Schlaglicht / Montag, 17.08.2015

Flüchtlinge: Stadtteil organisiert Hilfen / Update

 
 

Das kann wohl nur St. Pauli: Stadtteilversammlung im „Knust“ stellt in nur einer Stunde 16 AGs zur Unterstützung von Flüchtlingen auf die Beine.

Update: Für die AGs haben sich nach Angaben der Organisatoren bereits rund 200 Helfer/innen gemeldet, davon allein 75 für Deutschkurse. Tägliche Neuheiten erfahrt ihr auf Facebook „Refugees Welcome Karoviertel“. Die E-Mail-Adresse enthielt einen falschen Buchstaben, sorry Tom, Gerhard, Felix! Die richtige lautet: refugeeswelcome20357@web.de

Das „Knust“ war an diesem schwülen Sonnabend bis auf den letzten Platz gefüllt, sogar auf Treppen und Rängen drängten sich die Teilnehmer. Mit einem solchen Ansturm hatten selbst die Organisatoren von „St. Pauli selber machen“ nicht gerechnet. „Das sind mindestens 400 Leute“, schätzten die Knust-Mitarbeiter, vor dem Eingang standen noch etliche weitere. Mit der „kleinen“ Stadtteilversammlung zum Thema Flüchtlinge in den Messehallen traf SPSM offenbar einen Nerv.

Resolution kritisiert, Flüchtlinge nach „Verwertbarkeit“ zu sortieren

Flüchtlinge kommen bis Ende September in einer Messehalle unter

Flüchtlinge kommen bis Ende September in einer Messehalle unter

Wie berichtet, sind in der Messehalle B6 schon jetzt rund 1030 Geflüchtete untergebracht. Aber es ging nicht einfach um Spendenbereitschaft. Mit einer zu Anfang einmütig verabschiedeten Resolution bereiteten Karoviertel und St. Pauli den Flüchtlingen ein deutliches Willkommen: „Refugees Welcome – Never mind the papers! Welchen Aufenthaltsstatus die europäische Flüchtlingspolitik den Menschen zuweist, interessiert uns nicht. Wer hier angekommen ist, gehört dazu und bleibt“, heißt es in der Resolution (die findet ihr hier).

Kritisiert wird darin auch das System der deutschen Flüchtlingspolitik, das Menschen „danach sortiert, welchen Nutzen sie Deutschland in der globalen Staatenkonkurrenz bringen. Wir lehnen diese Logik einer ökonomischen Verwertbarkeit entschieden ab.“ Die Stadtteilversammlung forderte u.a., dass alle Flüchtlinge Zugang zum regulären Arbeitsmarkt, zur gesetzlichen Krankenversicherung, zu Sprachkursen, Bildungseinrichtungen und Weiterbildung haben müssen. Es gebe genug Leerstand in Hamburg, um menschenwürdige Unterkünfte für die zu schaffen.

Aus dem Stand bilden sich AGs für verschiedenste Bedürfnisse der Flüchtlinge

Julia (2.v.l.) berichtet über Deutschkurse

Julia (2.v.l.) berichtet über Deutschkurse

Schon am Freitag waren rund 50 Helfer aus dem Viertel mit Vorbereitungen für eine Kleiderkammer beschäftigt, wie Moritz von SPSM berichtete. Auch gibt es Bedarf an Deutschunterricht, wie Julia erklärte. Die Berichte wirkten so ansteckend, dass sie prompte Reaktionen auslösten.

In der nächsten halben Stunde erlebten die Teilnehmer, wie aus einer Stadtteilversammlung ein Unterstützungssystem entsteht. Auf Zuruf meldeten sich zahlreiche Stadtteilbewohner, die zu speziellen Themen aktiv werden und als Anlaufstelle fungieren wollen. Die verschiedenen AGs formierten sich gleich im Anschluss, etwa eine AG Kulturelle Teilhabe (mit Kinderchor und -betreuung), AG Gesundheitshilfen, AG Fundraising und eine AG Willkommensfest auf dem Karolinenplatz.

Zu jeder AG können noch aktive Mithelfer/innen stoßen

Hier einige Beispiele mit Kurzbeschreibungen:
AG Rechtsberatung: Studierende und Absolventen der Bucerius Law School bieten pro bono eine Rechtsberatung für Flüchtlinge an.
AG Telefonie: will sich darum kümmern, wie Flüchtlinge an Prepaid-Verträge und Handys kommen können. Wer noch ein altes funktionstüchtiges Handy in der Schublade hat, sollte es spenden. WLAN gibt es in der Messehalle inzwischen.
AG Übersetzungen: kümmert sich um Dokumente und andere Dolmetscheraufgaben; wer kann mit Sprachkenntnissen helfen (u.a. Arabisch, Persisch, Paschtu oder westslawischen Sprachen)?
AG Wohnen & Leerstand: sammelt Adressen von Wohnraumanbietern (zB WGs) sowie von leerstehenden Gebäuden, die evtl. als Unterkünfte in Frage kommen.
AG Deutschkurse: „Kann jeder machen, der Deutsch kann“, sagt Julia; es geht darum, einfache Fragen und Begriffe zu vermitteln (wo ist…?, was kostet…?, Alltagsbegriffe usw.). Zeit ab 1 Stunde pro Woche oder mehr.
AG Fahrrad: Will Fahrradkurse und -reparaturen vermitteln; wer hat noch alte Fahrräder, die er nicht braucht?
AG Sport & Spaß: will gemeinsame Aktivitäten organisieren wie z.B. Fußball, Kinderfest usw.
AG Umgebungskarte: Damit Flüchtlinge sich in der Umgebung besser zurechtfinden, arbeitet eine Grafikerin an einer Karte; welche Läden, Einrichtungen usw. sollten dort drauf sein? Vorschläge sind willkommen.

