Schlaglicht / Sonntag, 24.04.2016

Eingangs erwähnt – Neues von der Tür

 
 

Als Türsteher auf St. Pauli erlebt Viktor Hacker nachts die bizarrsten Situationen. Für diesen Blog schreibt er sie regelmäßig auf.

Ich darf mich kurz mal vorstellen: Mein Name ist Viktor Hacker, 48. Seit den frühen 90er-Jahren bin ich auf St. Pauli als Türsteher tätig und betreue seitdem die Eingänge etlicher Etablissements wie Molotow oder headCRASH in Sachen Sicherheit. Zahllose Diskussionen rund um mitgebrachte Fremdgetränke, minderjährige Begleitungen, schon zu „erschöpfte“ aka besoffene Gäste, zu seltsame Aufmachungen (Junggesellenabschiedsverkleidungen, die jeglichen ästhetischen Rahmen sprengen) und die Bedeutung des Wortes „Feierabend“ haben mein Nervenkostüm in den vielen Jahren derart gestählt, dass ich nahezu durch nichts mehr aus der Ruhe zu bringen und in der Lage bin (mich in), fast alle(n) Situationen zu deeskalieren.

Für alles andere nutze ich als Ventil die Bühne. Zum Beispiel als Ensemble-Mitglied bei „Zeit für Zorn – die Türsteherlesung“ – einer Spoken Word-Performance-Truppe, die das oftmals bizarre Geschehen an den Club-Türen auf und rund um der Reeperbahn komödiantisch aufbereitet zum Entertainment nutzt. An dieser Stelle findet ihr jeden Sonntag eine neue Folge meiner nächtlichen Erlebnisse auf dem Hamburger Kiez. In diesem Sinne wünsche ich euch viel Freude beim Lesen.

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Vol. 78: Sarkasmuskrampf dank Fremdgetränk

Bei dem aus meiner Sicht doch recht einfachen Prinzip des Fremdgetränks scheint es sich in Wahrheit um eine höchst geheimnisvolle oder komplizierte Geschichte zu handeln. Anders könnte ich es mir sonst nicht erklären, warum ich jedes Wochenende in meiner Eigenschaft als Türsteher dutzendfach erläutern muss, worum es sich dabei wohl handeln möge und weshalb der just vor mir stehende, empörte Gast selbiges nicht mit in die Bar nehmen darf.

Was genau ist ein Fremdgetränk? Nun, ich möchte das einmal an einem Beispiel verdeutlichen: Ein Gast marschiert mit einem 1-Liter-Tetrapack Aldi-Rotwein in der Hand fröhlich durch den Clubeingang nach drinnen. Man hält ihn auf.

„Hey, was hast du denn vor?“
„Wieso? Ich will da rein!“
„Und was soll das mit dem Fremdgetränk da in deiner Hand?“
„Welches Fremdgetränk?“
„Na, der Tetrapack da, mit dem zweifelhaften Inhalt!“
„Oh, das ist kein Fremdgetränk, das habe ich bei euch gekauft …“

Jetzt wird es natürlich ein klein wenig haarig. Aus meiner reichlich langjährigen Kneipenerfahrung kann ich mit ziemlicher Sicherheit behaupten, dass ich noch nie, noch niemals, mein Geld auf einen Tresen gelegt und dafür im Gegenzug ein Tetrapack mit welchem Inhalt auch immer ausgehändigt bekommen habe. Ich möchte sogar soweit gehen zu behaupten, dass es nirgendwo in unserem schönen Land je zu einer solchen Tauschaktion gekommen ist. Prinzipiell nicht. Ein weiterer Verdachtsmoment, dass es sich bei dem ominösen Getränkegebinde um einen clubfremden Drink handeln könnte, ergibt sich aus dem auf der Verpackung angegebenen Inhalt: „1A-ungarischer Gewürztraminer“ … „Leute, so etwas Gutes verkaufen wir hier garantiert nicht. Auf dem Hamburger Berg bedienen wir ein Publikum, dass vorwiegend aus Pinneberger Touris und schwäbischen Studenten besteht – hier wird der Rotwein in Eimern mit Schläuchen und Trichtern kredenzt und die Club-Mate mit drei Trinkhalmen für die Kommilitonen!“

Der nächste Spaßvogel hat in seinem Rucksack ein ganzes Sammelsurium ungeöffneter Bierdosen. Mit den Worten „nein, ist es nicht“, komme ich seinem Einwand „das ist von euch“ zuvor. Er blinzelt verwirrt ob meiner Gedankenleserei, bleibt aber im Eingang stehen, um offensichtlich in aller Seelenruhe eine nach der anderen laut schlürfend auszutrinken, während alle anderen Gäste hinter ihm Schlange stehen müssen.

Kleiner Zwischenstopp mit einem grundsätzlichen Hinweis: Jede, wie auch immer geartete Flüssigkeit, die zum menschlichen Verzehr geeignet ist, sich außerhalb des Gästekörpers in einem Behältnis befindet und nicht in der Location hinter dem Türmann erworben wurde, ist ein Fremdgetränk und darf nicht, ich betone, darf niemals und nirgendwo mit hinein genommen werden. „Ok, hast du irgendwelche Getränke dabei?“, „Nein, natürlich nicht!“ „Darf ich deine Tasche mal anfassen?“ „Hier, bitte!“ „Nimmst du bitte die Flasche heraus und stellst sie da vorne hin?“ „Aber, das ist doch nur Wasser … Aber, die ist doch aus Plastik!“

Nächster Gast: „Hast du nicht irgendetwas vergessen?“ „Wieso, was denn?“ „Zum Beispiel die große Flasche, die du eben noch schnell innen in deinen Ärmel geschoben hast?“ „Ach, die!“ „Stell sie da vorne in den Eingang.“ „Darf ich die nicht mitnehmen?“ „Nein, natürlich nicht!“ „Warum denn nicht? Ihr habt doch kein BoomBoomGalore! Und das ist doch der neue Szenedrink, den muss man jetzt trinken!“ „Dann geh bitte dorthin, wo man dein grauenvolles Geschlabber verkauft.“ „Ich will aber hier rein!“ „Dann stell deine Flasche da vorne hin.“ „Darf ich die echt nicht mit reinnehmen?“ „Neien!“ „Oh Mann, ihr seid so anstrengend. Ist es denn in Ordnung, wenn ich die hier draußen austrinke?“ „Du kannst damit alles Mögliche machen, nur eben nicht mit rein nehmen.“ „Ok, dann stelle ich sie hier hin, gehe rein und trinke dann immer hier draußen.“ „Kannst du gerne so machen, nur, spätestens beim zweiten Mal lasse ich dich dann nicht mehr in den Club.“ „Wieso das denn nicht?!“ „Hey, wie stellst du dir das vor, das wäre doch genau dasselbe, als würdest du dein Fremdgetränk hineinschmuggeln. In beiden Fällen konsumierst du hier nichts!“ „Aber, guck mal, dafür gehe ich doch die ganze Nacht bei euch auf’s Klo!“

Die prinzipielle Konfrontation „Gast versus Türmann“ in punkto Fremdgetränk gipfelt aber für mich immer in einer ganz speziellen Entgegnung.
„Halt! Wo willst du denn mit diesem komischen Becher hin?“ „Wieso?“ „Der ist nicht von uns, der bleibt draußen!“ „Bist du sicher?“ „Selbstverständlich bin ich sicher. Erstens: komm mir nicht komisch und Zweitens: Wir haben ganz bestimmt kein Bier der Marke ‚Beckenbauers Brezelbräu!’“ „Das habe ich nebenan gekauft. Wieso darf ich den Becher dann nicht hier mit hinein nehmen? Ihr gehört doch sowieso alle zusammen!“

Ich weiß wirklich nicht, woher diese seltsame Überzeugung – alle Kiezgastronomien wären irgendwie eine große Gemeinschaft – eigentlich stammt. Allerdings muss ich mir diese mit größter Inbrunst geäußerte Vermutung sehr häufig anhören. Wie stellen sich Kiezbesucher das eigentlich vor? Nach dem Prinzip, alle Clubs, Discos und Kneipen schmeißen morgens nach der großen Party ihre Einnahmen während einer konspirativen Kellersitzung in einen gewaltigen Topf und dann wird alles mit Hilfe einer komplexen mathematischen Formel über die Quadratmeterzahl der jeweiligen Schankflächen anteilig abgerechnet? Wahrscheinlich ertönt dort dann in der Gästefantasie auch ein fortwährendes, piratenartiges „Harr-Harr“-Gelächter, denn der Rotlichtbezirk wird ja wie allgemein bekannt durchweg von gefährlichen Gangstern bevölkert! Ich darf da gar nicht drüber nachdenken, sonst bekomme ich noch einen Sarkasmuskrampf.

Früher habe ich mich meist dazu hinreißen lassen, Gästen mit Fremdgetränken zu erläutern, dass wir entgegen anderslautender Gerüchte nicht von der Stadt subventionierte Unterhaltungsbetriebe seien, sondern tatsächlich sämtliche Kosten, Mieten und Löhne über den Verkauf von Getränken finanzieren und das Einschmuggeln von fremden Drinks uns tatsächlich Stück für Stück ruinieren würde und wir früher oder später schließen müssten. Das war früher. Mittlerweile formuliere ich es so, dass alle Gäste es auch um vier Uhr nachts noch verstehen und akzeptieren können:
Wieso darf ich mein Getränk nicht mit reinnehmen?
Weil das scheiße schmeckt!
Oh, ach so! Ok, das sehe ich ein …
Und langsam löst sich mein Sarkasmuskrampf wieder und ich kann gelockert den Rest der Türschicht angehen.

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Vol. 77: Die frühe Schicht

„Ey, hast du was dabei?“, fragt der erste und kurz darauf auch Nicht-Gast des Abends. Ich habe meine Schicht gerade begonnen, der Club hat just ein paar Minuten zuvor die Pforten geöffnet. Ich habe die frühe Schicht. Das bedeutet, in der ersten Zeit, in der nur der untere Floor geöffnet ist, sorge ich allein für die Sicherheit der Lokalität.

Eigentlich muss man den Job immer mindestens zu zweit machen. Je Eingang. Besser wäre sogar zu dritt, dann kann stets einer im Laden den Rundgang machen und etwaige Stress-Nester schnell austreten, bevor sie richtig auflodern … ok, die Formulierung war jetzt eventuell etwas unglücklich gewählt … noch einmal anders: Bei drei Türleuten ist es jederzeit möglich, dass einer im Objekt umhergeht, permanent die Atmosphäre aufnimmt und so in der Lage ist, etwaige Störungen im Partygeschehen frühzeitig zu erkennen und zu deeskalieren, bevor Probleme entstehen. Seien es Raucher in Nichtraucherzonen, Schläfer (wobei jetzt müde Menschen gemeint sind und nichts anderes), halb entkleidete Pinneberger Junggesellenabschiede, Unwohlmenschen, denen die Alkoholzufuhr nicht bekommt oder kunstsachverständige Wandverzierer mit Filzstift-Abnahmebedarf. Der patrouillierende Türmann kann hier frühzeitig beratend tätig werden und alles bleibt ruhig.

Aber sei es, wie es ist – Türleute sind teuer, also muss man bescheiden bleiben und die Schichten finanzfreundlich gestalten. Einer macht auf und einer kommt später und bleibt bis zum Schluss, wenn sich der Kreis schließt und wieder nur ein Floor geöffnet ist. Der Vorteil der frühen Schicht liegt darin, dass man sich langsam auf den Abend einstimmen kann. Man fließt quasi gemeinsam mit den eintreffenden Gästen und deren (noch) gemächlich steigenden Alkoholpegel in den großen Fluss der anstehenden Partynacht. Kann sich gewissermaßen mit den ersten Dialogen aufwärmen.

„Sach ma, hast du nun was dabei?“
„Ich verstehe nicht, was du von mir willst.“
„Na, ob du’s dabei hast.“
„Was dabei?“
„Na, so Sachen. Zur Einstimmung auf den Abend und so …“
„Hör mal, ich bin der Türmann. Der dich im Übrigen hier jetzt nicht mehr hineinlassen wird. Aber, nur mal so aus Neugier: Wenn dir der Sinn nach dem Erwerb von „Erfrischungen“ steht, warum wendest du dich nicht an die „Freihändler des Vertrauens“ oben an der Straße. Sind leicht an der gesunden Hautfarbe zu erkennen.“
„Ja nee, die sind mir zu teuer!“
„Ach, und ich bin deines Erachtens nach billig, oder was?“
„Ja, du bist doch Türsteher …“
„Du spinnst wohl!“
„… und musst deine Gäste versorgen.“
„Du machst jetzt mal nen schleunigen Abgang Bühne links!“
„Echt?“
„Ja, du Vogel. Jetzt. Ausführung!“
„Boah, bist du unfreundlich!“
„Nee, ich gebe dir noch n Tipp mit auf den Weg: Die beiden jungen Burschen da drüben an der Ecke. Das sind Kleindealer der mittleren Ebene. Die verkaufen dir alles, was du brauchst. Zu nem guten Kurs.“
„Die da hinten?“
„Jup. Aber du musst hartnäckig nachfragen, die wimmeln Unbekannte gern erstmal ab. Du darfst nicht locker lassen, hörst du?“
„Bestimmt nicht! Danke!“
„Sehr gerne.“
Ich finde, auch die Frühschicht der Zivilstreifen sollte ihren Spaß und etwas zu tun haben … Der Abend fängt recht vielversprechend an.

Einige Klassiker des Feier-Vorprogramms später … „Bei euch ist ja noch nicht so viel los, oder?“ „Es ist ja auch erst halb elf. Richtig los geht es ab eins.“ „Ab eins? Ihr spinnt doch! Bei uns in Süderbrarup sind da schon sämtliche Gehsteige hochgeklappt. Wie kann man nur so lange wachbleiben, sag mal? Typisch Stadt: völlig maßlos!“ – „Gibt’s bei euch auch was zu essen?“ „Nein, wir sind ein Club, ein Tanz-Club genaugenommen.“ „Ja und? Da kann man doch trotzdem was Kleines anbieten.“ „Wir haben Salzstangen am Tresen. Bedient euch.“ –  „Die Tür im oberen Stockwerk klemmt.“ „Nein, die klemmt nicht. Den oberen Club öffnen wir erst um 23 Uhr. Ihr könnt aber gern unten ins Basement, da gibt es auch alles, was das Feierherz begehrt.“ „Wir möchten aber so gern oben in den Club. Kannst du den nicht schon aufmachen?“ „Nein, das geht leider nicht. Da gibt es noch keine Tresenbesatzung, keinen Dj und so weiter. Wir machen oben erst um 23 Uhr auf. Geht doch bitte unten hinein.“ „Kannst du nicht mal ne Ausnahme machen und uns trotzdem schon oben reinlassen?“ „Nei-en! Erst später!“ „Und wann ist später?“ „Ich fürchte, für euch zu spät.“ … Einige Klassiker Feier-Vorprogramms später ist auch mein Kollege vor Ort eingetroffen.

Ich erläutere ihm gerade die Anweisungen des Nightleaders für den Abend, als ein einzelner Clubbesucher nach draußen will. Er hat ein Bier in der Hand und nähert sich der good old Herausforderung „Umfüllstation am Eingang“: Er soll es in einen Plastikbecher umfüllen. Schaut mich mit leerer Miene an.
„Füll dein Getränk in einen der Becher hier um, wenn du raus willst“, fügt mein Kollege erläuternd hinzu. Er möchte gern die Einweisung zum Ende bringen, damit er sich für die Schicht umziehen kann.
Der Gast stellt sein Bier auf die Ablage, guckt traurig erst seinen Drink, dann mich und meinen Kollegen an, geht anschließend wieder zurück in den Club. Sein Getränk vorn zurücklassend.
Es scheint schwierig zu bleiben. Und manche Dinge erschließen sich einem nicht. Zudem muss man auch nicht alles verstehen.

Einige Stunden später, am Ende der Nacht, freue ich mich wie stets über den etwas früheren Feierabend dank erster Schicht. Ich rechne ab, verabschiede mich von meinem Kollegen und schreite zügig aus Richtung S-Bahn-Station. Den Türleuten an denen ich vorbeikomme, wünsche ich einen baldigen Feierabend und „noch ne ruhige Schicht“. Hier und da weiche ich Besoffenen und ihren Spuren – noch dampfende Straßenpizzen – aus. Ich schnappe einen Dialogfetzen aus dem Gespräch eines Türmannes mit einer Gruppe Zerfeierter auf: „Nein, hier nicht mehr – hier ist Feierabend. Kommt morgen wieder.“ „Hä, wieso macht ihr denn jetzt schon zu?“ „Es ist sieben Uhr durch! Geht nach Hause. Ihr könnt doch auch gar nicht mehr.“ „Sieben Uhr? Wa? Da geht das bei uns in Süderbrarup doch erst richtig los! Und ihr klappt hier die Bürgersteige hoch. Typisch Stadt, voll spießig …“

Hamburger Berg-Besucher – immer spaßig, immer originell, tragen sie den Vollmond im Herzen. Aber ich habe zum Glück Feierabend. Gute Nacht!

