Schlaglicht / Freitag, 10.10.2014

Doch, Türsteher können schreiben und lesen

 
 

Wenn Mark Büttner, Viktor Hacker und Henning Geisler ihre Türsteher-Erfahrungen zum Besten geben, bleibt kein Auge trocken.

Im Grunde kennt man sie ja alle. Die Mädels, die in der Schlange stehen und erst genau dann, wenn sie am Türsteher vorbei sollen, in ihrer Tasche wühlen und das Ticket nicht finden. Oder die Typen, die ihre ungeheure intellektuelle Überlegenheit mit Sprüchen wie „Na, wieder Steroide im Arm?“ demonstrieren müssen. Türsteher hören eine Menge Blödsinn, wenn der Abend lang ist.

Nach landläufiger Meinung sind Türsteher Leute, die selbst bei Sicherheitsdiensten durchfallen, aber gigantische Muckis haben. Für diese drei gilt das nicht: Viktor Hacker ist nebenbei Synchronsprecher und Kleinkunstdarsteller, Mark Büttner arbeitet inzwischen als Lateinlehrer, Henning Geisler hat Politik studiert und bloggt. Kennen gelernt haben sie sich als Kollegen auf dem Kiez, alle haben auch schon am Eingang des Molotow gestanden. Inzwischen sind die drei den Kiezbesuchern auch als Unterhaltungstrio bekannt. Schon im alten Molotow, auf der Hedi und im Nochtspeicher haben sie Zuhörer mit ihrem Programm „Zeit für Zorn“ amüsiert, vor Kurzem nun auch am neuen Molotow-Standort am Nobistor 10. Außerdem haben sie ihr versammeltes Wissen über den homo kieziensis in ihrem Buch „Dumm & brutal“ veröffentlicht.

Mark Büttner, Viktor Hacker und Henning Geisler im Molotow (Fotos: Jung)

Mark Büttner, Viktor Hacker und Henning Geisler im Molotow (Fotos: Jung)

„Boah ey, die sind ja alle voll geizig hier!“

Da geht’s zum Beispiel um Gästeprofile. Wie „Die Sauerländerin“, die ihre aus Remscheid mitgereiste Truppe mit dem Ausruf „Kuma, die ham hier Pantoffeln mit Penissen dran!!!“ ins Bild setzt, bevor alle zusammen in einem Kiezschuppen einfallen und das Tresenvorauskommando nur Cola ordern lassen, weil sie die Preisliste nicht finden.

Oder die „Freitrinkerin“, die potenzielle männliche Cocktail-Spender mit kiloschwerem Augenmakeup ködert und sich hinterher über die vergraulten Kerle beschwert: „Boah ey, die sind ja alle voll geizig hier!“

Was Türsteher allein schon durch passives Mithören mitkriegen, wenn Gäste vor der Tür eine rauchen, grenzt an Realsatire. Warum zum Beispiel finden Frauen einen Kerl toll, bloß weil er zwei Meter groß ist? Und warum finden Männer blonde Frauen schön, auch wenn das Blond in 90 Prozent aller Fälle dem Wasserstoffperoxid zu verdanken ist? „Schönheit liegt eben im Auge des Betrachters“, sagt Viktor, „manchmal wie ein Sandkorn, das die Bindehaut reizt.“

Der dritte Mann

Doch, auch Männer kriegen ihr Fett weg. Wie nennen Türsteher einen lattenstrammen Gast, den zwei Kumpels aus dem Club tragen müssen? „Der dritte Mann.“ Mark Büttner („auch „Intensivdieter“ genannt) gibt eine heitere und unglaublich farbige Geschichte über einen durchgeknallten Typ namens Kevin zum Besten, der nur von vier Mann mit vereinten Kräften durch den schmalen, mit einer Art Fasertapete aufgerauhten Flur im (alten) Molotow nach draußen expediert werden konnte („über diese Mischung aus Urin und Glibber vor den Toiletten“ – das Publikum johlt vor Vergnügen) und draußen ein Messer zog, während eine Polizeistreife fragte: „Was is’n hier los?“. Mark Büttner hat übrigens auch ein eigenes Büchlein über seine glorreichen Türsteher-Abenteuer herausgebracht („Glorreiche Spelunken“, gibt’s hier).

Türsteher sein habe „viel mit Nerven zu tun“, sagt Viktor, der den Job schon seit mehr als 20 Jahren macht. „Du darfst nicht zu lethargisch sein, sondern schon so ein bisschen Konflikt-Bock mitbringen.“ Jeder Türsteher wisse, dass er „den ganzen Abend lang von den meisten Leuten Scheiße gefunden wird“. Das darf ihn aber nicht daran hindern, ein Wunder an milder Seriosität und Ausgeglichenheit zu sein. Türsteher sind also im Grunde die letzten Heiligen von St. Pauli. Nur dass wir mal drüber gesprochen haben.

Das Buch „Dumm & brutal“ bekommt ihr hier oder bei Hanseplatte oder im St. Pauli Tourist Office, Wohlwillstraße 1.

Die nächste Türsteher-Lesung: „Zeit für Zorn – 17“ am Montag, 24. November, 20 Uhr, im Nochtspeicher. Infos findet ihr auch auf der Facebookseite.

 

Kommentare


  1. Ja, so sind Sie, unsere 3 Helden in schwarz! Wenn ich alle Geschichten, die die 3 noch nicht zum Besten gegeben haben, aufgeschrieben hätte, wäre ich Besitzter von mehr als 10.000 Seiten Türgeschichten! Immer wieder eine Wonne 🙂

  2. Pingback: Eingangs erwähnt – Neues von der Tür - St.Pauli-News

  3. Pingback: Der Türsteher zwischen Zen und Wahn-Zen

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