Schlaglicht / Samstag, 26.09.2015

Fünf Schanzenhof-Mieter erhalten die Kündigung

Sängerin Katriana (v.l.n.r.), Anke Mohnert und Rainer Schmidt von Palette e. V., Gunhild Abigt vom Alternativ-­Hotel Schanzenstern und Klavierlehrerin Serena Kahnert müssen nach neuen Räumen suchen
 
 

Das Alternativ-Hotel Schanzenstern und die Einrichtung Palette e.V. sind von den Kündigungen betroffen. Grund: Der Vermieter will die maximal erzielbare Miete.

Ein Text von Genevieve Wood

Sie haben sich lange Zeit als eine Bastion gegen die Gentrifizierung gesehen. Nun trifft es auch die Menschen des Schanzenhofs im Bereich Bartelsstraße und Schanzenstraße: Fünf Mietern wurde gekündigt. Darunter ist das Alternativ-Hotel Schanzenstern mit Biorestaurant, betroffen sind auch Kulturschaffende und die Einrichtung für Drogenabhängige, Palette e. V. Die Suche nach neuen und bezahlbaren Räumen wird schwierig werden.

Es ist eine kleine Truppe von Sängern, Musikern und Künstlern, die sich zum Teil vor mehr als zehn Jahren in den Räumen auf dem ehemaligen Montblanc-Areal im Schanzenviertel eingerichtet hat, darunter auch Emmanuel Peterfalvi (bekannt als „Alphonse“ aus dem NDR). „Zunächst hat uns der Vermieter angekündigt, dass wir viel mehr Miete zahlen sollten“, sagt Sängerin Katriana. Statt 8,50 Euro sollten die Kleingewerbetreibenden 14 Euro pro Quadratmeter zahlen. Für die Sängerin, die gemeinsam mit der Jazzsängerin Ulita Knaus 52 Quadratmeter gemietet hat und dort unter anderem Gesangsunterricht gibt, ist das zu viel. Jetzt stehen sie vor einem Problem: „Ich gebe 30 Leuten Gesangsunterricht, das ist laut und nervig. Das wird in einer Altbauwohnung nicht möglich sein“, sagt Katriana. „Hier haben die Nachbarn das akzeptiert.“

Ungewisse Zukunft für 20 Schanzenstern-Mitarbeiter

Den Mietern wurde zum 31. März kommenden Jahres gekündigt. Mit dem Ende des Mietverhältnisses ist unklar, wie es mit den 20 Angestellten des Schanzensterns weitergeht. Das Alternativ-Hotel mit 50 Betten, seit 25 Jahren eine Institution im Stadtteil, hat drei Etagen gemietet. Chefin Gunhild Abigt ist enttäuscht: „Wir haben zwei Jahre lang Verhandlungen geführt und nun das Aus.“

Serena Kahnert hat mehr als 190 Quadratmeter gemietet und gibt dort Klavierunterricht, in ihren Räumen finden täglich zwischen zehn und 22 Uhr diverse Kurse statt, darunter Yoga, Kindertanz und musikalische Früherziehung für Kinder. „Es wird für mich unmöglich sein, neue bezahlbare Räume in der Nähe zu finden. Meine berufliche Existenz ist zerstört.“ In ihrem Alter könne sie nicht von vorn anfangen, sagt die 55-Jährige. Gerade bei Kinderangeboten sei die örtliche Nähe wichtig. „Die Eltern wollen nicht quer durch die Stadt fahren.“

Ohne Palette e.V. fehlt vielen Drogenabhängigen Struktur

Bitter ist die Kündigung auch für den Verein Palette. Dort kümmern sich zehn Sozialpädagogen um substituierte Drogenabhängige und betreuen diese psychosozial. Etwa 500 Klienten suchen im Jahr die Beratungsstelle auf. Die meisten von ihnen wohnen in der Schanze, auf St. Pauli, in Eimsbüttel und Altona. „Die kommen zu uns, weil sie stabilisiert werden müssen, um den Alltag bewältigen zu können“, sagt Anke Mohnert.

