Schlaglicht / Samstag, 12.03.2016

„Hurenherzen“: so schlägt das Herz von Prostituierten

Rund ein Dutzend Prostituierte haben die Hurenherzen gezeichnet
 
 

Der Künstler Tankred Tabbert hat Prostituierte Herzen zeichnen lassen und zeigt sie nun in einer Ausstellung. Ein Blick auf die sozialen Rollen von Huren und Freiern.

Wenn Männer Prostituierte ansprechen, geht es ihnen meist nur um deren Körper und nicht um ihr Herz. Als Tankred Tabbert nachts auf seinem Fahrrad bei den Frauen vorfuhr, dürfte er ihnen eine angenehme Überraschung bereitet haben. Ihm ging es nämlich ausschließlich um das Herz der Damen, genauer um eine Zeichnung davon. Rote „Hurenherzen“ sollten die Prostituierten dem Medienkünstler in seinen Skizzenblock zeichnen. „Manche haben einfach im wörtlichen Sinne ‚abgewunken‘, aber das waren gefühlt weniger als die Hälfte“, sagt Tabbert. Meistens seien die Reaktionen sehr gut und freundlich gewesen. Ab dem heutigen Sonnabend sind die Bilder in der Ausstellung „Hurenherzen“ im Galerie-Projektraum ZustandsZone zu sehen.

Auf St. Pauli und im Bereich Süderstraße war Tabbert im vergangenen Sommer unterwegs, um sich auf die Suche nach dem Menschen hinter der sozialen Rolle zu machen, die die Frauen ausfüllen. Die Zeichnungen sollten Hinweise auf das Wesen der Menschen geben. „Auf dem Fahrrad sah ich nicht wie ein klassischer Freier aus, war ja auch keiner“, sagt der Künstler. Für manche der Frauen war der ungewöhnliche Besucher „eine nette Abwechslung beim Warten“, da am frühen Abend wenig los war.

„Der Mensch ist vollkommen austauschbar“

Nicht mit allen Prostituierten konnte Tabbert reden, denn einige sprachen kaum Deutsch. „Die, mit denen ich mich unterhalten konnte, haben mich mit ihrer Reaktion positiv überrascht: Ich wusste vorher nicht, dass ich voll ins ‚Schwarze‘ treffen würde, wenn ich mit meiner Arbeit nach dem Menschen hinter der beruflichen Rolle fragen würde“, sagt Tabbert. Ein großer Teil der Frauen würde diesbezüglich zu kurz kommen. „Die Männer kommen, suchen nach ‚Beuteschema‘ aus, die Dienstleistung wird erbracht, der dienstleistende Mensch ist im Grunde vollkommen austauschbar.“ Dabei freuen sich die Prostituierten, wenn mit ihnen gesprochen wird und nicht nur über sie, so Tabbert.

Nicht nur die Frage nach dem Wesen der Frauen und ihren Gefühlen beschäftigte Tabbert, sondern auch „die emotionalen Projektionen, Sehnsüchte und Bedürfnisse der Rollen-Interaktionspartner, hier der Freier. Ich frage mich bis heute, ob diejenigen, die – egal ob Mann oder Frau – sexuelle Dienstleistungen in Anspruch nehmen, am Ende nicht doch ein Gefühl kaufen möchten, das ihnen anderweitig mangelt?“

„Sexarbeiterinnen – viel sympathischer, als ich dachte“

Als Schüler der fünften Klasse fielen Tabbert und seinen Freunden Prostituierte auf, die mit Reizwäsche und Pelzmänteln bekleidet auf ihre Kunden warteten. „Diese Frauen waren für uns Pennäler nicht nur ein optisches Ereignis, ein echter Hingucker – eine von ihnen zählt bis heute zu einer der drei mit Abstand schönsten Frauen, die mein Augenlicht je erblickte“, sagt der Künstler. Viel wusste er jedoch bis vor kurzem nicht über die Frauen, die käufliche Liebe anbieten. „Ich war positiv überrascht, dass die Sexarbeiterinnen, mit denen ich Kontakt hatte, viel sympathischer waren, als ich zuvor dachte, nicht so kaltschnäuzig wie mir unter vorgehaltener Hand von anderen Männern berichtet wurde.“ Jedoch war das Projekt „Hurenherzen“ ein „Experiment unter einem gewissen Zeitdruck“, so Tabbert. Für längere Gespräche war zunächst keine Zeit, über die Lebensgeschichten erfuhr er teils erst später mehr.

Auch über die Freier lernte Tabbert viel, am meisten überraschte ihn die Bandbreite der Wünsche. „Manche Männer suchen offenbar tatsächlich einen Ersatz für echte Gefühle, andere haben sehr spezielle sexuelle Bedürfnisse, die sie mitunter mit einer Energie zu verwirklichen suchen, die mir fast schon zwanghaft vorkam.“

Hurenherzen als Klischee oder Liebesbotschaft

Die Idee zu dem Projekt kam Tabbert, der im vergangenen Jahr mit der Installation „Eyeball“ für Aufmerksamkeit sorgte, spontan auf dem Heimweg. Das Hauptthema seiner Kunst ist „das Leben“, dabei stehe oft der Mensch im Mittelpunkt. Zwar nahmen nur rund ein Dutzend Frauen an dem Projekt teil, es ist also nicht repräsentativ für einen ganzen Berufsstand. Doch Tabbert würde sich trotzdem eine veränderte Sicht auf das Thema Prostitution wünschen.

Die „Hurenherzen“ können sowohl „abstraktes Symbol, emotions- und inhaltsloses Klischee, aber auch echte Liebesbotschaft sein.“ Die Zeichnungen seien wie eine einzigartige Unterschrift und sollen die Betrachter dazu bringen, sich mit der menschlichen Seite der Sexarbeit auseinanderzusetzen. „Das wurde mir selbst aber erst hinterher klar, als die Hurenherzen schon gezeichnet waren“, sagt Tabbert. Auch er gelangte zu einer neuen Sichtweise auf das Thema Prostitution. „Ich habe nämlich entdeckt, dass es zwischen Künstlern und Sexarbeitern mehr Gemeinsamkeiten gibt, als ich dachte.“

Ausstellung „Hurenherzen“ im Galerie-Projektraum ZustandsZone, Königstraße 16 / verlängerte Reeperbahn. Ausstellungsdauer: 12. März bis 02. April 2016. Hier gibt es mehr Infos über den Projektraum ZustandsZone und den Künstler Tankred Tabbert.

 

Kommentare


  1. Klar haben wir unsere Mädels lieb, ader die Aktion verklärt doch die Situation ein bisschen. Und die Parallelen zwischen Prostitution und Kunstbetrieb sind auch nicht gerade neu.

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