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Vol. 76: Nach der Schicht ist vor der Schicht

Es ist ein ganz gewöhnlicher Samstagmorgen. 7.30 Uhr. Ich bin nach einer langen Nachtschicht an der Tür auf dem Weg nach Hause. Da weder im näheren noch im weiteren Umkreis des Clubs ein Carsharing-Fahrzeug aufzutreiben war, steige ich die glitschigen Stufen zur U-Bahn-Station Reeperbahn hinab. Im achtsamen Slalom um die Spuren der Partynacht – betrunkene Übriggebliebene und ihre Hinterlassenschaften – herum. Die einfahrende Bahn ist schon gut gefüllt mit Städte-Touristen älteren Semesters. Putzmunter und zu früher Stunde auf Expedition in die City. Ich ergattere einen Sitzplatz, lasse mich seufzend aufs Polster sinken. Rücken und Beine sind steif von den vielen stehend verbrachten Stunden der letzten Nacht. Die Bahn bricht kurz vor der Station Landungsbrücken aus dem dunklen Tunnel ins helle Licht und ich bin froh, als erfahrener Gastromensch selbstverständlich an meine „Sonnenbrille für den nächsten Morgen“ gedacht zu haben. Trotzdem schließe ich kurz die Augen, als der warme Schein über mein nachtmüdes Gesicht streift. Mit der Folge, dass meine anderen Sinne aufnahmebereiter für die Umgebung werden. Meine Kopfhörer habe ich leider im Club vergessen und so komme ich nicht umhin, den Gesprächen der Mitreisenden zu lauschen.

Das sich gegenüber sitzende Rentnergespons tauscht Heimlichkeiten aus. Um die nötige Diskretion zu wahren – die Familien-Interna gehen schließlich niemanden etwas an – beugen sie sich alle paar Sekunden vor und stecken bedeutungsschwanger die Köpfe zusammen. Der Informationstransfer könnte mir selbstverständlich vollkommen egal sein. Sollte mich nicht interessieren. Leider weckt das unaufhörliche Gezischel und Getuschel unwiderstehlich meine Neugier. Würden sie normal sprechen, könnte ich es mühelos ignorieren – aber dieses konspirative Geraune fesselt meine Aufmerksamkeit; und so bin ich schon bald über Tante Irmgards Blasenschwäche voll im Bilde. Ich weiß jetzt Dinge, über die ich nie Kenntnis besitzen wollte. Die ich mir nicht einmal in meiner krankesten Fantasie vorzustellen vermochte. Und die überdies vermutlich nie mehr aus meinem Kopf verschwinden werden … Da bei mir jetzt aber noch Fragen offen geblieben sind, richte ich das Wort an die beiden: „Sorry, aber das im Mittelteil mit dem Onkel Hermann ist mir nicht ganz klar geworden – hatte der nun diese leidige Angelegenheit mit der schmerzhaften Hoden-Entzündung hinter sich gebracht oder kam die Sache mit dem Blut im Stuhl noch obendrauf und er sitzt nun zusammen mit Tante Irmgard bei diesem Arzt, der selbst mit einer chronischen Schuppenflechte zu kämpfen hat?“

In diesem Moment zaubert eine neben mir sitzende junge Frau eine große Tupperdose plus Besteck aus ihrer voluminösen Weekendertasche hervor.
Zwar prangt auf dem Deckel ein riesiger peta-Aufkleber, als jedoch das Behältnis geöffnet ist, sich das Aroma des Inhalts richtig entfalten kann sowie ein klein wenig Soße auf den Boden gekleckert ist, könnte ich schwören, dass es sich bei der Mahlzeit nur um einen weichgekochten, allerdings schon vor vielen Wochen verendeten Skunk handeln kann. Frohgemut beginnt sie, sich die Leckerei mit raumgreifender Löffelgestik einzuverleiben. Mir bleibt nur die Hoffnung, dass sie nicht anschließend auf ein Dessert in Gestalt des berühmten isländischen Mürbe-Rochen-Puddings besteht …

Zum Glück erreicht die Bahn just meine Haltestelle. Schnell raus aus diesem mobilen Höllenpfuhl. Noch ein kurzer Fußmarsch, dann erreiche ich meine Wohnung. Ich will nur noch ins Bett. Falle einfach auf die Matratze.

Nach knapp zwei Stunden friedlichen Schlummerns haut es mich schrill aus dem Kissen: Die Türklingel!

„Ja, was los?“

„Schönen guten Tag, ich bin Herr Heini von der Wohnungsgenossenschaft. Es geht um die Sichtung ihrer Rohrleitungen; wegen des Austausches der Bleileitungen …“

„Da war ein Kollege von ihnen schon vor ein paar Tagen bei mir. Hier ist alles aus Kupfer, da muss nichts ausgetauscht werden.“

„Ja, das haben Sie meinem Kollegen ja mitgeteilt. In meinen Unterlagen hier steht aber auch ihre Wohneinheit drin …“

„Hören sie, das habe ich doch ihrem Kollegen neulich schon alles erläutert: Die Rohre wurden bei mir bereits vor fünf Jahren oder so ausgetauscht. Da haben die Handwerker tagelang alle möglichen Wände aufgestemmt und das alte Bleigelöt herausgeholt. War ne riesen Sauerei und ich habe hinterher ordentlich damit zu tun gehabt, dass mir die Wände wieder zugespachtelt werden – die meinten damals, dafür seien andere Gewerke zuständig. Ich habe das dann selbst gemacht, reicht mir für die nächsten, sagen wir, 10 Jahre …“

„Aber in meinen Unterlagen hier …“

„Dann sind Ihre Unterlagen lückenhaft! Überzeugen Sie sich selbst: Die neuen Kuperrohrleitungen sind beim Wasserzufluss in der Abstellkammer bestens zu begutachten … hier, guck: alles Kupfer!“

„Hmm … aber in meinen Papieren ist hier ein Austausch vorgesehen! Das kann ich nicht einfach so anders entscheiden. Da muss der Chef was zu sagen …“

„Dann lassen Sie ihren Chef mal was dazu sagen. Hier ist jedenfalls alles neu und ich brauche den Scheiß echt nicht nochmal!“

„Wir würden mit dem Wandaufstemmen sowieso warten, bis die Straßen-Bauarbeiten vor dem Haus abgeschlossen sind … soll ja nicht noch mehr Unruhe aufkommen im Haus, nä?“

„Frühstücken sie eigentlich jeden Morgen einen Clown?“

„Wieso?“

„Nur so.“

„Ok, ich melde mich dann wieder bei ihnen, wenn ich weiß, wann wir an Ihre Rohre rangehen, nä?“

„Ja, verdammt, machen’se das mal … Und ich lege mich derweil mit dem Immobilienteil des Abendblatts aufs Sofa und richte einen intensiven Blick auf den Wohnungsmarkt in, sagen wir mal, Lüdershausen, Niederelbdorf, Stenkelfeld, Pinneberg oder einer anderen ländlichen, sterbensruhigen Gegend …“

Kaum ist der Vogel abgewimmelt und ich wieder in der horizontalen Ruhezone für völlig erledigte Türleute, scheppert es plötzlich mächtig vor dem Fenster auf der Straße: Bauarbeiten. Der Fahrbahnbelag wird mit irgendetwas Großem und immens Lautem geschreddert.

Ich gebe auf, schnappe mir Jacke und Schlüssel, werfe noch einen sehnsüchtigen Blick auf mein kuscheliges Bett, schlurfe seufzend aus dem Haus und mache mich auf den Weg, ein paar Einkäufe zu erledigen.

Im Supermarkt begegne ich meiner neu eingezogenen Nachbarin aus dem Stockwerk über mir. Sie erläutert mir eindringlich, wie wichtig es sei, regelmäßig den Parkett-Fußboden tiefenzureinigen, damit kein Ungeziefer in den Ritzen entsteht. Mindestens vierteljährlich sei hier eine Grundsanierung mit Abschleifen, Versiegeln und Polieren angezeigt. Sie würde diesbezüglich demnächst auch eine regelmäßige Informationsveranstaltung für alle Mieter unseres Hauses und aller umstehenden Objekte ins Leben rufen … Oh Gott, warum kann sie nicht Katzen oder Kaninchen sammeln, wie alle anderen kinderlosen Frauen ab Mitte Dreißig?

Ich kann die nächste Türschicht nachher am Abend kaum abwarten – da wird’s zwar auch wieder laut und stressig, aber dafür kann man ab und an die eine oder andere Nervensäge einfach aus dem Club werfen. Die dazu nötige, zornige Energie lässt sich bestens im Laufe des Tages im Licht der Sonne mit den lieben Mitmenschen ansammeln …

Schönes Wochenende!

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Vol. 75: Die vier Phasen der Tür-Abfuhr

Wochenende für Wochenende werden hunderte Menschen an Clubtüren abgewiesen oder mitten aus der Party gerissen und nach Hause geschickt. Neben aggressivem Verhalten, Gesichtsdisko auf Grund übermäßigem Koks- oder Speedkonsum oder auffällig negativem, individuellem Gesamteindruck häufig, weil sie angeblich zu betrunken seien. Wo doch allgemein bekannt sein müsste, dass „ein Bier immer noch ginge“. Früher hat die Gesellschaft den Abgewiesenen in solchen Momenten gestützt, heute jedoch wird er zumeist mit der Situation allein gelassen. Sei es, weil die Freunde ohne ihn in den Club hineingehen, da sie gar nicht bemerken, dass er aufgehalten wurde oder es ihnen schlicht egal ist. Motto: Beim Feiern ist sich jeder selbst der Nächste. Oder, weil der Betreffende gar keine Freunde hat, die mit ihm zusammen „Party machen“ möchten.

Um auf das daraus resultierende seelische Leid selbst richtig reagieren zu können – und auch für Türleute: um den Betreffenden besser verstehen zu können – haben wir hier die sozio-psychologischen Aspekte einmal vollständig aufgegliedert.

Eine Abweisung an der Clubtür lässt sich in 4 Phasen einteilen.

1. Erste Phase: Leugnen oder Nicht-Wahr-haben-Wollen

Die Abweisung vor der Disko, dem Club oder der Kneipe seitens des Türstehers bedeutet immer einen Schock. Auch, wenn es nicht unerwartet kommt. Beispielsweise in dem Bewusstsein, am Kennzeichen des soeben mühevoll eingeparkten Fahrzeugs deutlich als Pinneberger identifiziert zu werden. Oder beim Herannahen mit Schlagermove-Verkleidung bzw. Turbo-Jugend-Kutte inklusive eingenässter Hosenbeine. Oder beim versehentlichen Erbrechen, obwohl man eigentlich nur „Hallo“ sagen wollte. Die auffällige Mimik-Veränderung im Gesicht der Security ist in der Regel nicht zu übersehen. Dennoch reagiert der Abgewiesene auf die Abfuhr meist überrascht und ungläubig. Plötzlich ist alles aus, die Rat- und Hilflosigkeit in der Situation groß. Viele sind wie erstarrt.

Mögliche körperliche Reaktionen: rascher Pulsschlag, Schwitzen, motorische Unruhe, Übelkeit, erneutes Erbrechen.

In dieser Phase allein zu sein, ist nicht ratsam. Freunde sind nötig, um den Schockierten emotional aufzufangen, die scheinbare Empfindungslosigkeit, das Fehlen der Tränen, die Starre auszuhalten. Ist man aus eingangs erwähnten Gründen – die Freunde haben den Laden einfach ohne zurückzuschauen betreten oder es ist ihnen schlicht scheißegal, dass man zurückblieb – sollte man sich erst einmal setzen (auf den Gehsteig) oder mit dem Ellenbogen auf dem Türstehertisch niederlassen.

2. Zweite Phase: Aufbrechende, intensive Emotionen

Nun bahnen sich Gefühle ihren Weg: Leid, Schmerz, Wut, Zorn, Angst, Traurigkeit und sogar Freude über den bevorstehenden Konflikt können an die Oberfläche kommen. Je nach Persönlichkeitsstruktur des Abgewiesenen herrschen individuell unterschiedliche Emotionen vor. „Warum musste es ausgerechnet mich treffen?“, „Womit habe ich das verdient?“ Das sind Fragen, die hier aufkommen. Man stottert und stammelt seinen Schmerz heraus, Wut und Zorn entstehen gegen Gott und die Welt. Aber auch gegen den Türmann werden Vorwürfe gerichtet: „Wie kannst du mir das antun?“ „Was soll nun aus mir werden?“ „Ich habe doch einen guten Job! Ich verdiene viel Geld, du darfst mich doch gar nicht abweisen!“ „Ich haue dir in die Fresse! Scheiße, der ist stärker als ich!“ „Aua!“ Als Folge daraus entstehen Schuldgefühle, die den Abgewiesenen tief in seiner Persönlichkeit quälen können: „Hätte ich nicht besser aufpassen müssen? Hätte ich nicht doch noch einen Red Bull ohne Wodka mehr trinken, einen weiteren Kaugummi konsumieren müssen?“ Es ist sehr wichtig, diese Gefühle zuzulassen, sie nicht zu unterdrücken, sonst drohen Schwermut und Depression. Viele hadern dann auch mit ihrem Schicksal, versuchen, die Security zur Umkehr in ihrer Entscheidung zu bewegen. Sie diskutieren und geraten tief in die Verzweiflung, werden wütend oder ausfällig. Für den Türmann gilt es hier, Ruhe zu bewahren, den Abgewiesen sanft unter Kontrolle zu halten. Ihm, wenn angebracht, beizustehen im Erkennen der Sinnlosigkeit des Aufbegehrens. Ihn vorsichtig aber beharrlich daran zu hindern, sich selbst zu verletzen. Zur Not am Boden fixieren, bis er sich beruhigt hat.

3. Dritte Phase: Suchen, Finden, Loslassen

In dieser Phase möchte der Nicht-Gast noch einmal seine Verbindung mit dem Club, dem Nachtleben spüren. Er wird vielleicht noch ein-, zwei Mal versuchen, den Eingang zu durchschreiten, aber eher resigniert-passiv auf das erneute „Nein“ reagieren. Wird sich noch in der Nähe aufhalten, um die Musik aus dem Inneren zu hören. Den Versuch starten, mit den Türleuten ins Gespräch zu kommen. Dabei mit dem Ellenbogen auf dem Türtisch verweilen, um den Eindruck zu erwecken, er sei ganz aus freiem Willen hier draußen, wolle gar nicht in den Club, die Musik sei auch nicht so sein Ding. Er wird locker mit der Security kommunizieren, warum sie ihren Schulabschluss eigentlich nie gemacht hätten? Ob ihnen nicht kalt sei? Wie es denn so sei, ein Nazi zu sein? Der Laden wäre wohl sowieso nicht mehr so der Bringer, seid die Tussi mit den dicken Dingern nicht mehr hinterm Tresen stünde. Eben so unverfängliche Themen zur Sprache bringen. Und sich immer wieder trotz freundlichen aber nachdrücklichen Wegschiebens seitens der Türleute auf dem Tisch vorm Eingang niederlassen und weiter mit den Jungs reden. Daher auch der Fachbegriff für diese Phase: Table-Talk.

Irgendwann kommt dann der Moment, an dem das Gesicht ausreichend gewahrt wurde, der Abend eh schon vorbei ist und das Loslassen erfolgt. Man beginnt, sich mit seinem Schicksal abzufinden und tritt in die nächste Phase ein.

4. Phase: Akzeptanz und Neuanfang

Der abgewiesene Gast hat die Situation des Nicht-in-den-Club-Hineinkommens, die Sinnlosigkeit der Diskussion mit den Türleuten eingesehen und akzeptiert, dass sich ihre Meinung nicht wird ändern lassen. Der Club wird heute nicht mehr Teil des Kiez-Erlebnisses sein und es kann die nächste Phase in Angriff genommen werden, in der der Bezug zum Leben, zur Welt aktiv gestaltet und erlebt wird. Hier tun sich neue Möglichkeiten auf, die durch den ursprünglichen Plan des Absackers in diesemClub nicht möglich gewesen wären. Es entsteht eine Art Lerneffekt: Es gibt ein Leben auch ohne diese spezielle Lokalität. Man könnte beispielsweise auch im Nachtbus noch jemanden kennenlernen und mit nach Hause nehmen. Doch, doch: die Chance besteht durchaus. Man könnte auch versuchen, einen anderen Club zu finden, etwa einen Frühclub. Neuer Laden, neue Möglichkeiten. Und so macht sich der Gast beschwingt mit neuen Perspektiven auf den Weg in sein weiteres Leben.

Fazit: Die vier Phasen des Abgewiesenwerdens sollten sowohl Gästen als auch Türleuten bekannt sein, um mit der speziellen, allwöchenendlichen Situation professionell und weitestgehend schadensfrei umgehen zu können.

