Schlaglicht / Donnerstag, 09.04.2015

Hafennacht: Mit einem Bein schon im Meer

 
 

Wenn das Trio Hafennacht von Schiffen, Seemannsbräuten und roten Laternen singen, schlägt das Herz von St. Pauli etwas lauter.

Die „Hedi“ dümpelt in der Sonne, Erk kämpft mit dem Kabelsalat, Heino stärkt sich noch schnell mit einem Fischbrötchen, während die ersten Gäste an Bord kommen. „Zuletzt haben wir hier im Dezember bei heftigem Wind und Minusgraden gespielt“, sagt Uschi. Aber „Hafennacht“ lieben das Wasser und das Wasser liebt die drei auch: Der Frühlingsabend bleibt sonnig und der Pegel in Bierflaschen und Weingläsern ruhig, während die kleine Barkasse ablegt. „Ein Glas auf den Deich und eins auf die See…“

„’An Land‘ von Element of Crime war unser allererstes Stück, seither bringen wir das fast immer am Anfang“, sagt Uschi. Vor zehn Jahren taten sich Uschi Wittich (Gesang), Erk Braren (Gitarre) und Heiko Quistorf (Akkordeon) zur „Rettung des maritimen Liedguts“ zusammen. Kein Wunder, Uschi und Erk wohnen auf St. Pauli (Heiko in Barsbüttel). Wenn man dem befreundeten St.-Pauli-Schriftsteller Konrad Lorenz glauben darf, hasst Erk den Wind und spielt am liebsten Heavy Metal, Heiko dagegen liebt Sturm und Meer und ist von oben bis unten mit Meerjungfrauen und riesigen Fischbrötchen tätowiert und Uschi auf einem Dampfer zwischen Cuxhaven und Helgoland geboren.

Seemanslieder sind nicht nur nostalgisch

Wenn die drei auftreten, riecht es nach Salz und Wasser, aber auch ein bisschen nach Diesel und Parfüm. Maritimes Liedgut, das sind nämlich nicht nur nostalgische Lieder von Abschied und Fernweh. Sie handeln auch von fliegenden Kühen, Tresenköniginnen, Haifischen und dieser unhandlichen Sehnsucht namens Liebe. Das Trio interpretiert alte Songs von Hans Albers oder Lale Andersen, aber auch Chansons von Rio Reiser oder Jacques Brel. Mittlerweile sind viele eigene Songs dazu gekommen wie etwa „Ich wünsch mir, du wärst hier“ oder „Rolling Home“.

Hafennacht auf der Hedi 8.4 (35)

Viele Gäste sind nicht zum ersten Mal dabei und können mitsummen

Hafennacht zerren „La Paloma“ aus der Schunkelecke heraus und verpassen „Dat du min Leewsten bist“ einen neuen Anstrich. „Es hat mich als Sängerin immer gereizt, deutsche Texte zu interpretieren. Und die meisten Seemannslieder haben einen zweiten bis siebten Sinn, deshalb passen sie auch in die heutige Zeit“, sagt Uschi. Es geht um die ewigen Schräglagen im Leben: Einer fährt los, einer bleibt zurück, „Schiffe legen im Hafen an / doch das Glück schwimmt einfach weiter“.

Diese Mischung zwischen Melancholie, Ironie und Es-muss-ja-weitergehen war immer die Hintergrundmusik von St. Pauli: „Hier ist der Ort, wo diese Musik schon immer stattgefunden hat“, findet Uschi. Die Schräglagen sind geblieben, auch wenn sich die alte Seemannsromantik im Stadtteil längst verkrümelt hat und an die auf See Verschollenen nur noch die „Madonna der Seefahrt“ auf dem Fischmarkt erinnert.

