich dürfte schon, Alder, aber ich muss vorher den ‚Digga-Dreisatz‘ schaffen, weissu …“
„Den was?“
„Ich soll drei Sätze sagen, die vollständig mit Artikeln versehen sind und in denen weder ‚weissu‘, ‚Party machen‘, ‚Digga‘, ’scheiß auf‘, ‚Alder‘, ‚ich schwör“, ‚ganz ehrlich‘ oder ‚das Ding is“ drin vorkommen!“
„Und wo ist da jetzt das Problem?“
„Das Ding is, ich schaff das einfach nich, Alder! Ich schwör‘, die können mich echt mal, ich geh jetz McDonnelz! Ganz ehrlich: Scheiß auf den Laden, Digga!“

Es bleibt schwierig …

Bis zum letzten Tropfen. Paul-Romulan Schreckstuhl hatte die Faxen dicke: Seine Entrüstung kannte keine Grenzen! Da verwies ihn dieser humorlose Schrat von Türsteher doch tatsächlich nicht nur des Ladens, nein, er sprach als Krönung auch noch ein persönliches, türmanngebundenes Hausverbot aus. Das war doch vollkommen übertrieben! Und alles bloß wegen dieses harmlosen Spaßes mit dem „Erledigt!“-Stempel. Wo war denn da das Problem, sag mal?

Den Mädels im Club hatte er den Aufdruck mit den Worten, „ich habe Geburtstag, und dafür bekommst du am Tresen die Drinks für die Hälfte“, aufgeschwatzt. Während er den Kerlen die Sache so erläuterte: „Jede Chica mit diesem Stempel habe ich schon einmal flachgelegt!“ Hätten ruhig mal mitspielen können, diese spaßbefreiten Tresendeppen … Und dann hatte dieser Türsteherarsch ihm auch noch den Flachmann weggenommen , den er sich beim Hinausgehen aus dem Hosenversteck nestelte, und den schönen Bourbon auf den Boden ausgeleert. Scheiße. Und pleite war er auch. Kiez, ey, am Arsch, ey – erstmal zum Bäcker!

Was vom Tage übrigblieb. Drei Mädels stehen draußen vor dem Club. Warten auf den Typen, der noch schnell seine Jacke von der Garderobe holt. „Also, eben im Licht fand ich den ja nich mehr so doll.“
„An der Bar sah das aber noch ganz anders aus!“
„Was mach ich denn jetzt?“
„Heimlich verpissen können wir uns jedenfalls auch nicht mehr – da kommt er schon angerauscht, mit einem, aua, beigen Blouson.“
„Machste halt zu Hause das Rollo runter und lässt das Licht aus.“
„Ist eh zu spät, was anderes aufzureißen.“
„Stimmt, die haben sich sowieso schon alle für heute in die Impotenz gesoffen …“

Es wird nicht einfacher …

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Vol. 22: Wieviele sind genug?

Neulich war ich wieder einmal gezwungen, einen „ehrenamtlichen“ Türmann aus dem Lokal zu entfernen – der recht angeheiterte, männliche Gast stand oben am Eingang zum zweiten Floor, kontrollierte fröhlich die Personalausweise der weiblichen Gäste. Als ich die Treppe hinaufstieg, beabsichtigte er anscheinend gerade, ein besonders kurvenreiches Exemplar „abzutasten“. Hierzu drückte er ihr mit den Worten, „halt ma‘ kurz“, sein Bier in die Hand, schob noch schnell seine Ärmel hoch und wollte gerade herzhaft hinlangen, als ich noch rechtzeitig dazwischen gehen konnte.

Auf dem für ihn ein klein wenig schmerzhaften Weg nach unten – Strafe muss sein, darf aber keine Spuren hinterlassen, also nur den Arm beim Führen ein wenig, äh, im Gelenk dehnen – fragte ein anderer Gast, wieviele von uns hier eigentlich heute tätig seien. Da oben hätten eben noch zwei weitere angeführt, sie wären hier die Türmänner und dürften deswegen auch überall rauchen. Fände er komisch. Ich auch. Noch mehr Nichtgäste warteten scheinbar auf den individuellen Türverbringungsservice.

Tja, eine Frage trat dabei wieder einmal in den Vordergrund: Wieviele Türleute sind genug? Wieviele braucht man tatsächlich, um ordentlich arbeiten zu können?

Fragt man einen Türmann, wird er sagen: immer einen mehr, als der Club-Inhaber einstellen will. Fragt man das Tresenpersonal, werden sie sagen: „Wie? Wir haben Türleute? 2 Euro 70, bitte!“ Fragt man den Dj, wird er sagen, dass er kein Wort verstünde, es sei so laut. Und außerdem hätten Türleute seiner Ansicht nach überhaupt gar keine Ahnung von Musik. Fragt man die Person an der Garderobe, wird sie sagen, dass sie einen gern permanent an der Ausgabeluke hätte. Dieser solle bitte den Gästen fortwährend die Sinnlosigkeit des Anstellens in Viererreihen nebeneinander erläutern – schließlich habe sie nur zwei Hände. Fragt man den Club-Inhaber, wird er sagen: immer einen weniger, als die Türleute haben wollen. Die seien schließlich teuer, das ginge ganz schön ins Geld. Und reicht denn nicht eigentlich auch eine Person? Ma‘ ehrlich, jetz‘?

Die Faustregel (ähem) besagt: Du brauchst 1 Türmann auf 100 Gäste, aber mindestens 3, wenn ein ordentlicher Sicherheitsstandard im Objekt realisiert werden soll. Meiner Erfahrung nach. Auf diese Weise können zwei den Service im Eingang gewährleisten: Volljährigkeits-Check, Betrunkene überreden, doch besser die Kneipe gegenüber aufzusuchen, Taschen, Rucksäcke oder Riesen-Seesäcke auf Fremdgetränke kontrollieren und so weiter. Während der Dritte im Objekt patrouilliert. Er checkt laufend die Atmosphäre, sondiert das Gefechtsfeld auf Taschendiebe, kann rechtzeitig bei aufkeimenden Streitfällen deeskalieren, erläutert halsstarrigen Rauchern das Rauchverbot bzw. bei erneuter Missachtung den drohenden Status als Nichtgast, fungiert als hartnäckiger Wecker von Tiefschläfern. Zudem ist er sogleich vor Ort, falls der Alarm seitens Tresen oder Dj ausgelöst wird, und kann seinen herbeieilenden Kollegen eine schnelle Lageeinweisung erteilen. Sonderfall: Gibt es noch Neben- oder Hintereingänge in der Lokalität oder ist eine Live-Veranstaltung geplant, sollten unbedingt noch je 2 zusätzliche Türleute eingeplant werden.

Das wäre der Idealzustand.

In der Realität hingegen kämpft man als Securitybeauftragter natürlich mit wirtschaftlichen Sachzwängen. Und gibt in chronischer Unterbesetzung als Duo sein Bestes. Nimmt dann auch stoisch die Kritik seitens des Gastronomen entgegen: „Da hinten vor der Garderobe habe ich schon wieder eine Bierdose gefunden, ihr müsst die Gäste unbedingt besser auf mitgeführte Fremdgetränke checken. Ich weiß: die Mädels schleppen immer den Scheiß rein und die dürft ihr natürlich nicht abtasten. Aber macht da mal bitte irgendwas. Außerdem bin ich mir nicht sicher, ob die Gruppe oben beim Dj-Pult schon komplett volljährig ist. Da muss mal einer ein Auge drauf haben. Einer von euch muss jetzt auch mal die Straße abgehen und schauen, wie es in den anderen Läden so stimmungsmäßig aussieht. Aber trotzdem drauf achten, dass keine Volltrunkenen währenddessen hier reintorkeln, nä! Beim letzten Mal, als euch kurz losgeschickt habe, sind hier gleich zwei Junggesellenabschiede unbemerkt aufgeschlagen – da müsst ihr besser aufpassen, nä!“

Es bleibt schwierig … Aber wir sind die Profis, kriegen es hin und lassen uns auch von der Logik nicht so schnell ins Bockshorn jagen.

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Vol. 21: Die Evolution des Taschendiebs

Es ist Samstagnacht. Grüppchen fröhlicher Gäste schlendern auf dem Hamburger Berg umher, wechseln von Lokalität zu Lokalität. Man begrüßt sich, man lacht, ist gut gelaunt, prostet sich mit Plastikbechern zu, das Wetter ist mild. Eine junge Frau mit imposanter, durch ein buntes Tuch turmartig über dem Kopf zusammengehaltener Wurmhaarpracht steht mit funkelnden Augen und gerecktem Kinn vor einem Türmann, der ihr ebenso geduldig wie amüsiert erläutert, dass ihre neuen Freunde – drei sich bemüht unauffällig im Hintergrund haltende junge Männer – nicht mir ihr zusammen in den Club hineindürften. „Das ist doch rassistische Kackscheiße, du mieser Türnazi! Bloß weil sie ihre Ausweise nicht zeigen wollen und schwarze Haare haben, ey. Anzeigen müsste man dich!“

„Tu‘, wonach immer dir der Sinn steht, junge Dame, aber die beiden Vögel kommen mir nicht in den Laden. Und das hat rein gar nichts mit ihrem mutmaßlichen EU-Neubürger-Status zu tun, sondern damit, dass ich sie für professionelle Taschendiebe halte. Die drücken sich hier jedes Wochenende in der Gegend herum und ständig verschwinden Sachen. Und jetzt mach‘ bitte den Eingang frei, damit die anderen Gäste hinein können. Schönen Abend noch.“ Ihre roten Dreadlocks schwingen noch nach, als sie sich mit einer wütenden Kopfdrehung sowie einem gebellten „Rassistenschwein!“ abwendet und mit ihren Begleitern in der Menge verschwindet.

Oft bekommt man als Türmann die Anwesenheit von „Taschenkrebsen“ ja nur indirekt mit: Gäste fragen nach ihren verlorenen und eventuell wiedergefundenen Besitztümern. Was bleibt, ist die Empfehlung, doch bitte am nächsten Abend noch einmal nachzufragen – zumindest das Portemonnaie verlässt oft nicht den Laden, liegt in irgendeiner Ecke oder auf der Toilette. Nur sein monetärer Inhalt – der ist weg. So erhält der Gast möglicherweise wenigstens seine Papiere zurück.

Der kalte Krieg zwischen Dieb und Türmann ist geprägt vom zähen Ringen zwischen Tarnung und Beobachtung. Es gibt Hinweise: Etwa, wenn drei Kerle gemeinsam die Location betreten, einer nach links, einer nach rechts in der Menge verschwindet, der dritte jedoch beobachtend an der Tür verweilt. Wird man diesem Verhalten als Security gewahr, stellt man sich einfach mal für eine Weile lächelnd neben den dritten Mann, nickt ihm freundlich zu, rückt ihm auf die Pelle. Handelt es sich tatsächlich um einen Taschendieb, wird er mit seinen Kollegen den Laden kommentarlos verlassen. Lieber die Lokalität wechseln, als das Risiko einzugehen, in flagranti erwischt zu werden. Ebenfalls hochverdächtig: Auf dem Dancefloor eng heranrückende, übertrieben freundlich lächelnde Männer mit Wasser oder O-Saft in der Hand, die bemerkenswert schlecht und unrhythmisch tanzen. Oder einzelne, betont unbeteiligt dreinblickende Gäste, die auf den Klamottenstapeln der Tanzenden sitzen und die Position häufig wechseln. Diese Typen – ich nenne sie gern „Arsch-Sonar“ – beherrschen die Kunst, unbemerkt von den Umstehenden Smartphones, Geldbeutel oder Laptops (ja, diese werden häufig von Gästen aus welchen Gründen auch immer beim Kiezbesuch mitgeführt) mit dem Hinterteil aufzuspüren. Werden sie fündig, ziehen sie die betreffende Jacke sogleich über ihre eigene und entfernen sich geschwind aber ruhig aus dem Etablissement.

Auch beliebt: das gemischtgeschlechtliche Taschendieb-Pärchen. Es fällt an der Tür nur selten auf und hat so eine große Chance hineinzugelangen. Am Tresen sitzen sie dann voneinander abgewandt und scannen ihre Umgebung intensiv nach potentiellen Opfern. Modernere Mitglieder des klassischen Dreiertrupps bitten gern naive Mitmenschen um Eintrittshilfe. Von wegen: Rassistentürnazis und so. Die hohe Schule des unbemerkten Taschendiebstahls per Ablenkung, Anrempeln oder Gesprächsverwicklung hingegen wird heute seltener. Weniger Risiko bezüglich Entdeckung oder Gegenwehr verspricht die Beraubung alkoholisierter Koma-Patienten in den frühen Morgenstunden im Öffentlichen Personen-Nahverkehr. Das geschieht oft schon wie im Akkord. Müssen wohl inzwischen größere Prämien an ihre Gebietsleiter abführen, die Damen und Herren Langfinger.

