Schlaglicht / Mittwoch, 26.08.2015

Die Street Art School eröffnet auf St. Pauli

 
 

Schule, Treffpunkt, Atelier: Am Samstag feiert die Street Art School in der Rindermarkthalle ihre Eröffnung. Hier wird wird stenciln, schneiden und sprühen unterrichtet.

Das Leben auf St. Pauli ist schon ziemlich bunt, doch es wird zukünftig wohl noch um einiges farbenfroher werden. Denn am kommenden Samstag feiert die „Street Art School“ in der Rindermarkthalle ihre Eröffnung. Manch einer wird sofort an Sachbeschädigung oder Vandalismus denken, doch tatsächlich gründete die Schule sich auch, um Kritikern den Wind aus den Segeln zu nehmen – als Vermittler für unverstandene Kunst. Sie soll „Deutschlands erste Akademie der ‚wirklich freien‘ Künste“ sein. „Wir wollen Hamburg zu einem der Zentren für Street Art in der Welt machen“, sagt Gründer Olaf Terhorst.

Angeboten werden einerseits Workshops, in denen verschiedene Techniken erlernt werden können. „Graffiti, malen überhaupt, wie malt man Buchstaben, es hat ein bisschen was von Kalligraphie“, sagt Terhorst. „Es ist gar nicht so einfach, Graffiti stellt man sich immer relativ trivial vor.“ Die Schule richtet sich an alle, von jung bis alt. Auch kleine Kinder durften sich teils schon ausprobieren. „Neulich mussten die Kleinen sogar mit zwei Daumen auf die Spraydose drücken, damit da was rauskommt“, sagt Terhorst. „Das ist dann natürlich nur bunt rummachen, macht denen aber auch Spaß. Richtig lernen geht ab 14 Jahren.“

„Street Art als ernstzunehmende Kunstform“

Die Lehrer sind Leute aus der Street-Art-Szene. Aber auch normale Künstler, die die Street-Art-Techniken für sich entdeckt haben und damit ihren künstlerischen Bereich erweitern, geben am Abend und am Wochenende Unterricht im stenciln, schneiden und sprühen. Die Street Art School ist aber auch Treffpunkt und Gemeinschaftsatelier für Jugendliche und aufstrebende Künstler. „Wir verstehen Street Art als ernstzunehmende Kunstform“, sagt Terhorst.

Das Logo der Street Art School - passend zu St. Pauli

Das Logo der Street Art School – passend zu St. Pauli

Am Anfang stand Terhorsts eigene Begeisterung für die Straßenkunst. „Ich habe mich selbst gefragt, wie diese Dinge entstehen“, sagt der Unternehmensberater. Er wollte es selber machen, fand aber keinen geeigneten Weg die Techniken zu lernen. „Und ich bin zu doof, das auf YouTube zu finden“, sagt Terhorst lachend. Ein eigenes Atelier schien ihm übertrieben und dann wollte die Rindermarkthalle soziokulturelle Flächen vergeben.

Schließlich gründete er den gemeinnützigen Verein „streetart st. pauli karo schanze e.V.“, der die Schule unterhält und die Entwicklung der Kunstform unterstützen sowie „Hamburg als Standort der internationalen Urban Art Szene“ ausbauen soll. Die „Förderung der Kunst und Kultur, Bildung und Erziehung, insbesondere bei Jugendlichen“ steht als Zweck in der Satzung. Das gilt vor allem für die jungen Bewohner von St. Pauli inklusive dem Karo- und Schanzenviertel.

„Für kontroversen Gesprächsstoff in Hamburg sorgen“

Der Verein will aber auch „die Öffentlichkeit informieren und für kontroversen Gesprächsstoff in Hamburg sorgen“, erklärt Terhorst. „Wir wollen die unterschiedlichen Akteure der Szene – dazu gehören auch die Kritiker – in Workshops, Seminaren, Ausstellungen und in unseren Arbeitsräumen zusammenbringen und eine lebendige Diskussion über Ideen, Techniken und Entwicklungen in der Szene ermöglichen und fördern“.