Das ultimative Lied der Seemannsbräute

Die „Hedi“ hat inzwischen Kurs auf den Köhlbrand genommen. In den Docks links werden die Luxusliner arabischer Milliardäre repariert, rechts liegt die rostige „Wittenbergen“ am Kai, als hätte sie jemand da vergessen. Ist schon verblüffend, wie genau die Hafen-Szenerie zu den Liedern passt. Zwischen China Shipping Containern und Argentinienbrücke kommt das ultimative Lied der Seemannsbräute: „Beim ersten Mal, da tut’s noch weh“.

Treu wie Gold: Brandgänse vor der Ellerholzschleuse

Treu wie Gold: Brandgänse vor der Ellerholzschleuse

Als Hans Albers das Lied sang, legten die Frachtschiffe noch vor dem Fischmarkt an, und die Seeleute versprachen ihren Mädels das Blaue vom Garn. „Das Treusein, so sprach er, ich kann es versuchen / ich war’s zwar noch nie. / Wird’s ein Knabe, so nenn‘ ihn Johannes, / wird’s ein Mädchen, so nenn‘ es Marie“. Mit der Treue klappts natürlich nicht, anders als bei den Brandgänsen, die gerade vor der Ellerholzschleuse herumschwimmen, bunt wie angemalt. „Er ist nicht nur Hochzeit gekommen – da hat sie nen andern genommen.“

Erk hat früher getischlert, Uschi kommt aus der Sozialpädagogik und betreut auf ein St. Pauli ein Radioprogramm mit Kindern; nur Heiko war Berufsmusiker, arbeitet mit mehreren Bands und ist ein gefragter Trompeter, wenn er nicht gerade Akkordeon spielt. Inzwischen haben „Hafennacht“ ihre vierte CD aufgenommen, und die Musik ist für alle zum Hauptberuf geworden. Sie spielen zwischen Flensburg und Bremen auf Schiffen, Inseln und maritimen Festen, in Stadtteilzentren, Kneipen und Kirchen.

„Hafennacht“ und Konrad Lorenz sind ein gutes Team

Hafennacht am 22.3. mit Konrad Lorenz in der St. Pauli Kirche

Hafennacht am 22.3. mit Konrad Lorenz in der St. Pauli Kirche

Vor ein paar Jahren lernten sie bei einer Buchpräsentation Konrad Lorenz kennen („Rohrkrepierer, „Dwarsläufer“) und stellten fest, dass sie buchstäbliche dieselbe Wellenlänge haben. Seither begleiten „Hafennacht“ viele seiner Lesungen wie neulich in der proppevollen St. Pauli Kirche. Ihr jüngstes gemeinsames Projekt ist das Musical „Die Tresenkönigin“, mit dem sie beim Wettbewerb „Neue Musicals braucht das Land“ des Schmidts Tivoli gerade in die Finalrunde gekommen sind. Die Endausscheidung ist im Oktober.

In der Abendsonne schippert die „Hedi“ am Kreuzfahrtterminal vorbei – „Mit einem Bein noch in der Elbe / mit dem anderen schon im Meer“ – und dann an der immer noch unvollendeten Elphi. „Irgendwer hat vorgeschlagen, die Kräne auf der Elphi unter Denkmalschutz zu stellen“, sagt Erk (dieser Jemand war übrigens das Satiremagazin „Der Postillon“). Viele Gäste an Bord sind nicht zum ersten Mal dabei und können mitsummen. Die „Hedi“ ist inzwischen zur zweiten Heimat der „Hafennacht“ geworden, „hier haben wir von Anfang an gespielt“, sagt Uschi. Der Hafentörn inspiriert nicht nur die Zuhörer, sondern auch die Band. Seemannslieder sind für alle da. Sogar für eingefleischte Landratten gibt’s einen Song: „Ich kann kein Wasser mehr sehn“.

Die nächsten Termine von Hafennacht: 25.4. im Planetarium Hamburg mit Rolf Zuckowski „Alles im Fluss“; 28.4. Lesung mit Konrad Lorenz im Freizeitzentrum Schnelsen. Ab Mai sind „Hafennacht“ auf Inseltour. Genauere Infos gibt es hier.

 

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