Ach, die politisch hoch gebildete junge Dame vom Anfang stand übrigens am Ende der Schicht erneut erbost vor dem Türmann: Ihre drei neuen Freunde hatten ihr auf dem Weg zu einem anderen Club sämtliche Barmittel sowie das Telefon abgenommen. Nun war sie richtig stinkig. Weil der Türsteher sie zum einen nicht überzeugend gewarnt hätte und sich überdies nun auch noch weigerte, sie bei ihrer Suche nach den drei Übeltätern zu unterstützen. Der ignorante Arsch!

Es bleibt schwierig – passt gut auf Euch auf und sagt uns an der Tür einfach mal rechtzeitig Bescheid, wenn Euch etwas merkwürdig vorkommt. Das ist kein Verpetzen, das ist gelebte Nächstenliebe.

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Vol. 20: Diskriminierung I

„Tja, Jungs, ich glaube, das wird nix mit euch hier heute. Ihr passt ja mal so gar nicht in unseren Club. Eure Kleidung, euer Aussehen – das geht nicht! Sorry.“

Die drei Typen stehen vor mir und gucken finster. Sind mir kein bisschen sympathisch. Doch ich will mir auch heute wieder alle Mühe geben, niemanden nur aufgrund seiner Herkunft zu verurteilen. Will jedem eine Chance geben.

Man muss es ja nun einmal so akzeptieren, wie es ist: Du hast als Türmann die Aufgabe, dafür zu sorgen, dass in der von dir bewachten Location die ganze Nacht hindurch eine fröhliche Party abläuft. Ohne Zwischenfälle, ohne Generve, ohne Unterbrechungen im Geldverkehr: „Gast – Tresen – Getränk – Gast – Zahlungsmittel – Tresen“. Ohne Störungen der Art: „Gast – Gepöbel – Security – Gast – Ausgang“. Notwendige Eingriffe seitens der Türleute sollten stets so dezent wie möglich stattfinden, damit niemand der zahlungskräftigen Kunden beunruhigt wird und womöglich die Lokalität verlässt.

Leider bleiben dem Türmann zur Beurteilung eines am Eingang vorsprechenden Gastes meist nur acht bis zehn Sekunden. Wird er fröhlich positiv zum Partygeschehen beitragen? Oder sich als übergriffig bei der Damenwelt erweisen? Womöglich bricht er bei jedem Scheiß – einem unabsichtlichen Tritt auf den Fuß im Gemenge, einem versehentlichen Ellenbogenstoß in die Seite, einem verwechselten Drink – gleich einen raumgreifenden Streit vom Zaun? Du musst dich als Türmann auf das verlassen, was du siehst, was dir dein Instinkt rät. Und wer ist schon frei von persönlichen Abneigungen. Von Vorurteilen. Und doch: man will fair bleiben. Und setzt daher den Stresstest ein: Geht den Leuten ein wenig auf den Sack. Wenn sie dann schon bei dir, dem Türmann, aggressiv reagieren, was passiert wohl anschließend im Club, wenn ihnen dort jemand im Gedränge zu sehr auf den Pelz rückt? Tja …

„Nee, ich weiß nicht, ihr drei Vögel seht mir irgendwie nach Generve aus. Viel zu unfreundlich. Wie ihr schon aus der Wäsche guckt! Wo kommt ihr eigentlich her? Und täusche ich mich oder teilt ihr euch zu dritt ein Gesicht? Bleibt bei eurem Volk wohl immer alles in der Familie, wa?“

Mir gefallen die Drei nicht. Schätze sie als Nicht-Gäste ein. Aber ich geben ihnen eine Chance – ermahne sie noch einmal, sich anständig zu benehmen. Will das hinterher nicht bereuen und so weiter. Sie nicken eifrig, gehen hinein. Und bereits nach fünf Minuten schrillt der Alarm los! Der Tresen bittet um Hilfe. Ich eile ins Club-Innere, und was muss ich sehen? Na, klar: meine drei Kandidaten von eben. Hätte ich mir eigentlich schon denken können. Die Herkunft, der anhand des äußeren Erscheinungsbildes vermutete geringe Bildungsstand – faule Äpfel, eindeutig. Der eine mit dem „Böhse Onkelz“-Shirt hatte über den Tresen gelangt und die Tresenfrau am Arm zwecks Getränke-Order zu sich herangezogen. Der andere mit der Thor-Steinar-Jacke pöbelte noch immer zwei schwule Männer an – Stammgäste –, die sein Missfallen erregt hatten, weil sie sich in der Öffentlichkeit zur Begrüßung kurz geküsst hatten. Und der dritte, der mit dem Frei.Wild-Kapuzenpullover, war mit seiner mehrfach gröhlend geäußerten Forderung nach „ordentlicher, deutscher Musik und nich‘ so’n Kanacken- und Negerscheiß“ nachhaltig negativ aufgefallen …

Seufzend biete ich ihnen die Wahlmöglichkeit: Entweder sie verlassen unser Etablissement plus Hausverbot auf Lebenszeit sofort oder ich hülfe ihnen tatkräftig beim Finden des Ausgangs. Mit großzügig ausgeschenkter Trainingseinheit. Ich merke noch an, dass ich tatsächlich auf die zweite Variante hoffe. Ich mäße mich als „rassisch zweifelhafter Untermensch“ (meine Vorfahren mütterlicherseits haben ihren Ursprung in einem spanischen Zigeunerclan) immer wieder gern im Kampf mit richtig reinblütigen Herrenmenschen. So aufrechten Kronjuwelen des Germanentums wie ihnen. Sie lehnen jedoch ab. Finden wohl das Verhältnis – drei Nazis gegen einen grinsenden Zigeuner – zu unfair. Man entfernt sich widerspruchslos. Indes nicht ohne Protest, dass man „als Deutscher kaum noch irgendwo hingehen und feiern könne, so weit sei es schon …“ bla bla pegida blubb.

Mein persönliches Resümee der Angelegenheit: Ich würde mich in der nächsten Zeit tatsächlich wieder schamlos rein von meinen Vorurteilen leiten lassen, wenn „Patrioten“ und andere „Volksdeutsche“ in Eingangsnähe auftauchen. Würde ihnen dann ohne lästiges Nachfragen und gern auch non-verbal ihr Feier-Vorhaben ausreden. Weil: Nützt ja nix, manchmal ist Diskriminierung an der Tür halt unvermeidlich …

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Vol. 19: Macho-Pracht

Der Gang ist breitstiefelig, wie wenn sie unter chronischer Hoden-Entzündung litten, das Lachen laut und meist auf Kosten anderer, die Sprache geprägt von kurzen, gebellten Sätzen mit möglichst vielen Beleidigungen in Fäkalsprache und der Raum stets groß, den sie für sich vorm Tresen, an der Tanzfläche und überhaupt beanspruchen. Die Rede ist vom sichtbaren Zeugnis verbliebener Neanderthal-Gene im modernen Menschen: dem Macho-Typ.

Schon in der Schule hatte er große Mühe, mehr als ein, zwei zusammenhängende Sätze geradeaus zu sprechen und sah sich so gezwungen, den ihm seiner Meinung nach dennoch zustehenden, hohen sozialen Rang durch physische oder psychische Einschüchterung aller Anderen, vorzugsweise Schwächeren, zu erlangen. Selbstzweifel oder Selbstreflektion finden in seinem Universum nicht statt, dafür aber ist seine Eitelkeit ebenso gewaltig, wie seine positiven Beiträge zum gesellschaftlichen Leben gering sind.

Ich mag ihn nicht. Und ich finde ihn zumeist ebenso unangenehm im Auftreten wie hässlich im Aussehen.

Und habe daher einen Verbesserungsvorschlag an die Evolution: Der gemeine Macho sollte zukünftig bereits von Geburt an mit ordentlichem Gefieder ausgestattet sein. Mit bunter Federpracht vom Scheitel bis zur Sohle kann er sein zwanghaftes Dominanzverhalten mit ausgestelltem Ellenbogen, vorgerecktem Kinn sowie rempelndem Vordrängeln am Tresen viel farbenfroher gestalten.

Zudem lässt sich der Federputz bestens aufplüstern, etwa, wenn man vom Türmann auf Fehlverhalten angesprochen wird. Ich denke da zum Beispiel an imposantes, pfauenartiges Radschlagen, wenn man wiederholt gebeten wird, das Rauchen im Club zu unterlassen. „Ey, ich mach‘ hier Party, Digga! Deine Regeln sind mir scheißegal, die sind für Opfa. Zeigstu Respekt! Oder suchsu Streit, ey?“

Fump! Bläst sich zur Untermalung der Drohrede das Gefieder auf, die Macho-Kumpels sehen das Zeichen, können sich sofort ebenfalls trefflich aufplüstern, man tanzt mit wackelnden Federkränzen hüpfend im Kreis herum. Gibt kollernde, gockelnde Geräusche von sich. Und vielleicht, ganz vielleicht sind die anwesenden Türleute dann eventuell ein kleines Bisschen beeindruckt … Ich empfehle übrigens viel Pink für die Federn – in Anlehnung an die bevorzugte T-Shirt-Farbe dieser „männlichen“ Herren.

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Vol. 18: Gäste-Slapstick mit Beinahe-Ableben

Die Nacht neigt sich dem Ende zu, die ersten Gäste machen sich auf den Weg nach Hause. Mein Kollege und ich stehen uns im Eingangsbereich gegenüber und entspannen uns so langsam von den vielen Diskussionen der Nacht.

Ein schwer mit allen möglichen Bekleidungsstücken sowie einer voluminösen Umhängetasche bepackter Gast nähert sich aus dem Innenraum. Er scheint sich wieder vollständig bekleiden zu wollen und ist im Zuge dessen auf der Suche nach einer Ablage für die vielen Dinge, die er so mit sich führt. Sein schweifender Blick entdeckt das Plastikbecher-Podest. Nach kurzem Hin- und Herzwängen schafft er es, sich zwischen Podest und Türsteher zu drängen. Die Augenbrauen meines Kollegen ziehen sich in einem beginnenden Genervtblick leicht zusammen – er schaut flüchtig zur Seite, rückt ein Stück und ist offensichtlich bemüht, die aufkeimende Enge zu ignorieren. Der Gast platziert beherzt Jacken, Pullover, Schal, Handschuhe, Mütze auf dem kleinen Tisch und räumt dabei sämtliche Umfüllbehältnisse sowie dort zurückgelassenen leeren Flaschen und Gläser ab. Alles purzelt scheppernd und klappernd zu Boden.

Schnell bückt sich der Gast, Entschuldigungen murmelnd, um die flüchtenden Behältnisse wieder einzufangen. Sein dabei nach hinten schnellendes Gesäß prallt gegen den Türmann, der ruckartig zur Seite tritt, den Oberbekleidungsexperten schon leicht barsch zu mehr Umsicht gemahnt, aber fest entschlossen scheint, sich heute nicht aufzuregen. Er macht sogar noch etwas mehr Platz, obwohl ihm der Türrahmen kaum weiteren Raum zum Ausweichen lässt.

Mittlerweile hat der Becherfänger alles wieder eingesammelt, zu einem Turm geformt, seine Umhängetasche vom Podest genommen und statt dessen sämtliches Leergut wieder darauf zurückgestellt; seine Tasche klemmt er sich zwischen die Beine und beginnt, sich umständlich anzuziehen. Die Unterbringung der oberen Extremitäten in die Ärmel bereitet ihm sichtliche Mühe: Wild herumrudernd fuchtelt er dabei vor dem Gesicht meines genervten Kollegen herum, der zweimal ausweicht, dann zupackt und äußerst eindringlich weniger Hektik einfordert. Der Gast entschuldigt sich erneut, wird etwas ruhiger und verspricht, sich um eine umsichtigere Einkleidung zu bemühen.

Mein Kollege wendet sich ab und befragt zwei eintretende Gäste nach ihren Personalausweisen, ich sehe eine rhythmisch zuckende Falte zwischen seinen Augenbrauen. Die Lunte brennt quasi bereits.

Dem sich Ankleidenden droht die Tasche mehrfach zu entgleiten. Es scheint ihm unmöglich, gleichzeitig die zweite Jacke anzuziehen, ohne dabei die Umhängetasche fallen zu lassen. Er möchte sie aber nicht auf den im Laufe des Abends recht schmuddelig gewordenen Fußboden stellen. Er schaut suchend umher und fasst schließlich meinen Kollegen scharf ins Auge.

Entschlossen hängt er diesem die Tasche über die Schulter …

Ich kann nicht mehr an mich halten und breche in schallendes Gelächter aus. Schnell zerre ich den Gast vom aufbrausenden Türmann weg, bugsiere ihn mit sämtlichen Besitztümern aus der Tür hinaus und fordere zugleich meinen Kollegen auf, doch einmal schnell nach etwaigen Rauchern im oberen Floor zu fahnden. Dieser macht sich schimpfend und hadernd auf den Weg.

