Schlaglicht / Montag, 25.05.2015

St. Pauli feiert wie ein Aufsteiger

 
 

Bis tief in den Morgen feierten Hunderte Fans vor dem Knust gemeinsam mit der Mannschaft den Klassenerhalt des FC St. Pauli.

Ein lautes Aufatmen ist aus dem „Osborne“ zu vernehmen. Ach was, ein lauter Aufschrei! Menschen fallen sich auf der Friedrichstraße jubelnd in die Arme, sie springen und singen: „Oh FC St. Pauli, wir wollen dich siegen sehen. Die ganze Kurve singt und tanzt für dich. Unser ein und alles, ja wir lieben dich!“ Es ist geschafft. Spiel verloren, aber Klasse gehalten.

 

„Das war tricky“, sagt auch Sven Brux, Sicherheitsbeauftragter des FC St. Pauli, der nach Abpfiff schnell nach Hamburg zurückeilte, um dort die große Fanparty mitzubetreuen. „Wir hatten im Stadion kaum Internet. Unsere letzte Info nach dem Abpfiff war, dass Aue noch zwei Tore geschossen hatte, aber das Spiel noch läuft. Uns war klar: Wenn Aue noch ein Tor schießt, heißt das für uns Relegation. Während die Darmstädter bereits den Platz stürmten, standen wir da und wussten nicht, was Sache ist.“ Stunden später dagegen wirkt Brux wie viele Fans sichtlich erleichtert.

FC St. Pauli Knust Party II

Am Abend dann empfingen knapp eintausend Fans die Mannschaft bei kühlem Bier und lauter Musik auf dem Schlachthof-Gelände vor dem Knust. Dort hatten bereits am Nachmittag Hunderte die Partie gegen Darmstadt verfolgt. Bereits Stunden bevor der Großteil der Mannschaft mit dem Flugzeug am Hamburger Flughafen landete, sangen sie sich schon mal warm: „Ich liebe dich, ich träum von dir…“

Als dann die Spieler um kurz vor Mitternacht zum Glockenschlag von „Hells Bells“ die Bühne betraten, gab es für viele kein Halten mehr. Torwart Philipp Tschauner zeigte vollen Einsatz und ließ es sich nach mehrfacher Aufforderung der Fans auch nicht nehmen, eine Viertelflasche Bourbon auf Ex zu trinken. Aber wie hatte bereits Kapitän Sören Gonther der Mopo am Mittag gesagt: „Das Motto heißt jetzt schütten, bis nix mehr geht.“ Kein Wunder, dass manche Spieler bereits sichtlich Schwierigkeiten mit ihrer Koordination hatten.

FC St. Pauli Knust Party III

Gefeiert wurde trotzdem umso ausgelassener, als hätte man die Champions League gewonnen. Freibier für die Fans inklusive – wenn auch nur für zehn Minuten. Und es scheint, als sehne sich so mancher Spieler bereits nach einem Zweitliga-Derby mit dem HSV in der kommenden Saison. Die entsprechenden Schmäh-Gesänge jedenfalls sitzen.

Allerdings mussten die Spieler schnell feststellen, dass nicht jeder ihrer Sprüche gut ankommt. Der Schlachtruf „Tschauner, du Zigeuner“, stieß bei den Fans erwartungsgemäß auf wenig Gegenliebe. Unbeliebt machte sich vor allem St. Pauli-Profi Enis Alushi, der neben seinen erschrockenen Kollegen einen mitgebrachten Tücherspender mit ganzer Kraft auf der Bühne zertrümmerte und seine Mitspieler anpöbelte. Wohl zu viele Bullenhoden gefrühstückt, wie?

FC St. Pauli Knust Party IV

Rührend hingegen der Abschied von Dennis Daube, der nach elf Jahren den Verein verlässt und zu Union Berlin wechselt. „Ich weiß nicht, was ich sagen soll“, so der 25-Jährige sichtlich bewegt in seiner kurzen Ansprache an die Fans. „Aber ich möchte, dass ihr wisst, dass ihr immer in meinem Herzen seid.“ Auch Waldemar Sobota, dessen Zukunft im Verein noch ungewiss ist, lobte die Unterstützung der Fans in den vergangenen Monaten.

Der wohl wichtigste Mann des Tages fehlte jedoch an diesem Abend: Cheftrainer Ewald Lienen, dem die Band Fettes Brot zur Feier des Tages sogar ein eigenes Lied gewidmet hat, reiste gemeinsam mit Präsident Oke Göttlich, Sportchef Thomas Meggle, Robin Himmelmann, Jan-Philipp Kalla und Hunderten Fans im Sonderzug zurück nach Hamburg und sollte den Kiez daher erst am frühen Montagmorgen erreichen.

(Fotos: Daniel Schaefer)

 

Kommentare


  1. Mein Dank geht an zuerst Darmstadt ,die wirklichen piraten der 2.liga „Alles gute weiterhin“. Was gab es dewn zu feiern? Am ende war es nur glück ohne sportliche leistung.Sorry da kann ich nicht mitjubeln. Hamburg hat was dem Fußball betrifft ein weiteres mal mit beiden clubs allen fans die rote laterne gezeigt. Einzig auf die spiele zwischen den HSV und St. Pauli werde ich mich nächstest jahr freuen. 22 mann spielen um einen ball mit dem sie nicht umgehen können. Das wird richtig klasse.

    • oooooh man, oh man, warum sooo negativ nicky!! Ich freue mich zwar auch mit darmstadt, aber die als piraten der 2.liga , pardon 1.liga, zu bezeichnen, ist doch weit hergeholt. Na ja, wenn es spass macht……………………………………

  2. Lieber Herr Lienen, Ihnen gilt in erster Linie mein Dank. Sie haben der Mannschaft offenbar wieder Selbstvertrauen gegeben. Ich sitze zu Hause immer am Computer und verfolge als fast 80jähriger die Spiele. Danke!!!

  3. Papa Lienen und sein Jungs, nächste Saison läuft das von Anfang an besser. Das war eine Saison wie eine Achterbahnfahrt. Ganz so spannend muss es nicht jedesmal sein. Andererseits möchte ich Spiele wie gegen Bochum und gegen Düsseldorf nicht missen. Alles ist gut!!!

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  6. Wenn man nicht durch das eigene Vermögen die Klasse gehalten hat, sollte man statt des Feierns lieber darüber nachdenken, was verbessert werden müsste. Und wenn man in der gesamten Vereinsgeschichte als einen der größten Erfolge das Siegerbesieger-Erlebnis nebst seiner höchst kommerziellen Vermarktung vorweisen kann, dann sollte man sich mit Schmähaktionen gegenüber dem deutlichst erfolgreicheren Lokalrivalen etwas zurückhalten. Wenn man aber das Looser- und Underdog-Dasein zur Vereinsideologie erhoben hat und sich immer noch auf der Kultstraße befindlich wähnt, dann kommt eben so etwas wie St. Pauli dabei heraus. Ein Verein, der vor lauter Kult vergessen hat, worum es im Fußball tatsächlich geht.

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