Schlaglicht / Samstag, 02.01.2016

St. Pauli: Should I stay or should I go?

Auf St. Pauli gibt es immer noch genug Gründe, ein Lächeln zu bewahren
 
 

Wer hier lebt, fragt sich das oft: Bleiben oder Wegziehen? Hier unsere Antworten – Folge 1: Zehn Gründe, um zu bleiben.

Ein weiteres Jahr auf St. Pauli ist überstanden: Nicht nur der alltägliche und wochenendliche Wahnsinn, auch Schlagermove, Harley Days und Scharen von Touristen, die einmal zwischen Rotlicht und Blaulicht Gänsehaut spüren wollen, sind an uns Anwohnern vorübergezogen. Nervende Betrunkene, Yuppies und Dealer machen St. Paulianern das Leben nicht leicht und manchmal ist man froh, seine Tür hinter sich zuzuziehen. Aber ein Leben woanders will man sich dann doch nicht vorstellen. Wo sollte man auch hin? Eimsbüttel? Bayern? Texas?

Es gibt genug Gründe, auf St. Pauli zu bleiben – hier sind zehn von ihnen. (Weitere bitte gern in die Kommentare unten.)

1. Der Sonnenaufgang am Park Fiction, kurz bevor man zu Bett geht.

2. Das Geschrei der Möwen und die Schiffshörner, die man bis in seine Wohnung hört.

3. Der Zusammenhalt der Menschen, etwa wenn sie an einem Nachmittag organisieren, dass Flüchtlinge würdevoll und anständig willkommen geheißen und versorgt werden.

4. St. Pauli ist ein Dorf, in dem die ganze Welt zu Hause ist. Die Ferne ist hier immer in der Nähe.

5. Die Nacht ist nirgendwo so lebendig wie hier. Egal was man sucht, es wird auf St. Pauli nicht langweilig. Man lebt nicht umsonst in einem Vergnügungsviertel.

6. Ein Fußballverein, zu dem man auch gehen kann, wenn man sich nicht für Fußball interessiert. Eigentlich steht man in einer großen Kneipe und mittendrin spielen ein paar Leute Fußball.

7. Die Lichter! Ob Graffitis, Leuchtreklamen oder die bunten Lampen auf dem DOM – das tägliche und nächtliche Leuchten auf St. Pauli ist Zucker für die Augen und lässt manch einen wieder zum Kind werden.

8. St. Pauli ist immer noch ein sympathisches Arbeiterviertel – auch wenn man auf dem Weg in manche Bar mittlerweile wegen seinen Klamotten aussortiert wird.

9. Kaum ein Stadtteil riecht so gut: Von der einen Seite eine Meeresbrise, von der anderen gebrannte Mandeln.

10. St. Pauli hat den schönsten Park Hamburgs: Planten un Blomen!

 

Kommentare


  1. ganz großes Pro sind auf jeden Fall die vielen (und guten) Musikclubs, die es im Umkreis immer noch gibt und natürlich auch in der Vergangenheit gab… Molotow, Hafenklang, Störte, Gun Club, Menschenzoo/Kraken/Skorbut, Mojo, Docks, Große Freiheit 36, Rock Café und vorher natürlich auch Marquee, Weltbühne usw.

    allerdings fallen mir auch ein paar Gründe für’s Wegziehen ein und bei Punkt 9 musste ich etwas schmunzeln… ich riech hier leider oft genug eher Pisse, Kotze und andere weniger angenehme Düfte…

  2. Ja, St. Pauli ist toll. Ich habe nie gedacht, ich könnte mal wegziehen wollen. Aber seit die Dealer sich massenhaft vermehrt haben, hat meine Liebe einen Knacks bekommen. Früher waren es vielleicht 5 an genau einer Ecke. Sie grüßten und das war es. Nun sind sie unzählige. Und wenn man ihnen nachts alleine begegnet, kommen sie hinter einem her, wollen mitkommen….gut, ich gehe nun einen anderen Weg nach Hause. Aber eines lässt sich nicht ändern. 3 Dealer stehen jede Nacht genau unter unserem Schlafzimmer und unterhalten sich. Kann sein, dass die ein scheiß Leben haben. Aber meines wird auch scheiße, wenn ich wegen chronischen Schlafmangels Fehler bei der Arbeit mache.
    Gespräche mit diesen Typen sind zwecklos. Sind eh immer andere und die Polizei schickt 3 weg, also wechseln die 30 Typen die Plätze…
    St. Pauli ändert sich grade. Vom unsäglichen Disneyland für Vorstadtprolls, Bayern, Schwabwn und NRWler hin zum öffentlichen/offiziellen Drogen-Outlet. Mit ersterem ging es noch. Bei letzterem muss endlich was passieren.