Wieder einmal ein Leben gerettet …

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Vol. 17: Der eine, der alle im Griff hat – oder: Besuch vom Land

Es ist noch früh am Partyabend, der Club hat vor rund einer Stunde seine Pforten geöffnet. Der Kiez glänzt noch sauber und weitestgehend menschenleer. Eine Beratungsrunde: Fünf Kerle stehen vorm noch recht übersichtlich bevölkerten Laden – es ist für Kiezverhältnisse quasi gerade erst die Sandmännchen-Stunde durch und vier von ihnen fragen mir Löcher in den Bauch. Statt einfach mal hineinzuschauen – es kostet keinen Eintritt –, wollen sie wissen, welche Musik läuft, welche Musik später laufen wird, warum wir keinen Caipi auf der außen hängenden Getränke-Karte hätten, wollen die exakte Anzahl der weiblichen Gäste jetzt und später erfahren, wie die aussehen werden, was sie anhaben und ob überhaupt welche kämen, da es ja scheinbar keinen Caipi gäbe.

Dann gehen sie endlich rein.

Bleiben aber sofort mitten im Eingang stehen.

Sie haben die Treppe zum oberen Floor entdeckt. Zusammen mit dem Zugang in den ebenerdigen Bereich stehen ihnen nun zwei Partyebenen zur Auswahl. Erneut muss eine Entscheidung getroffen werden. Hierzu beginnen sogleich vier von ihnen die für eine vernünftige Entscheidungsfindung nötige Informationsbasis zu schaffen. Sie fragen mich, warum dort eine Treppe sei (nun, der Architekt des Gebäudes nahm an, man käme so später besser ins obere Stockwerk), wieso es zwei Floors gäbe, was genau ich unter „unten heute eher Mainstream, oben Metal bzw. alles etwas Härtere“ verstünde, was der Dj des jeweiligen Floors als Nächstes spielen würde … und so weiter und so fort. Ich unterbreche den Dialogfluss irgendwann und fordere die muntere Partytruppe auf, doch einfach nachzuschauen, welcher Floor ihnen besser gefiele, sie könnten ja jederzeit wechseln. Sogar mehrfach. Kost‘ ja nix. Die vier emsigen Diskutanden entscheiden sich für oben, zuckeln los, und erörtern dabei noch kurz, ob man den Metal-Dj womöglich überreden könne, gleich mal Helene Fischer aufzulegen. Damit die Party in Schwung käme …

Der Fünfte hält kurz inne, atmet tief durch und fragt, ob ich den ganzen Abend über mit solchen Spacken zu tun hätte … Und dass ich froh sein könne: Bei mir wäre es nur für die nächsten zwei, drei Stunden – dann hätten sich die vier Heinis eh in die Unzulänglichkeit gebechert und müssten schnell nach Hause. Zu ihm. Denn es seien alte Schulfreunde und er hätte sie immer das ganze Wochenende über an der Backe, wenn sie ihn in Hamburg besuchten …

Es bleibt schwierig. Für ihn. Für mich allerdings heute augenscheinlich etwas weniger, denn zum Glück haben viele größere Gruppen auswärtiger Gäste oft einen solchen ortsansässigen „Betreuer“ dabei. Dessen Aufgabe besteht zum einen darin, ihnen den Weg zu den „Geheimtipps“ in punkto Erlebnis-Gastronomie auf dem Hamburger Kiez zu weisen. Zum anderen darin, selbst nüchtern zu bleiben, damit sie anschließend wieder sicher zu ihrer Unterkunft für dieses Partywochenende zurückfinden. Ist schließlich gefährlich auf und um die Reeperbahn herum. Sieht man ja immer wieder in entsprechenden Qualitätsreportagen im Privatfernsehen.

Der „Betreuer“, der eine, der alles im Griff haben muss, hat natürlich bei der ganzen Angelegenheit für die nächsten Jahre, in denen er ländlichen Besuch erhält, die Arschkarte gezogen. Ständig muss er auf seine Gäste-Schäfchen aufpassen, damit sie nicht unter die Räder bzw. die Security kommen – „Lass‘ mich doch mal kurz an deinem Gin and Tonic … ey, was bissu denn so zickig, das macht man so bei uns auf’m Land. Da prüft man auch erst die Auslage, bevor man ein Angebot zum Tanzen macht … ich fass nur mal kurz an deine Dinger und dann …“. Es gilt, verirrte Schafsböckchen wieder einzusammeln – „Hey, die war doch nett, die junge Dame, die wollte nur kurz meine EC-Karte haben, um im Club um die Ecke Getränke zu ordern. Keine Sorge, ich soll in fünf Minuten nachkommen.“ Und, ganz wichtig: der Betreuer muss seine Leute rechtzeitig hinaus zum Baum schaffen, wenn die dank Übermotivation druckbetankten Landlinge sich den Abend noch einmal durch den Kopf gehen lassen müssen.

Irgendwie tun mir diese ehrenamtlichen Betreuer jedes Mal ein bisschen Leid. Zugleich bin ich jedoch sehr froh, dass es sie gibt. Ich möchte sie während des Kiez-Wochenendes an der Tür nicht missen und spreche ihnen hier an dieser Stelle meinen tiefempfundenen Dank aus. Bleibt stark!

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Vol. 16: Klischee-gerecht

Das Klischee hilft dem Menschen bei der Orientierung in der Welt – beim Abgleich der Realität mit seinen Erfahrungen, mit seinen Erwartungen. Zum Beispiel in Sachen Musik. Hier vereinfacht der Klischee-Stempel die Arbeit des Türstehers mit ihren Fans: Sehe ich beispielsweise Typen, eingehüllt in übergroße Trainingsbekleidung, die mit finsteren Mienen, weißen Mützchen über den sorgsam gezupften Augenbrauen und protzigem Frischgold-Geschmeide um Hals ihre großflächig mit schlechten Tattoos geschmückten Disko-Muskeln (in der Muckibude wieder ausschließlich Brust, Arme und Schultern trainiert) in die Kamera recken. Dabei eine nahezu körperlich spürbare Panik vor Homosexualität und dem weiblichen Geschlecht ausstrahlen sowie jeden gesprochenen Satz inflationär mit dem sinnfreien Modalpartikel „Digga“ fluten, weiß ich, dass ich Musterexemplare des so genannten Hip-Hop vor mir habe.

Sofort ist mir klar, was mich als Türmann für diesen Abend in der Location erwartet: Eine unruhige, grundaggressive Atmosphäre. Geprägt vom gegenseitigen Belauern und den unaufhörlichen Versuchen, zu zeigen, wer hier der Chef ist. Unentwegt flackert Streit in der Menge auf – ähnlich einem pubertierenden vierzehnjährigen Mächen ist der testosterongeplagte Ghetto-Hip-Hopper emotional hoch instabil und ständig beleidigt. Er muss unentwegt physische Präsenz zeigen. Schnell reagieren, wenn sein gesellschaftlicher Rang im großen Gemenge der Beta-Männchen angegriffen zu werden droht. Dabei permanent selbst an den Thronen der wenigen anwesenden Alpha-Männchen kratzen, um eine Chance zu erhalten, in der Nahrungskette aufzusteigen und vielleicht sogar irgendwann mal einer der am Rande anwesenden, in Make-up ertränkten „Bitches“ einen Drink ausgeben zu dürfen.

Ein recht ähnliches Klischee ist übrigens der Anzugträger im edlen Zwirn. Solch ein Exemplar bat ich jüngst, beim nächsten Mal, wenn er unser Etablissement verließe, die schwere Metalltür nicht mit soviel Schwung aufzustoßen; es könnte jemand zufällig davor stehen und sie schmerzhaft abbekommen. Es würde nicht schaden, hier ein wenig Rücksicht aufeinander zu nehmen. Er entgegnete, dass er als Architekt etwas Vernünftiges gelernt hätte sowie einen gutbezahlten Beruf ausübe und daher in der Lage sei, solche Verrichtungen getrost niederen Dienstleistern wie uns überlassen zu können …

Ich trat daraufhin näher an ihn heran, nahm ihn abrupt in einen schmerzhaften Kreuzfesselgriff und zeigte dem gedemütigten Neunziggradwinkel meinen Kollegen: „Siehst du den Mann da, mit dem ich zusammen an der Tür stehe? Der ist Malermeister. Er hatte einen eigenen Betrieb. Er hat viele Lehrlinge ausgebildet sowie etliche Gesellen fair bezahlt. Bis Anzüge wie du ihn für ein Großprojekt beauftragten. Er musste für das Arbeitsmaterial weit in Vorleistung gehen. Ein Jahr lang hat er mit seiner Firma an eurem Projekt gearbeitet. Ihr habt ihn nie bezahlt. Immer nur vertröstet. Dann: Insolvenzverschleppung beim Großprojekt. Mein Kollege ging pleite. Er hat alles aufgelöst, um wenigstens seine Angestellten noch bezahlen zu können. Vom Arbeitsamt bekommt er nur ein Almosen. Daher arbeitet er hier als Türmann, um seine Familie ernähren zu können. Und ich? Ich bin freiberuflicher Texter, Sprecher und Bühnenkünstler. Stehe auf der Bühne, mache den Clown und reiße mir den Arsch auf, damit Leute wie du für kleines Geld was zu lachen haben. Nebenbei verdiene ich mir Miete und Krankenversicherung am Wochenende, indem ich mich als Türmann von Arschgeigen wie dir beleidigen lasse …“

Das geschah zumindest alles in meinem Kopf, während ich einen Schritt näher an ihn herantrat, zwei Mal seine linke Wange tätschelte und „Hausverbot!“ zischte. Ich hatte gar keine Lust, ihn über irgendwas aufzuklären. Ihm seine menschenverachtende Denke auszureden. Lieber beließ ich ihn in seiner vertrauten Umgebung aus Allgemeinplätzen, Vorurteilen und Klischees. Könnte er als Anzugträger sowieso nicht verstehen. Meinte ich. Das begriffe er eh nicht. War ich überzeugt. Und blieb damit selbst in meiner eigenen kleinen stimmigen Welt aus vorgefassten Meinungen und typischen Klischees. Wie ein jüngerer Typ in übergroßen weißen Trainingsklamotten, behängt mit schwerem Schmuck, auf dem Kopf eine umgedrehte Baseball-Kappe, in völlig „digga“-freiem Deutsch lächelnd anmerkte, der an meinem Türtisch stand und den ich zuvor aufgrund seines Aufzugs nicht in den Club hineinlassen wollte …

Klischee-gerecht? Es bleibt schwierig.

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Vol. 15: Paarungsrituale

Wir Türleute haben immer viel Zeit, die Gäste und ihr drolliges Tun zu beobachten. Gehört ja auch zu unserem Job: Zeit zu haben.

Im Gegensatz zum Dj, der hinterm Pult ganz allein in seinem hektischen Universum lebt – „Was spiel‘ ich bloß? Warum gehen denn bloß so viele Gäste? Wieso tanzen die nie im Rhythmus? Oha, reicht die Zeit beim nächsten Song, um Pinkeln zu gehen? Und wo kommt eigentlich dieser komische Gäste-Wunschzettel mit Helene Fischer und Nickelback schon wieder her – den habe ich doch bereits zwei Mal weggeworfen!“ Oder den professionellen Kapselhebern hinterm Tresen, die in rasender Geschäftigkeit eine Bierflasche nach der anderen öffnen, anschließend in überfordert glotzende Gästeaugen blicken und fingertappend auf das Geld für die Getränke warten.

Wir Türleute hingegen stehen die meiste Zeit auf Inseln der Ruhe in der Gegend herum. Haben die Muße, den Anblick des Gästetreibens zu genießen. Und zuzuhören. Zumal der Gast an sich uns zumeist nicht wirklich wahrnimmt. Oder nur als eine Art Einrichtungsgegenstand. Wir sind neutral – man redet in unserer Nähe frei von der Leber weg.

Wie beispielsweise das Pärchen gestern Nacht bei uns im Vorraum. Das Überzeugungsgespräch ging schon ne Weile. Er rückt immer näher an Sie heran, scheint aber nicht so wirklich messbare Fortschritte zu erzielen. Sie guckt verzweifelt. Ich mache einen Schritt in ihre Richtung, höre ihn reden: „… Und dann musste ich den ganzen Tag Bananen komissionieren und gleichzeitig Kunden am Telefon beraten … aber ich kann das ja, nä, ich so links das Telefon und mit rechts dann die Kisten aufgeschnitten … immer so: zack, zack, zack!“

Sie verzieht das Gesicht: „Vor zwei Stunden hat er mir erzählt, er sei Model-Scout. Und jetzt quatscht der Typ die ganze Zeit von Bananen, ey!“
„Tja, du brauchst dringend mehr Schnaps“, bringe ich mich beratend ein, „dann fällt der Unterschied nicht mehr so krass ins Gewicht!“
„Oder er könnte zur Abwechslung ’n paar Äpfel auspacken“, meint mein Kollege von der anderen Seite. Sie rollt mit den Augen. Bananen-Joe, der Super-Komissionär quatscht weiter auf sie ein, kriecht ihr fast ins Ohr.

