Schlaglicht / Freitag, 18.12.2015

Neue Kiez-Talkshow feierte Premiere im kukuun

 
 

Leute, die „hammergute Geschichten“ zu erzählen haben, stehen im Mittelpunkt – am Mittwoch waren es Ann Sophie, Harry Schulz und Ricardo M.

Kaum ist die eine Talkshow abgesetzt, da poppt auf dem Kiez schon die nächste auf. Im kukuun startete am Mittwoch Abend die Kiez-Klub-Talkshow „Talk der offenen Tür“ vor vollem Haus. Während „Der Klügere kippt nach“ im „Zwick“ kürzlich selber gekippt wurde: Der Sauftalk mit einer Themenmischung wie beim Frisör mit Wigald Boning, Hugo Egon Balder und Hella von Sinnen stieß auf Kritik und hatte zuletzt nur noch 60.000 Zuschauer.

Jede Talkshow steht und fällt mit den Gästen

Gruppenbild, von links: Ann Sophie, die Gastgeber Peter Dirmeier und Astrid Rolle, Musiker Horst Schneider und Tomate

Gruppenbild, von links: Ann Sophie, die Gastgeber Peter Dirmeier und Astrid Rolle, Musiker Horst Schneider und Tomate

„Talk der offenen Tür“ hat also gute Chancen, sich richtig zu etablieren. Eins steht fest: Hier geht es nicht ums Warmsaufen, sondern ganz reell ums Warmreden. Die Gastgeber Astrid Rolle und Peter Dirmeier laden ab jetzt ca. alle zwei Monate Gäste ein, die im weitesten Sinne etwas mit dem Kiez zu tun und „hammergute Geschichten“ zu erzählen haben. Begleitet werden sie von Sänger und Gitarrist Horst Schneider und seinem Schlagzeuger Tomate, die als Horst with no name Orchestra nach eigenen Angaben „filigrane Musik zwischen Eimsbüttel und St. Pauli“ machen, vor allem Rockabilly.

Wie bei jeder Talkshow steht und fällt das Ganze mit der Gäste-Kombination, und die war am Mittwoch wirklich gelungen. Mit Talk haben die Moderatoren auch einige Erfahrung: Dirmeier (Schauspieler, Sprecher und Moderator) und Rolle (TV- und Radiojournalistin) machten bisher das „SprechTZimmer“ auf TIDE, wo sie schon viele ungewöhnliche Hamburger/innen zu Gast hatten, u.a. Milo Milone, Frontfrau von „Rhonda“, oder Lotto King Karl oder Jan Christof Scheibe, musikalischer Leiter im St. Pauli Theater. Astrid Rolle musste vor der Premiere zugeben, dass ihr „ein bisschen die Knie zitterten“.

Tolle Stimme: Ann Sophie am Flügel

Tolle Stimme: Ann Sophie am Flügel

Ann Sophies Karriere begann in einer Bar namens „The Bitter End“

Aber dazu bestand kein Anlass. Die Hamburger ESC-Nichtgewinnerin Ann Sophie Dürmeyer (Beitragsfoto) erwies sich im Interview mit Peter Dirmeier (haha) als unglaublich bodenständige und pointierte Gesprächspartnerin. Aufgewachsen im südelbischen Heimfeld, schrieb sie schon in ihrer Schulzeit eigene Songs auf ihrem Keyboard und ging nach dem Abi erstmal nach New York, wo sie ein paar Auftritte in einer Bar namens „The Bitter End“ hatte und am bekannten Lee Strasberg Institute Schauspiel studierte. Was lernt man da? Method acting, sagte sie. „Bei einer Lerneinheit ‚animal work‘ war ich zum Beispiel ein Pferd.“

Weil sie kein Geld mehr hatte, kehrte sie zurück nach Deutschland und bewarb sich mit ihrem Musikvideo Get Over Yourself für die Wild Card beim ESC, „ich hatte sowieso gerade nix anderes zu tun“. In der Zeit gab sie auch ein Clubkonzert in der Großen Freiheit. Das Fiasko mit „Black Smoke“ auf Platz 17 beim ESC hat man ja noch vor Augen. ESC-Organisator Schreiber vom NDR sei nach dem Contest einfach gegangen, ohne seiner Kandidatin Tschüs zu sagen, erzählte sie (Zuruf aus dem Publikum: „Arschloch!“). Gefeiert hat sie dann allein mit ihren Backgroundsängerinnen. Und ja, das Ganze bescherte ihr ein Karriereloch: keine 2. Single wie geplant, keine Konzerttournee, „totes Pferd“.