Zusatz: Viele Gäste durchlaufen die vier Phasen der Abweisung übrigens meist mehrfach, da sich ihr Gedächtnis automatisch nach rund zwanzig Minuten löscht bzw. modifiziert: sie haben den Namen der ursprünglichen Lokalität zwar immer noch im Kopf, das Ereignis der Abweisung hingegen verdrängt und streben so noch mindestens drei Mal zum Ort des Geschehens. Bis der Partyabend endgültig auf die eine oder andere Weise endet.

Bis zum nächsten Wochenende.

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Vol. 74: Geduld und Zorn

Die wichtigsten Werkzeuge des Türstehers sind nicht Taschenlampe und Totschläger, sondern Langmut und Weißglut.

Zunächst zur Geduld. Die braucht man, um etwa den Gast mit einem Lächeln ertragen zu können, der sich nicht so ohne Weiteres von seinem Fremdgetränk zu trennen vermag und sich von selbigem ausgiebig im Eingang verabschieden muss, bevor er in der Lage ist, den Laden zu betreten. Er wird mitten im Weg verharren, niemanden hinein- oder hinauslassen, sondern statt dessen den Kopf in den Nacken legen und noch einmal einen laaangen, innigen Schluck aus der mitgebrachten Pulle nehmen, bis er sie endlich an die Seite stellt und forsch voran ins Club-Innere schreitet … halt: er wird noch einmal innehalten, zurückkehren und die Flasche mit der Mische ganz austrinken wollen, um dann nicht mehr hineinzudürfen und draußen herumzujammern. Weil er jetzt ja auch nichts mehr zu trinken hätte.

Auch braucht man viel Geduld sowie gute Nerven im Umgang mit der nöligen Frau, die während der Wartezeit in der Kassenschlange die lange Dauer des Eintrittvorgangs mit ausgiebigem Gemecker und Gequängel quittiert. Die sich darüber mokiert, dass die Leute erst noch lange nach ihrem Geld suchen, nicht voran kommen und auch noch ihre Klamotten an der verdammten Garderobe abgeben wollen. Das könne man doch alles auch später nachholen, verdammt nochmal, und warum dauert das hier eigentlich alles so lange, sach mal? Plötzlich steht sie dann selbst vor der Kasse, womit ja niemand hätte rechnen können, hat das Eintrittsgeld nicht parat, findet ihr Portemonnaie nicht, vermutet, dass sie eventuell vielleicht doch auf der Gästeliste stünde, verrät sogar nach einigem Hin und Her ihren Namen, steht dann aber nicht auf der Gästeliste und muss nun bezahlen. Sie fängt wieder an, ihre Geldbörse zu suchen, zählt „Braungeld“ auf den Kassentresen, findet heraus, dass es nicht reicht, meckert, dass man sich doch nicht so anstellen solle, und fischt schließlich einen Zehner aus dem Scheinfach ihres Portemonnaies. Schüttelt den Kopf, weil sie keinen Stempel haben möchte, den würde sie sich beim Hinausgehen geben lassen, muss man doch jetzt nicht, widerspricht vehement, wenn man sie darauf hinweist, dass sie schon beim letzten Mal vergessen habe, sich beim Hinausgehen einen Stempel geben zu lassen, was dann zu einer endlosen Diskussion beim Wiedereintreten in die Clubatmosphäre führte. Sie lässt sich dann doch stempeln, obwohl wir alle bekloppte Spinner seien, die Unsinn reden, wendet sich ab und gleich wieder zurück, weil sie dann doch ihre Jacken gleich abgeben will. Schält sich umständlich aus diversen Schichten, zetert über die Hektik, die wir und die anderen Gäste verbreiten würden, stopft einen Pulli, ein Hemd, noch ein Hemd und ihre Tasche in den linken Ärmel ihrer Jacke und will partout – „Mäuschen, jetzt stell dich doch nicht so an, das passt ganz wunderbar!“ – nicht einsehen, dass dieses Konglomerat nicht auf dem verdammten Garderobenbügel untergebracht werden kann! Endlich ist sie fertig und verlässt den Kassenbereich. Der geduldige Türmann wischt noch schnell ihren über dem Garderobentresen verschütteten Drink auf und trägt ihr ihren Garderobenzettel hinterher, weil man alles tut, wirklich alles tut, um eine spätere Diskussion mit ihr um den fehlenden Garderobenzettel zu vermeiden.

Ja, man braucht Geduld für diesen Job. Jede Menge davon.

Und man braucht Zorn.

Denn der Zorn hält einen wach, er hält einen warm und ermöglicht das nötige Konfliktpotential, um sich einzumischen, um Gästen den Umfüllbecher fürs Hinaustreten aufdrängen zu können, damit man nicht doch noch eine Geldbuße zahlen muss, weil das Ordnungsamt versehentlich einmal zugegen ist.

Den Zorn braucht man aber meist gar nicht mitzubringen, denn die Gäste sind so nett und versorgen den Türmann im Laufe des Abends aufopferungsvoll mit dem nötigen Brennstoff für ein ordentliches, inneres Wutfeuer.

Zum Beispiel dieser Typ neulich, der nach Feierabend unbedingt unten im Club Einlass begehrte. Vom Typ her der „gelegentliche Kiezgast“: Mit Mitte, Ende Dreißig knapp an der oberen Grenze der Ausgehzulässigkeit, länger nicht mehr unterwegs gewesen und keine Ahnung vom aktuellen Tuten und Blasen, aber felsenfest von der eigenen Kiezkompetenz überzeugt. Der sah nun, typisch für Vögel wie ihn, nicht ein, dass Feierabend ist: „Freundchen, wann Feierabend ist, sage ich dir, ich trinke hier jetzt noch einen, aber vorher gehe ich noch auf’s Klo!“ Meine – geduldige – Entgegnung war, dass ich nicht sein „Freundchen“ sei, er solche Bezeichnungen besser unterlassen solle – es brächte nämlich Unglück, den Türmann so anzusprechen – und wir Feierabend hätten, was bedeutete, dass es nur noch hinaus ginge und nicht hinein. Er könne aber gerne noch oben in der Bar weiterfeiern, und die Toiletten seien hier unten links den Gang entlang. Er erläuterte mir, dass noch nicht Feierabend sein könne, denn es wäre ja noch Musik zu hören und das Licht sei ebenfalls noch an. Wie „Putzlicht“? Quatschkram, zudem seien da noch Leute drin. Überdies solle ich ihm nicht so einen Bären aufbinden, dass die Klos den Gang hinunter aufzufinden seien. Er wäre hier schon früher immer gewesen und die Klos wären ja wohl immer noch im Club. Natürlich sind die da! Das wisse er genau. Ich solle ihn nicht verarschen. Außerdem sei es sein Recht als Bürger, jederzeit hier die Toilette benutzen zu dürfen. Ich müsse ihn hineinlassen und solle nicht wieder mit der faulen Ausrede kommen, die Toiletten wären nicht im Club, sondern hier am Ende des Ganges.

Was soll ich sagen. Ich hatte mir an dem Abend felsenfest vorgenommen, mir meine frohgemute Grundhaltung, meine peacige Türhippie-Einstellung durch nichts und niemanden kaputt machen zu lassen. Also ließ ich ihn hinein in den Club, in der Hoffnung, dass er sich nicht all zu sehr sowie all zu lange gegen die Realität stemmen und bald wieder hinauskommen würde. Vielleicht sogar ein bisschen kleinlaut. Doch ich sollte mich irren. Furchtbar irren.

Währenddessen verrichten wir vorn an der Clubtür das, was man als Türmann zu Feierabend eben so macht: Flaschen und Gläser einsammeln, Jacken und Taschen herausgeben sowie mindestens eine Diskussion mit Gästen bezüglich des verlorenen Garderobenzettels führen, dieses Mal mit einer furchtbar zickigen Frau, die nicht einsehen will, dass „meine Jacke war schwarz“ nicht zur eindeutigen Identifikation ihrer Oberbekleidung ausreicht. Irgendwann, nachdem alle Gäste endlich draußen sind, beschließe ich, dass es vielleicht doch besser wäre, einmal nachzusehen, wo der Genau-Bescheid-Wisser von vorhin eigentlich abgeblieben ist, er hatte ja nun alle Zeit der Welt, um sich von seinem Irrtum bezüglich der Toiletten zu überzeugen. Ich schlendere ins Innere des Clubs, biege um eine Ecke, und komme gerade rechtzeitig um Folgendes zu erblicken: er steht vor der Notausgangstür, hat frohgemut seinen Pillermann ausgepackt und erleichtert nun mit großer Geste seine Blase gegen die Türzarge. Er sieht dabei recht zufrieden und entspannt aus. Bis zu dem Moment, in dem ich ihn mit einem kräftigen Klaps gegen den Hinterkopf aus seinen Träumen reiße! Ihn zwinge, das Elend mittels Lappen und Eimer wieder aufzuwischen und anschließend in Tateinheit mit einem zünftigen Hausverbot aus dem Eingang befördere. Er wollte dann noch eine Anzeige erstatten wegen unterlassener Hilfeleistung, weil ich ihn nicht habe zu Ende strullern lassen.

Nun ja, womöglich kommt noch eine dritte Geisteshaltung als wichtiges Werkzeug hinzu: die heitere Resignation. Denn sie verhindert, dass man im beruflichen Umgang mit manchen Menschen vorzeitig einen geistigen Schaden erleidet.

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Vol. 73: Dauerjugendlich

Es ist noch früh am Abend, gerade einmal 20 Uhr durch. Ich habe heute die „Erstschicht“ an der Tür eines Clubs, der sich in der Nähe einer großen Hamburger Einkaufsmeile befindet. Später wird noch ein Kollege dazustoßen. Noch ist wenig los, vereinzelt tragen Passanten ihre Einkaufstaschen vorbei in Richtung U-Bahn. Sie schauen kurz zu mir herüber – ich vermute: die Idee eines Feierabend-Getränks geistert für einen Moment durch ihre Köpfe, wird aber sogleich von grimmigen Wächtern der Vernunft in Keim erstickt; die abendliche Couch wartet und das Leben ist doch so schön geordnet. Lieber nicht mit Alkohol und Musik durcheinanderbringen.

In der Shopping Mall gibt es auch ein Kino. Dort scheint jüngst die Vorstellung eines familienfreundlichen Films zu Ende gegangen zu sein. Erwachsene und Kinder in den unterschiedlichsten Konstellationen ziehen auf ihrem Weg zum Parkhaus an mir vorüber. Reste von Popcorn werden verzehrt, angeregte Unterhaltungen über die Highlights des Streifens, man gemahnt – da es bereits sehr dunkel ist – zum zügigen Schritt und ist dabei bester Laune unterwegs.

Wir befinden uns in Winterhude – einem Hamburger Quartier, das eigentlich schon immer hart an der Grenze zwischen bürgerlichem Wohnort und beginnendem Hipster-Viertel entlanggentrifiziert. Hier wohnen noch immer mehr Lehrer als Werber. Die Mieten steigen daher nur moderat und es finden sich noch immer vereinzelte Buchläden zwischen den Boutiquen. Spießig mutet es aber nicht an, denn die junge Lehrerschaft – also, das Erziehungs- und Bildungspersonal zwischen vierundvierzig und fünfundfünfzig Jahren – kleidet sich heute nicht mehr in muffige Strickjacken und ausgebeulte Hosenanzüge, es folgt den Trends jugendlicher Mode. Vorbei die Zeiten, in denen die Kluft weit, der Graben tief war, in Sachen Styling zwischen Schülern und Paukern.

Folglich sehe ich langbärtige Väter mit Sidecut im Skater- und Surfer-Look vorüberziehen, die wie eine faltige Fusion trendaktueller, kalifornischer Beach-Boys mit altenglischen Linguistikprofessor-Rockabillys anmuten. Mütter, denen der sorgsam locker geknüpfte Ballerina-Knoten auf dem Kopf hin- und herwackelt, während ihre quietschbunten, hochhackigen Schuhe im schmerzenden Kontrast zu den Moiré-Tierprint-Leggings über die Gehwegplatten kratzpoltern. Die Kinder in ihren kleinen Familienkonvois hingegen tragen recht unauffällige Sachen. Die gedeckten Farben ihrer Oberbekleidung fügen sich passend ins Ensemble zu ihren ordentlichen Frisuren und den sehr kontrollierten Gesichtszügen.

Es wirkt, als hielten die Eltern verzweifelt an der These fest, das innere Jung-geblieben-Sein müsse nur auf Biegen und Brechen mit äußerer Jugendlichkeit kombiniert werden, dann sei der unweigerliche Alterungs- und Zerfallsprozess noch aufhaltbar. Zeitgleich kämpft ihr Nachwuchs mit allen Mitteln um eine sich gegen die Erzeuger abgrenzende, eigene Identität. Und deren deutliche Sichtbarmachung nach außen. Kinder müssen anders sein, anders aussehen, anders sprechen als ihre Eltern. Sie müssen Grenzen überwinden. Ein gesellschaftliches Gesetz, das seit der Erfindung der Jugend im Zuge der Entdeckung des Rock’n’Roll in den 1950er Jahren gilt. Nur so lassen sich neue Erfahrungen und neue Erkenntnisse gewinnen. Alles andere hieße Stillstand.

Und was macht der Nachwuchs, wenn die Eltern die eigentlich jugendlich identitätsstiftenden Feldern besetzen und nicht mehr freigeben? Richtig: er wird schnellstmöglich „erwachsen“. Und spießig. Halfen im vorigen Jahrhundert Pop, Punk und Metal gegen den Volksmusikmuff der Eltern, setzen die Sprösslinge heute scheinbar auf Neo-Schlager und den angestrebten Angestelltenjob bei der Sparkasse als Medizin gegen die hartnäckige Kindlichkeit der Erzeuger. Schluss mit Träumerei und jugendlicher Grenzüberschreitung – auf zum realistischen Lebensentwurf mit konservativen Wertvorstellungen und Bausparvertrag. Dazu passend auch ein ernster Gesichtsausdruck, während sich die Erwachsenen in würdeloser Albernheit ergehen. Und viel zu bunt herumlaufen. In Kleidung, die eigentlich für Fünfzehnjährige konzipiert wurde.

Ich frage mich wirklich, wie das noch enden soll. Wie kann Partygastronomie mit diesen spaßbefreiten Heranwachsenden funktionieren? Ihre Eltern sind bei aller äußerlicher Jugendlichkeit ja kein lohnenswertes Publikum; das fortgeschrittene Alter lässt sie bereits zu früher Stunde – meist schon gegen ein Uhr nachts – schlapp machen. Mit denen kann kein Club der Welt einen vernünftigen Umsatz generieren.

Doch dann reißt mich eine Stimme von hinten aus meinen düsteren Gedanken. Sie gehört zu einem Endzwanziger. Zu meiner Erleichterung fällt mir wieder ein: Zwischen Mitte zwanzig und Anfang dreißig legen sie ja noch einmal richtig los. Dann geht’s ab in die Clubs und das Nachtleben wird bis zur Neige ausgekostet:

„Du, sag mal, du bist doch hier Türsteher, oder?“
„Jup, warum?“
„Kannst du mir mal deine Taschenlampe ausleihen? Ich habe da hinten in der Kotze meine linke Kontaktlinse verloren …“

Der Weg bleibt spannend und führt schnellstmöglich zurück an die Theke …

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Vol. 72: Gesichtsdisko

Kurz nach zwei Uhr nachts. Der herantretende Gast scheint dem Türmann suspekt. Ein abschließendes Urteil ist noch nicht gefallen, ein „Nein“ noch nicht ausgesprochen – der Türmann steht lediglich mit neutralem Gesichtsausdruck im Weg. Wartet auf gastseitige Signale, die den weiteren Verlauf des angestrebten Clubbesuchs bestimmen werden: negativ oder positiv.