Ich beschließe, eine „Raucher-Runde“ durch den oberen Floor zu drehen. Nichtraucher-Bereich. Nikotinfreunde ärgern: Warten, bis sie sich die Lulle angesengelt haben, und dann aufs Rauchverbot aufmerksam machen: „Machste die mal aus? Hier ist das Rauchen überall verboten … ja, genau, einfach auf den Fußboden … und austreten … ja, tut mir Leid, ich weiß: ist eine böse Welt für Raucher.“

Oben am Dj-Pult steht ein Typ, der ziemlich verzweifelt dreinblickt. Hoch zum Schallplattenunterhalter hinter den Reglern schaut. Er schlägt mit der flachen Hand immer wieder abwechselnd auf seinen Oberschenkel und gegen die Umrandung. Wirkt frustriert. Ich frage ihn, ob alles gut sei oder ich mir „Sorgen“ machen müsse. Er klagt mir sein Leid: Seine Freundin wolle nicht mit ihm nach Hause kommen, sondern lieber noch beim Dj bleiben. Sie sprach auch nur sehr schmallippig und in knappen Worten mit ihm. Und alles nur deswegen, weil er sie vorhin versehentlich zwei Mal mit dem Namen ihrer besten Freundin angesprochen hätte. Als es um das Thema Sex ging. Und einmal mit dem seiner Ex-Freundin. Sei aber auch was empfindlich, die doofe Zicke, meint er zu mir.

Ich rate ihm, es für heute gut sein zu lassen. Lieber nochmal an die Bar und einen Drink ordern. Oder tanzen gehen. Gute Idee, findet er, dreht sich zum Dancefloor herum und quatscht ein Mädel am Rand an, dass sich rhythmisch zur Musik bewegt: „Hey, tanzu auch, Aller?“  Sie verdreht die Augen und wendet sich ab. Er strahlt und fummelt eine Kippe aus der Hemdtasche. Ich warte, bis er sie anzündet. Läuft bei ihm …

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Vol. 14: Der winterliche Kiez

Freitagnacht. Frostiges Türstehen. Nun hat er doch noch Einzug gehalten: der Winter. Die Temperaturen sinken. Man kann erste glasig-weiße Flecken in den Bierlachen vor dem Clubeingang erkennen; das Zeug beginnt augenscheinlich zu gefrieren. Man überlegt als Türmann in so einem Moment immer, ob die Pfützen womöglich noch während der Schicht fest und glitschig werden. Während noch Gäste unterwegs sind. Man überlegt und holt dann doch wieder den Beutel mit dem Streusand. Hilft ja nix. Kann man ja nicht bringen. So direkt im Eingangsbereich. Der andere zufrierende kleine See noch weiter links hingegen ist nicht die eigene Baustelle. Liegt ja quasi im Niemandsland zwischen diesem und dem nächsten Club. Sieht auch mehr nach einem homogenen Gemenge aus Bier und Erbrochenem aus. Flockende Unwohlbrühe mit ganzen Stücken. Das, was Gäste sich ab 3 Uhr nachts eben so durch den Kopf gehen lassen. Die Mischung ist schon halb gefroren. Eine richtig schicke Rutschbahn. Man sollte sie als Gefahrenzone einzäunen. Man sollte. Wie man Vieles eigentlich sollte. Wenn man die Zeit dazu fände. Der Kollege reicht eine Tüte mit Gummibärchen herüber. Mit Zimtgeschmack. Scheußliches Zeugs.

Ein kleine Kiezbesucher-Gruppe schlendert unachtsam hinein in die Gefahrenzone. Und schon macht der Erste einen langen Ausfallschritt auf der Unwohlbrühebahn. So richtig schön Spagat mit One-Way-Ticket. Kioskbierdosen fliegen auf der einen Seite, die Handtasche der Freundin auf der anderen. Hände greifen wild nach Halt, gehen fehl und die Bagage pirouettiert samt und sonders in einen bodennahen Purzelhaufen. Die Freundin des Spagatgeschädigten entdeckt, worauf sie zum Liegen kamen, und reihert sofort den dritten im Bunde großflächig ein. Oha, es gab einen Klassiker zum Vorglühen: Chili con carne! Der Kollege erstickt fast vor Lachen, verteilt eine satte 9 für den Abgang, und man selbst war noch mit dem Herunterwürgen der Zimtbärchis beschäftigt und hat so die komplette Akrobatik verpasst. Verdammter Dreckmist.

Samstagmorgen. 6 Uhr. Es ist gefühlt weit unter null Grad. Zwar habe ich mir ein Holzbrett aus dem Lager organisieren können, um nicht direkt auf dem frostigen Betonboden stehen zu müssen, dennoch kriecht die Kälte langsam aber unaufhaltsam durch die Schuhsohlen in den Körper. Verdrängt die Wärme. Gliedmaßen werden taub. Die frühen Morgenstunden sind der unangenehmste Teil der Türschicht. Die Zeit will auch einfach nicht verstreichen. Dehnt sich endlos.

Der betrunkene Raucher rechts neben mir, der mich seit rund 10 Minuten schwankend und stirnverrunzelt angestarrt hat, stellt mir mit vorwurfsvollem Unterton eine Frage: „Sach mal, ist das nicht kalt hier draußen so die ganze Nacht?“ Ich seufze und schaue neutral geradeaus. „Du, sach mal, ihr müsst doch frieren, wenn ihr die ganze Zeit hier in diesem Scheißwetter herumsteht!“ Der Raucher ist nähergerückt. In feuchtfrostigem Dunst weht seine Atem herüber – eine Mischung aus halbverdauter Jack-Daniels-Coke-Mische und sorgsam eingespeichelten Tabakrückständen im Mundwinkel. Mir läuft ein Schauder über den Hinterkopf, weil ich wieder daran denken muss, dass die Luft, die ich einatme, vorher auch in solchen Typen drin war. Leicht ungehalten schiebe ich ihn ein Stück zur Seite: „Könntest du bitte wahlweise wieder rein- oder weggehen?“ „Warum bist du denn so genervt, ey? Ich frag doch bloß!“ Ich beuge mich zur anderen Seite zum Kollegen: „Du hast nicht zufällig noch welche von diesen komischen Zimt-Gummibärchen, oder? Könnte jetzt ein paar davon gebrauchen.“

In diesem Moment werden wir auf dem Gehweg vor dem Kiosk gegenüber einer wunderbaren Straßentheater-Szene ansichtig: Mehrere, zuvor als Groß-Streife die Straße abschreitende Cops versuchen gerade, eine Gruppe junger Männer festzunehmen, die augenscheinlich ihre Meinungsäußerung über die Anwesenheit der Staatsgewalt etwas zu lautstark betrieben haben. Dabei rutschen alle Beteiligten permanent auf den spiegelglatt gefrorenen Boden aus, rappeln sich auf, rücken Dienstmützen hier und Hoodies dort wieder ordentlich zurecht, um sogleich erneut aneinander an den Kragen und zu Boden zu gehen. Schließlich entsteht eine Art sensibles Gleichgewicht, indem sich alle aneinander festklammern und die Polizei es bei einer allgemeinen Ermahnung belässt. Nur das Loslassen gerät schwierig. Und so schiebt man sich vorsichtig als Gruppe auf einen Teil des Fußwegs, der gut gestreut und trittsicherer zu sein scheint. Der Menschenknoten entwirrt sich, jeder geht wieder seiner Wege und wir applaudieren herzhaft über diese vorzügliche Darbietung.

Der Winter auf dem Kiez – er hat so seine Momente und wunderbaren Seiten …

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Vol. 13: „Ich kenn‘ den Türmann!“

Eines der typischen Phänomene des Kiezlebens, das auf überraschende Weise recht unangenehm werden kann, ist der „Ich kenn‘ den Türmann“-Gast. Dieser besucht regelmäßig das wochenendliche Vergnügungsviertel. Hat hier und da am Tresen ein paar Namen aufgeschnappt, kickert viel mit anderen Gästen und hält die Gastro-Bediensteten stets mit kleinen Plaudereien von der Arbeit ab. Irgendwann fühlt er sich in den Bars, Kneipen, Clubs und Live-Locations fast wie zu Hause. Er ist hier quasi „unter Freunden“. Und unter Freunden sieht man ja alles nicht so eng, da geht man das Leben doch eher locker an.

So kommt es, wie es kommen muss: Eines Tages wird der Türmann vom Tresenchef zum Schichtbeginn zur Seite genommen und gebeten, sich zu seinem „besten Kumpel“ zu äußern. Dem Kumpel, der es sich hier regelmäßig sonntagabends und häufiger auch unter der Woche mit etlichen Longdrinks gutgehen lässt. Wird ihm die Rechnung präsentiert, behauptet er stets, er sei der beste Freund vom Türmann und da könne man doch gerne mal das eine oder andere Kaltgetränk unter den Tisch fallen lassen … Ist der Türmann ahnungslos hinsichtlich des „besten Freundes“ – wer soll das bitte sein? Wie sieht der aus? So ’n kleiner Dunkelhaariger mit Locken? Kenne ich nicht! –, ändert das leider nichts an der Tatsache, dass er schnellstens die Identität des Schmarotzers herausfinden sollte, will er nicht als Trottel dastehen. Und womöglich noch einen fremden „Deckel“ bezahlen müssen.

Vor allem bei der Steigerung des Ganzen ist höchste Handlungseile geboten: Der „befreundete“ Gast fängt im Club mit anderen Gästen Streit an, missbraucht die Toilettenräume zum Koksen oder wird gegenüber dem Tresenpersonal übergriffig und zieht dann beim Hausverbot die „Ich kenn‘ den Türmann“-Karte. Hier kann die Security bei der monatlichen Dienstbesprechung noch so glaubhaft beteuern, diesen Typen noch nie im Leben gesehen zu haben – ein Hauch Misstrauen gegenüber dem Türsteher wird fortan in jeder Situation mitschwingen. Also: den Vogel rasant ausfindig machen, ihm Hausverbot aussprechen und ihn – ganz wichtig – den Türkollegen der umliegenden Clubs als Betrüger präsentieren, indem man ihn öffentlichkeitswirksam die Straße einmal hinauf- und wieder hinunterschleift.

Mein denkwürdigstes Erlebnis mit einer Figur dieser Bauart geschah vor zwei, drei Jahren an einer Hamburger-Berg-Clubtür: Man bedrohte mich mit mir selbst. Ich hatte einem mir irgendwie verdächtig erscheinenden Gast den Zutritt verweigert. Musste ihn mehrfach mit immer deutlicheren – also wenigeren – Worten abweisen, bis er zum Schluss auf dem Gehweg sitzend verkündete: Das könne man mit ihm nicht machen, er „kenne den Türmann“ und würde diesen nunmehr anrufen. Viktor. Einen bekannten Kiez-Türmann. Der käme dann her. Das gäbe richtig Ärger. „Ihr werdet schon sehen.“ Gesagt, getan: Nach kurzem Suchen zog er sein Handy hervor, wählte mit wütendem Blick eine Nummer, starrte mich unheilvoll an und – siehe da: mein Telefon klingelte. Ich hielt ihm das Display vor die Nase, fragte, ob dies seine Nummer sei und wo zum Teufel er meine herhätte. Nahm dem verblüfft Glotzenden das Telefon weg, löschte meine Nummer und sprach ein persönliches Hausverbot aus. Wegen Doofsein.

Die Nummer hatte er übrigens von einem jugendlichen Sportkollegen aus meinem Lieblings-Fitnessstudio. Dieser hatte behauptet, jetzt seine Brötchen als Türmann „im Milieu“ zu verdienen, und zum Beweis meine Nummer als die eines Türkollegen vorgezeigt … es galt für mich also, schnellstens noch ein paar weitere Hühnchen zu rupfen. Aber das ist eine ganz andere Geschichte.

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Vol. 12: Die Vermissten-Meldung

Jeder Türmann kennt das: Eine völlig fremde Person drängelt sich unvermittelt an einem vorbei aus dem Club, schaut hektisch die Straße hoch und runter, fummelt aufgelöst am Handy herum, um dann die 500-Euro-Frage zu stellen: „Ist meine Freundin hier in der letzten halben Stunde rausgegangen?“

Würde ich als Türmann jetzt nachfragen, wie sie denn aussähe, bekäme ich wahrscheinlich eine Beschreibung ähnlich dieser: „Na, meine Freundin. So mittelgroß, dunkelblonde Haare, braune Handtasche …“ Sollte ich versehentlich anmerken, dass in der letzten halben Stunde – es ist gerade halb Drei durch und damit Nachtclub-Hauptverkehrszeit – in etwa 200 Personen mittlerer Größe mit dunkelblondem Haar und braunen Handtaschen an mir vorbei hinein oder hinaus gegangen wären, käme garantiert eine empörte Entgegnung: „Ja nee, du wirst dich doch wohl an meine Freundin erinnern! Du hast ihre Handtasche abgetastet und verlangt, dass sie ihre Wasserflasche draußen lassen soll. Das musst du doch noch wissen, das ist gerade mal drei Stunden her!“

Eine Diskussion, die schnell anstrengend werden kann. Als findiger Türmann habe ich daher selbstverständlich eine bessere Lösung parat:

„Die Vermissten-Meldung: Ein heiteres Suchspiel“

Hierbei beantworte ich die eingangs gestellte Frage nach dem Verbleib der Freundin sofort mit einer greifbaren Aufenthalts-Information: „Ja, na klar habe ich deine Freundin gesehen! Sie ist vor ’ner Viertelstunde hier raus und den Hamburger Berg links hoch. Zum Club ganz am Ende der Straße. Falls du fragst, soll ich dir Bescheid sagen, dass du bitte nachkommen sollst.“ Der dankbare Mann wird sogleich glücklich losziehen. Er hat jetzt ein Ziel, eine Mission. Muss sich nicht sorgen. Zumindest für eine kleine Weile.