Auch viele Ärzte, die substituieren, seien in der Nähe der Palette. Neun Klienten haben einen Minijob und reinigen die Treppenhäuser des Schanzenhofs auf 400-Euro-Basis. Verlieren sie die Palette und die Menschen, die sich um sie kümmern, drohen sie abzugleiten, sagt Betreuer Rainer Schmidt. Für die Klienten würden sichere Strukturen zerstört. „Die Nachbarn halten zu uns, woanders würden wir auf Widerstände stoßen.“

„Der Eigentümer hat kein soziales Gewissen“

Rechtlich seien die Kündigungen durch den Eigentümer in Ordnung. Moralisch aber, sagen die Betroffenen, nicht. „Es ist eine erschreckende Vorstellung, wenn es die Schanze nicht mehr mit dem Schanzhof gibt“, sagt Katriana. „Der Eigentümer hat kein soziales Gewissen, ihm ist es egal, ob der Schanzenstern als Institution weiterhin besteht oder nicht.“ Der Schanzenhof e. V. war entstanden, um der Gen­trifizierung entgegenzutreten. „Das hat über Jahre geklappt“, sagt Rainer Schmidt, „wir waren lange eine Insel.“

Die Stadt, sagt Schmidt, habe den Fehler begangen, diese Gebäude zu verkaufen. So seien sie zum Spekulationsobjekt geworden. 1989 hatte Montblanc das Areal an die Stadt verkauft, diese hat es laut Finanzbehörde 1990 weiter veräußert. Bereits drei Eigentümerwechsel haben die Mieter in den vergangenen zehn Jahren gehabt. Zu dem Komplex gehören drei Häuser, unter anderem das 3001 Kino und die Volkshochschule. Jens Meyer, Mitgesellschafter des Kinos, ist besorgt: „Unser Mietvertrag läuft in fünf Jahren aus. Ich habe den Verdacht, dass wir dann auch dran sind und rausmüssen.“

Zweites Pyjama-Park-Hotel in den Schanzenstern-Räumen

Für die zuständige HWS Immobilien- und Vermögensverwaltung aus Harvestehude stehen wirtschaftliche Interessen im Vordergrund. Das Unternehmen möchte „langfristig für das Grundstück die Miete erhalten, die erzielbar ist“, heißt es in einem Schreiben an eine Mieterin, das dem Hamburger Abendblatt vorliegt. Maximilian Schommartz von der Immobiliengesellschaft verspricht aber: „Das Kino 3001 bleibt erhalten.“ Die gekündigten Mieter, sagt er, hätten ein Konzept vorlegen können, das den Schanzenhof bereichere. „Und dann hätte man geguckt, ob es passt oder nicht.“

Ein Nachmieter für die Räume des jetzigen Schanzensterns steht übrigens fest: Stephan Behrmann, der bereits das Fritz im Pyjama-Hotel an der Schanzenstraße um die Ecke und das Pyjama-Park-Hotel und Hostel auf St. Pauli betreibt, wird dort ein zweites Pyjama-Park-Hotel eröffnen.

Foto: Roland Magunia

 

Kommentare


  1. Kommt alle nach Wilhelmsburg bzw. auf die Veddel. Hier sind die Mieten noch ok und das bleibt auch noch ein bißchen so und immer mehr Studenten und alternative Leute ziehen auch hier hin. Wenn Wilhelmsburg dann auch kaputt ist, kann man ja wieder wo anders hin. Mal sehen was dann kommt.

  2. Hallo, leider fehlen in dem Artikel wichtige Informationen. Zum Beispiel der Hinweis, daß das Grundstück seit neun Jahren in der Hand von Spekulanten ist, die sich dadurch auszeichnen, daß sie keinerlei Instandhaltung machen.

    In dem Gebäude läuft seit 35 Jahren ein Heizkessel (den hat noch die Firma Montblanc eingebaut), der seit zwei Jahren ohne jede elektronische Regelung läuft (weil es keine Ersatzteile für so alte Kessel mehr gibt(!).