„Darf ich rein?“
„Ich weiß zwar nicht, was du dir heute schon alles so reingepfiffen hast, aber richtig gut bekommen ist es dir nicht. Wenn ich mir deine Gesichtsdisko so ansehe …“
„Ich muss da aber unbedingt rein!“
„Warum?“
„Meine Ex-Freundin ist da drin!“
„Aha. Wie sieht die denn aus?“
„Keine Ahnung. Ich habe sie doch noch nicht kennengelernt. Du lässt mich ja nicht rein!“
„Was hast du denn für ein Lebensmotto? ‚Zuversichtlicher Pessimismus‘, oder was?“
„Ja nee, ich nehme nur immer schon das Ende vorweg – dann ist es angenehmer für alle Beteiligten, wenn es unvermeidlich eintrifft.“
„Interessanter Lebensentwurf. Vor allem angesichts deiner augenscheinlichen Vorlieben in Sachen ‚Erfrischungen am Partyplatz‘.“
„Was für Erfrischungen?“
„Kleine weiße Linien auf der Clubtoilette?“
„Äh, ich kokse nicht, wenn du das meinst!“
„Ach, und warum wackelt dein Kiefer beim Sprechen unablässig hin und her? Und warum irrlichtert dein Blick durch die Gegend, als würdest du versuchen, jedes einzelne Mitglied eines Mückenschwarms im Auge zu behalten? Ich denke mal, da war außerdem noch eine gehörige Portion Speed im Spiel.“
„Ja nee, ich bin mit der S-Bahn auf den Kiez gefahren. Und hatte meine Kopfhörer zu Hause vergessen. Musste den ganzen Weg lang den anderen Fahrgästen zuhören …“
„Ah ok, das erklärt so einiges.“
„Da war zum Beispiel so ein superdrolliggut aufgelegtes Indie-Alternative-Pärchen. Sie sang ein putziges Liedchen mit, das sie per geteilten In-Ear-Hörern gemeinsam vom iPhone erlebten. Keine Ahnung, um welche Art Musik es sich handelte. Aber den Refrain riefen sie immer mit: ‚Krikrikri – Fallstaff, Fallstaff, deine Räder!‘ Jedenfalls verstand ich es jedes Mal so. Sie trug eine zeltartige, rosa Bomberjacke, er ein hellgrünes Wickelkleid. Beide die unvermeidlichen Ballerina-Haarknoten zum Bart. Also, zumindest bei ihm. Ich vermute jedenfalls, dass es sich um einen ‚ihm‘ handelte. Er hatte sich ein Holzstäbchen durch den Kopfknoten geschoben. Dieser mündete oben im hölzernen Modellnachbau einer nordischen Doppel-Axt. Wie sie immer auf Vikingmetal-Plakaten zu sehen ist … das war wie bei einem Verkehrsunfall – du bist total entsetzt, kannst aber nicht wegschauen …“
„Verstehe.“
„Ja, und dann überall diese englischen Junggesellenabschiede auf dem Weg vom Flughafen zum Kiez. Halbnackt, gröhlend am Singen irgendwelcher Schlager, einer immer als Frau verkleidet. Du hoffst die ganze Zeit, dass sie an ihrem Ende des Waggons bleiben, aber dann stehen sie auf und tanzen ein zugesoffenes Ringelreihen auf dich zu. Das hält niemand geistig unbeschadet aus!“
„Ich steige bei solchen Anblicken immer sofort aus und warte auf die nächste Bahn.“
„Ich konnte ja nicht! Direkt bei der Tür hielt sich der Quotenstinker auf. Fraß irgendwas mit Zwiebeln, das schon mehrere Tage tot gewesen sein muss. Er selber so eine Art Ganzkörper-Buttersäureproduzent. Stank wie ’n toter Iltis, den man tagelang in Schweiß-Salzrändern gewendet hatte. Keine Chance für mich, an dem vorbei zu kommen. Musste warten, bis er ausstieg.“
„Ich sehe schon: dein Kiezabend hatte nicht die besten Startvoraussetzungen. Geh ruhig mal rein und gönn dir ’n Kaltgetränk – kannst es gut gebrauchen, wie mir scheint.“
„Weiß gar nicht, ob das so eine gute Idee ist. Am Ende lerne ich tatsächlich noch meine neue Ex-Freundin kennen und dann geht diese endlose Gebetsmühle aus One-Night-Stand, Affäre, Beziehung, Eifersucht, Herabsetzung, Trennung und so weiter wieder los …“
„Du könntest natürlich auch einfach nur trinken und tanzen. Du musst nicht zwingend mit jemandem sprechen.“
„Das klingt gut.“
„Oben im Club ist es besonders laut, da versteht man nicht mal sein eigenes Wort.“
„Cool! Das checke ich gleich mal aus! Danke, Mann.“
„Immer gerne.“

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Vol. 71 Die Grenzen des Tür-Reviers: Hier Job, dort Spaß

„Was ist los mit euch? Wollt ihr da gar nicht eingreifen, sag mal?“

Ärger auf der Straße vorm Laden. Fünf Kerle haben sich beim Versuch, in das selbe Taxi einzusteigen, gegenseitig in den Türen verkeilt. Keiner will nachgeben, die Gemüter erhitzen sich, das Gepöbel ist groß. Vor allem auch wegen der Huperei der drei leeren Taxis dahinter, deren Weiterfahrt gerade blockiert wird. Der erste Fahrgast in spe verliert wegen des anschwellenden Lärms die Nerven und fängt an zu schubsen. Eine Tat, die sogleich sämtliche anderen Teilnehmer aufs nächste Streit-Level befördert – man springt aus den Türen und sich gegenseitig an die Wäsche. Es beginnt ein unübersichtliches Gerangel, das sich in einem langsamen „Walzer des Chaos“ im Kreise dreht. Mittendrin: ein weiblicher „Peacemaker“. Ihr Glas Gin and Tonic plus Salatgurke in der Linken umherschwenkend, wogt die besorgte Friedensstifterin im Getümmel mal hierhin, mal dorthin. Ihre unkoordinierten Versuche, die Gewalt einzudämmen, sind zwar störend, aber letztlich fruchtlos.

Der mich empört anstarrende Gast zu meiner Rechten setzt erneut an: „Ist es nicht eure Aufgabe, bei so etwas einzuschreiten? Dafür steht ihr doch hier, oder nicht?“

Ich könnte ihm jetzt lang und breit erläutern, dass wir Türleute nicht die Polizei sind, sondern lediglich das Hausrecht in 3D. Dass unser Revier die Lokalität ist, vor der wir stehen. Es erstreckt sich vom Innenhof hinterm Haus bis zur Tür des Clubs. Genau genommen gehört noch ein Teil des Fußwegs bis zu einer Entfernung von etwa einem Meter fünfzig dazu. Alles, was sich innerhalb dieses Bereiches abspielt, unterliegt unserer Aufsicht. Alles darüber hinaus geht uns nichts mehr an. Oder anders ausgedrückt: Wir werden nicht dafür bezahlt, unsere Gesundheit respektive unsere Freiheit außerhalb des Etablissements aufs Spiel zu setzen. Junge oder noch unerfahrene Kollegen machen das zwar ab und an. Aber, ob sie nun der Wunsch nach Heldenehren treibt oder schlichte Besorgnis um verletzte Menschen – sie mischen sich mit dem hehren Vorsatz ein, den Streit zu schlichten, und fangen sich am Ende bloß Anzeigen wegen Körperverletzung oder Nötigung ein. Gern vom Opfer, dem sie beizustehen gedachten. Das aber nun sauer ist, weil der Türmann einen der „Freunde“ unsanft zu Boden gebracht hat … Fazit: Als Profi hältst du dich möglichst aus Dingen heraus, die in sicherer Entfernung vom Laden geschehen. Denn du weißt nie, worum es eigentlich geht und wer zu wem gehört.

Im selben Moment, als ich schon Luft hole, um mit dieser üblichen Erläuterungs-Litanei zu beginnen, besinne ich mich eines Besseren.

„Pass auf, wir Türleute sehen das so: Alles bis zu dieser Linie hier ist Job, alles darüber hinaus ist Entertainment. Wäre doch schade, diesen lustigen Tanz da zu beenden. Oft ist eine Türschicht langweilig genug, da kann etwas Popcorn-Kino auf der Straße nicht schaden.“

„Aber ihr könnt doch nicht …“

„Guck doch, wie putzig das aussieht! Jetzt versuchen die drei da hinten ihre per russischem YouTube-Tutorial erworbenen Straßenkampf-Kenntnisse in der Realität umzusetzen. Ohne richtiges Training und unaufgewärmt. Mit in Alkohol eingeweichtem Hirn. Herrlich. Der eine da hebt gerade ab, weil sein Standbein dem High-Kick-Bein in die Luft folgt, und landet klatschend auf dem Steiß. Keine Sorge, der Schmerz kommt erst später, wenn Adrenalin und Alkohol nachlassen … Du musst zugeben, dass ist echt buntes Straßentheater. Ich greife erst ein, wenn die unserem Club und unseren Gästen zu nahe kommen. Weil dann wird’s geschäftsschädigend. Vorher aber finde ich es ebenso lustig wie lehrreich: der Mensch und seine Konfliktkultur. Eine Komödie in unzähligen Akten.“

Inzwischen zeitigten die friedensstiftenden Bemühungen unserer eifrigen Gin and Tonic-Trinkerin jedoch Erfolge. Allerdings etwas anders, als geplant. Sie hatte just in dem Moment zeternd vor einem der Streithähne gestanden, als dieser einen mächtigen Stoß in den Rücken bekam. Er flog nach vorn, prallte gegen sie und beide gingen wuchtig zu Boden. Er landete weich. Sie im Land der Träume. Als er sich wieder aufrappelte, blieb sie knock out liegen. Der Streit um sie herum flaute ab, wich einer allgemeinen Betroffenheit. Man scharrte mit den Füßen und guckte betreten in die Runde.

„Schau, jetzt kannst du mal deine Bürgerpflicht tun“, meinte ich zu unserem Mr. Do-Right neben der Tür. „Na, einen Rettungswagen rufen!“ Er schaute unsicher, schien verwirrt und so erbarmte ich mich und nahm selbst das Telefon in die Hand, wählte die 112 … Ganz bestimmt nicht zum letzten Mal in der heutigen Partynacht.

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Vol. 70: Tür-Ikonen – Eddie und die Wosettis

Nach den ersten Jahren der regelmäßigen Ausübung gerät auch der bisweilen unvorhersehbare Job des Türstehers zur Routine. Die Situationen wiederholen sich, die unübersichtlichen Momente werden dank der gesammelten Erfahrungen weniger bzw. lassen sich unaufgeregter und dezenter regeln. Von den wenigen unprofessionell zappeligen Gefahrensuchern in ihren Reihen einmal abgesehen, gehen die meisten Secus dann Wochenende für Wochenende ihrem Job recht unauffällig nach. Sie werden in ihrer Eigenschaft als Sicherheitspersonal von den Besuchern der Lokalität als zwar vorhanden, aber eben auch austauschbar wahrgenommen. Was zumeist nicht als beleidigend aufgefasst wird, sondern oft auch sehr recht ist: denn so hat man als Türsteher seine Ruhe.

Es gibt jedoch ganz spezielle Ausnahmen. Verfügt ein Türmann über ein gewisses Charisma oder auffällige körperliche Merkmale und steht sehr oft vor dem selben Club, kann er zur Ikone werden. Die Gäste nehmen ihn bewusst wahr, er ist dann mehr noch als der Name des Etablissements ein identitätsstiftendes Symbol für den anvisierten Ort der Partynacht. Tatsächlich habe ich es schon oft miterlebt, dass Kiezbesucher sich zwar bei Ausgehtipps nicht an den Namen des betreffenden Clubs erinnern, wohl aber an den davorstehenden Türmann: „Pass auf – einfach die Straße hoch, dann links, und bis zu dem Burgerbrater. Gleich daneben ist der Eingang; steht so’n super breit gebauter Typ mit Iro davor. Doch, das findest du, der steht da immer, der ist nett …“

EddieMein lieber Kollege Eddie – mit dem ich fast vierzehn Jahre lang das Vergnügen hatte, die Gäste vom „Rosch“ auf dem Hamburger Berg zu behüten – hat sogar beides: zum einen sticht er mit seiner tannenartig schlanken, zwei Meter in die Höhe ragenden Figur sofort ins Auge und zum anderen zaubert er den vorsprechenden Gästen mit seiner zwar bestimmten, aber auch immer humorvoll-ironischen Art stets ein Lächeln ins Gesicht. Wobei in diesem dann bei neuen Gästen oft auch ein nicht unerhebliches Maß an Erleichterung mitschwingt, wenn sie erkennen, dass dieser große Türmann trotz seines kantig-markanten Auftretens ein zutiefst freundlicher Mensch ist.

Kein regelmäßiger Gast betritt das „Rosch“, ohne zuvor einen Plausch mit Eddie abgehalten zu haben. Man fragt nach seinem Befinden, ob er irgendetwas braucht, ob die Schicht angenehm ist und so weiter. Und es sind nicht die üblichen, im Vorbeigehen gestellten, quasi rhetorischen Smalltalk-Fragen, auf die man im Prinzip mit Nonsens wie etwa „grün, es geht mir grün“ oder „das Auto war champagnerfarben!“ antworten könnte und trotzdem ein zustimmendes Nicken erhielte. Weil eigentlich gar nicht zugehört wird. Nein, die Gäste fragen ernsthaft und gehen erst rein, wenn sie sich vergewissert haben, dass es Eddie wirklich gut geht. Als zweiter Türkollege steht man dabei sozusagen im Schatten, um einmal ein Wortspiel zu bemühen. Die Anwesenheit wird gästeseitig mit einem kurzen, höflichen Nicken quittiert. Das ist bisweilen etwas irritierend.

Um einiges mehr irritiert sind die Gäste, wenn Eddie einmal nicht an der Tür aufzufinden ist. Sei es aus recht seltenen Urlaubsgründen oder weil er einfach einmal einen Tag frei haben möchte. Üblicherweise stehen vor der besagten Lokalität – wie es sich gehört – am Wochenende zwei Türleute. Sollte keiner der beiden eine zwei Meter hohe, schlanke Tannengestalt vorweisen können, irrlichtert der Blick des Gastes von einer Türfigur zur anderen, bis mit großen Augen und unsicherem Blick folgende Frage geäußert wird: „Wo’s Eddie?“ Präziserweise gehört zur Verdeutlichung der Gäste-Verunsicherung eigentlich noch ein Ausrufezeichen hinter das Fragezeichen: „Wo’s Eddie?!“

Die ersten paar Male an einem solchen Abend versucht man es dann noch mit einer sachlichen Entgegnung: „Eddie hat heute frei.“ Dies wird zumeist, wenngleich unter Protest und widerstrebend, akzeptiert: „Ah … ok … Hat er sich ja verdient. Aber nächste Woche ist er wieder da, oder?“ „Ich habe zwar die Dienstpläne jetzt nicht im Kopf, aber ja – ich glaube schon.“ Allerdings so etwa bei dem 23sten Gast, der großäugig „Wo’s Eddie?!“ fragt, fühlt man sich als Türsteher irgendwie herabgesetzt. So, als sei die Sicherheit nicht ausreichend gewährleistet. Als wäre man nur ein ungenügender Ersatz. Und man beginnt, den „Wosettis“ mit Sarkasmus zu begegnen: „Du, eben war Eddie noch da. Aber dann gab es dieses helle, bunte Licht am Himmel und schwupp: weg war er! Ich fürchte, er wurde von Außerirdischen entführt.“ Oder: „Wo’s Eddie?!“ „Du, eben stand er noch da vorn am Dj-Pult … Ja, nee, jetzt ist er da hinten beim Kicker. Hinter der Säule … Hast ihn nicht gefunden? Komisch, gerade war er kurz hier, ist aber wieder rein – ihr seid wohl aneinander vorbeigelaufen … Musst du wohl nochmal gucken.“ Fehlte Eddie an zwei aufeinanderfolgenden Tagen, übertrumpften sich die Türsteher bei der nächsten Dienstplanbesprechung gegenseitig mit der Anzahl der Fragenden. „Und, wie viele Wosettis hattet ihr am Freitag? 26? Ha: wir kamen am Samstag auf 32!“

Einmal hängte mein Kollege Henning an einem Freitagabend ein Schild in den Eingang mit der Aufschrift: „Heute kein Eddie“, um die ewige Fragerei zu unterbinden. Leider vergaßen wir, es nach der Schicht wieder zu entfernen. Eddie war am darauffolgenden Abend „not amused“, fühlte sich verarscht. Das tat mir leid, war aber irgendwie auch ziemlich lustig.

Doch irgendwann wurde mir klar: die Frage nach Eddies Verbleib ist keine Herabwürdigung der Leistung der übrigen Türkollegen. Es ist vielmehr der Ausdruck höchster Sympathie und tiefempfundenen Respekts gegenüber einem Sicherheitsbeauftragten, den sich dieser durch seine unbedingte Integrität über viele Jahre verdient hat. Ohne ihn ist der Club nicht vollständig. Erst Eddies Anwesenheit vor der Tür sorgt dafür, dass sich die Gäste richtig aufgehoben und vor allem wie zu Hause fühlen. Er ist eine Tür-Ikone.

Und davor, mein lieber Freund und Kollege, ziehe ich meinen Hut!

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Vol. 69: Privat auf’m Kiez

Von Zeit zu Zeit bietet es sich an, eine Türschicht auszulassen und privat auf den Kiez zu gehen. Um einmal die Perspektive zu wechseln. Oder, wie mein Großvater in seiner blumigen Art zu sagen pflegte: „Junge, du kannst nicht über den Tellerrand hinausblicken, wenn du immer mitten in der Suppe sitzt. Du musst ab und an auch einmal aufstehen und am Tisch Platz nehmen, um deinen Horizont zu erweitern. Nicht immer nur den Teller, sondern auch das Besteck sehen; die Dinge in der Gesamtheit betrachten. Und vergiss die Serviette nicht!“ (Das letztere entstammte einem anderen Zusammenhang – mein Opa war der felsenfesten Überzeugung, dass wir uns nur dann der Barbarei erwehren könnten, wenn wir immer auf unsere guten Manieren achteten und beispielsweise niemals eine Mahlzeit ohne angemessene Serviette einnähmen. Aber das gehört jetzt eigentlich gar nicht hierher.)