Steht kurz darauf dann eine etwa mittelgroße, dunkelblonde Frau vor dir, die besorgt in ihrer braunen Handtasche herumwühlt und dich fragt, ob du ihren Freund gesehen hast, bekommst du die Gelegenheit, etwas wirklich Wertvolles für deine Mitmenschen zu tun: die Schaffung eines belebenden Dramas für den Abend.

„Na klar habe ich deinen Freund gesehen! Der ist hier eben raus und rechts den Hamburger Berg hoch. Zum vorletzten Club am oberen Ende der Straße. Ich soll dir ausrichten, dass du bitte nachkommen sollst.“

Trifft anschließend der Freund wieder bei dir ein, schickst du ihn in den Club gegenüber auf der anderen Straßenseite: „Du, eine Freundin deiner Freundin war gerade hier. Meinte, ich solle dir ausrichten, sie seien zusammen weiter in den Club da auf der anderen Straßenseite gezogen … Ah, da drüben sitzt sie ja. Am Fenster. Ja, genau: die ‚Sahneschnitte‘ mit der imposanten roten Haarpracht. Deine Freundin sehe ich leider nicht … war eben noch da … hm, wohl auf der Toilette. Geh‘ doch einfach rüber, Sie taucht bestimmt gleich wieder auf.“

Zwei Minuten später steht die mittlerweile leicht genervte Freundin erneut an deiner Tür. Hat ihren Freund nicht in dem vorletzten Club am oberen Ende der Straße gefunden.

„Na, das konntest du ja auch nicht. Der war inzwischen wieder hier. Hat auf dem Weg eine Ex-Freundin getroffen. Die beiden sind jetzt da drüben auf der anderen Straßenseite. Ja, genau, in dem Club mit dem großen Fenster. Schau, da ist er ja – redet gerade mit seiner Ex-Flamme. Genau: die hübsche Rothaarige … gern geschehen … viel Spaß. Schönen Abend noch!“

Aus so etwas konstruieren Drehbuch-Autoren ganze Soap-Serienfolgen. Wir Türleute hingegen peppen damit lediglich das langweilige Gäste-Leben am Wochenende ein klein wenig auf …

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Vol. 11: Das Hausverbot – Ursache und Wirkung

„Wieso darf ich denn hier immer noch nicht wieder rein? Sei doch nicht so! Ich kann mich auch gar nicht erinnern, irgendwas falsch gemacht zu haben. Bist du wirklich sicher, dass ich das war ..?“

Er findet sich jedes Wochenende wieder an der Tür ein. So sicher wie der abendliche Regenguss im winterlichen Hamburg und so Gute-Laune-schaffend wie die morgendliche Einladung zur „Candy Crush Saga“ im sozialen Netzwerk: der Hausverbotsgast. Möchte über die Gründe für seinen Rauswurf diskutieren. Kann sich nicht erinnern. Muss ein Irrtum sein. Er würde sich doch niemals schlecht benehmen. Er könne schließlich einen vernünftigen Beruf vorweisen oder einen gesellschaftlich voll anerkannten Studiengang. Er sei ja kein Asi. „Vor den Tresen gepinkelt …“, „Mit heruntergelassener Hose auf der Frauentoilette sein bestes Teil geschwenkt …“, „Zum Nachschenken des Cocktails hinter den Tresen gelangt …“, „Kokain auf dem Kickertisch konsumiert? Unsinn! Niemals! Also, höchstens ein einziges Mal, meine Güte …“, „Soll versucht haben, den Ausschnitt der Barfrau mit geworfenen 10-Centstücken zu treffen?“ – nein, nein: da muss es sich auf jeden Fall um eine Verwechslung handeln. Und der um sich schlagende, vor Trunkenheit eingenässte Typ, den man ihm auf den Videoaufnahmen gezeigt hat – der, der von drei Securities aus dem Club hinausgetragen werden musste – das ist zweifelsfrei ein verblüffend ähnlicher Doppelgänger!

Nun, das Aussprechen eines Hausverbots hat Konsequenzen. Von den offensichtlichen für den Gast einmal abgesehen, vor allem auch für den Türmann. Diesem ist nur zu bewusst, dass er sich damit für die nächste Zeit einen wiederkehrenden Gesprächspartner im Eingangsbereich geschaffen hat. Der Hinausgeworfene möchte Absolution erlangen. Er kehrt stets an den Ort des Geschehens zurück. Man soll ihn von diesen unhaltbaren Vorwürfen erlösen. Oft geht es gar nicht wirklich um den wieder erlaubten Zugang zum Club, sondern um die persönliche Würde, den Freispruch von diesen Ungeheuerlichkeiten. Das cleane Selbstbild leidet. Hierzu werden dann auch gern Freunde, Verwandte oder gänzlich unbekannte Passanten herangezogen: der Hausverbotene schickt Welle auf Welle von Leuten mit dem Auftrag des Nachfragens zum Türmann. Unschuldig wie ein weißer Pudelwelpe steht er währenddessen kulleräugig daneben und kann gar nichts dafür. Der sich aufbauende, enorme emotionale Druck erzeugt ein Dilemma: verweigert sich der Türmann standhaft, wird er von den übrigen Gästen als „hartleibiges Türnaziarschloch“ wahrgenommen. Gibt er hingegen um des lieben Friedens Willen nach, verliert er seine Glaubwürdigkeit. Zumal er weiß: dieser Gast wird auf sicher mit steigendem Alkoholpegel in alte Verhaltensmuster zurückfallen und die selbe üble Show noch einmal abziehen.

Was soll der Sicherheitsbeauftragte am Eingang also tun? Es gibt Möglichkeiten des zeitlich begrenzten Hausverbots: „Pass mal auf, ich möchte dich an diesem Wochenende hier nicht mehr sehen. Du kannst gern nächste Woche wiederkommen, aber für heute und morgen ist echt mal Schluss!“ So erhält der Gast die Möglichkeit, sein Gesicht zu wahren – er hat schließlich mit dem Herausdiskutieren einer milderen Strafe einen Vorteil für sich erhandelt. So kann er erhobenen Hauptes zum nächsten Etablissement nebenan wechseln und der Türmann hat zumindest für diesen Abend eine nevernschonende Schicht vor sich.

Ich halte es gern mit der Androhung eines „persönlichen Hausverbots“. Hierfür hole ich mir verhaltensoriginelle Gäste inklusive deren Freunde (Zeugen) aus der Lokalität heraus und vorn an die Tür: „Pass mal gut auf mein Freund, was du dir da eben geleistet hast, ist zwar schon ne rote Karte, aber ich gebe dir noch eine Chance. Benimm dich, enttäusche mich nicht, und wir haben alle einen netten Abend. Im anderen Fall spreche ich dir ein persönliches Hausverbot aus. Das möchtest du nicht. Glaub‘ mir. Nimm das ernst!“ Das funktioniert sehr oft auf eine gute Weise.

Es gab da allerdings einmal einen speziellen Fall: Ich arbeitete zu der Zeit für vier verschiedene Läden. Der erste Türdienst war an einem Mittwochabend bei einem Konzert. Ein Gast benahm sich mehrfach daneben, erhielt nach zwei Verwarnungen ein persönliches Hausverbot … und scheiterte im Anschluss bis zum Sonntagmorgen feiertechnisch an drei weiteren Türen an denen ich Dienst schob … dumm gelaufen. Ob er etwas daraus gelernt hat? Keine Ahnung, meine Türkollegen in den benachbarten Etablissements links und rechts bekamen die Nummer natürlich mit, ließen ihn anschließend auch nirgendwo mehr hinein und er feiert seitdem wohl außerhalb des Kiezes.

Und da ist ja schon wieder der Kerl vom Anfang: „Hey, ich verstehe ja, dass ihr mich gerade wieder des Lokals verwiesen habt … finde auch das Hausverbot total gerechtfertigt … so benimmt man sich einfach nicht … sehe ich absolut ein … würde ich auch so machen, wenn das mein Laden wäre … ok, aber jetzt kann ich doch wieder rein, oder?“

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Vol. 10: Zen – oder: Die Kunst des gelassenen Türdialogs

„Hallo Mädels, bleibt ihr bitte mal stehen? Ich möchte gerne wissen, ob ihr schon über 18 seid. Habt ihr mal einen Ausweis für mich? Nein, der Schülerausweis ist leider kein amtlich gültiges Dokument. Perso oder Führerschein. Tja, kein Ausweis, kein Eintritt. Tut mir Leid. Ja, ich weiß, ich bin voll der gemeine Türnazi, weil ich euch nicht glaube, dass ihr schon volljährig seid. So, macht ihr bitte mal einen Schritt zur Seite, damit die anderen Gäste hineinkönnen? Deine Tasche einmal bitte. Brauchst du nicht aufzumachen, ich will sie bloß abtasten. Ja, ich weiß, du hast keine Waffen und Drogen dabei … aber die Flasche da drin musst du bitte draußen lassen. Kannst sie hier an die Seite stellen. Naja, du musst das nicht tun. Aber dann darfst du auch nicht in den Club hinein …“

Dies sind zwei der Kerndiskussionen, die jeder Türmann jedes Wochenende an seiner Clubtür führt. Sie wiederholen sich im Laufe des Abend in einer zähen, endlosen Schleife.

„Mädels, das Thema hatten wir doch gerade vor zwanzig Minuten. Ihr dürft noch nicht in den Club, ihr seid noch nicht alt genug. Was? Ihr habt eure Ausweise doch noch gefunden? Zeigt mal her … hm, ihr heißt also Kevin und Dustin, seid 1,90 m und 1,88 m groß. Nun, wenn ihr just einer spontanen Geschlechtsumwandlung zum Opfer gefallen seid, bleibt da immer noch das Problem, dass ich zu euch herabschaue, während wir hier reden. Und ich bin knapp 1,80 m … merkt ihr selber, dass hier was nicht stimmen kann, oder? Zudem: Kevin und Dustin, deren Ausweise ihr euch ausgeliehen habt, und die da hinten beim Verkehrsschild herumlungern und auf euch warten, sind ebenfalls erst siebzehn. Leute, bitte, zeigt mal Einsicht und hört auf, zu nerven.“

Für die minderjährigen Mädels ist es natürlich eine Art wochenendlicher Sport, am Türmann vorbei in den Club ihrer Träume zu gelangen. Sie sehen nicht die Konsequenzen, die ihr verbotener Aufenthalt in der Lokalität zur Folge haben kann: Verlust des Arbeitsplatzes der Security (wenn der Inhaber es mitbekommt), Verlust sämtlicher Arbeitsplätze in dem gastronomischen Betrieb (wenn es das Ordnungsamt mitbekommt und die Konzession entzieht). Dabei wollen wir den Teenies nicht einmal mehr als die altersübliche Boshaftigkeit unterstellen. Vielmehr ist es der unbedingte hedonistische Wille des glamoursüchtigen Nachwuchses, am geheimnisvollen Clubgeschehen in der so coolen, erwachsenen Welt teilzunehmen, der zur erblindenden Ignoranz betreffs der Folgen führt.

„Mädels, auch wenn ihr eure Jacken untereinander getauscht habt und mir überdies den Schülerausweis der jeweils anderen Person vor die Nase haltet, kommt ihr immer noch nicht hinein … und hört jetzt bitte unbedingt damit auf, es zu versuchen. Sonst sehe ich mich gezwungen, ein in der Zukunft geltendes, prophylaktisches Hausverbot auszusprechen. Seid vernünftig, geht nach Hause!“

Dem Türmann obliegt es hier, gelassen zu bleiben. Sich quasi in Tür-Zen zu üben. Jedwelche Erzürnung verpufft sowieso im Nichts, im weißen Rauschen des blasierten, egomanen Teenager-Gehirns. Was der Security hier helfen kann, die Contenance zu bewahren, ist das Wissen um die so genannte „Spätfolgen-Rache“. Irgendwann – ein, zwei Jahre später werden die Teenies vor dem Eingang auftauchen, triumphierend ihre Ausweise schwenken, die nachweisen, dass sie gestern ihren achtzehnten Geburtstag begingen und stolz verkünden, dass er sie nunmehr hineinlassen müsse!

