Schlaglicht / Montag, 17.11.2014

Die Harbor Girls: Rock’n’Roll auf Rollschuhen

 
 

Roller Derby ist wie Amazonen-Stampede – und bei den Harbor Girls des FC St. Pauli auch ein großer Fan-Spaß mit Fahnen und Konfetti.

„Melee Autumn“ ist schmal und zart, hat eigentlich keine Kämpferinnenstatur und so gar keine Ähnlichkeit mit der Computerspielfigur „Melee Physical Damage“. Trotzdem oder gerade deshalb schiebt und schlängelt sie sich als Jammerin immer wieder durch die Blockerinnen-Abwehr der gegnerischen Schwedinnen und holt für ihre Sea Gals, das B-Team der Harbor Girls, neue Punkte raus. „Ich bin auch immer ganz überrascht“, sagt die 26jährige.

Melee Autumn mit rotem Stern am Helm versucht, ihren Jam gegen das Stockholmer Pack durchzusetzen

Melee Autumn mit rotem Stern am Helm versucht, ihren Jam gegen das Stockholmer Pack durchzusetzen

Im Alltag ist sie Software-Entwicklerin. Bevor sie vor fast genau zwei Jahren zu den Hamburger Rollergirls stieß, hatte sie kaum Erfahrung auf Rollschuhen, „und auf Schlittschuhen konnte ich immer nicht bremsen“, sagt sie. Erst durch einen Film wurde sie auf Roller Derby aufmerksam, „das sah cool aus“. Nach einem „Recruiting Day“ der Harbor Girls, bei dem man alles ausprobieren kann, war sie dabei.

Fahnenschwenker, Musik Bier & Brause – die Wettkämpfe sind ein Riesenspaß

Dass „Melee Autumn“ ein Naturtalent auf Rollschuhen ist, kann beim Doppelturnier in der Sporthalle des Christianeums jeder sehen, der nicht gerade den Fahnenschwenker der Harbor-Fans vor Augen hat. Die Derbys der Harbor Girls und Sea Gals sind jedes Mal – typisch Pauli – auch ein Riesenspaß mit wummernder Musik, Tombola, großartigen Fan-Choreografien, selbstgemalten Transparenten (beim Spiel gegen Stuttgart: „Gemetzle mit Spätzle“) und Glitzerkonfetti. Wenn gleich vier Supporter-Teams am Spielfeldrand sitzen wie im Oktober (Harbor Girls gegen Stuttgart Valley Rollergirlz, Sea Girls gegen die Stockholmerinnen von Royal Army), herrscht Bombenstimmung.

Die Fankurve mit Fahnenschwenker und Konfetti

Die Fankurve mit Fahnenschwenker und Konfetti

Was mich sofort für diesen Sport einnimmt, sind das Tempo (siehe Wischer auf den Fotos) und die Geschicklichkeit. Die Füße der Spielerinnen stecken nicht in Stiefeln wie beim Inlineskaten, auf ihren Rollschuhen sind die Knöchel frei beweglich. Sprinten, Drehen und Stoppen erfordern viel Training: vier mal pro Woche, in Schnitt jeweils zwei bis drei Stunden lang, im Winter weniger.

Spielpause. Dass Miss Zoffi Jammerin ist, sieht man am roten Stern an ihrem Helm

Spielpause. Dass gerade Miss Zoffi Jammerin ist, sieht man am roten Stern an ihrem Helm

Das hat offenbar genützt, die Harbor Girls sind in diesem Jahr sehr erfolgreich gewesen. Zwar haben sie zuletzt im Oktober gegen Stockholm und die deutschen Vizemeisterinnen aus Stuttgart verloren, aber gewonnen haben sie vorher gegen die Auld Reekie Roller Girls aus Edinburgh, die Finninnen von Tampere Howlin Rolls, die rocKArollers aus Karlsruhe, die Rollergirls of the Apokalypse aus Kaiserslautern und die Demolition Derby Dolls aus Hannover.