Als Türmann begegnet man den Gästen immer irgendwie misstrauisch: man wartet eigentlich nur darauf, dass einer verhaltensauffällig wird oder irgendetwas kaputt geht. Manche Nachtschicht an der Tür ist ein fortwährendes Ausharren bis zum nächsten Einsatzbefehl. Wird der Alarm ausgelöst, rennst du ins Ungewisse. Um dem Unbekannten ein Gesicht zu geben, achtet man bereits im Vorfeld auf jede Kleinigkeit; versucht die Gästeschar einzuschätzen, einzelne potentielle „Gefährder“ im Blick zu behalten. Ergebnis: man wird zur fleischgewordenen, zweibeinigen Skepsis.

Um diese Verkrampftheit abzumildern, habe ich es mir zur Gewohnheit gemacht, hin und wieder privat auf dem Kiez unterwegs zu sein. Mal auf Augenhöhe mit den Gästen das Partygeschehen erleben. Oft merkt man dann recht schnell: „Ach guck, die Leutchen sind ja alle ganz freundlich. Bestellen mit ‚Bitte‘ und ‚Danke‘, fragen höflich oder bitten um Verzeihung, wenn sie im Gedrängel aneinander vorbei müssen.“ Und eigentlich ist alles chico, der Feierhimmel hängt voller Geigen und die Einhörnchen pupsen Regenbögchen. Wenn, tja, wenn das Wörtchen „wenn“ nicht wäre und einem die Realität nicht aus einer ganz anderen Richtung ein Bein stellte …

Kneipenpersonal ohne Auftrag ist gern gesehenes Helfermaterial. Wenn du beispielsweise als Tresensachverständiger in deiner Freizeit „an der Tränke“ erscheinst, kommst du zwar in den Genuss reduzierter Warenpreise, aber zeitgleich droht auch schnell die Einteilung als Aushilfe: „Oh, schön, dass du gerade da bist, kannst du mal kurz beim Auffüllen mit anpacken? Bin die nächste Stunde noch allein hinterm Tresen, und du siehst ja: alles voll mit durstigen Engländern …“ Infolgedessen befindet sich der professionelle Kapselheber mit Freizeit plötzlich mitten im Mahlstrom harter körperlicher Arbeit und das „mal kurz mit anfassen“ verwandelt sich ratzfatz in 15 Kästen Flaschenbier, die aus dem Keller über eine enge Treppe hoch zum Tresen geastet werden müssen. Dann noch „schnell“ die Kühlschränke neu bestücken, weil die gestrige Freitagabendcrew das Auffüllen mal wieder vergessen hat. Folge: Die frischen Ausgehklamotten sind im Eimer und die Frisur vom Schweiß fortgespült. Toller Einstieg in den Samstagabend.

Apropos „Klamotten im Eimer“: Als ich neulich mal wieder „privat auf’m Kiez“ war, wurde ich gleich am Eingang abgegriffen und eingeteilt.
„Hallo Viktor, super, dass du gerade da bist! Kannst du mich kurz vertreten? Ich muss eben schnell um die Ecke und meine Pizza abholen. Die steht da schon seit zehn Minuten. Komme hier sonst nicht weg. Das ist nett von dir, bin gleich wieder da …“
Den letzten Satz sprach er über die Schulter, während bereits er mit langen Schritten enteilte.
„Ich, äh, ich, wo is denn dein Kollege? Stehst doch wohl hoffentlich nicht allein an der … äh … ok, bis gleich.“
Was blieb mir übrig – ich fügte mich in mein Schicksal. Stellte mich an den linken Türstehertisch und meinen Drink – Rum/Cola – auf den rechten. Sieht ja immer blöd aus, wenn man mit Alkohol an der Tür steht. Unprofessionell. Kann ja keiner ahnen, dass ich privat und so …

Plötzlich flog die Clubtür auf, drohte mich gegen die Eingangswand zu quetschen. Es gelang mir so gerade eben noch, einen Fuß vor mich auf den Boden zu setzen, so dass mein Gesicht nicht als Bremse für das metallene Türblatt diente. Der besagte Kollege hatte drinnen einen Nicht-Gast ausgemacht, der unentwegt anderen Gästen mit irgendwelchen Geschichten auf den Geist gegangen war, und ihn nun hinausgeschafft. Der Gast hingegen sah das alles gänzlich anders. Ihm schwante, dass er, wenn er sich erst mal vor der Tür befand, nicht so schnell wieder hinein gelänge. Er hielt sich fest, verkrallte sich verzweifelt in so ziemlich allem, was in seiner Reichweite war: Tresen, Barhocker, andere Gäste, die eigenen Ohren, Türrahmen, mein rechter Anzugjacken-Ärmel. Der Türkollege hatte nicht wenig Mühe, den renitenten Trunkenen endlich aus dem Club zu befördern; mit einem letzten Hauruck taumelte der Vogel dann schließlich mehrere Schritte weit auf den Bürgersteig hinaus. Einen wesentlichen Teil meiner Oberbekleidung mit sich nehmend.

„Hey Viktor, grüß dich! Wo’s’n Ernie?“
„Pizza holen. Ich vertrete ihn kurz.“
„Achso. Du, ich muss wieder. Da drin ist wohl noch sein Kollege. Der ist genauso fertig. Kannst du den hier kurz im Auge behalten?“
„Was bleibt mir übrig … er hat ja noch meinen Ärmel …“
„Bin gleich wieder da.“
„Ey du, ich will meinen Ärmel zurück! Und lass die Finger von meinem Getränk! Spinnst ja wohl …“
Der Alkoholdurchweichte hatte sich inzwischen wieder gefangen und selbstverständlich beschlossen, sogleich in den Club zurückzukehren. Allerdings nicht ohne zuvor seinen Flüssigkeitshaushalt nach der ganzen Aufregung wieder auszugleichen. Werkzeug der Gesunderhaltungsmaßnahme: Mein Drink.

„Du darfsoch gar nich trink’n als Tühmann! Und wasfüan Ärmel?“
„Stell mein‘ Rum/Cola wieder auf den Tisch! Ich bin privat hier. Und rück‘ den Ärmel raus, den du da in der Hand hältst. Jetzt. Ausführung!“
„Ja nee, wassas für’n Ärmel? Wo kommtn der her? Hier kanns habn, brauchichnich. Aber den Rum/Cola behald ich, der is nix für Tühmänna! Oder heißass ‚das‘ Rum/Cola? Nee, wadde, ‚die‘ Rum/Cola, nä? Feminin? Müssdich eigntlich wissn, ich binnämmich Lehrer, nä … Und du bis als Tühmann nie privat, wennu auf’m Kiez bis. Glaub mir – ich als Lehrer nämmich auch nich! Da hilf‘ nur Druckbetangung, äh, -betankung, sach ich dir!“

Irgendwie hatte er ja recht. Und so ging ich rein und besorgte uns zwei „Kurze“. Wollte heute schließlich noch ein bisschen länger neben der Suppe sitzen bleiben. Wenn ich schon einmal privat auf dem Kiez war.

Manchmal ist es nicht so schwierig …

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Vol. 68: Beratungen

Während einer Türschicht sieht man sich für gewöhnlich einer großen Zahl von Beratungssituationen ausgesetzt. Frei nach dem alten Sesamstraßen-Motto „Wer, wie, was? Wieso, weshalb, warum? Wer nicht fragt, bleibt dumm!“ löchern einen die Gäste mit Fragen, die ihnen scheinbar buchstäblich auf der Seele brennen. Ihr Wissenshunger kennt keine Grenzen: Sei es die Musikauswahl des Djs in ein bis zwei Stunden, die centgenauen Bierpreise in den umliegenden Lokalitäten, die Telefonnummern der Tresenfrauen, wann genau ihre Lieblingsband (völlig unverständlicher, endlos langer Name) wieder hier auftritt, die Telefonnummern der Tresenmänner, wieso sie unseren Hinterausgang nicht benutzen könne. Wieso wir keinen Hinterausgang hätten … Wie soll man aber auf Fragen, auf die man selbst im Leben nicht gekommen wäre, eine zufriedenstellende Antwort liefern? Nun, meine Erfahrung zeigt, wichtig ist, überhaupt zu antworten. Auch wenn der Gast nur wenig mit der Aufklärung anfangen kann. Letztlich geht es um Respekt.

„Ey, sach ma, das ist ja noch voll leer bei euch im Laden!“
„Nun ja, ich habe doch eben erst vor euren Augen den Club für den Abend geöffnet. Wie soll denn da jemand vor euch reingekommen sein?“
„Und was ist bitteschön mit den Vorab-Gästen? Habt ihr die vergessen?“
„Welche Vorab-Gäste? Ich verstehe nicht, wovon du sprichst …“
„Na, das Anheiz-Publikum natürlich! Wir waren neulich bei einer Show, da haben uns drei Türleute auf der Bühne erläutert, dass prinzipiell jede Location verpflichtet ist, am Anfang des Abends ein Kontingent Anheiz-Gäste auf die Tanzfläche zu stellen, damit der Laden nicht so leer ist. Habt ihr das vergessen? Das wäre aber sehr unprofessionell!“
„Oh shit! Mein Kollege hat recht – ich brauche tatsächlich ein größeres Satireschild für die Bühne …“
„Bitte?“
„Vergiss es. Das Vorab-Publikum hat gestern gekündigt. Wegen unzumutbarer Arbeitsbedingungen.“
„Dann müsst ihr mal n neues einstellen!“
„Jo, das sollten wir wohl.“

„Besser is‘! Nicht, dass ihr noch Ärger mit der Behörde kriegt …“

Oft lässt das Programm im Club auch noch dringende Gästewünsche offen.

„Spielt ihr auch Reggae?“
„Nein, ich fürchte nicht.“
„Ich würde aber so gerne Reggae hören!“
„Junge Dame, wir sind ein Metal-Club.“
„Dann müsst ihr den Reggae einfach schneller spielen!“
„Das nennt man Ska. Wir sind aber nun mal ein Metal-Club.“
„Dann tiefer?“
„Doom-Reggae, oder was? Kannst das ja dem Dj mal vorschlagen …“
„Das hab ich doch! Er sagt, ich soll das mit dem Türsteher diskutieren.“
„Ah, verstehe: du meinst Death-Reggae …“

Und dann immer diese Frage nach dem Weg zu anderen Etablissements.

„Wo geht’n das zum Gluckhart*?“
„Die Straße hier hoch bis zur Reeperbahn, dann links und immer der Nase nach, ähem.“
„Da hoch?“
„Jup.“
„Danke! Bis später.“
„Na, das sehen wir noch.“
„Wieso?“
„Ihr wollt echt ins Gluckhart*, oder?“
„Klar, Schmalzbrot nageln, und so!“
„Dann kann ich euch hinterher evtl. nicht mehr hier reinlassen. Zu klebrig.“
„Ja aber, das Bier ist da so billig! Kost‘ weniger als am Kiosk.“
„Zu klebrig!“
„Und wenn wir versprechen, da nichts anzufassen und uns auch nirgendwo gegenzulehnen?“
„Na gut, wir machen nachher mal n Test: Wenn ihr hier wieder vorsprecht, müsst ihr für ne Minute ganz still stehen – bekommt ihr anschließend die Füße wieder vom Boden ab, dürft ihr rein.“
„Ok! Bis später!“
„Viel Glück.“

(*Name der Lokalität geändert.)

Normalerweise gebe ich mir die größte Mühe, über seltsame Ausgeh-Rituale, Gäste-Verkleidungen oder Kiezbesucher-Gruppenverhalten hinwegzusehen. Ok, das war jetzt gelogen, aber ich versuche tatsächlich, eine relativ neutrale Haltung zu bewahren. Man weiß ja auch nie, was derjenige, der gerade vor einem steht, schon so alles in seinem Leben durchmachen musste. Vielleicht ist er beispielsweise im Süden Deutschlands aufgewachsen oder sah sich aus finanziellen Gründen gezwungen, nach Pinneberg oder Harburg zu ziehen. Man weiß es ja nicht …

„Ok, es liegt an den Hörnern, oder? Dass wir nicht in den Club reinkommen?“
„Welche Hörner?“
„Na, die von unseren Kuhmasken. Und wegen dem Leucht-Globus von mei’m Kollegen …“
„Ach guck, das sind Masken! Und ich Dödel dachte, ihr seid aus Bayern oder Ahrensburg …“

„Ja nee, wir feiern bloß unseren …“

„Bitte, ich brauche das nicht zu wissen. Ich möchte das gar nicht wissen! Ich lasse Euch wegen der Laternen nicht hinein.“

„Echt? Aber wir sind doch ein Laternen-Trink-Umzug! Wir brauchen die Dinger! Ich wollte dir gerade erläutern, was wir …“
„Das ist offenes Feuer! Völlig verboten in einem Club. Mit Betrunkenen! Wozu braucht ihr die überhaupt?“
„Na, zum Trinken. Immer, wenn eine ausgeht und neu angezündet werden muss, hat derjenige eine Runde auszugeben.“
„Und wenn die Laterne in Flammen aufgeht?“
„Ja, das ist dann scheiße – derjenige ist dann disqualifiziert, darf nich‘ mehr mitmachen, alle lachen ihn aus und pinkeln gegen sein Auto …“
„Aha. Deine fackelt übrigens gerade ab …“

„Oh nee, nä … jedes Jahr der gleiche Mist! Immer ich! Menno …“
Dumm gelaufen. Mal sagen.

Manchmal jedoch liefern wir die Beratung auch ganz ohne Aufforderung. Wie in der nachfolgenden Szenerie.

Die Verabschiedungsszene an der Tür – Sie will nach Hause und Er eigentlich mit – gerät mir etwas zu pornös unappetlich. Sie missdeutet meinen zwar freundlich, aber dennoch leicht streng vorgetragenen „Macht jetzt mal den Eingang frei, geht frühstücken. Macht das bitte nicht hier vor meiner Nase!“-Hinweis als Besorgnis über ihre Familienverhältnisse. Mit großen Augen versichert sie mir, „Marco“ und sie hätten zwar zur Zeit so ihre Probleme, aber das hier sei eigentlich ganz harmlos. Und hätte nichts zu bedeuten. Ich habe keine Ahnung, wer sie ist und kenne auch keinen dazu passenden „Marco“. Möchte sie aber dennoch nicht enttäuschen – schließlich scheint sie ein netter (konsumfreudiger) Gast zu sein – und versichere ihr im Gegenzug, das mit „Marco“ stelle kein Problem dar. Er hätte den ganzen Abend im Club nebenan verbracht und sei eben erst recht glücklich wirkend in ein Taxi gestiegen. Zusammen mit einer großen, attraktiven Blondine. Es wäre also wohl alles soweit ok mit ihm …

Man muss sich um seine Gäste und ihr Seelenheil kümmern. Auch und gerade, wenn es um die wichtigen Fragen im Leben geht. Wie etwa Liebe, Glück und Getränke.

Bis zum nächsten Wochenende. Wir sehen uns!

+ + +

Vol. 67: Justitia II – Antipathisch

In einem Bühnentext für „Zeit für Zorn – die Türsteherlesung“ schrieb ich einmal: „Das Verhältnis zwischen Polizisten und Türstehern kann mit Fug und Recht als durchwachsen bezeichnet werden.“ Nun, das ist natürlich eine grobe Verallgemeinerung. Ein Klischee. Klischees sind nicht unwichtige Orientierungshilfen im Alltag, im Umgang miteinander. Sie dienen dem vorläufigen Zurechtfinden in einer meist unübersichtlichen Welt. Am Ende ist aber jeder gefordert, eine persönliche Feinjustierung vorzunehmen. Man muss individualisieren – dann wird man dem jeweiligen Gegenüber durchaus gerecht. Das gilt für die Exekutive genauso wie für den Judikative, sprich: Richter und Staatsanwälte. Doch was ist, wenn die Distanz gerade hier sehr groß ist? Wenn es kaum Berührungspunkte gibt und der Kopf des berufsmäßig Unparteilichen angefüllt ist mit vorgefertigten Meinungen? Nun, dann steht man vor Gericht und sieht diesen speziellen, verkniffenen Gesichtsausdruck.

Ich befand mich wieder einmal in einem Justizgebäude. Aber nicht als mutmaßlicher Täter, sondern dieses Mal als Geschädigter. Wie ich glaubte …

In einer samstäglichen Partynacht ein paar Monate zuvor war es auf dem Hamburger Berg zu einem unschönen Vorfall gekommen. Ein männlicher Gast, unscheinbares Äußeres, altersmäßig etwa Anfang Dreißig, hatte an unserer Tür vorgesprochen. Ich verwehrte ihm den Einlass, weil mir sein allgemeines Gebaren ein wenig „eckig“ erschien. Irgendetwas lief bei ihm nicht rund und ich wollte an diesem Abend kein Risiko eingehen. Wir hatten an den Wochenenden zuvor mehrfach Situationen im Laden erleben müssen, die ein energisches Eingreifen unsererseits erforderlich machten. Jedes Mal waren einzelne, uns unbekannte männliche Gäste ursächlich verantwortlich. Dieses Wochenende war das Schieben einer ruhigeren Kugel unser vorrangiges Ziel. Also wies ich den mir fremden Nicht-Gast freundlich, aber unwiderruflich ab.

