Schlaglicht / Freitag, 15.04.2016

Teurer Wohnen im Pestalozzi-Quartier

 
 

Das ist gründlich schief gegangen: Statt günstigem Wohnraum entstand im Pestalozzi-Quartier eine Wohlstandsinsel – dank Dr. Clausen.

Von Daniel Schaefer und Irene Jung

Es sollte ein Schmuckstück werden, das Gebiet zwischen Großer Freiheit und Kleiner Freiheit. Mit nicht geringem Aufwand startete der Bezirk 2009 eine öffentliche Planungsdebatte, was auf dem Areal um die frühere Pestalozzischule passieren sollte. Während sich für die westliche Fläche Baugenossenschaften bewarben, interessierte sich für die östlichen die Dr. G. Clausen Grundstücksverwaltung in der Großen Freiheit 65. Nach eigenen Angaben ein Familienunternehmen um den Notar Dr. Gerhard Clausen, das in Hamburg und Lübeck an die 300 Wohnungen verwaltet.

Das Unternehmen, das an der Großen Freiheit insgesamt 41 Wohnungen in Miets- und Stadthäusern errichten wollte, erhielt von der Stadt den Zuschlag – zu einem sehr günstigen Grundstückspreis. Im Herbst 2015 waren die ersten Wohnungen bezugsfertig.

In einem Jahr von 9,75 auf 14 Euro pro qm

Und da rieben sich viele Paulianer erstaunt die Augen: Bei immoscout24 wurden Dr. Clausens Wohnungen für 14 Euro pro Quadratmeter angeboten. Auf Nachfrage des St. Pauli Blogs teilte Dr. Clausen mit, dass die Mieten bei 9,75 Euro anfingen, dann aber nach einem Jahr 14 Euro betragen sollten und dass deshalb in den Anzeigen gleich der höhere Preis genannt werde.

Clausen-Mietshaus mit kleinen Wohnungen hinter dem Entertainment-Haus

Clausen-Mietshaus mit kleinen Wohnungen hinter dem Entertainment-Haus

Dr. Clausen selbst hob bei einem Rundgang mit Mitgliedern des Sanierungsbeirats im Juli 2015 hervor, er baue „sehr hochwertig“. Die Wohnungen sollten „gezielt Menschen ansprechen“, die „hohe Ansprüche an die Qualität ihrer Wohnungen und ihres urbanen Umfelds stellen.“ Deshalb seien die Wohnungen „auch etwas teurer“ in der Miete. „Im ersten Jahr zahlen die Mieter die mit der Stadt vereinbarten 9,75 Euro, dann 15 Euro und etwas mehr“, so Clausen. Angeboten würden die Wohnungen für die ersten 3,5 Jahre für eine Durchschnittsmiete von rund 14 Euro/Quadratmeter – netto.

„Im Übrigens wird eine Staffelmiete vereinbart“ heißt es auf der Homepage der Immobilienverwaltung „Pestalozzi-Quartier“, über die Clausen die Wohnungen vermietet. Da man langfristige Mieter wolle, werde erwartet, „dass die Mieter bereit sind, für die Anfangszeit für ca. 3 ½ Jahre auf das Kündigungsrecht zu verzichten.“

Bezirk machte Ansprüche nicht klar genug – ein Versäumnis

Mieten von 14 bis 15 Euro pro Quadratmeter entsprachen zwar dem Durchschnitt des Mietenspiegels für St. Pauli (Stand November 2015), aber keinesfalls dem Ziel von Bezirk und Sanierungsbeirat, im Pestalozzi-Quartier auch günstigen Wohnraum anzubieten. Dort werde „ein vielfältiges Wohnungsangebot mit hohen Freiraumqualitäten entstehen“, hatte Michael Mathe, Leiter des Fachamts Stadt- und Landschaftsplanung, noch 2010 versprochen.

Typisch St. Pauli? Clausen-Mietshaus an der Großen Freiheit

Typisch St. Pauli? Clausen-Mietshaus an der Großen Freiheit, rechts eins der Mennonitenhäuser

Auch in der Grundstücksausschreibung wurde dem künftigen Eigentümer aufgegeben, er dürfe die Anfangsmiete drei Jahre lang nicht erhöhen; eine Miethöhe wurde jedoch nicht festgesetzt. Erst im Kaufvertrag wurde Dr. Clausen zu einem Mietpreis von 9,75 Euro/qm verpflichtet; hier allerdings  fehlte die Angabe, wie lange dieser Preis gelten müsse, bestätigt die Wirtschaftsbehörde dem St. Pauli Blog.