Punk- und Rrriot-Grrrls standen Pate

Reichlich martialisch, diese Namen. Auch die Spielerinnen treten unter ihren crash-booom-bang-Namen an, etwa Käthe Kaputto, Holly Hellraiser, Schrotta, Ostblocker oder Jeanne Dark. Das liegt daran, dass die Punk- und Rrriot-Grrrls-Szenen quasi Patinnen waren, als die Sportart Ende der 1990er Jahre in den USA ein Revival erlebte. 2004 gründete sich die Women’s Flat Track Derby Association (WFTDA), in der mittlerweile mehr als 14.000 Rollergirls organisiert sind. 2010 fand die erste deutsche Meisterschaft in Berlin statt; Anfang Dezember 2011 wurde die erste Weltmeisterschaft in Toronto ausgetragen.

Sea Gals vs Royal Army Stockholm: Käthe Kaputto beim Blocken

Sea Gals vs Royal Army Stockholm: Käthe Kaputto beim Blocken

Die Spielernamen werden allmählich zu einer zweiten Identität, sagt Käthe Kaputto, dazu gehören die Tattoos, manche schminken sich auch wilde Masken. Auf dem Spielfeld sind sie Bad Girls – die Gegnerinnen schenken sich bei Wettkämpfen nichts, frei nach Janiva Magness: „I get cut and I might bleed / But I won’t cry“. Vollkontakt-Rempler und Stürze sind normal. Das hindert die Rollergirls aber nicht, den Gästen von auswärts Schlafplätze anzubieten, gemeinsam zu lachen und abzufeiern. „Mit den Stockholmerinnen waren wir hinterher bis morgens um fünf in einer Karaoke-Bar“, sagt Käthe Kaputto.

„Beim Training lernst du Laufen, Stehen, Fallen“

Ihr eigener Spielername setzt sich zusammen aus ihren zweiten Vornamen (Katharina) und kaputt, „weil ich ständig irgendwas umwerfe“. Käthe, 28, hat im wirklichen Leben Soziologie, Kultur- und Verwaltungswissenschaften studiert und ist Referentin in der Schulbehörde. Entdeckt hat sie den Sport beim Studium in Berlin. „Als ich vor zweieinhalb Jahren nach Hamburg zog, hab ich gegoogelt und die Harbor Girls gefunden. Ich hatte Leistungssport und Schwimmen gemacht, das half natürlich, aber mit Rollschuhfahren fing ich ganz neu an. Beim Training lernst du Laufen, Stehen, Fallen und dabei die Finger einzuziehen, damit keiner drüberfährt.“

Harbor Girls vs Stuttgart Valley Rollergirlz: Vor dem Spiel schwört sich das Team ein

Harbor Girls vs Stuttgart Valley Rollergirlz: Vor dem Spiel das Teamgeist-Ritual

Käthe hat noch die Anfangsjahre miterlebt, „als wir für die meisten Vereine ein paar Mädels mit Tattoos waren, die im Kreis rumfuhren“. Noch länger dabei ist Spooky Spiky, die Lili heißt und Roller Derby schon 2006 in Stuttgart kennenlernte: „Dort hatte sich der erste deutsche Verein gerade gegründet. Als ich nach Hamburg zog, gab es hier noch keinen. Zwei Freundinnen und ich haben gesagt: Das müssen wir ändern.“ So entstanden die Harbor Girls.

Angefangen haben sie in leeren Parkhäusern

Ein Team aufzubauen, war allerdings nicht leicht: „Wir fanden viele Frauen, die gern Party machen und sagten: Juhu, endlich mal kein Standard-Sport. Aber Roller Derby ist ein ernstzunehmender Sport. Wenn du ein bestimmtes Level erreichen willst, musst du viel trainieren.“ Angefangen haben sie sonntags in leeren Parkhäusern und auf der Bahn in Planten un Blomen. Mit Hallenzeiten war es schwierig: „Wir waren ja auch Vereins-Laien. Und viele Sportvereine hatten Angst, wir würden mit den Rollschuhen ihre Hallenböden kaputt machen.“

Bout begins: Harbor Girls in Schwarz gegen die Stuttgart Valley Rollergirlz in Apfelgrün

Bout begins: Harbor Girls in Schwarz gegen die Stuttgart Valley Rollergirlz in Apfelgrün