Wie in solchen Situationen nicht unüblich, schlich er im Verlaufe des Abends mehrfach am Club vorbei. Startete auch die üblichen Versuche, doch noch hinein zu gelangen. Mütze ab, Mütze wieder auf, aber umgedreht, Mütze wieder mit dem Schirm nach vorn, dabei die Kapuze über dem Kopf – seine Versuche der Tarnung waren ebenso unoriginell wie sinnlos: er musste draußen bleiben. Schließlich verharrte er im Abstand von etwa vier Metern zum Eingang auf dem Gehsteig und begnügte sich mit finsteren Blicken in unsere Richtung. Mein Kollege schaute zu mir herüber und ich nickte nachdrücklich: Wir behielten den potentiellen Stresskandidaten im Auge. Irgendwann schlägt bei den hartnäckigen Rückkehrern die Enttäuschung zuverlässig in Aggression um, und sie handeln unüberlegt. Was sie dabei einfach nie begreifen, ist, dass wir das wissen, vorgewarnt sind und einen Handlungsplan haben. Im Gegensatz zu ihnen, die nach vorn preschen und sich beim Angriff auf Improvisation verlassen. Eine ganz schlechte Idee. Aus Türmann-Sicht indes eine hervorragende Taktik, denn schließlich sehen wir dabei immer ganz gut aus.

An diesem Abend kam jedoch noch ein klein wenig Metall mit ins Spiel: unser Kandidat zückte beim Losmarschieren ein Messer. Trug es zum Glück recht klingenkampfunkundig mit ausgestrecktem Arm vor sich her. Überdies ließ er sich von einem „Hey!“ meines Türkollegen auf der rechten Seite ablenken – er schaute herüber, ich machte im selben Moment einen Schritt nach vorn, packte seinen Waffenarm und brachte ihn mit einem Armbeugehebel im Halbkreis gezogen zu Boden. Legte ihn mit meinem Knie auf seinem Oberarmknochen ab. Dabei muss ich mich wohl mit etwas zu viel Gewicht hineingelegt haben, denn es war ein kurzes Knacken zu spüren: ich hatte ihm den Arm gebrochen. Mit der rechten Hand tastete ich nach dem Messer, sicherte es. Mein Kollege telefonierte derweil mit der Davidwache.

Ich legte mir unseren gescheiterten Messerhelden zurecht, fixierte ihn am Boden und machte es mir für die Wartezeit bequem. Doch bereits nach etwa zehn Minuten war die Kavallerie vor Ort – man übergab Delinquenten, Schneidwerkzeug (ein ebenso billiges wie verbotenes Klappmesser, da einhändig zu öffnen und mit einrastender Klinge ausgestattet) sowie die eigenen Personalien. Alles recht unaufgeregt. Abgesehen vom jammernden Ex-Messerhelden. Die Polizisten holten überdies noch diverse Zeugenaussagen beistehender Gäste ein, die den ganzen Vorfall einmütig als „coole Aktion“ von uns Türleuten schilderten und sich scheinbar bestens unterhalten fühlten. Zur Sicherheit brachte ich nach dem morgendlichen Feierabend noch eine CD mit der Türvideoaufnahme des Geschehens zur Davidwache. Müde von der langen Schicht machte ich meine Anzeige wegen „messerlichen Angriffs“, wie es im Juristendeutsch so herrlich blumig heißt. Rund zwei Wochen später zitierte man mich zur Zeugenaussage. Ich schilderte den Sachverhalt in nüchternen Worten, alle waren zufrieden – der Vorgang im großen Räderwerk der Justiz eingeordnet. So weit, so gut.

Einige Monate danach dann tatsächlich eine Gerichtsverhandlung. Zu der ich erneut als Zeuge geladen war. Ich wurde aufgerufen, nahm vor dem Richterpult Platz und schilderte die Ereignisse der betreffenden Nacht. Allerdings hätte mich der Blick der Richterin sowie ihr Gemurmel „… Türsteher … tsäh … Milieu … immer dasselbe …“ beim Gekritzel auf ihren Notizzetteln stutzig machen müssen.

Nachdem ich meine Ausführungen beendet hatte, meinte sie: „So wie ich das sehe, ist hier eindeutig der Tatbestand der Schweren Körperverletzung erfüllt.“
„Äh, ich bin nicht verletzt worden. Lediglich angegriffen …“
„Sie missverstehen mich. Sie sind nicht das Opfer, sondern Sie haben haben eine Schwere Körperverletzung begangen! Überdies liegt hier auch noch der Besitz einer verbotenen Waffe tateinheitlich vor.“
„Was für eine Waffe? Moment, sollten Sie hier auf das Messer anspielen, mit dem ich angegriffen wurde, das hatte ich lediglich in Verwahrung! Und die Sache mit dem gebrochenen Arm, das war Pech. Das passierte, als ich mich gegen den Angriff mit dem besagten Messer zur Wehr setzte …“
„Sehen Sie, und genau hierin lag Ihr großer Fehler. Sie hätten selbstverständlich zu diesem Zeitpunkt innehalten und die Polizei verständigen müssen!“
„Nur dass ich das richtig verstehe: Hätte der Angreifer dann auch innegehalten? Hätte ich alle Beteiligten dazu auffordern sollen, augenblicklich innezuhalten, während ich theatralisch das Telefon zücke, die Nummer der Staatsgewalt wähle und hernach erläutere, dass ich sogleich erdolcht würde und des Klingentodes stürbe? Darf ich das für den besseren Lerneffekt kurz mit ein paar der Anwesenden nachstellen? So als Rollenspiel? Ich möchte ja zukünftig in einer womöglich ähnlichen Situation nicht gänzlich unvorbereitet zu Boden sinken …“
„Herr Hacker, Sie begegnen dieser Sache hier nicht mit dem nötigen Ernst!“
„Nun, sie machen mir das auch wirklich nicht leicht, Euer Ehr’n …“

Um es kurz zu machen: Das Verfahren wurde eingestellt. Und der Vertreter der Staatsanwaltschaft, der den Ausführungen der Richterin mit stark verrunzelter Stirn sowie leichtem Kopfschütteln gelauscht hatte, trat später auf dem Flur an mich heran: „Machen Sie sich mal keine Sorgen, in dieser Sache hier kommt nichts weiter auf Sie zu. Das war mit Abstand die eindeutigste Notwehrsituation, die ich seit langem gesehen habe. Und die Notwehrmaßnahme in Sachen Verhältnismäßigkeit wie aus dem Bilderbuch.“

Erleichternd. Irgendwie. Ich versuche seitdem aber trotzdem herauszufinden, wie viele Richter und Richterinnen es eigentlich insgesamt in Hamburg gibt. Um die Wahrscheinlichkeit für ein erneutes Zusammentreffen mit dieser Amtsperson zu errechnen, wenn ich wieder einmal vor Gericht erscheinen muss. Das verhindert den drohenden Komödiantenstadl zwar nicht, aber ich kann mich zumindest geistig-seelisch darauf vorbereiten …

+ + +

Vol. 66: Justitia

Als Türmann kommst du unweigerlich regelmäßig in Kontakt mit der Justiz. Zumeist weniger durch eigenes Handeln und das anschließende Hinterfragen seitens staatlicher Behörden, sondern weil du jobbedingt bei nahezu jedem Vorfall in deiner Lokalität als Zeuge involviert bist. Du bist, weil als einziger weit und breit nüchtern, die Person, die bei der Polizei anruft. Du stehst am Straßenrand, wenn die Staatsgewalt, gegebenenfalls begleitet vom Rettungswagen, am Ort des Geschehens eintrifft. Du bist derjenige, der die Eintreffenden in die Lage einweist. Im Anschluss werden deine Personalien aufgenommen und du eventuell zu einer Zeugenvernehmung einbestellt. Später. Viel später. Sehr viel später. Und genau hierin findet sich das knirschende Sandkorn im Getriebe der rechtsstaatlichen Abläufe.

„Wie, Sie können sich nicht mehr daran erinnern, welche der beiden beteiligten Personen beim Streit um den „Gin and Tonic“ auf dem Tresen zuerst handgreiflich wurde?“

„…“

„Hier im Protokoll steht: Einer trug eine dunkelgrüne, der andere eine dunkelblaue Jacke. Also wirklich, das ist doch leicht auseinander zu halten, sagen Sie mal!““

„…“

„Schwierige Lichtverhältnisse im Club? Das ist doch lachhaft! Sie haben da doch immer so Stroboskop-Geblitze und so Laserlichter – das ist ja wohl hell genug, um auch dunklere Jackenfarben zu unterscheiden. Und kommen Sie mir jetzt bloß nicht damit, dass der Streitfall schon eineinhalb Jahre zurückliegt. Das ist ja wohl kein Argument. An so einen Konflikt muss man sich doch erinnern, der ist doch nicht alltäglich!“

Gut, wer mich näher kennt, weiß, dass ich schon unter perfekten Sichtverhältnissen große Schwierigkeiten damit habe, Grün und Blau zu unterscheiden. Aber, das ist auch nicht der Punkt. Das Problem ist natürlich die lange Zeitspanne zwischen Vorfall und Gerichtsverhandlung. Wer kann sich schon an Einzelheiten solcher Bagatellfälle erinnern? Zumal, wenn sie jedes Wochenende in ihrer Gleichförmigkeit im Dutzend passieren. Fragt doch einmal spaßeshalber mehrere Fußgänger nach der Marke des Autos, das gerade vor ihrer Nase die Kreuzung überquert hat. Und welche Lackfarbe es hatte. Das Ergebnis dürfte in drolliger Vielfalt daherkommen.

Im obigen „Zeugen-Fall“ ist es „nur“ ein vertaner Tag vor Gericht. Für nichts und wieder nichts verschwendete Zeit in seltsam riechenden Räumen mit langweiligen Monologen in seltsamer Sprache. Unangenehm hingegen kann es werden, wenn du als Türmann selbst im Zentrum des juristischen Interesses stehst.

Vor ein paar Jahren geriet ein Türkollege von mir zwischen die Mühlsteine der Justiz. Er wurde wegen „schwerer Körperverletzung“ angeklagt. Der Vorfall, auf den sich das Verfahren bezog, war bestens auf Video dokumentiert – er hatte sich direkt vor der Tür seiner Lokalität im morgendlichen Tageslicht abgespielt. Beteiligt waren er und ein verhaltensorigineller Gast etwa Ende Zwanzig, der nach mehrfachem schlechten Benehmen des Clubs verwiesen worden war. Der männliche Gast schien sowohl angetrunken zu sein, wie auch unter anderen, aufputschenden Substanzen zu stehen. Im Film ist zu sehen, wie er mit weit aufgerissenen Augen, hängendem Kiefer und fuchtelnden Händen vor dem Türmann hin und her tigert. Er will wieder eingelassen werden. Der Türsteher verwehrt dies mit ebenso beschwichtigend offen wie abwehrbereit erhobenen Händen vor dem Oberkörper. Mehrfach versucht der uneinsichtige Gast, am Türmann vorbei ins Innere zu gelangen. Dieser drückt ihn jedes Mal ruhig, aber bestimmt wieder zurück.

Als der männliche Gast damit beginnt, andere eintretende Gäste festzuhalten, schiebt ihn der Türkollege weiter vom Eingang weg ans gegenüberliegende Ende des Gehsteigs. Daraufhin reißt der Gast dem Türmann die Mütze vom Kopf, wirft sie hinter sich. Greift anschließend seinem Gegenüber in die Haare. Dieser zieht die Faust in einem lockeren Kinnhaken nach oben. Trifft zufällig punktgenau. Gast fällt um, ist knockout. Türmann schaut nach, ob sich der Kontrahent verletzt hat. Kann nichts feststellen, zieht ihn eine sitzende Position, lehnt ihn gegen den Kühlergrill eines parkenden Autos und kehrt ruhigen Schrittes zurück an seine Tür. Nach etwa einer Minute rappelt sich der Gast auf, orientiert sich schwankend, schüttelt seinen Kopf und entfernt sich mit einer obszönen Geste in Richtung Clubeingang zu einem nahen Taxi. Steigt ein, fährt weg.

So weit, so gut.

Das Nachspiel: Der männliche Gast erinnert sich am nächsten Morgen nach dem Rausch-Ausschlafen an die erlittene Schmach und besinnt sich auf die Vergeltungsmöglichkeiten mit Hilfe staatlicher Institutionen (meine rein spekulative Vermutung). Er macht eine Anzeige. Im Verlaufe der folgenden Vernehmungen erlangt der vom Gast hinzugezogene, teure Rechtsanwalt Kenntnis über den Status des Türstehers als US-amerikanischer Staatsbürger sowie seinen Haupt-Broterwerb als pädagogischer Mitarbeiter in einer bilingualen Grundschule.

Während wir noch unserem Kollegen beruhigend die Schulter drücken – „das wird schon, ist ja alles klar zu sehen, verhältnismäßig, Notwehr, komm‘ ich helfe dir beim Verfassen der schriftlichen Aussage etc.“ – kommt Schnöselsöhnchens Advokat auf eine brillante Idee: So eine Anklage wegen Körperverletzung harmoniert doch bestimmt ganz und gar nicht gut mit einem regelmäßig zu erneuernden Aufenthaltsstatus. Und auch die Arbeitserlaubnis als Erzieher – na, wenn das mal keine Probleme nach sich zieht. Er macht seinem Mandanten einen Vorschlag. Und ruft schon einmal bei der bilingualen Schule an – man hat dort schließlich ein Recht zu erfahren, was die Mitarbeiter so in ihren Nebenjobs treiben, nä …

Die Idee des Anwalts: Gegen die Zahlung einer Summe X (zwischen 500 und 1.000 Euro) als „Wiedergutmachung“ an den „Geschädigten“ würde man von einer weiteren Verfolgung der Sache absehen und überdies selbstverständlich sofort auch die Anzeige zurückziehen.

Der verunsicherte Türkollege – er hatte wenige Monate zuvor schon ein Beinahe-Desaster wegen eines versehentlich nicht rechtzeitig verlängerten Passes erlebt – ließ sich auf den „Deal“ ein. Uns anderen Türleuten blieb nur noch, ihm durch eine spontane Spendensammlung zumindest finanzielle Unterstützung zukommen zu lassen.

Schlusspointe: Wenige Wochen später stand der Verursacher der ganzen leidigen Angelegenheit wieder vorm Club und zeigte sich höchst verblüfft über das harsche, gegen ihn ausgesprochene Hausverbot. „Man solle das doch nicht so persönlich nehmen. Schließlich habe er lediglich eine Gelegenheit gesehen und wahrgenommen! Hätten wir doch wohl auch getan, oder?“

Es bleibt schwierig …

+ + +

Vol. 65: Kiez anonym

Glenn Frey, Alan Rickman, David Bowie, Maja Maranow … das Jahr 2016 hat kaum begonnen und schon verlassen uns die Künstler reihenweise. Gefühlt scheint eine ganze Generation öffentlicher Persönlichkeiten vor dem Absprung zu stehen. Menschen, die einem irgendwie nahe standen. Deren Fortgang eine Lücke im eigenen Leben zu reißen scheint. Obwohl man diese Leute ja eigentlich gar nicht kannte, hinterließ ihr Schaffen einen bleibenden Eindruck in der eigenen Existenz. Im besten Fall. Im schlechtesten waren sie oft zumindest unterhaltsam. Und unfreiwillig inspirierend. Unter Umständen ist es aber auch nur die stetige Berichterstattung in Film, Funk und Fernsehen sowie den Magazinen, Zeitungen und sozialen Netzwerken, die einen Prominenten zum Pseudo-Vertrauten macht. Nichtsdestotrotz nimmt man es zur Kenntnis, wenn er oder sie plötzlich stirbt. Hält inne. Vielleicht sogar in einem Moment des Bedauerns. Denn nun fehlt irgendwie ein Stück der Welt. Ein Stück, das, obwohl eigentlich unbekannt, dennoch nicht anonym war.

Der Kiez hingegen pflegt seine ganz eigene Form der Vertrautheit. Man nennt sich immer beim Vornamen, arbeitet oft über mehrere Jahre hinweg im Team eng zusammen und verlässt sich aufeinander. Oft teilt man sogar die freie Zeit, weil die übrigen sozialen Kontakte allein schon wegen der unmöglichen Arbeitszeiten im Nachtleben vor längerem weggebrochen sind. Man glaubt sich aber gut aufgehoben in der großen, vertrauten Ersatzfamilie.