Der Türmann kann dann milde lächelnd Folgendes entgegnen: „Nö. Muss ich nicht.“

Zumal ihm ganz nebenbei selbstverständlich die flaschenförmigen Ausbuchtungen in den Handtaschen der Prinzessinnen aufgefallen sind. Und ihm klar ist: hier droht Diskussionslevel 2 – der Dialog ums Fremdgetränk. Diesen jedoch will er sich noch eine Weile ersparen …

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Vol. 9: Gästetypen – Der gelegentliche Kiezgänger

Eine ganz besondere Gästeart, die einem so richtig den Abend an der Tür versüßen kann, ist der gelegentliche Kiezgänger. Dieser Typus ist ganz allgemein mit Lebenspartner, eineinhalb Kindern, Hund und Katze zufrieden in seinem Reihenhaus-Eigenheim am Stadtrand „gesettled“. Er geht nur noch selten raus. Kennt „die Meile“ noch von früher. Aus WG-Zeiten. Er braucht das nicht mehr. Dieses wilde Feiern. Die hemmungslose Party. Er hat jetzt Familie. Und Hobbys. Und Verantwortung. Das füllt ihn aus. Rundum zufrieden ist er. Wird der Druck allerdings zu groß, trifft er sich mit gleichaltrigen Freunden und setzt sich in die Vor-Ort-Bahn Richtung Kiez, um „einen drauf zu machen“!

Dort angekommen benötigt er etwas Zeit zur Orientierung – alle fünf Jahre verändert sich der Kiez automatisch; Läden wechseln die Besitzer, Gebäude werden abgerissen und neu errichtet, Clubs erhalten neue Namen.

Ey du, ja, du, Türsteher: das war hier doch mal früher das Camelot, oder? Ja, genau, da war ich ganz oft, da war ich Stammgast, da kannte ich den Besitzer. Ja, nee, da verstehst du nichts von, das war vor deiner Zeit. Ha ha: Da gehen meine Drinks gleich doch aufs Haus, ey, soviel wie ich früher hier gesoffen habe! Was meinst du denn mit „Fremdgetränk draußen lassen“? Das Bier hier in meiner Jackentasche habe ich doch bei euch gekauft, ha ha ha. Man, nun stell dich doch nicht so an. Ich nehme mir hier mal einen von deinen Bechern und fülle es um, wenn dich das glücklich macht. Ha ha ha, ist doch egal, ob ich das woanders gekauft habe – ihr hängt doch sowieso alle zusammen, das weiß ich doch ganz genau, bin doch ein alter Hase hier auf dem Kiez! Ja, ist ja gut, du bist aber auch humorlos, ey. Ja, ja: ich stelle es hier an die Seite. So. Ich soll dir nicht auf die Schulter klopfen? Das sei übergriffig? Du willst nicht angefasst werden, weil wir uns gar nicht kennen? Pass mal auf, ich komme gleich wieder raus, Junge, und sage dir mal ein paar Takte zu deinem Job. Den muss dir wirklich mal jemand erklären. Da muss dir wirklich mal jemand erläutern, worum es beim Türstehen eigentlich geht. Und dass der Gast noch immer König ist, nä. Mann, Mann, Mann. Servicewüste Deutschland.

Ab hier wird es jetzt quasi fiktiv. Denn, kein Türmann, der auch nur ein kleines bisschen Selbstachtung übrig hat, lässt so eine Pfeife anschließend noch in den Laden hinein. Zumal der baldige Rauswurf sowieso programmiert ist. Der Entschluss, dieser Figur in dem Moment die rote Karte zu zeigen, wenn das Fremdgetränk ins Spiel kommt oder spätestens dann, wenn das Schultergeklopfe losgeht, ist die einzig richtige Option, soll der Abend weiterhin friedlich verlaufen. Das weiß ich. Aus bitterer Erfahrung.

Aber nun: sollte der Vogel in den Laden hineinkommen, wird er sogleich dem DJ zwingend eine andere Musikrichtung vorschlagen und dabei auf seine Kenntnisse – „Junge, glaub mir, ich weiß, was die Leute hören wollen“ – von vor zehn, fünfzehn Jahren verweisen. Er wird sich darüber mockieren, dass der Dj nicht „Junge“ genannt werden will und beratungsresistent ist. Anschließend wird er am Tresen irgendwas bestellen, das nicht auf der Karte steht und das eigentlich seit rund zehn Jahren auch garantiert niemand mehr getrunken hat. Zum Beispiel „Luden-Brause“: Korn-Apfelsaft als Longdrink. Er wird mehrfach ermahnt werden, weil er die Lockerheit der heutigen Jugend so super findet, und deswegen andauernd irgendwelche zwanzigjährigen Mädels zu einem Drink einzuladen versucht und dabei grabschend und lachend einen recht unwürdigen Sugay-Daddy abgibt. Er wird der Barkeeperin sagen, dass sie sich mal locker machen soll, er würde den Drink ja später bezahlen und vielleicht sogar 10 Cent Trinkgeld drauflegen. Außerdem hätte er hier früher immer einen Deckel gehabt und eigentlich müsste er sowieso eingeladen werden angesichts der Riesensummen, die dank ihm hier schon über den Tresen gegangen seien. Damals. Dann wird er sich eine anstecken und die Tresenfrau auslachen und Mäuschen nennen, wenn diese ihn auf das Rauchverbot hinweist. Er wird sich glucksend abwenden, noch einen tiefen Zug von seiner Zigarette nehmen, lauthals armschwenkend einen Song mitsingen, den er wiederzuerkennen glaubt, und vor Verblüffung aus allen Wolken fallen, wenn ihn der herbeigerufene Türmann schließlich vor die Tür setzt.

Nun gut, ich verstehe das Problem mit der „hier war doch früher mal der Tempelhof oder das Camelot oder das Astoria oder die Bar Centrale“-Situation: Der Gast glaubt, er besuche nach vielen Jahren mal wieder alte Freunde. Und diese müssten sich doch darüber freuen, dass er vorbei schaut. Realistisch gesehen, sind jedoch die meisten Menschen, die in der Gastronomie arbeiten, eben keine Kumpels der Gäste, sondern deren Dienstleister. Jede Location, die länger existieren soll, also nicht von Hobbygastronomen betrieben wird, ist ein wirtschaftlicher Betrieb, der auf Umsatz ausgerichtet ist. Alles andere sind private Partykeller, die zum Vergnügen aller laufen, bis sie unweigerlich in die Pleite gebechert werden. Auch ist das gastronomische Leben von stetigem Wechsel und Wandel geprägt – wer nach 10 Jahren noch hofft, dieselben Leute anzutreffen, sollte daher besser den Büttenwarder Dorfkrug aufsuchen – hier bleiben Personal und Stammgäste immer gleich, weil sie fluchtsicher am Tresen und auf den Barhockern festgeschraubt sind. Ansonsten: ich habe den so genannten „gelegentlichen Kiezgänger“ letztlich ganz gern – ist er doch abseits seines unleugbaren Nerverei-Talents auch ein jobsicherndes Element für den Türmann und nicht zuletzt ein wunderbarer Quell der Komik.

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Vol. 8: Wieso versteht mich eigentlich keiner?

Meist wird ja vermutet, dass die Nachtschicht eines Türstehers in der Regel durch folgende Routinetätigkeiten bestimmt wird: dem willkürlichen Abweisen von Leuten an der Clubtür, dem Verkauf gepanschter Drogen auf der Personaltoilette sowie samstagnachts dem Bedrängen minderjähriger weiblicher Gäste in unaufgeräumten Getränkelagern. Nun, entgegen der seriösen Berichterstattung des deutschen Privatfernsehens sieht die Jobpraxis doch etwas anders aus: Der Türmann führt während des wochenendlichen Partygeschehens ungezählte Dialoge mit verhaltensoriginellen, feierwilligen Gästen. Und kommt dabei nicht selten an die Grenzen menschlicher Selbstbeherrschung … vor allem, weil er sich dabei immer wieder fragt: „Wieso versteht mich eigentlich keiner?“

Beispiel „Fremdgetränk“ – oder politisch korrekt: Getränk mit Migrationshintergrund. Also jede wie auch immer geartete Flüssigkeit, die zum menschlichen Verzehr ohne gesundheitliche Beeinträchtigung geeignet ist, woanders gekauft wurde und sich außerhalb des Gästekörpers in einem Behältnis befindet. Völlig überraschend darf diese niemals und nirgendwo in einen Club mit hineingenommen werden.

Nun, man könnte vermuten, dass ein einfacher Hinweis auf die illegale Natur des mitgebrachten Drinks genügen müsste, um hier Abhilfe zu schaffen. Jedoch: der Kiezgast an sich neigt zur Beratungsresistenz.

Deshalb versucht man es als Türmann gern mit einem Gleichnis. Um beim Gast ein Verständnis für die Situation zu schaffen.

„Dein Getränk musst du aber draußen lassen.“
„Wieso?“
„Na, du nimmst doch sicher nicht dein eigenes Essen mit ins Restaurant, oder?“
„Warum? Ich kauf hier doch gleich n neues Bier!“
„Du bringst also deine eigenen Spaghetti mit zum Lieblingsitaliener, sagst ihm dann aber, dass du trotzdem auf seine Soße zurückgreifen wirst, oder was?“
„Hä? Was für ein Italiener? Und ich hab doch gar keine Nudeln!“
„Das war ein Gleichnis! Ich habe beabsichtigt, dich mit einem humorvollen Vergleich auf den richtigen Weg zu bringen …“
„Was für’n Weg? Ich bin doch schon hier. Aber, sach mal, ihr habt jetzt auch was zu essen? Dann hätte ich gern eine Pizza.“
„Lass einfach dein Fremdgetränk draußen!“
„Mit Salami, Zwiebeln und Pilzen wäre super.“
„Willst du oder kannst du mich nicht verstehen?“

Und da kommt dann auch schon der nächste Intensiv-Patient:
„Öffnest du bitte mal deinen Rucksack?“
„Klar, hier: Sind Waffen und Drogen drin, hihihi …“
„Fremdgetränke dabei?“
„Hihihi, nein.“
„Is‘ ok, kannst rein.“
Haha, letzte Woche bin ich ja hier rausgeflogen, weil ich ne Glasflasche in der Hose hatte …“
„Und? Dieses Mal auch?“
„Nee, nee – ich hab’s ja verstanden. Nee, die ist aus Plastik!“

Aber selbst in dem Fall, dass der Gast diese Fremdgetränk-Sache begriffen hat und seine Drinks ganz manierlich im Club erwirbt, gibt es zumeist jede Menge Gelegenheit sich gegenseitig nicht zu verstehen. Etwa bei der Sache mit den „gewissen Örtlichkeiten“ und unpassender Ironie des Türmannes bei der Infovergabe …

„Sach ma, ihr habt hier keine Klos, nä?“
„Selbstverständlich haben wir hier Toiletten. Wir sind ein gastronomischer Betrieb. Zur Erteilung einer Schanklizenz sind funktionierende WCs unbedingt vonnöten. Fürs Personal und für die Gäste. Getrennt nach Geschlechtern. Eines für die Frauen. Eines für die Männer. Ganz moderne Gastronomiebetriebe haben sogar eines für das dritte, unbestimmte Geschlecht, so Transvestiten, Crossdresser, Dragkings und so. Und wir als Club haben natürlich auch Toiletten. Nur befinden die sich eben nicht hier im Gebäude, sondern da drüben in der Bar auf der anderen Straßenseite …“
Mit einem „Ach so!“ marschiert der Gast los in die angedeutete Richtung …

Der nächste Pinkelgast baut sich vor mir auf, starrt mich an.
Er: „Toilette?“
Ich: „Türmann“
Er: „Toilette!“
Ich: „Türmann!“
Er: „Ey, Toilette!?“
Ich: „Nein, Türmann …“
Dann ging er wieder. Kopfschüttelnd. Habe zwar keinen blassen Schimmer, was der Gast mit seinem ständig wiederholten Wort bezweckte, aber ich antwortete geduldig und wahrheitsgemäß. Auch, wenn er’s nicht verstand.

Vielleicht ist es aber auch gar nicht so wichtig, dass immer alle alles begreifen. Womöglich schadet es nicht, wenn manche Dinge im Dunkeln bleiben. Vor allem beim Feiern auf dem Kiez, wenn sich die Menschen morgens um fünf endgültig gegenseitig schön getrunken haben und sich die Party so langsam in die Kurve zur Reste-Rampe legt. Jetzt hilft meist nur noch ein ebenso herzhaftes wie erleichtertes „Ich versteh’s einfach nicht!“ und für den Rest gibt es zum Glück den Türmann: der hat eine lichtstarke Taschenlampe für den Durchblick und schafft Klarheit auf ernüchternde Art.

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Vol. 7: Gästetypen – Die Tüdel-Tante

Als Türmann begegnet man – wie in so vielen anderen serviceorientierten Berufen auch – immer wieder ähnlichen Charakteren; es kristallisieren sich ganz bestimmte klar definierbare Gästetypen heraus. Wie zum Beispiel die „Tüdel-Tante“.

