Schlaglicht / Samstag, 09.08.2014

Nie mehr Grüne-Scheiß-Wichse

Gabi ist die aktuelle Wirtin des Na und?
 
 

Nach fast 30 Jahren gibt Wirt Kaus Scharf seine Kneipe „Na und?“ aus gesundheitlichen Gründen auf. Im November soll eine Cocktailbar eröffnen.

Seinen „Scheiß Puff“, wie Klaus Scharf seine Kneipe manchmal liebevoll nannte, verehren sie auf St. Pauli bis heute. Die Freunde aus der Nachbarschaft ebenso wie die jungen Studenten, die auf der Pendlermeile zwischen Schanze und Kiez am Wochenende gerne einen Zwischenstopp auf einen Schluck „Grüne-Scheiß-Wichse“ bei ihm einlegen – ein Schnaps nach Hausrezept, der für viele zu Beginn oder zum Ende einer langen Partynacht nicht fehlen darf. An manchen Tagen wird hier schon mal bis in die Mittagsstunden gefeiert.

Doch damit wird es nun bald vorbei sein. Die bekannte Kiezkneipe „Na und?“ an der Wohlwillstraße muss nach fast 30 Jahren zum Ende des Monats schließen. Wirt Klaus Scharf leidet seit längerer Zeit an Krebs. Bereits zu Ostern musste sich der 73-Jährige einer erneuten Operation unterziehen. Doch eine Heilung ist derzeit äußerst unwahrscheinlich. Eine zweite Operation, die für Anfang August angesetzt war, wurde nicht mehr durchgeführt. „In dem Alter erholt sich der Körper leider nicht mehr so schnell“, sagt Gabi, eine langjährige Freundin und Mitarbeiterin (Foto oben). „Er kann das „Na und?“ nicht mehr halten.“ Verwandte, die den Laden übernehmen könnten, gibt es nicht.

Grüne-Scheiß-Wichse

Vom frühen Abend bis zum späten Morgen geöffnet: Das „Na und?“ an der Wohlwillstraße

Klaus hat seine Kneipe daher verkauft. Auf einem Zettel im Fenster schreibt er: „Vielen Dank für 29 Jahre. Ich hör nicht aus Spaß auf. Hab Krebs. Deshalb hab ich mich entschieden das „Na und?“ zum 1. September an meine Nachfolgerin Oline zu geben. Oline wird den Laden verändern, deshalb hat er eine Weile geschlossen. Hoffe Ihr kommt wieder. Vielen Dank für Alles.“ Typisch Klaus. Große Worte waren seine Sache nie.

„Klaus ist einmalig, ein Original“, sagt Gabi. „Mal ist er ein Charmeur, mal ein Motzkopf – die jungen Leute lieben das. Jede Nacht war hier Action.“ Bis zu 30 Kurze seiner Grünen-Scheiß-Wichse hat er nach eigener Aussage in so mancher Nacht selbst vernichtet. „Am Anfang hab ich die Mischung einfach nur Grün genannt“, hat Klaus einmal gesagt. „Ich hab ja viele Studenten. Und die fragen: ‚Was ist denn da drin?‘ Dann red ich, wie ich denke. Ich sag: ‚Da hab ich reingewichst.’“

Grüne-Scheiß-Wichse

Die legendäre „Grüne-Scheiss-Wichse“ ist ein Geheimrezept von Klaus, das er stets für sich behält

Seine Geschichten sind legendär, seine Klappe unnachahmlich. Diesen Wirt kann man nicht so einfach ersetzen, so viel steht fest. Nachfolgerin Oline tritt daher in große Fußstapfen. Mit der neuen Konzession kommen jedoch auch neue Auflagen, vor allem was Schall- und Brandschutz angeht. Da die Kneipe in ihrem derzeitigen Zustand so nicht mehr von den Behörden abgenommen wird, muss sie komplett umgebaut werden. „Vom Tresen bis zur Toilette kommt alles raus“, sagt Gabi. „Um etwas zu verkaufen, muss sich was verändern. Die Kioske in der Nachbarschaft machen uns das Geschäft sehr schwer.“

Nie wieder „Grüne-Scheiß-Wichse“ – der Kiez trauert

Nach zwei Monaten Umbau soll Anfang November wieder eröffnet werden. Statt der urigen Kiezkneipe soll bis dahin eine Cocktailbar namens „Walross“ in den Räumlichkeiten entstehen. Eine Künstlerkneipe, wie es heißt, in der Kreative aus dem Viertel ihre Werke ausstellen können. Ob das Konzept an dieser Stelle aufgeht? „Sie gibt sich wirklich viel Mühe“, lobt Gabi die neue Eigentümerin. „Ich finde sie passt hier rein.“ Na, wenn Gabi das schon sagt! Eine Chance hätte Oline daher in jedem Fall verdient, auch wenn der Kiez schon heute einem legendären Wirt und seiner „Grünen-Scheiß-Wichse“ nachtrauert.

Grüne-Scheiß-Wichse

Gabi arbeitet seit langer Zeit im „Na und?“. „Es wird mir fehlen“, sagt sie

 

 

Kommentare


  1. Pingback: Bierschaum mit Rosenblüten statt Scheiß-Wichse - St.Pauli-News

  2. Auf Claus, ich bin sein Neffe. Eine Flasche hat er mir noch kurz vor seime Tod gemischt, die in meinem Kühlfach liegt.
    Am Sonntag habe ich mir einen gegönnt, auf Claus!

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