Der Frau könnte man stundenlang zuhören. Inzwischen hat sie ein Kinderbuch geschrieben, das vom Marienkäfer Hubi handelt, der seine verloren gegangenen Punkte sucht. Dieses Buch sucht übrigens noch einen Verlag (vielleicht schaltet hier mal jemand!). Und dass sie trotz alledem eine Könnerin ist, bewies Ann Sophie dann am Flügel mit zwei Songs.

Harry Schulz, das Universalgenie vom Kiez

Harry Schulz im Gespräch mit Astrid Rolle

Harry Schulz im Gespräch mit Astrid Rolle

Vielleicht ist es keine ganz so gute Idee, das Gespräch mit dem Hauptgast (in diesem Fall Ann Sophie) zu unterbrechen und Gespräche mit anderen Gästen dazwischen zu schieben. Harry Schulz – Inhaber vom „Lütt’n Grill“ in der Schanze, Musikproduzent, Inhaber einer Werbeagentur und Kirz-Urgestein – musste sich Astrid Rolle Fragen auf dem zugigen Balkon des kukuun stellen, was zahlreiche Zuhörer zu verrenkten Hälsen zwang. Auf der zwar kleinen Bühne wäre dieses Universalgenie besser zur Geltung gekommen. Der Mann ist wirklich kiezgestählt. Schon im zarten Alter von 12 verdiente er auf St. Pauli sein erstes Geld, indem er Puffs mit Geschirr von Kristall-Wilms am Hans-Albers-Platz belieferte und einen Einkaufsservice für Prostituierte aufzog: „Die arbeiten ja während der Öffnungszeiten und kommen nicht zum Einkaufen. Ich kaufte für 13 Frauen ein und hatte von 7 die Haustürschlüssel.“ Mit 18 schenkten ihm lokale Luden eine Prostituierte zum Geburtstag, die er aber nicht haben wollte, und wurde lieber Musikreporter. Allein seine Schilderung eines Interviews mit Jimmy Page, bei dem kein Wort von Led Zeppelin fallen durfte, war bühnenreif.

Astrid Rolle mit dem weihnachtlich leuchtenden Ricardo M.

Astrid Rolle mit dem weihnachtlich leuchtenden Ricardo M.

Auch der weihnachtlich beleuchtete Entertainer und Bingo-König Ricardo M. hätte viel mehr zu erzählen gehabt. Er wollte noch „Tropica Olé“ singen und war kaum zu bremsen. Immerhin nahm man die Info mit, dass er jetzt auch Restauranttester und -kritiker für „Hinnerk“ ist. Und Cocktail-As Uwe Christiansen durfte erklären, wie er den „St. Pauli Killer“ erfand, einen Schoko-Likör mit Kirsche und Chili.

Alles in allem war es aber ein gelungener Abend, den man demnächst auch auf YouTube sehen kann (alles wurde mit Kameras aufgezeichnet). Kukuun-Chefin Julia Staron war sehr angetan, auch Astrid Rolle freute sich nach dem warmen Applaus der Zuschauer: „Endlich eine würdige Fortsetzung vom SprechTZimmer“, sagte sie. „Die Vorbereitung war anstrengend, hat aber enorm Spaß gemacht.“ Bei solchen Gästen muss man ja auch keine zitternden Knie haben.

 

Kommentare


    • Vielen Dank für den netten Bericht über unsere Pilot-Show. Wir haben am 23.03.2016 bereits den zweiten TalkDOT – Talk der offenen Tür im kukuun veranstaltet, live ins Netz gestreamt und am 01.04.2016 auf http://www.talkdot.de veröffentlicht. Dazu noch viele andere Videos rund um das Geschehen sowie natürlich auch die Videos der hier beschriebenen Pilotfolge. Wir freuen uns auf die nächsten Aufzeichnungen am 25. und 27.04.2016, natürlich wieder im kukuun.

      Viele Grüße vom TalkDOT-Regisseur-Produzenten Christian Böge

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