Das ließ sich wiederlegen. Inzwischen haben die Harbor Girls drei- bis viermal wöchentlich eine Halle zum Üben, und das ist alles andere als plüschiges Pilates: Außer Fahren gehört dazu auch Krafttraining und Bauch-Beine-Po-Rücken. Beim Training zeigt sich oft früh, ob jemand ein Talent als Jammerin hat. Wie zum Beispiel Miss Zoffi oder Melee Autumn. Als der FC St. Pauli dann bereit war, die Harbor Girls einzureihen, war das ein Riesengewinn. „Das ist sehr speziell in Hamburg“, meint Lili. „Ich habe diese extrem positive Unterstützung von Fans bisher nirgendwo erlebt, die ist auch für Roller Derby nicht typisch.“

Nach jedem Recruiting Day (ein Mal pro Jahr) kann ein neuer Nachwuchskurs beginnen. Rund 50 Rollergirls in Altersstufen stehen heute fest auf den Rollen. Womöglich gehört irgendwann auch Lilis kleine Tochter dazu, „die hat alle Spiele miterlebt.“

Rempler und Stürze sind normal

Rempler und Stürze sind normal

Zwar tragen die Spielerinnen Schutzmanschetten an Ellenbogen, Handgelenken und Knien, aber zu Prellungen an Schien- und Wadenbeinen oder zu Sprunggelenkverletzungen kommt es manchmal trotzdem. „Das Verletzungsrisiko ist aber aus meiner Sicht nicht so hoch wie beim Fußball“, sagt Käthe Kaputto. Wenn nach jedem Bout die Zuschauer einen großen Kreis ums Spielfeld bilden und die Spielerinnen zum Händeabklatschen an ihnen vorbeifahren, ist sowieso alles vergessen. „Unsere Fans sind die besten der Welt“, sagt Käthe.

Am Sonnabend, 6.12., bouten die Sea Gals gegen die Berlin Bombshells (C). Sporthalle St. Pauli, Budapester Straße 58. Einlass 17 Uhr, Beginn 18 Uhr. Karten gibts an der Abendkasse oder demnächst  hier.
 
Harbor Girls Abklatschen

Fans und Teams beim Abklatschen zum Schluss

Und hier noch mal die Spielregeln

Wer die Spielregeln noch nicht kennt: Die beiden gegnerischen Teams fahren gegen den Uhrzeigersinn ums Feld. Jedes Team hat vier Blockerinnen und eine Jammerin. Während die Blockerinnen versuchen, das gegnerische „Pack“ außer Gefecht zu setzen, versuchen die Jammerinnen, durch das schubsende Pack durchzusprinten und eine Runde (Jam) zu drehen, bis sie wieder auf das Pack stoßen. Um Punkte zu sammeln, muss jede Jammerin das Pack so oft wie möglich überrunden und die gegnerische Jammerin dabei abhängen.

Pro überholter gegnerischer Blockerin gibt es einen Punkt. Geblockt werden darf mit Schulter, Hüfte und Hintern. Mindestens acht Schiedsrichter/innen auf Rollschuhen fahren auf dem Spielfeld mit und achten auf Fouls: Dazu zählen Kopfnüsse, Schubsen mit den Händen, Beinhaken und Ellbogen-Checks; verboten ist auch, Gegnerinnen am Trikot zurückzuhalten (beim Fußball sehr beliebt). Für Verstöße kassiert eine Spielerin eine halbe Minute Strafbank, nach sieben Strafbank-Besuchen ist für sie Schluss. Nach jeweils zwei Minuten wird das Spiel für 30 Sekunden unterbrochen, um ggf. Spielerinnen auszutauschen. Ein Wettkampf heißt „Bout“ und dauert insgesamt 2×30 Minuten.

Beim After-work-Gruppenfoto mit den Stuttgarterinnen sind alle dabei

Beim After-work-Gruppenfoto mit den Stuttgarterinnen sind alle dabei. Dann gehts in die Duschen und hinterher zum Feiern (Fotos: Jung)

 

Kommentare


  1. Pingback: Harbor Girls: Sieg war leider nicht drin

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