Doch leider bilden sich ab und an feine Risse in diesem Bild. Dann schrillt ein unharmonischer Klang durch die heile Welt. Etwa, wenn man von einem Kollegen oder einer Kollegin aus der Partywelt um Hilfe beim anstehenden Umzug gebeten wird und partout nicht herausbekommt, wo dieser denn überhaupt stattfinden soll: „Ja, da in der Seilerstraße. Welche Hausnummer? Na, in der Nähe vom Kiosk. Welches Klingelschild? Das am Eingang, natürlich. Welcher Name draufsteht? Ja, den möchte ich lieber nicht öffentlich sagen. Habe es doch nach dem Einzug vor drei Jahren verdaddelt, mich umzumelden. Ist sowieso nicht mein richtiger …“ Und schon merkst du, dass du eigentlich gar keine Ahnung hast, mit wem du da die letzten vier Jahre jedes Wochenende verbracht hast. Wem du deine innersten Befindlichkeiten beim Feierabendschnaps offenbart hast. In öffentlicher Anonymität sozusagen.

Neulich hörte ich vom unerwarteten Tod eines Türkollegen. Er stand viele Jahre vor einem Etablissement auf der anderen Seite der Reeperbahn; auf dem Hans-Albers-Platz. Ich kannte ihn nur vom Sehen und kurzen Begrüßungen unter Kollegen im Vorbeigehen. Keine Ahnung, was für ein Mensch er war, wie er seinen Job machte oder was er von der Welt dachte. Da er jedoch als Türsteher arbeitete, weiß ich zumindest ziemlich genau, was er so jedes Wochenende erlebte. So, wie Zimmerleute, Lehrer oder Busfahrer eine ziemlich genaue Vorstellung vom Arbeitsalltag ihrer Kollegen überall im Land oder sogar überall auf der Welt haben, weiß ich, welche Diskussionen er führte, mit welchen Fragen er sich wiederholt konfrontiert sah und was sich so in seinem Club abspielte. Es ist ja überall im Grunde dasselbe. Das schafft Gemeinsamkeit. Das bildet Vertrautheit. Sorgt sogar letztlich für ein gewisses Gefühl des Sich-Nahestehens.

Umso mehr bekümmerte es mich, als ich die ganze Geschichte erfuhr. Nachdem der gerade einmal knapp Mittvierzigjährige leblos aufgefunden worden war, stand für die Kollegen und den Club, für den er gearbeitet hatte, sofort fest: Er soll ein anständiges Begräbnis erhalten. Das war allen wichtig. Die Finanzierung stand. Doch es erhob sich ein unerwartetes Problem: Niemandem war ein Verwandter bekannt. Folglich gab es keine Handhabe für die Bestattung. Ein Familienangehöriger – sei die Verwandtschaft auch noch so entfernt – ist nun einmal juristisch unabdingbar, um einen Leichnam zur Beerdigung freizugeben. Findet sich keiner, übernimmt der Staat die Vormundschaft über die Gebeine und verfährt ebenso kostengünstig wie uninteressiert.

Seine sterblichen Überreste liegen demzufolge nun in der Gerichtsmedizin und drohen nach Ablauf einer kurzen Frist auf irgendeinem Friedhof, der gerade Kapazitäten frei hat, anonym unter die Erde gebracht zu werden. Kein Grab. Keine Stelle der Trauer. Vergangen und vergessen. Zwar hat man wohl Kenntnis von einer Ex-Frau in einer anderen Stadt – aber ob die sich nun noch rechtzeitig finden lässt … alles sehr ungewiss.

Ich habe gerade herausgefunden, dass man in diesem berühmt-berüchtigten Netzwerk mit dem blau-weißen Design einen „Nachlass-Verwalter“ für die Online-Präsenz eintragen kann. Quasi die Vorsorge für ein munteres ewiges Online-Weiterleben nach dem Offline-Abnippeln. Das hat etwas Tröstliches. Irgendwie. In einer leicht beklemmenden Weise. Zumal die meisten werden sagen müssen: „Ach, es war sowieso nicht mein richtiger Name …“

In diesem Sinne. Bleibt stark und pflegt eure Freundschaften!

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Vol. 64: Nachtgestalten – Der Tresenkleber

„Und? Drinnen alles gut?“

„Joa, alle am Feiern. Alle gut drauf. Nur zwei Raucher gefunden und ermahnt. Waren aber einsichtig.“

„Was ist mit dem Tresenkleber?“

„Tresenkleber?“

„Na, der Vogel da, der sich in der Mitte am Tresen breit gemacht hat und niemanden zum Bestellen durchlässt.“

„Ach, der! Ich gehe nochmal rein, ein Auge auf den werfen …“

Die vielen unterschiedlichen Typen, die so nächtens auf den Partymeilen der Welt unterwegs sind – seien es nun Gäste oder Personal –, lassen sich grundsätzlich in zwei Arten aufteilen: aktiv oder passiv. Der Einfluss aufs Feiergeschehen ist entweder durch aktives Handeln oder passives Existieren charakterisiert. Während beispielsweise ein auf der Suche nach Fremdgetränken in Gästetaschen fündig gewordener Türmann dem Abend der betreffenden Person durch gezieltes Eingreifen aktiv eine neue Wendung verleiht, nimmt der schlicht im Eingang stehengebliebene Gast gänzlich passiv als Bewegungsbremse erheblichen Einfluss auf hinein- oder hinauswollende Mitmenschen: Sie müssen warten, sich seitwärts winden oder gar frustriert umkehren.

Ein Paradebeispiel für die passive Einflussnahme durch bloßes Vorhandensein ist der so genannte „Tresenkleber“. Die maskuline Form des Wortes täuscht: „Tresenkleben“ wird von Gästen sowohl männlichen wie weiblichen Geschlechts betrieben. Die betreffende Person erscheint meist recht frühzeitig im Partybetrieb, wenn die Besucherzahl noch übersichtlich ist und die Clubs noch reichlich leeren Raum zu bieten haben. Zügig wird ein zentraler Platz am Tresen eingenommen. Hierzu sind zumeist zwei Barhocker nötig – der eine zum Sitzen, der andere zum Unterbringen von Jacke und Tasche. Sollte später jemand fragen, ob er den Hocker haben könne, wird er mit den Worten „nein, tut mir leid, hier sitzt schon jemand!“, abgewiesen. Der Raum auf dem Tresenholz wird ebenfalls durch großzügig platzierte Utensilien zur Abendgestaltung abgesperrt – Zigaretten, Feuerzeug, Smartphone, Päckchen mit Papiertaschentüchern und so weiter. Das markierte Territorium auf und vor der Getränkeverkaufsfläche wird über den ganzen Abend hinweg nicht mehr oder, wenn etwa dringende Toilettengänge anstehen, nur äußerst kurz verlassen.

„Und? Was macht er?“

„Ach, er war wohl kurz auf dem Klo oder beim Dj, um sich über die Musik zu beschweren. Hat dabei seinen Platz am Tresen verloren. Um den müssen wir uns jetzt nicht mehr kümmern.“

„Steht hoffentlich jetzt nicht vor den Toiletten und blockiert dort den Eingang?“

„Verdammt … na, ich guck nochmal nach.“

„Besser is‘.“

Nach und nach trudeln dann weitere Tresenkleber ein, die sich auf die restlichen freien Plätze „an der Tränke“ verteilen. Dies geschieht als äußerlich ruhiger, aber in seiner Subtilität verbittert geführter Verteilungskampf. Böse Blicke auf allen Seiten. Hier und da ein Knurren und Kopfschütteln. Irgendwann ist der Ring rund um den Tresen dicht, die Kleber haben ihre Drinks geordert und die übrigen, frei im Raum beweglichen Gäste treffen ein.

Jetzt beginnt sich die umsatzerodierende Wirkung der Tresenkleber zu entfalten: Nur mit großer Mühe, wohl akzentuierten Worten oder leicht verständlichen Gesten gelingt den regulären Gästen das Bestellen ihrer Drinks aus der zweiten Reihe. Oft zeigt sich hier dann vereinzelt eine spezielle Unterart des Tresenklebers: der Zweitreihen-Stehkleber. Diese positionieren sich zumeist „auf Lücke“ vor den sitzenden Tresenklebern. Wer jetzt aus der dritten Reihe ein Getränk zu ordern versucht, sieht sich unweigerlich mit dem Problem der Nichtsichtbarkeit durch Verdeckung konfrontiert – gestikulieren oder Lippenlesen seitens der Tresenbedienung ist sinnlos, da der Blickkontakt unterbunden ist. Folge: Der Club macht ab jetzt nur noch Umsatz mit den Getränken der Tresenkleber. Doch diese haften gern auch fest an ihren Getränken und erweisen sich gegenüber dem Tresenpersonal überdies als wenig „tippfreudig“ – Trinkgeld ist von ihnen nur selten zu erwarten, da sie für gewöhnlich vom „Gedrängel am Tresen“ viel zu genervt sind.

„So, ich habe den Vogel jetzt neben das Dj-Pult gestellt. Dort erfüllt er einen sinnvollen Zweck, indem er den Dj vor sinnfreien Musikwünschen á la „spielt doch mal Helene Fischer“ abschirmt. Wollt‘ er erst nicht. Habe mit Hausverbot drohen müssen. Achso, und er hat außerdem die Order, sich alle zwanzig Minuten ein neues Getränk zu bestellen – vielleicht lernt er was beim Herumhampeln in der dritten Tresenreihe … War hier irgendwas zwischenzeitlich los?“

„Nö, nicht wirklich. Vorhin kam eine dieser neuen sportlichen Bürgerwehr-Gruppen vorbei. Wollten rein, um die Einhaltung des Mindestabstands von dunkelhaarigen Männern zu hellhaarigen Mädels zu prüfen.“

„Du hast sie aber nicht reingelassen, oder? Um Himmels Willen!“

„Och, die wollten gar nicht mehr rein, als ich behauptete, wir hätten hier überhaupt gar keine Mädels, da wir ein Schwulenclub seien. Sie könnten aber gern kontrollieren, ob die dunkelhaarigen Männer den Mindestabstand zu den hellhaarigen Männern einhielten. Wolltense aber nich. Bekamen Angst und zogen von dannen.“

„Na, dann ist ja alles soweit chico.“

„Yo!“

„Ich hol‘ kurz was zu trinken. Soll ich dir ne Cola mitbringen?“

„Mach‘ ma. Die ist zwar auch braun und ungesund, aber weniger politisch.“

„Geht klar.“

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Vol. 63: Hysterie und Gewalt

Losrennen. Wohin? Egal, Hauptsache losrennen.
Der Mob tobt. Er will jetzt Aktion sehen. Hat keine Geduld. Will nicht auf Ermittlungsergebnisse warten. Dauert alles zu lange. Dem Mob steht der Schaum vorm Mund und er will jetzt Ergebnisse. Will keine langfristigen Lösungen. Der Mob will nicht wissen, der Mob will handeln. Der Mob weiß auch, was zu tun ist, der Mob ist schließlich weise. Der Mob schreit, der Speichel geifert in alle Richtungen: Einfach alle totschlagen, die so aussehen, wie die mutmaßlichen Täter. Dann sterben zwar auch Unschuldige, aber die Bösen erwischt es doch ebenfalls, oder? Das „Opfer will der Mob bringen“. Für die „Gerechtigkeit“. Da muss man großzügig sein. Denn, wo gehobelt wird, da fallen Späne – wie einst schon einmal jemand dem Mob erläuterte. Hilft ja nix … Und die Aktien für Fackeln und Stricke steigen zur Freude der Shareholder …

Ich erinnere mich da an eine Geschichte aus meiner Kindheit. Ich bin in Wilhelmsburg geboren und aufgewachsen. Damals in den Siebzigern und frühen Achtzigern einer der verrufenen „sozialen Brennpunkte“ der Hansestadt, in dem Menschen unterschiedlichster kultureller Herkunft zusammenlebten. Wobei „zusammenleben“ irreführend ist. Man lebte nebeneinander. Jeder in seinem eigenen kleinen Dunstkreis. Aber es gab Schnittmengen: Arbeitsplätze, Betriebssport, der Tresen vom Döner-Laden, der Supermarkt. Und natürlich die Schule. Hier insbesondere der Schulweg. Dieser erwies sich ab und an als tückenreich, wenn ihn zum Beispiel wieder einmal eine „Gang“ zu ihren Jagdgründen – Spielplätze und Bürgerparks – hinzugefügt hatte. Man sah sich dann, wann immer man gezwungen war, diese Territorien zu durchqueren, einer Gruppe grimmiger, drei bis vier Jahre älterer Jungs gegenüber, die einem das Taschengeld und diverse Wertsachen, wie etwa Walkman oder Fußbälle, abnahm. In der Regel wurde dies von Lehrern und Eltern – „Du bekommst doch genug zu essen, musst dich einfach mal durchsetzen und wehren!“ – weitestgehend ignoriert.

Doch dann trieb es eine dieser „Gangs“ zu weit: Die Mitglieder – alle zwischen vierzehn und sechzehn Jahren alt – verließen die Gefilde der bloßen Drohung und machten sich einen Spaß daraus, uns Zehn- bis Elfjährige gleich körperlich anzugehen. Sie griffen sich Einzelne, die auf dem Weg zur Schule oder zum Sport waren, heraus und verschleppten sie in irgendwelche Hinterhöfe. Dort nahmen sie den Unglücklichen alles Wertvolle ab, umringten sie im Kreis und schubsten, schlugen und traten die Opfer solange zwischen sich hin und her, bis sie zu Boden gingen. Oder sie zwangen zwei eingefangene Halbwüchsige, gegeneinander zu kämpfen. Der „Gewinner“ durfte dann den Ort des Geschehens verlassen. Man hatte kaum eine Wahl, ließ diese ebenso erbärmlichen wie entwürdigenden Schauspiele und Misshandlungen über sich ergehen. Sie gehörten eben zur Kindheit in einem unterprivilegierten Viertel dazu. Man konnte selbstverständlich auch versuchen, sich zu wehren. Damit bot man ihnen aber die Gelegenheit, sich in der Kunst des Quälens, Demütigens und Persönlichkeitsbrechens richtig gründlich zu üben.

Wie dem auch sei, eines Tages erwischte die neue „Gang“ auf ihren Streifzügen durchs Viertel ein Mädchen. Wahrscheinlich versehentlich, denn sie hatte sehr kurze Haare und war aufgrund ihres Auftretens leicht mit einem gleichaltrigen Jungen zu verwechseln. Erst als man ihr im „Kreis der Schande“ die Kleidung vom Leib riss, wurde der Irrtum offensichtlich. Ein Rest zivilisatorischer Fairness seitens der „Gang“ sorgte dann wohl dafür, dass man von ihr abließ. Jedoch machte die Geschichte schnell die Runde. Und sie wuchs. Fakten vermischten sich mit Vorurteilen, Wissen mit dem Drang zum Handeln. Plötzlich hieß es: Eine „Türkengang“ misshandelt deutsche Kinder! Ein Mädchen sei schon vergewaltigt worden. Einzelne Väter verlangten Bestrafung. Das Maß sei voll. Und überhaupt: Diese Ausländer! Man müsse sich nun schützen, „die da oben täten ja nichts“. Und: Die Kinder! Wo käme man denn da hin? Soweit sei man also schon wieder! Man setzte sich zusammen. Der Plan: Sicherheit herstellen. Eine Bürgerwehr wurde aufgestellt. Streifengänge besorgter Väter nach Feierabend. Mit ordentlichem Biervorrat natürlich. Es galt, ein waches Auge auf das Treiben böser Jungs zu werfen. Es gab sogar eine exakte Beschreibung der mutmaßlichen Täter: Türken, schwarze Haare, südländisches Aussehen, mürrisches Auftreten, etwa fünfzehn Jahre alt.

Schon eine der ersten Bürger-Patrouillen zeitigte einen Fahndungserfolg. Man griff einen Burschen auf, der zum einen perfekt ins Täterprofil passte und zum anderen seine Schuldhaftigkeit praktischerweise freiwillig eingestand, indem er sich dem Zugriff seitens der aufgebrachten Väter-Horde durch Flucht zu entziehen suchte. Merke: Wer wegläuft, hat bestimmt Dreck am Stecken! Also übersprang man nach erfolgreicher Ergreifung jegliche weitere Klärung des Sachverhalts und schritt statt dessen sogleich zur Vergeltung und Bestrafung. Der vierzehnjährige, kurdischstämmige Teenager wurde von zornigen, Bierflaschen schwenkenden Familienvätern zusammengetreten, einen Bahndamm hinuntergestürzt und schließlich in einen der für Wilhelmsburg so typischen Wasserkanäle geworfen. Als man ihn fand, war er zwar noch am Leben, aber der Bruch eines Rückenwirbels infolge stumpfer Gewalteinwirkung fesselte ihn fortan an den Rollstuhl.