Eine zentrale Rolle spielt die AG Kleiderkammer, der es nicht nur um Kleidung geht: Gebraucht wird alles – Spielzeug, Hygieneartikel, Regale, Stühle und Tische, Bälle, Schreibzeug, Buntstifte. Kleidung sollte vor der Abgabe bitte GEWASCHEN und vorsortiert werden (Männer / Frauen / Kinder / Babys). Auch Gürtel, Schuhe und Winterjacken sind gern gesehen. Beim Sortieren und bei der Ausgabe werden noch Mithelfer gebraucht; sie sollten überlegen, an welchen Tagen sie von 10-12 und 14-16 Uhr Zeit haben.

Hier könnt ihr Spenden abgeben: Holstenglacis, Tor B6 (direkt gegenüber vom Eingang des Untersuchungsgefängnisses); am Eingang dort kann man sich eintragen lassen und wird zur Sammelstelle gewiesen.

Für alle interessierten Mithelfer: Damit keine unnötigen Wege und kein Chaos entstehen, bitten die Gruppen um Kontaktaufnahme unter der E-Mail refugeeswelcome20357@web.de

 

Kommentare


  1. Hallo, ja es ist toll zu erleben wie schnell sich Bürger organisieren um zu Helfen. Schade nur um die Überschrift. Denn ich und auch weiter Anwesende wohnen nicht in St.Pauli und waren Helfer der ersten Stunde vor Ort in den Messehallen. „Das können wohl nur Hamburger“ wäre wohl angemessener.
    Nichts für ungut.
    Viele Grüße

  2. hallo Irene, danke für deinen Einsatz!
    Es gibt noch eine weiter AG- Gesundheit, in der sich 11 Menschen aus dem Gesundheitsbereich
    zusammengetan haben, mit dem Wunsch den Bereich auf alle Fälle mal unter die Lupe zu nehmen, und zu sehen wo was geht.
    Kam die Info bei dir an?
    gruß ci

  3. Pingback: ankommen.hamburg

  4. Es war bei der zum Teil so asylantenfeindlichen Stimmung im Land ein gutes Gefühl, von so vielen Leuten umgeben zu sein, die einfach loslegen und helfen. Von den Leuten ging eine wahnsinnig positive Energie aus. Und ich bin mir sicher, nicht nur die Geflüchteten werden davon profitieren, sondern auch wir Freiwilligen selbst.

  5. Pingback: "Ein schöner Tag": Flüchtlingskinder entern St. Pauli

  6. Ihr wollt mithelfen, Spenden und/oder die neuen Nachbarn kennenlernen? Dann wenden euch an eine der zahlreichen AGen und kommt zur zweiten Stadtteilversammlung am Mittwoch, 26. August: https://www.facebook.com/events/877646508998888/
    – Kleiderkammer (Kontakt über: https://www.facebook.com/groups/1690912427809859 oder Kleiderkammer.messehallen.hh@gmail.com)
    – Spielplatz (Kontakt über: https://www.facebook.com/groups/747182148725900/ oder refugeesAG-spielplatz@st-pauli-selber-machen.de – Mitmachen: http://doodle.com/nzvfxtdtuu6ruc8z)
    – Deutschunterricht (Kontakt über: https://www.facebook.com/groups/448254352025503/ oder drwm@web.de)
    – Kinderchor (Kontakt über: refugeesAG-kinderchor@st-pauli-selber-machen.de Immer montags, mittwochs und freitags jeweils 16-18h vorerst in der Messehalle)
    – Fundraising (Kontakt: simone@baschu-hamburg.de)
    – Willkommensfest (Kontakt über: bivie@gmx.net)
    – Sport & Spiel (Kontakt über: refugeesAG-sport@st-pauli-selber-machen.de)
    – Handy (Kontakt über: refugeesAG-handy@st-pauli-selber-machen.de)
    – Leerstand (Kontakt über: refugeesAG-leerstand@st-pauli-selber-machen.de)
    – Koordination (Kontakt über: refugeeswelcome20357@web.de)
    – Übersetzungen (Kontakt über: refugeesAG-uebersetzung@st-pauli-selber-machen.de)
    – Medizinische Versorgung (Kontakt über: refugeesAG-gesundheit@st-pauli-selber-machen.de)
    – Kinderprogramm draußen im Viertel (Kontakt über: refugeesAG-kinderprogramm@st-pauli-selber-machen.de)
    – Selbermachen/D.I.Y./Nähmaschine (Kontakt über: refugeesAG-DIY@st-pauli-selber-machen.de)
    – Karte (refugeesAG-karte@st-pauli-selber-machen.de)

    https://www.facebook.com/permalink.php?story_fbid=538763552940370&id=535516256598433

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