Sie fällt bevorzugt dort ins Auge, wo das gezielte Herausnehmen von Geldbeuteln, Make-up-Utensilien oder anderen kleinen Dingen nötig ist. Zudem taucht die „Tüdel-Tante“ zumeist vollkommen unvorbereitet am Ort des Geschehens auf. So neigt sie etwa dazu, auch nach längerem Anstehen in einer Konzertkassen-Schlange total überrascht zu sein, wenn sie das Ende erreicht hat und nun aufgefordert wird, das Eintrittsgeld zu bezahlen. Ihr dämmert dann nach kurzem, verwirrtem Umherblicken die Idee, ihr Portemonnaie hervorzuholen. Hierzu kramt sie in ihrer riesigen Handtasche herum. Im Zuge dessen fördert sie unaufhörlich Dinge hervor, die sie wahlweise sorgsam auf dem Kassentresen ablegt, fallen lässt und umständlich wieder vom Boden klaubt oder den Umstehenden zur Aufbewahrung in die Hand drückt.

Hat sie es dann doch endlich geschafft, die entsprechende Geldmenge nicht nur zusammenzusuchen, sondern den Eintritt auch ohne großes Feilschen zu begleichen, ist es selbstverständlich nötig, sämtliche ausgelagerten Utensilien wieder in die Tasche zurückzuführen. Das dauert. Und nach einem kurzen Schritt ins Innere der Location wird sie anschließend feststellen, dass im Kassenbereich auch die Garderobe zu finden ist. Was nun im Zuge des umständlichen Auskleidens an raumgreifender Verwirrung stattfindet, kann hier nicht im Detail beschrieben werde – es spränge schlicht den Rahmen. Folgendes sei jedoch kurz angemerkt: abzugebende Jacken und Taschen werden in jedem Fall im Zuge des Abgabevorgangs mehrfach über den Garderobentresen hin- und herwandern, da diverse Gegenstände – wie etwa Lippenstifte, Zigarettenschachteln, Smartphones, Feuerzeuge, Geldbeutel, Lippenpflegestifte, Knicklichter und kleine Schnapsfläschchen – mehrfach herausgeholt und wieder hineingelegt werden müssen, bevor die „Tüdel-Tante“ in der Lage ist, für den Abend loszulassen.

Was kann der Türmann tun, um dieser armen Gäste-Type und allen anderen von ihr betroffenen Menschen zu helfen? Nun, gar nichts. Denn alles, was er an motivierender Fürsprache einwerfen könnte, führte nur zu weiterer Verwirrung. Alles dauerte dann noch länger. Einfach abwarten und es freundlich lächelnd aushalten. Etwa so wie Regen an einer kaputten Bushaltestelle. Du kannst es weder ändern, noch beschleunigen. Stehe es stoisch durch.

„Tüdel-Tanten“ sind indes auch von praktischem Nutzen: Mit ihnen lässt sich eine Gästeschlange vor dem Laden trefflich verlängern. Dies lockt zuverlässig weitere, konsumwillige Gäste an – denn: ein Club, vor dem die Leute endlos auf Einlass warten, wird als angesagter Szene-Treff wahrgenommen. Je voller, desto besser – da wollen alle hin, da wollen alle dabei sein.

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Vol. 6: Klangreiche Nachbarschaft

Nahezu jeder Club, jede Kneipe, jedes Cafe kennt ihn: Den Ruhesuchenden. Kein bisschen von der mangelnden Konkurrenz bei der Wohnungsbesichtigung irritiert, unterschreibt er frohgemut den Mietvertrag für die herrliche Altbauwohnung im Szene- und Partyviertel. Stundenlang streicht er mit den Händen über den edlen, so heute gar nicht mehr herstellbaren Mahagoni-Schiffsplanken-Parkettfußboden, schwärmt über die enorme Wandhöhe und den zauberhaften Stuck in den großzügig dimensionierten, luftigen Wohnräumen. Hellauf begeistert vom pulsierenden Leben in den Cafés und Bars der näheren Umgebung genießt er bei einem leckeren Latte-Macchiato die Vorfreude auf die Erkundung des kulturellen Geschehens in seiner Nachbarschaft – was für wunderbare Abende wird er hier mit Freunden verbringen können. Und alles direkt vor der Tür. Ohne lange Anreise mit Bus oder Bahn oder nervtötender, stundenlanger Parkplatz-Suche erreichbar. Das Leben der Mittelschicht ist schön.

Die Sache hat indes diesen einen Haken, wie er schon bald bemerken wird: Die anderen Bewohner und Gäste des Viertels hören nicht auf, zu feiern, zu lachen, zu reden und zu trinken, wenn er sein Bett aufsucht … Nun, etwas mit den Sinnen wahrzunehmen, heißt noch lange nicht, es auch mit dem Verstand fassen zu können – dazwischen hat die Natur bei uns Menschen den Mechanismus des Verdrängens gesetzt, der es uns ermöglicht, die Welt ganz frei von den Zwängen der Logik zu sehen. So auch unser Neumieter: entschlossen, seine Nachtruhe nicht vom Partygeschehen um, unter und neben sich einschränken zu lassen, ruft er fortan jeden Tag, jedes Wochenende die Polizei. Erstellt Anzeige gegen die rücksichtslosen Inhaber dieser nicht auszuhaltend lärmenden Etablissements. Jeder Club kennt so einen … wird er auch diese Nacht die Party in der Bar unter seiner Wohnung beenden? Der Türmann steht schon an seinem Arbeitsplatz. Ein Kollege sagt noch schnell „Guten Tag“, bevor er sich an seine eigene Tür begibt:

„Moin! Alles gut bei euch?“

„Jo. Alles friedlich soweit. ’n paar Engländer da, die sich ab und an ausziehen, aber sonst alles top.“

„Was ist mit eurem Nachbarn? Hab‘ gehört, der hat euch neulich wieder wegen Ruhestörung angezeigt?“

„Ach, gut, dass du das erwähnst – ich muss gleich noch mal bei ihm klingeln?“

„Bei ihm klingeln? Warum?“

„Na, um zu fragen, ob wir jetzt leise genug sind. Oder vielleicht doch besser noch etwas weiter runterdrehen sollen. Und ob die Gäste auch nicht zu laut lachen.“

Der Türmann betätigt den Klingelknopf. Ein quäkendes, ebenso durchdringendes wie anhaltendes Summen ertönt. Der Türmann nimmt eine entspannte Haltung ein, belässt den Finger auf dem Mechanismus.

„Wie oft machst du das?“

„Och, so alle halbe Stunde. Muss ja sicher gehen, dass bei ihm alles in Ordnung ist. Schließlich sind wir ja alle an einer guten Nachbarschaft interessiert, nä. Deswegen mache ich das auch jede Nacht, wenn ich hier Dienst habe.“

„Ihr habt von Donnerstag bis Samstag geöffnet, oder? Was ist mit den anderen Tagen?“

„Wir haben da so einen Deal mit den Obdachlosen unten an der Ecke. Die bekommen was Ordentliches zu trinken, dürfen sich zwischendurch bei schlechtem Wetter in unserem Laden aufwärmen und der Chef ordert regelmäßig Pizza für die Jungs. Die kümmern sich im Gegenzug um unseren Nachbarn. Machen die sehr gewissenhaft, sehen das wohl auch ganz sportlich, seit der Vogel sie kurz nach seinem Einzug per Platzverweis seitens der Polizei vertreiben wollte …“

„Was machst’n, wenn er seine Klingel ausschaltet?“

„Kann er nich. Der Hausmeister, ’n alter Militärkollege von mir, hat die Signalanlage so umgebaut, dass sie nicht deaktiviert werden kann.“

„Feine Sache. Na, ich muss los – Schicht fängt gleich an … wir haben da ja auch so einen Ruhenzonen-Bewohner überm Laden. Der behauptet ja immer, dass wir bei uns im Laden nichts gegen die Raucher unternähmen. Zeigt uns immer deswegen an. Sagt, dass wir uns unsere Schankgenehmigung bald an die Backe schmieren können. Wollte ja längst mal mit dem „reden“, aber unser Chef will das nicht. Er meint, wir können hier nicht wie in alten Kiez-Tagen reagieren; die Zeiten wären vorbei. Wenn ich jetzt so überlege … der hat, glaube ich, „Hells Bells“ von AC/DC als Türklingel-Ton … ich denke, da lässt sich was machen … Ruhige Schicht, mein Lieber!“

„Jo, ruhige Schicht, Kollege – ach guck, ich könnte ja auch mal wieder auf’s Knöpfchen drücken. So rein aus Nachbarschaftspflege, nä. Oder ihm ne Pizza bestellen …“

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Vol. 5: Selbstverständnis eines Türstehers

Denken die Menschen an Türleute, denken sie an finstere Gestalten, die Leuten willkürlich den Eintritt verweigern, weil sie zu groß, zu klein, zu fett, zu dünn sind. Oder Leute rausschmeißen, weil sie nicht getanzt haben, zu viel getanzt haben, zu falsch getanzt haben. Sie denken an böse Typen, die brutal Gäste durch die Gegend zerren, nur weil sie ihre Drinks nicht bezahlen wollten, an arrogante Bomberjackenträger, die nur einsilbig antworten. Wenn überhaupt. Die Leute nicht einmal angucken, wenn sie sie anschweigen.

Dabei ist die Wahrheit eigentlich eine ganz andere.

Der Türmann ist wie der Bassist in der Band: man bemerkt ihn erst dann, wenn er nicht da ist.

Es gibt Clubs, in denen es ständig Ärger und Randale gibt, in denen Gäste von Taschendieben bis aufs Hemd ausgeplündert werden, in denen die Besucher in allen Ecken und Gängen von Crackdealern bedrängt werden, in denen sie die seltsamen Trinkrituale der Junggesellenabschiedstruppen aus Uelzen, Buxtehude und Pinneberg zusehen müssen. Fragt man die Tresenleute oder DJs in solchen Clubs, warum sie denn keine Security einstellen würden, bekommt man häufig zu hören: „Oh, früher hatten wir hier ja Türleute, aber dann haben wir wieder damit aufgehört, weil, is ja nie was passiert …“.

Es ist paradox: erfüllt der Türmann gewissenhaft seine Aufgabe, läuft er dabei stets Gefahr, sich selbst abzuschaffen. Oder anders herum: ja, ich weiß, hier ist ne gefährliche Ausfahrt, an der dauernd Unfälle geschehen. Wir hatten früher ja auch mal n Warnschild. Aber, da nie was passiert ist, haben wir’s wieder abmontiert.

Böse Zungen behaupten gern, wir Türleute würden ab und an mal den einen oder anderen Stresskandidaten in den Club lassen, vor dem wir gerade stehen. So quasi als „Salz in der Suppe“. Damit die professionellen Kapselheber hinterm Tresen die leckere Suppe, also: die netten Gäste, auch zu schätzen wüssten … aber das wäre ja nun viel zu raffiniert gedacht, oder? Ein bisschen zu weit hergeholt für so einfach Jungs und Mädels wie uns an der Tür, nä? Nein, nein, sowas machen wir nicht. Ehrlich nicht! Ich schwöre es!

Nein, gute, erfahrene Türleute arbeiten diskret. Sie machen ihren Job richtig gut, wenn die normalen Gäste, die sich freundlich benehmen und eine Bereicherung für die Party sind, von ihrem Tun überhaupt nichts mitbekommen. Es ist sogar eher so, dass unsere Haupttätigkeit eher in einer Art Rundum-Service mit inbegriffener Info-Terminal-Funktion besteht: wir erläutern, wo es den nächsten Geldautomaten gibt, der nicht von bettelnden Krustenpunks oder freundlich grinsenden Taschenkrebsen belagert wird, klären über den besten Weg zurück ins Wohnviertel für studentische Langzeittouristen auf … „Nein, nein, zur Schanze gehst du am besten hier lang, da kannst du auf dem Weg noch ein bisschen nachtanken und dich auch problemlos überall wieder erleichtern … oh, nach Eimsbüttel kommst du am schnellsten mit der U2 – einfach bis Schlump mit der U3 fahren, dann umsteigen …“, geben Hinweise in punkto „Besser wohnen“: „Du, das tut mir Leid, dass du heute am Samstagabend in deiner Wohnung über unserem Club nicht schlafen kannst, weil es so laut ist. Hat dir denn niemand vor deinem Einzug einen Hinweis darauf gegeben, dass es am Wochenende akustisch etwas rustikaler zugeht auf dem Kiez? Voll gemein! Aber echt mal, hätte man ja mal sagen können. Aber, guck mal, hier schenke ich dir ein Paar niegelnagelneuer Ohropax. Nein, da nicht für. Gern geschehen.“

Ebenfalls zeigen wir gern Verständnis und spenden gekonnt Trost, wenn es einem Gast mal nicht so gut geht.