Knackpunkt der Geschichte: Birol – so hieß der kurdische Junge – war erst zwei Tage zuvor selbst der „Türkengang“ zum Opfer gefallen. Man hatte ihn verprügelt, seiner Kleidung beraubt und über Nacht in einem eiskalten Getränkelager eingesperrt, das sich in einem ehemaligen Luftschutzbunker befand. Der Geschäftsinhaber hatte ihn am Morgen halb erfroren aufgefunden und gleich Anzeige gestellt. Wegen „versuchten Diebstahls“, wie mir Birol Jahre später einmal erzählte. Ach ja, und die „Gang“ bestand übrigens aus vier Deutschen, einem Kroaten, zwei Italienern sowie einem Holländer und einem Dänen. Sie machten sich zwei Jahre später einen Namen als recht erfolglose Autoknacker und wurden schließlich einer nach dem anderen aus dem Verkehr gezogen.

Ich erzähle diese alte Geschichte, weil mir die momentane Stimmung schwer auf den Magen schlägt. In den sozialen Netzwerken kocht im Zuge der silvesterlichen Ereignisse der Volksgeifer. Die besonnenen Stimmen finden kaum noch Gehör, wie mir scheint. Zudem lese ich immer wieder Aufrufe zu „Gegenmaßnahmen“. Mitmenschen, die ansonsten regelmäßig Fotos nackter Frauen in knienden Posen posten, treten plötzlich als vehemente Kritiker der „chauvinistisch-sexistischen Weltbilder“ südländischer Einwanderer auf. Lächerlicher geht’s kaum. Aber leider eben auch kaum gefährlicher, denn es gibt schon die ersten Versuche, krude Patrouillentrupps auf die Beine zu stellen, mit denen es gelte, den „öffentlichen Raum“ zurückzuerobern. Man kann nur hoffen, dass es bei den Versuchen bleibt.

Ich hoffe überdies sehr auf ein Herunterfahren der Hysterie und ein Abwarten bezüglich der Fakten. Die eigentlichen Straftäter müssen ermittelt und in einem möglichst emotionsarmen Prozess nach rechtstaatlichen Prinzipien verurteilt werden. Es darf nicht sein, dass der Mob tobt.

Das Miteinander ist schon schwer genug – Hysterie und Geschrei führen zu immer größerem Chaos. Außerdem: Wer komplizierte Sachverhalte mit einfachen Mitteln zu lösen versucht, ist selbst schon Teil des Problems.

+ + +

Vol. 62: Auf ein Neues (Jahr)

Nach der großen Silvesterparty, die, wenn gründlich gefeiert, auf dem Hamburger Kiez bis etwa in den frühen Neujahrsnachmittag hinein andauert, ist erst einmal die Luft raus. Der Neujahrsabend glänzt in der Regel mit Gästeabwesenheit. Kaum ein Zeitpunkt, an dem sich die Reeperbahn sowie die umliegenden Feierstraßen derart ausgestorben präsentieren. Höchstens ein paar Anwohner, die sich den Overkill zum Jahreswechsel erspart und sachkundig am 30. Dezember „Prä-Silvester“ gefeiert haben, bevölkern am ersten Tag des jungen Jahres das eine oder andere Etablissement. Die „Meile“ atmet kurz durch. Bis zum zweiten Tag des neuen Jahres (sofern dieser ein Wochenendtag ist). Dann heißt es erneut: Auf in den Kampf!

Von allen Seiten strömen jetzt frisch gewaschen und gebügelt die Partywilligen auf den Kiez. Aus welchen Einzelcharakteren sich diese jahresjungfräuliche Gästeschar zusammensetzt und sich so ganz allgemein in punkto Kommunikation und Verhalten präsentiert, ist oft prägend für den gesamten, anstehenden Jahreslauf.

Die größere Gruppe hat sich dann doch nach dreißigminütiger Diskussion dazu entschlossen, den Laden zu betreten. Man setzt sich in Bewegung, und wie die Ruderblätter des Herren-Achters beim Bootsrennen-Klassiker Cambridge versus Oxford tauchen die Hände im Gleichtakt in die Taschen und holen Bierdosen hervor, die auch sogleich zischend geknackt werden. Meiner Aufforderung, diese außerhalb des Clubs zu trinken oder abzustellen, wird ebenso murrend wie resigniert nachgekommen. Nur das einzige Mädel der Gruppe macht den Schritt in die Opposition – sie sei zum Zeitpunkt des Öffnens der Getränkedose schon mit einem Bein im Laden gewesen und demzufolge sei ihr Getränk ja nun kein Fremdgetränk mehr und sie könne es doch wohl selbstverständlich drinnen konsumieren … es fängt bereits schwierig an.

Das ältere Ehepaar, das zur eigenen Verwunderung in den Club hineindurfte, ist nach einer gefühlten Schrecksekunde wieder draußen. „Wo sind denn die Telefone?“, fragt er mich vorn an der Tür.
„Welche Telefone?“
„Na, hier waren doch immer so Tische mit Telefonen?“
„Ach die! Ja, das war noch zu Zeiten des Tanztees. Damals in den späten Siebzigern.“
„Genau!“
„Da war das hier noch n Transvestitenclub.“
„Ja, nee …“
„Ja, doch. Da gab’s am Wochenende immer Herrenclub mit ‚Damen‘-Tanz. Für den Gentleman von Welt, der gern etwas zusätzliche Ausstattung wünscht. Samba Schwengelo do brazil und so …“
„Ja, nee … verdammt: ich hab’s doch gewusst, mit den Mädels stimmte irgendwas nicht!“
„Albert! Was sind denn das für Sachen?“ Seine Holde kann das Gehörte nicht so recht einordnen, Augen und Mund öffnen sich weit in aufkeimendem Entsetzen.
Ich fürchte, er wird noch so einiges zu erläutern haben im Verlaufe dieses Abends.

„Ihr dürft ja gerne rein, deine Freundin muss nur ihren Pizzakarton draußen lassen. Wie ich ihr und den anderen beiden eurer Gruppe bereits erläutert habe. Kein Essen im Laden.“
„Sie schleppt den Karton schon seit zwei Stunden mit sich herum. Wir kommen nirgendwo damit rein“, ihr Abendabschnittsgefährte seufzt resigniert.
„Da is ja noch’n Stück drin, das kannich dochnich umkommn lassn, sachma!“, erläutert die Dame des Anstoßes.
„Wenn du deine Mütze kurz lüpfst, dann bekomme ich doch bestimmt eine naturkupferrote, streitlustige Haarpracht zu sehen, oder?“
„Wieso?“
„Och, nur so …“

Gästelogik. „Tschuldigung, ich habe ganz viele Holsten-Dosen hier in meinem Rucksack. Wenn ich dir meinen Perso da lasse, kann ich die dann mit reinnehmen?“
„Was soll ich denn mit deinem Ausweis anfangen, während du dir drinnen schön deine Fremdgetränke reinlutschst? Aufessen, oder was?“
„Ja, keine Ahnung. Ich dachte, das wäre irgendwie n Angebot oder so …“

„Sach ma, warum darf denn mein Freund nich rein?“
„Der kann nich mehr. Hat eben hier schon auf den Gehweg gegöbelt.“
„Ja nee, und warum darf er nich mehr rein?“
„Weil ihm schlecht ist.“
„Echt?“
„Weil er kotzt und ich voll gemein bin.“
„Ja aber, ja nee …“
„Weil ich voll gemein bin.“
„Ach so. Sach das doch! Schönen Abend!“

Währenddessen im Club nebenan – auch so eines der eher drolligeren Besoffski-Spiele: Bauchklatschen. Ein Gast möchte hinaus, einer hinein. Beide sind schon recht fortgeschritten in Alkohol eingeweicht. Konzentriert schreiten sie mit teigigen Gesichtern aufeinander zu und prallen exakt auf der Türschwelle voneinander ab. Drei Schritte zurück, Stirnrunzeln, erneuter Anlauf. Fump! Wieder abgeprallt … Nach dem vierten Run haben wir Türleute ein Einsehen und helfen beiden dabei, draußen zu bleiben.

Plötzliches Erschrecken! Auf der gegenüberliegenden Straßenseite, irgendwo im Gewühl vorm „Kiosk der spontanen Jugend“, hat irgendjemand allen Ernstes eine „Uweseela“ dabei. Alle paar Minuten bläst er fortan frohgemut in dieses grässliche, akustische Marterinstrument hinein. Klagend schallt das erbärmliche Plastik-Muhen durch die Straße, wird als Echo der Kläglichkeit von den Hauswänden reflektiert und gedoppelt. Ich hätte ja schwören können, jeden einzelnen dieser Trötenbastarde seit der WM 2006 erwischt zu haben, aber … verdammte Axt!

In diesem Moment kommt zum Glück ein alter Freund überraschend vorbei. Er hat lange in Großbritannien gelebt und ist jetzt wieder im Lande. Hat ein paar Jungs im Schlepptau. „Hey, lange nicht gesehen! Geht’s dir gut?“
„Ja, bestens. Bin jetzt wieder hier. Gestern war aber hart. Junggesellen-Abschied mit meinen Freunden hier. Sind Engländer. Können sich aber benehmen!“
„Du, ich hab‘ überhaupt kein Problem mit Gästen von der Insel … sind lustig und manchmal n Tick zu laut und man muss ihnen ab und an sagen, dass sie sich wieder anziehen soll’n, aber sonst … kein Problem!“
„Ja, die hier sind anders – die ziehen sich nicht aus!“
„Guck an. Aber sag‘ mal, wenn die einen Junggesellen-Abschied feiern, warum ist dann niemand als Frau verkleidet?“
„Die sind anders …“
„Du bist dir aber ganz sicher, dass sie Briten sind, oder?“
„Jo! Nur eben anders.“
„Dürfen zu Hause nirgendwo rein, wie ich vermute?“
„Nee, aber hier kommen sie gut klar.“
„Das ist echt mal was anderes.“
„Sach ich ja …“
„Na denn: Prost! … Trinken tun sie doch, oder?“
„’türlich! Die sind zwar speziell, aber doch waschechte Engländer!“
„Gott sei Dank!“

Ich sehe schon, auch dieses Jahr werde ich als Türmann weder überflüssig noch während der Ausübung meines Jobs von Langeweile bedroht sein. Was will man mehr. Schönen Abend noch und viel Spaß!

+ + +

Vol. 61: Flüssige Feiertage

Die Weihnachtszeit ist eine besondere Zeit. Sie kann ein Quell der Freude sein und ganz viel Spaß machen. Freunde kommen zu Besuch, man sieht die Familie wieder, die lieben Kleinen tollen unterm bezaubernd geschmückten Baum herum. Und alle haben die Lampen an. Äh, sitzen beisammen im herzerwärmenden Kerzenschein. Doch dann kommt der Moment, indem der Feiertagsbraten verputzt, das Dessert vertilgt und die Lichter schon halb herabgerannt sind. Die Bescherung steht an und spült die harten Fakten ans Licht. Die Dinge beginnen aus dem Ruder zu laufen, der Familien- oder auch Partnerzusammenhalt gerät ins Wanken und jedem fällt auf, dass die Nordmann-Tanne eh von Anfang an schief stand.

Aus diesen Gründen bleibt der Kiez mit seinen Etablissements vor allem auch am Heiligen Abend und den beiden Folgetagen nicht ganz unbesucht. Denn, auch heute noch, im Zeitalter der totalen Wikipedia-Aufklärung, hält sich der hartnäckige Glaube daran, dass Sorgen und Probleme nicht schwimmen könnten und sich leicht im Schnaps ertränken ließen.

Eine Überzeugung, der wohl auch die beiden Herren anhängen, die eben vor die Club-Tür traten, vor der ich heute Dienst schiebe, um eine zu rauchen.

„Und, bei dir alles ok soweit?“
„Hör‘ bloß auf. Das ist voll daneben gegangen.“
„Was denn?“
„Na, ich so: Schatz, was ist denn das Bunte da unterm Weihnachtsbaum?
Und sie so: Schatz, das ist dein Geschenk.
Und ich so: Schatz, wir hatten doch abgemacht, uns dieses Jahr nichts zu schenken!
Sie so: Schatz, es ist ja auch nur was Kleines.
Und ich so: Äh …
Daraufhin Sie so: Hast du etwa nichts für mich … Schatz?
Und ich so: Verdammte Kagge!“
„Tja, da hilft wohl nur noch eins: Prost!“
„Prost.“
„Übrigens, solltet ihr für nächstes Jahr wieder abmachen, euch nichts zu schenken, komm‘ bloß nicht auf die Idee, es dann anders zu machen und ihr ein Präsent zu besorgen.“
„Äh, wieso nicht?“
„Na, ganz einfach – sie wird dann wahrscheinlich keines für dich haben und du bist dann voll das Arschloch, weil du sie schrecklich in Verlegenheit bringst. Das wird sie dir erst recht nicht so schnell verzeihen!“
„Verdammte Kagge …“
„Yo.“

Es regnet übrigens. Seit Stunden. Echter, ausdauernder Hamburger Knochenregen. Willkommen in der hanseatischen Weihnachtszeit. Das Himmelsgepisse sammelt sich in den Materialermüdungsmulden der großen Markisen links und rechts über der Bar. Von Zeit zu Zeit entledigen sich die Planen schwallartig von der angesammelten Last. Ein trauriges Gästegrüppchen steht direkt an der Kante einer der Markisen und bekommt jedes Mal eine ernüchternde Dusche ab. Bestimmt unangenehm. Sie verweilen allerdings stur am Ort des Geschehens und nehmen den Wasserfall jedes Mal mit hochgezogenen Schultern hin. Gucken aber empört zu mir herüber. Die Frauen mit eng zusammengeschlitzten Zorn-Augen, die Kerle mit schmallippigem Kopfschütteln. Mir fällt wieder einmal auf, dass ich Gäste wohl nie verstehen werde – egal, wie lange ich diesen Job schon mache oder noch machen werde. Ich rufe hinüber: „Ihr müsst nicht im Nassen stehen. Stellt eure Fremdgetränke weg und ihr dürft in den Club. Das mit dem Austrinken wird doch sowieso nichts, wenn ihr eure Gläser andauernd mit Regenwasser wieder auffüllt …“

Mein Kollege bringt einen männlichen Gast hinaus. Er ist vollkommen drüber. Hat erst endlos auf die Barfrau eingequatscht, ihr sein trauriges Weihnachtsdasein geschildert und ist dann mehrfach schnarchend mit dem Kopf aufs Tresenholz gesackt. Ging nicht mehr. Er sieht ein, dass er nicht mehr kann. Will aber auf gar keinen Fall nach Hause gehen. Jetzt steht er jammernd auf der Straße. Droht damit, sich überfahren zu lassen, wenn wir ihn nicht wieder in den Club ließen.

„Alter, das könnte etwas dauern. Die Taxis fahren auf dem Hamburger Berg bloß Schritttempo. Willst du dich in Zeitlupe in den Asphalt massieren lassen, oder was?“

„Ich geh‘ nichnachhause, kann da nichmehrhin!“

„Was’n los? Was hast du gemacht?“, frage ich ausnahmsweise interessehalber.

„Ich hab meina Frau was gschenkt.“

„Und?“

„Ja nee, die sachte noch im Sommer, dass wir uns etwas schenkn, was wir uns vom annern wünschn. Sie hat mir ne Reise gschenkt. Nach Venedig. Wollte mit mir schon imma dhin. Supa. Unnich? Ich hab ihr ne Maske gschenkt.“

„Was denn für eine Maske?“

„Anglina Jolly. Sollte sie mal aufsetzn. War schon imma so’ne Fannasie von mir. Jetz redet sie nich mehr mit mir … kagge …“

„Junge, ich glaube, wir sollten dich auf jeden Fall noch mal in den Club lassen. Du hast den Schnaps wirklich nötig.“

„Dangge! Alles nich so einfach, wa …“

Irgendwie fühlte ich mich vom Weihnachtsgedanken durchdrungen und so winkte ich den murrenden und mittlerweile völlig durchnässten Leuten unter der Markise zu. Und machte ihnen Mut mit den Worten:

„Macht euch nichts draus. Denkt einfach immer daran: Unser schönes Hamburg wird vom Winter ganz besonders geliebt, der Schnee möchte so zügig wie möglich zu uns herab. Und das geht nun einmal am Besten in Tropfenform. Ich wünsche euch ein fröhliches, flüssiges Fest!“

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Immer noch nicht genug? Alle weiteren 60 Folgen von „Eingangs erwähnt“ findet ihr hier.

 

Kommentare


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  4. Hi Viktor,
    als erstes möchte ich mich für das wieder ins Gedächnis rufen von „Es bleibt schwierig“ bedanken.Danke,Danke,Danke! Ich hatte sofort Walter Giller auf seinem Hocker vor Augen und den etwas schrägen Titelsong im Ohr, The Baronet-The Pelican Dance.
    Zu ´Vol.59:Fugazi!´ kam mir irgendwie gleich Iron Maidens „The Number of the Beast“ in den Sinn. Als hätten die Jungs das Lied extra für Dich geschrieben. Selten so gelacht.
    Eine Frage hätte ich dann aber doch noch. Als Du uns damals bei OTTO fragtest welches possierliche Haustier man sich den so zulegen könnte haben wir Dir einen Ameisenhaufen vorgeschlagen. Wurde die Idee von Dir je aufgegriffen, oder dann doch mangels Machbarkeit verworfen?

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