Genau diese Lücke hat Clausen offenbar ausgenutzt. „Das Vorgehen von Herrn Dr. Clausen entspricht dem formellen Kaufvertrag, auch wenn natürlich etwas anderes gewollt war“, sagt Daniel Stricker, Sprecher der Wirtschaftsbehörde. Im Bezirk gibt es mehr als einen, der den Vorfall als einen „ganz, ganz blöden Fehler“ bezeichnet.

Wohlstandsparzellen wie Fremdkörper

Clausen wirkt in der persönlichen Begegnung selbstsicher, möchte sich allerdings nicht fotografieren lassen. „Wir wollen möglichst viel von dem alten Baumbestand erhalten“, sagte er bei einem Gespräch mit dem St. Pauli Blog im Oktober 2014. „Auch die Freiflächen zwischen den Gebäuden wollen wir zusammen mit den benachbarten Baugemeinschaften zur gemeinsamen Nutzung gestalten.“ Heute beschweren sich Nachbarn, dass Clausen sich auf keine Absprachen einlasse, sondern stets Tatsachen schaffe – egal ob es um das Fällen von Bäumen oder die Errichtung von Mülltonnen- und Fahrradstellplätzen geht. „Das Recht des Stärkeren setzt sich durch“, so ein Nachbar. „Wir fühlen uns von der öffentlichen Verwaltung im Stich gelassen.“

Durchgang neben Clausens Stadthäusern (ganz hinten entsteht gerade das Haus der Baugemeinschaft Kleine Freiheit)

Durchgang neben Clausens Stadthäusern (ganz hinten entsteht gerade das Haus der Baugemeinschaft Kleine Freiheit)

Wer jetzt an den Wohnkomplexen von Dr. Clausen vorbeigeht, merkt schnell: Trotz der äußerst engen Bebauung sind hier statt günstiger Mietwohnungen zum großen Teil Wohlstandsparzellen entstanden, die im Viertel wie Fremdkörper wirken. Im Sanierungsbeirat herrscht immer noch Verärgerung über das Ergebnis im Pestalozzi-Quartier. „Dabei ist der Name Clausen doch in der ganzen Stadt bekannt“, sagte ein Mitglied angesichts der Mietpreise.

Stadtbekannt wurde Clausens Name 2012, als er von den Mietern seiner Sozialwohnungen in Barmbek-Winterhude noch Zuschläge für Tiefgaragenstellplatz, Abstellraum, Dachterasse oder Kanustellplatz forderte. Erst als die Stadtentwicklungsbehörde und die Hamburgische Wohnungsbaukreditanstalt einschritten und das Abendblatt und Hinz&Kunzt darüber kritisch berichteten, machte Clausen einen Rückzieher und bot den Mietern neue Verträge (ohne die teuren Gebühren) an.

„Bei der Vergabe des Grundstücks stand Herr Dr. Clausen noch nicht so im Fokus wie heute“, heißt es dazu aus dem Bezirk. „Das war eine andere Situation.“ Tja – und jetzt ist es zu spät, etwas zu ändern. Die Mietpreisbremse greift bei Neubauten leider nicht.

 

Kommentare


  1. Wie kann man den behaupten, dass „Wohlstandsparzellen entstandensind, die im Viertel wie Fremdkörper wirken“ wenn die „Mieten von 14 bis 15 Euro pro Quadratmeter dem Durchschnitt des Mietenspiegels für St. Pauli (Stand November 2015) entsprechen“?

      • Das stimmt, streng genommen ist es wirklich ein „Mieterhöhungsspiegel“.

        Trotzdem befinden sich diese Mieten im Durchschnitt gemäß der Definition des Mietspiegels.

        Von „Wohlstandsparzellen“ und einem „Fremdkörper“ im Viertel zu sprechen, ist daher übertrieben populistisch.

        Eine derartige persönliche Meinung sollte ein guter Journalist nicht in einen solchen Artikel einbringen.

  2. ja so ist es wenn die Fachleute des öffentlichen Dienstes arbeiten.Früher sagte man „schnell aber falsch“, aber „schnell“ kann ja nicht öffentlicher Dienst sein.

  3. Wie kann man sich nur so dämlich anstellen und solche Verträge unterschreiben? Anders rum, war das gewollt? Der berüchtigte HH Filz? Ich jedenfalls weiß, wen ich nächstes Mal wähle.

  4. Sind die Politiker so dumm und unfähig oder machen die mit dem Doktor gemeinsame Sache?

    Es ist nicht zum Aushalten in dieser Stadt!

  5. Fakt ist: Wohnen in Hamburg ist teuer und wird teurer. Fast jeder Neubau wird somit zur „Wohlstandsinsel“.
    Fakt ist: Wer nicht aufpasst, zieht den Kürzeren.
    Fakt ist: Ob „Bewerbungsbild“ oder „Live vom Vermieter gemustert“ – beides läuft m.E. auf dasselbe hinaus.
    Fakt ist: Fremdkörper definieren sich im Auge des Betrachters individuell.
    Fakt ist: Herr Dr. Clausen ist kein Gutmensch, sondern ein knallharter Geschäftsmann.