    Und seit neun Jahren versprechen die, die sich „Investoren“ nennen und doch nur ihr „Kapital“ vermehren, das „bald“ „Im Sommer“ „demnächst“ u. a. der Kessel erneuert wird.

    Nichts passiert. Bei Conle, diesen Vermietern nicht unähnlich, haben damals nur sog. „Instandhaltungsklagen“ etwas genutzt.

    „Mietminderungen“ haben Conle nicht interessiert. Am 1. Oktober beginnt nun wieder die Heizperiode. Und kein Monteur zu sehen. Wieder ein Sommer vorbei, ohne das irgendwas passiert ist.

    Die beiden jetzigen „Eigentümer“, eine GbR aus Max und Moritz Schommartz haben nur die Eingänge der Mietezahlungen im Auge.

    Der Begriff „Nachmieter“, im Artikel in Zusammenhang mit Herrn Stephan Behrmann vom Fritz Hotel an der Sternschanze genannt, ist falsch.

    In anderen Bereichen der Wirtschaft spricht man bei einer solchen Faktenlage eher von einer „feindlichen Übernahme“.

    Pikant in diesem Zusammenhang ist auch, dass einer der beiden Besitzer, Max (imalian) Schommartz, im Juli 2015 auf Vorschlag der SPD in die Deputation der Behörde für Wirtschaft, Verkehr und Innovation Hamburg gewählt wurde.

    Ob ein Mann, dessen einzige Innovation im Schanzenhof darin besteht, die Mieten von 8,50 Euro auf 14,00 Euro anzuheben, als Deputierter der (also Vertreter des Volkes beim Senator) der richtige ist, ist doch sehr die Frage.

    Noch ein Satz zur drohenden „feindlichen Übernahme“ des Hotels Schanzenstern. Bereits im Januar 2015, als die Besitzer des Hotels Schanzenstern mit den Grundeigentümern Max und Moritz Schommartz über die Fortsetzung es Mieteverhälnisses nach dem 31.3.2016 verhandelten, kündigte Herr Stephan Behrmann in einer

    Stuttgarter Hotelzeitschrift schon vollmundig an:

    „Im Schanzenviertel wollen wir ein weiteres Pyjama Park Hostel mit 21 Zimmern eröffnen.“(Wörtliches Zitat).

    Dreimal darf man raten, wo sich diese 21 Zimmer befinden! Richtig: Im 4. 5. und 6. Stock in der Bartelsstrasse 12. Und von Eröffnung kann keine Rede sein. Das Hotel Schanzenstern wurde ja bereits 1991 eröffnet. „Übernehmen“ wäre das passende Wort gewesen.

    Vielleicht sollten die „feindlichen Übernehmer“ und diejenigen, die so trefflich mit diesen zusammenarbeiten, in ihrer öffentlichen Wortwahl etwas vorsichtiger sein.

    Sonst könnte man noch annehmen, dahinter stecke eine Absicht.

    Wie das mit Max und Moritz endet, erfahren wir bei Wilhelm Busch. Haben sich die Eltern etwas in dieser Richtung bei der Namensgebung der Brüder gedacht?

    Nutzerverein Schanzenhof e.V. Vorstand Jens Meyer
    Bartelsstrasse 12, 20357 Hamburg

  3. Pingback: Hoffest gegen die Verödung des Schanzenhofs « Schanzenturm.de

  4. Hei! Da sieht er voller Freude
    Max und Moritz im Getreide.
    Rabs!! – in seinen großen Sack
    Schaufelt er das Lumpenpack
    Max und Moritz wird es schwüle,
    Denn nun geht es nach der Mühle.
    »Meister Müller, he, heran!
    Mahl er das, so schnell er kann!«
    »Her damit!« Und in den Trichter
    Schüttet er die Bösewichter.
    Rickeracke! Richeracke!
    Geht die Mühle mit Geknacke.
    Hier kann man sie noch erblicken,
    Fein geschroten und in Stücken

  5. Pingback: Schanze: Vermieter HWS vergrault Boxclub

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