Schlaglicht / Donnerstag, 29.10.2015

Musikclub “Docks” wird zur Notunterkunft

 
 

Spontane Nächstenliebe auf St. Pauli: Das “Docks” am Spielbudenplatz nimmt für eine Nacht rund 150 Flüchtlinge auf.

Dichter Nieselregen liegt über dem Spielbudenplatz. Froh sein kann, wer bei so einem Wetter nicht vor die Tür muss. „Wenn ich mir vorstelle, dass Familien und Kinder heute Nacht im Freien schlafen müssten, ich könnte heulen.“ Susanne Leonhard steht im Eingangsbereich des „Docks“ am Spielbudenplatz und ringt um Fassung. „Ich bin völlig fertig.“ Am späten Nachmittag kam der Anruf: Flüchtlingsaktivisten baten darum, über Nacht Flüchtlingen, die auf der Weiterreise seien, ein Dach über dem Kopf zu geben. Die Geschäftsführerin des bekannten Musikclubs zögerte keinen Augenblick.

Nach Angaben der Gruppe „Refugees Welcome – Flensburg“ hat die dänische Polizei am Donnerstag damit begonnen, Flüchtlinge, die auf dem Weg nach Schweden waren, an der Grenze zur Registrierung zu zwingen. Daraufhin seien viele Flüchtlinge erneut nach Flensburg und Hamburg zurückgekehrt oder traten die Reise in den Norden gar nicht erst an. Innerhalb kürzester Zeit hätten sich so an die 600 Flüchtlinge am Hamburger Hauptbahnhof gesammelt. „Da die Stadt sich bisher nicht dafür verantwortlich fühlt, diesen Menschen eine Notunterkunft zu organisieren, müssen wir erneut verhindern, dass diese Menschen in der Kälte frieren müssen“, heißt es von den Unterstützern am Hamburger Hauptbahnhof. Demnach wurden u.a. in der Frohbotschaftskirche im Stadtteil Dulsberg rund 150 Menschen kurzfristig untergebracht.

Auch im „Docks“ sind in dieser Nacht mehr als 150 der in Hamburg gestrandeten Flüchtlinge untergekommen. Einige junge Männer liegen auf den wenigen vorhandenen Decken und Matten, die vor der Bühne ausgelegt sind. Andere sitzen zusammengekauert in den Ecken, den Kopf zwischen den Armen vergraben. „In deren Haut möchte ich nicht stecken“, sagt einer der beiden Securities, die heute Abend kurzfristig eingesprungen sind. „Keiner von denen weiß doch, wie es morgen weitergehen soll.“

Ob noch weitere Flüchtlinge über Nacht nach St. Pauli kommen werden, weiß hier niemand so genau. „Wir werden jeden Quadratmeter nutzen“, verspricht Susanne Leonhard, die sich mit fünf ihrer Mitarbeiter um die Geflüchteten kümmert. Eilig versuchen sie nun, Luftmatratzen und Isomatten zu organisieren. Per Facebook und über SMS werden am späten Abend Hilferufe abgesandt, die sich im Sekundentakt verbreiten. Andere schmieren unterdessen Käsebrote oder kaufen Wasser in Discounter um die Ecke.

„Alles ist besser als draußen in der Kälte“, sagt Susanne Leonhard. Die Heizungen laufen bereits auf vollen Touren und auch die Duschen im Backstage-Bereich wurden für die Geflüchteten geöffnet. Morgen Abend soll dort schon ein ganz anderer duschen: Rapper Bushido hat am Freitag seinen großen Auftritt im Docks. Eine zusätzliche Hürde für die spontanen Helfer: „Bereits um sieben Uhr morgens werden die Mitarbeiter der Produktion vor der Tür stehen, um den Auftritt am Abend vorzubereiten.“ Heißt: Bis dahin muss die Konzerthalle wieder leer sein.

Für Susanne Leonhard und ihr Team wird es eine harte Nacht. Die Zuversicht ist ihr dennoch deutlich anzumerken. „Diese Menschen sind einfach nur dankbar, dass sie ein Dach über dem Kopf haben, die werden uns hier nicht die Bude auseinandernehmen“, sagt sie gelassen. „Wir wuppen das.“

(Foto: Daniel Schaefer)

 

Kommentare


  1. supersache vom docks, gar keine frage, aber: ‘„Da die Stadt sich bisher nicht dafür verantwortlich fühlt, diesen Menschen eine Notunterkunft zu organisieren, müssen wir erneut verhindern, dass diese Menschen in der Kälte frieren müssen“, heißt es von den Unterstützern am Hamburger Hauptbahnhof”‘

    das sagt einiges und ist langsam echt erbärmlich wie sehr sich die Behörden hier nicht kümmern… so ziemlich alles was gut geklappt hat ist nicht von Seiten der Stadt aus passiert sondern von Ehrenamtlichen usw.

  2. Leo -löwenherz, sie ist wie sie heißt eine löwin mit herz 😉 daniel, jetzt weiß ich auch wofür die töpfe sein sollten…. decken und isomatten hät ich auch noch gehabt…. nächstes mal keine scheu haben! -D-

  3. Leo plus Crew… ihr seid alle sooooooooo toll! Kommendes WE gibbet `ne kräftige (Dankes-)Umarmung von mir. Gruß aus Münster :-)

  4. Pingback: Hunderte Flüchtlinge schlafen erneut im Docks - St.Pauli-News

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