„Deine Jacke, dein Handy und dein Portemonnaie wurden dir geklaut? Oha, das tut mir Leid, schreibe doch mal morgen eine E-Mail an unser „Fundbüro“, hier ist das Kärtchen mit der Adresse, wir finden vieles vermeintlich Verlorene häufig morgens nach der Party wieder und bewahren es auf. Ach, dein Rucksack ist auch weg? Da waren die anderen verschwundenen Sachen drin? Und den hattest du hier hinten in der Ecke deponiert, während du oben im zweiten Floor am Tanzen warst? Na, dann hast du ja wenigstens den einen Euro für die Garderobe gespart, immerhin das … wobei, warte mal, der ist ja auch weg, der war ja in der Geldbörse drin, die man dir gestohlen … oha, du hast da echt einen schlechten Tag erwischt!“

Der Türmann ist vor allem ein Kommunikator, ein Konsens-Schaffer, ein Mensch, an den man sich gerne wendet in der Not. Ein erfahrener Gastro-Mitarbeiter, der auch angesichts eines Pinneberger Gänsemarsches – das ist dieses eilige Hinein und schnelle wieder Hinaus, eng am Vordermann/Vorderfrau, nach der Erkenntnis, dass der Laden, der draußen auf dem Lautsprecher Metal und Hardcore spielt, auch drinnen Metal und Hardcore zu Gehör bringt und der DJ partout nicht „Um Atem ringen“ auflegen will!

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Vol. 4: Musikalische Fachberatung am Morgen

An der Tür vom headCRASH. Mitten in der Nacht. Ungefähr Drei-Uhr-Dreißig. Menschen plätschern hinein und hinaus. Aus dem Lautsprecher an der Tür ballert die Mucke vom unteren Floor. Slayer – Reign in blood. Ein Gast tritt von der Straße her an mich heran. Er steht eine Weile, lauscht den harten, metallischen Klängen. Der Sound wechselt. Amon Amarth – The Pursuit of Vikings.

Der Gast betrachtet die Menschen, die währenddessen in lockerer Folge hinaus- oder hineintreten. Er sieht viele Tattoos. Lange Haare. Schwarze Klamotten. T-Shirts mit Metal-Band-Namen. Als im Lautsprecher Max Cavalera von Sepultura den „War for Territory“ verkündet, fragt er mich, welche Musik wir hier denn so spielen würden.

Ich lasse die Frage einen kleinen Moment im Raum stehen; wir schauen ihr gemeinsam für eine Weile beim Headbangen zu und als sie zu Hatebreed im Moshpit verschwindet, teile ich ihm mit, dass wir hier ausschließlich komische Oper spielen würden. Etwa Carl Maria von Webers Freischütz. Aber nur in der Fassung von Carlos Kleiber. Dass er hier bei uns auch Musicals erleben könne, sei hingegen ein Gerücht. Ein Hartnäckiges. Das träfe einfach nicht zu. Wir würden ab und an allerdings Opern auflegen. Wie neulich, als wir Wagners Ring zur Gänze spielten. Die Nacht dauerte dann auch entsprechend lang. Würden wir aber nicht so oft machen.

Er nickte irgendwie leicht verkrampft, sagte „ok“ und ging dann langsam woanders hin.

Es bleibt schwierig.

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Vol. 3: Faktenlage richtig erläutern

Nichts ist schwieriger, als Gäste von der Wahrheit zu überzeugen.

Samstagmorgen. Gegen sechs Uhr. Es geht auf den Feierabend zu, der obere Floor ist geschlossen, die Gäste dürfen sich nur noch unten im Basement aufhalten. Ein Pärchen drückt sich vor der angelehnten Tür zum 1. Stockwerk herum. Er hält sein Getränk schief, das Bier plätschert malerisch auf den Fußboden und er beobachtet sie bei dem Versuch, die unverschlossene Tür zu überwinden, die sich im Prinzip in ihre Richtung öffnen würde. Sie unternimmt mehrere Versuche des Dagegendrückens … der Türmann mischt sich ein.

Türmann: „Oben nicht mehr! Wir machen Feierabend. Nur noch unten.“

Sie: „Aber, aber, unsere Freunde sind da oben!“

Türmann: „Nein, da ist niemand mehr. Nur noch unten.“

Er: „Aber, aber, unsere Jacken liegen da oben!“

Türmann: „Alles, was da oben noch herumlag, ist jetzt in der Garderobe … unten im Laden.“

Sie: „Aber, aber, wir wollen nur noch einen Drink und dann nach Hause.“

Türmann: „Da oben ist niemand mehr! Das Putzlicht ist an, es wird aufgeräumt und es gibt da oben nichts mehr am Tresen. Ihr könnt noch eine Weile unten rein. Wir machen aber in ungefähr einer Stunde endgültig dicht.“

Er: „Wir wollen doch bloß noch ein Bier da oben trinken, können wir nicht noch kurz rein?“

Sie: „Jetzt mach doch mal ne Ausnahme, wir kommen jedes Wochenende hierher, haben hier schon ohne Ende Geld gelassen!“

Türmann: „Verdammt noch mal – da oben ist NIEMAND mehr! Der obere Floor ist DICHT! Ok, es reicht: Beratungsresistenz lässt sich nur durch Fakten bekämpfen!“

Mit diesen Worten packt der Türmann den männlichen Pärchen-Part am Kragen und zerrt ihn die Treppe hoch und um die Ecke in den oberen Durchgang. Er öffnet eine weitere Tür und dem geneigten Beobachter erschließt sich folgendes Bild: Ein vollständig leerer Raum im gleißenden Licht der Putzlampen. Ein paar Scherben auf dem Dancefloor glitzern traurig vor sich hin. Zwei Beamlights oben an der Decke drehen sich noch quietschend im Kreis. Mehrere Leergutkästen klimpern bis über den Rand gefüllt in der Ecke. Hinten am Tresen ein mürrischer Blick von der Tresenbeauftragten, die sich mit der klebrigen Verkaufsoberfläche herumquält und endlich nach Hause will.

Türmann: „Na? Endlich begriffen? ES IST FEIERABEND, DU EXPERTE!“

Er: „Boah ey, hier oben ist ja gar nichts mehr los! Sag doch gleich, dass ihr schon dicht habt, Digga.“

Es bleibt schwierig.

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Vol. 2: Die komplizierte Wissenschaft des Glasflaschenverbots

Letzte Nacht bat ich routinemäßig einen weiblichen Gast, der den Club verlassen wollte, sein Bier umzufüllen.

Sie: „Darf ich das Bier nicht mit rausnehmen?“

Ich: „Nein, du darfst das Bier nicht mit rausnehmen, du kannst es aber in einen Becher umfüllen.“

Sie stellt das Bier auf die Ablage und schickt sich an, rauszugehen.

Ich: „Füll es doch in einen Becher um.“

Sie füllt das Bier in einen Becher um, deponiert die leere Flasche in einer Leergutkiste, stellt den gefüllten Becher auf die Ablage und verlässt mit leeren Händen und nachdenklich verunzelter Stirn die Lokalität.

Es bleibt schwierig.

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Vol. 1: Dialog im Morgengrauen

Beteiligte Personen: Ein männlicher Gast, ein weiblicher Gast, ein zuhörender Türmann.

Er: „Kommst du noch mit?“

Sie: „Wohin?“

Er: „Na, zu mir!“

Sie: „Nö, wieso?“

Er: „Aber, ich habe alle deine Drinks hier heute abend bezahlt!“

Sie: „Ja, das fand ich auch sehr nett!“

Sie dreht sich um und stellt ihr leeres Glas auf den Tresen, bevor sie sich anderen Gästen zuwendet. Der männliche Gast schmollt noch ein wenig, bevor er beleidigt einen zügigen Abgang Bühne links hinlegt. Der Türmann schaut angestrengt unbeteiligt.

Es bleibt schwierig.

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Kommentare


  1. Das Molotow..hab den mann da in den letzten 30 jahren nicht einmal dort gesehen. Hierbei muß es sich um einen irrtum handeln.Ansonsten nette geschichten..bisschen viel auf einmal zum lesen.

  2. Sehr schön, ich habe herzlich gelacht! Kenne ja einige Geschichten unseres Türstehers aber so auf den Punkt geschrieben habe ich es noch nicht gesehen.

  3. @Nicky: Dir ist Viktor noch nie an der Molotow-Tür aufgefallen? Na, da hast du dich wohl noch nie im Molo danebenbenommen – der Mann arbeitet da seit 11, 12 Jahren 😉 In letzter Zeit allerdings unregelmäßiger. Sehe ihn jetzt mehr auf’m Hamburger Berg. Vorm headCRASH.

  4. Hallo Viktor!Endlich mal ein Blog voller Leben! Ich bin gespannt auf die Fortsetzungen. Danke und weiter so und viel Spaß(?) bei der Arbeit! Grüße aus Stuttgart.

  5. Herrlich!!! Vielen Dank für diesen BLOG.
    Bin selber seit 23 Jahren im süddeutschen Raum als Türsteher tätig und kann so viele der von Dir geschriebenen Situationen 1:1 nachempfinden, da eben ganauso selber erlebt, bzw.erlebe Sie nach wie vor noch selber an 3 Tagen die Woche..

    Weiterhin stressfreie und möglichst „ruhige“ Schichten und bitte mehr von Deinen herzerfrischenden, lustigen und zum Teil nachdenklich stimmenden Erlebnis Stories.

  6. Vielen Dank für die amüsanten, skurrilen und nachdenklichen Einblicke in ein, für mich doch „fremdes Universum“.
    Wenn ich wieder mal in Hamburg bin und es zeitlich hinhaut, ist „Zeit für Zorn – die Türsteherlesung“ ein fester Termin.

  7. danke für die einblicke und; der blog ist sehr, sehr gut geschrieben-wenn ich wieder auf dem kiez bin komme ich dich mal besuchen ahoi und tschüß benny

  8. Pingback: 7 Tage Kiez: Unsere Tipps der Woche - St.Pauli-News

  9. Brilliant geschriebene kurzweilige, aber auch zum Nachdenken anregende Kurzgeschichten, über unseren tollen Kiez. Von Menschlichen Abgründen und den unterschwelligen Ratschlag, es bei 20 Bier am Abend bewenden zu lassen. Danke für die tollen Storys Viktor, ich freu mich schon auf die erste Geschichte vom Besoffski, der Dich wegen dieser Site an der Tür vollsülzt – oh, mist; könnte ich sein. Egal – bitte weiter so!

  10. Hallo Viktor, ich habe Deinen Blog mit großem Vergnügen gelesen.
    Du hast Dir einen guten Blick aufs Menschliche bewahrt.
    Danke!

    • Ich nehme an er will nicht polarisieren…oder er gehört nicht zu der „Türsteher-Szene“ an sich, die äußern sich alle anders und direkter…oder er will dort nicht als Plaudertasche gelten weil es hier öffentlich ist…

      Fragen über Fragen

  11. Pingback: Türsteher-Patrouille geht auf Streife - St.Pauli-News

  12. Moin Moin,

    habe ich irgendeine Chance mitzubekommen, wenn es mal wieder eine Lesung gibt, obwohl ich nicht mehr bei Facebook bin? Ich würd´s so gerne mal live hören anstatt immer nur alleine vor dem Bildschirm zu lachen, als hätte ich einen an der Waffel (denken zumindest meine Kollegen, wenn ich montags beim Lesen des Türsteherberichtes vor mich hin gacker).

    Schöne Grüße
    Anja

    • Am 08. März sind wir wieder im Nochtspeicher zu Gast! „Zeit für Zorn – die Türsteherlesung – Teil 20: The Good, Bad & Ugly“. Tickets gibt’s demnächst im St. Pauli Tourist Office. Oder bei uns an der Tür 🙂

      • Kleine Korrektur: „Zeit für Zorn? – die Türsteherlesung – Teil 20: Good, Bad & Ugly“ findet am Mittwoch, 09. März statt. Im Nochtspeicher. Karten gibt’s beim St. Pauli Tourist Office.

  13. Tolle Geschichten ….. schreibt immer nur das wahre Leben !
    Hab mich köstlich amüsiert !

    Ich glaub, dafür müssen wir Dir alle mal kräftig auf die Schulter klopfen….So feste zupacken und dabei ein wenig hin und herschütteln…bist doch ein starker Kerl, kannst das gut vertragen 🙂

    Am besten fand ich die Situation, wo der Gast den Türsteher als Taschenhalterung missbraucht !

  14. Pingback: Eingangs erwähnt – Neues von der Tür - St.Pauli-News

  15. Genialer Blog! Mein persönlicher Favorit: Vol. 51 – Die vegane Tür. Nun wird mir endlich klar, weshalb mir trotz Rauschgoldengel-Look so häufig eine Bugwelle von Respekt entgegenschlägt und mich auf den Bürgersteigen meiner Heimatstadt zuverlässig eine Sicherheitsabstandsschneise wie ein schützender Kokon umgibt. Gefahr ist mein zweiter Vorname. Vegan rulez! Herzlichen Dank für die diesbezügliche Aufklärung, Viktor! 😉

  16. Pingback: Hanseplatte: Zehn Jahre für "Musik von hier"

  17. Das kann doch nicht sein! Habe erst jetzt den Blog gefunden und mit Vergnügen die Anekdoten gelesen, nur um festzustellen, dass der Blog eingestellt ist? Alder, das könnt ihr nicht machen. Hau rein, mach weiter, hier oder anderswo!

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