    Finde ich das alles gut? Nein, nicht alles. Gut ist aber, dass man heute noch immer eine Wahl hat. Leider äußerst sich diese meist darin, flexibel zu sein, gewohntes Terrain zu verlassen. Angebot und Nachfrage bestimmen den Markt und Hamburg hat beim Thema Angebot, gerade im sozialen Wohnungsbau, einiges nachzuholen.

    Ich wohne hier und habe den Mietvertrag bei vollem Bewusstsein und nicht aus der Not unterschrieben. Ich bin glücklich darüber, wohne hier gerne und freue mich, meine Nachbarn kennenzulernen. Nicht nur die, aus dem Pestalozzi Quartier.

    Übrigens: Ich bin gespannt, wie sich die Mieten/Kaufpreise der beiden weiteren Projekte (Wohnschule/Kleine Freiheit) entwickeln.

    • „Ich wohne hier und habe den Mietvertrag bei vollem Bewusstsein und nicht aus der Not unterschrieben. Ich bin glücklich darüber, wohne hier gerne und freue mich, meine Nachbarn kennenzulernen. Nicht nur die, aus dem Pestalozzi Quartier.“
      nee, bei 15€/qm kann man auch nicht von not sprechen. dann lernen sie mal „ihre“ nachbarn kennen.

    • Aber bitte nicht beschweren, dass das Grünspan oder Indra zu laut sind und die Heimkehrer der Großen Freiheit in den Vorgarten kotzen.

    • HHFan Ich bin hoch erfreut, auf Ihren Aufruf zur Flexibilität ernsthaft scheissen zu können.
      Man merkt, Sie sind nicht von hier.

    • Ich liebe konstruktive Kommentare.

      Vielleicht hätten alle, die jetzt schimpfen und johlen, vorher aktiv werden sollen? Man hat Möglichkeiten, Politik zu beeinflussen. Verträge offen zu legen. Gegen Ungerechtigkeit zu kämpfen. Gerade weil sie doch im Tenor feststellen, dass heute alles falsch läuft. Wenn es zu spät ist, schimpft es sich besonders leicht, weil man dann nicht mehr aktiv werden kann. Und danke für die Fürsorge: Ich wohne Zeit meines Lebens in Hamburg. Indra, Grünspan, Große Freiheit, K*tze, Kiez und Lärm sagen mir was. Ich habe mich, wie gesagt, bewusst entschieden. Mit allen Vor- und Nachteilen.

  6. Wer einmal die Gelegenheit hatte, Gerhard Clausen kennenzulernen, wundert sich nicht. Auch in dem Schulgebäude Große Freiheit 65, das an Gewerbe vermietet wird, ruft er stolze Preise auf. Sein Wunschmietertyp sind nach eigener Aussage Werbeagenturen – das kommt am Ende beim Pushen der „kreativen Klasse“ heraus.

    Zu seinem Coup 2012 berichtete u.a. Hinz&Kunzt: http://www.hinzundkunzt.de/abzocke-mit-sozialwohnungen/

    Bei den „luxuriösen Extras“ für Sozialwohnungen handelte es sich um Autostellplätze und, kein Witz, Stellplätze für Kanus oder Ruderboote. Die Mieter mussten diese Stellplätze mitmieten.

  7. „Auch die Freiflächen zwischen den Gebäuden wollen wir zusammen mit den benachbarten Baugemeinschaften zur gemeinsamen Nutzung gestalten.“

    So richtig muggelig wird es,wenn auch der Innenhof zwischen Kleiner Freiheit und Simon-von-Utrecht-Str. bebaut wird.Ob unsere neuen „Nachbarn“ von ihrem Glück wissen? 🙂

  8. Auch nicht wirklich neu, steht das Gesamtkonzept von Clausen und die zugehörigen Preise doch schon seit Sommer 2015.
    Die Wahlversprechen von einst, Gründstücke im Rahmen der „Hamburger Wohnungsbauoffensive 2“ schnelll und günstig zu Verkaufen damit günstiger Wohnraum entsteht, klangen zwar vielversprechend aber die Bedingungen bzgl. Zeitraum der versprochenen Mietpreise waren damals schon nicht einsichtig.

    Auch ein Artikel des Abendblatts von 2012 ließ dies schon erahnen.
    http://www.abendblatt.de/ratgeber/wohnen/article108590525/Grosse-Freiheit-fuer-Familien-Singles-und-Senioren.html

  9. Pingback: 23.04.2016 – News für Mieter und Vermieter – Miet-Check.de

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