  3. Dank der fleißig vorangetriebenen Gentrifizierung durch die Pfeffersäcke die den Hals nie vollkriegen wird sehr bald nur noch auf Pauli leben können wer Wuchermieten bezahlen kann. Das werden von den Ureinwohnern nicht mehr allzu viele sein.

    • Viele, die sich so äußern, sind selbst vor einigen Jahren zugezogen, und damit Auslöser des „Problems“.

      Ein St. Pauli Ureinwohner denkt nicht in solchen Spießbürger Maßstäben.

  4. St.pauli war mal ein schöner Stadtteil ,inzwischen ist das Wohnen und Leben hier kaum noch erträglich. Nur die sozialen bindungen sind hier noch Lebenswert. Aber von denen ziehen auch mehr und mehr in liebenswertere Stadteile. Leider wird nix für die Anwohner hier getan. Die Dealer nerven überall. Crackraucher in Treppenhäusern, Hauseingängen und auf der Strasse machen das Leben an manchen Tagen zum Spießrutenlauf. Unbezahlbare Mieten machen inzwischen hier einen Umzug für normalverdiener unmöglich. Die neue reiche Nerd Elite die Einzug in den neuen Wohnungen hält ist voller Egomanen und die inmteressieren sich null für den Stadteil und meiden den Kontakt zu den alten Einwohnern wo es nur geht. Immer mehr überteuerte langweilige Klamottenläden aber nix für die Bürger. Die Schlagermove nervt jährlich den gesamten Stadtteil. Der Müll und die Hinterlassenschaften haben überhand genommen und niemand interessierts. Die Behörde tut kaum etwas und läßt den gesamten Stadtteil verkommen.Manchmal frag ich mich ob da absicht hinter steckt.Ich könnte diese Liste unendlich weiter fortsetzen.Leider ist es nicht mehr schön hier zu Wohnen.

  5. Fundstück von 1926

    „Wo sind die Singspielhallen? Wo die Vergnügungspaläste, die lustigen Schießstände, die unverfälschten Kneipen in den Seitenstraßen, die lebensgefährlichen, dürftig beleuchteten Straßenecken, wo aus finsteren Hausfluren plötzlich ein Mensch mit vorgehaltenem Revolver auftauchte? Im Film mag es dergleichen noch geben, wie es für die Lichtbildindustrie noch immer die malerischen Montmatre-Keller, für den Feuilletonismus noch immer die großmütigen, hitzigen und überaus farbig bekleideten Pariser Apachen gibt. – Die Tatsachen sehen ein wenig anders aus. (…) Das alte St. Pauli, das St. Pauli von vorgestern, stirbt völlig aus, das neue St. Pauli, das amerikanisierte, pariserisch durchblutete St. Pauli, St. Pauli von übermorgen, gewinnt von Tag zu Tag an Boden. Eine der seltsamen Kneipen nach der anderen, wie das eigenartige „Museum“ mit hängenden Fischen, dem Embryo eines Urmenschen in Spiritus und tausendfachen echten und imitierten Dingen aus allen Herren Ländern, die fabelhaft mit Stimmung geladenen Negerkneipen, die Treffpunkte der ansässigen „Ganoven“, wie der berüchtigte Fuchsbau, alle diese werden entweder von einer modernisierten Betriebsamkeit mit Stumpf und Stiel verschlungen, oder für die Bädeckerreise auffrisiert. Die Straßenbeleuchtung wird besser, jagende Autos schießen über den Hamburger “Boulevard de Montparnasse“ , schlicht bürgerliche Bierrestaurants, gemütliche Kaffeehäuser, hie und da eine nette Winkneipe mit undenkbar niedrigen Preisen, Oberbayernrummel, Kinopaläste, stimmungsgeladene Ballhäuser, noch ein Hippodrom, aber auch schon modernisiert – so sieht heute die Reeperbahn aus.“

    Quelle: Hamburgischer Correspondent Nr. 445Mo, 3.Beilage, Seite 1 / 26.9.1926 „Das sterbende St. Pauli“

  6. Punkt 9. find ich geil …
    Wohne in der Lincolnstraße.
    Wir haben zur einen Seite, ja, Meeresbriese … hm, aber auf der anderen Seite riecht es nicht nach Mandeln, eher nach Pissrinnen, Shit-Haufen und Kotze! Leider nicht mehr nur Samstag nachts … :/

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