Dafür will „streetart st. pauli karo schanze e.V.“ vielseitig aktiv werden und unter anderem die Organisation von Schulungen, Seminaren, lokalen, nationalen und internationalen Wettbewerben, Ausstellungen, Konferenzen zum Thema Urban / Street Art und Atelierarbeiten fördern. Zudem sollen Kunstsammlungen aufgebaut und präsentiert werden. „Zukünftigen oder existierenden KünstlerInnen sowie SchülerInnen“ sollen Stipendien ermöglicht werden.

„Hall of Fame“ auf dem Parkdeck der Rindermarkthalle, dem Sitz der Street Art School Foto: Pilot Pirx

„Hall of Fame“ auf dem Parkdeck der Rindermarkthalle, dem Sitz der Street Art School Foto: Pilot Pirx

Manchmal verschafft die Schule den Künstlern aber auch konkrete Arbeit. „Wir vermitteln auch legale Aufträge, wenn man an uns herantritt“, sagt Terhorst. Das geschieht aber eher nebenbei. Und zeigt zugleich, dass Street Art boomt und auch im Mainstream angekommen ist. „Wir bekommen seltsame Anfragen von Leute, die etwas gesehen haben und gern ihr Garagentor so gemalt hätten. Leute, die mitten aus dem bürgerlichen Establishment kommen.“ Selbst aus Eppendorf meldete sich kürzlich ein Mann bei Terhorst und wünschte sich Straßenkunst an seiner Garage. „Da holen sich einige Leute ein bisschen street credibility ins Haus“, sagt er.

Grundsätzlich ist Street Art immer noch illegal, solange der Besitzer eines Hauses oder einer Wand, die als Leinwand dienen sollen, nicht um Erlaubnis gefragt wird. „Wie illegal es ist, hängt davon ab, wie stark es mit dem Untergrund verbunden ist“, erklärt Terhorst. Nach einer Reformierung des Sachbeschädigungsparagraphen reiche es heuzutage, wenn das äußere Erscheinungsbild beeinträchtigt wird. Etwas müsse aufgetragen werden, es reiche schon ein Plakat. „Wenn es nicht einfach wieder abmachbar ist, könnte ein Richter das schon als Sachbeschädigung werten“, sagt Terhorst. Das „wilde Plakatieren“ sei aber oft nur eine Ordnungswidrigkeit.

In Hamburg gibt es aber auch legale Flächen, wie etwa eine Flutschutzmauer in Wilhelmsburg. Auch an der Rindermarkthalle darf nach Anmeldung an einer Fläche frei gemalt werden. Andere Städte versuchen sogar, sich der Kunst zu öffnen. „In Zürich hat sich die Stadt mit den Künstlern drauf geeinigt, dass man Verkehrsschilder von hinten bekleben darf“, sagt Terhorst. „Da wollte ich noch mal an die Stadt rantreten, um zu sehen, ob es möglich ist, was für die Sticker-Leute zu machen.“

„Wollen nicht auffordern, illegales zu machen“

Gleichzeitig sollen die Schüler für den Hintergedanken der Straßenkunst sensibilisiert werden. „Wir wollen ihnen mit auf den Weg geben, dass dieses Motto ‚Reclaim your city‘ bedeutet, dass die Street-Art-Szene nicht nur für Kunst steht, sondern auch einen gesellschaftskritischen Charakter in sich trägt“, sagt Terhorst. „Wir wollen die Kids informieren, wo es herkommt, was dahinter steckt und dass es nicht einfach Dreck machen oder Fame sammeln ist.“ Jedes Kind solle sich seine eigene Meinung bilden. „Wir wollen sie nicht prägen, nicht dazu auffordern, illegales zu machen.“

Langfristig soll die Stadt bunter, lustiger und schöner sein. „Ein besserer Ort zum Leben“, sagt Terhorst. Und das geht am Samstag um 13 Uhr in der Rindermarkthalle los. Die neue Atelierfläche kann besichtigt werden, außerdem gibt es eine Ausstellung mit Hamburger Straßenkünstlern wie Lieb sein, Absinth, Marshal Arts, Das Olf, Hallo Karlo oder Jaim. Neben Vorträgen werden um 15 und 18 Uhr Stadtteil-Führungen zur Geschichte der Street Art geboten. Jeder der möchte, kann sich aber auch selbst ausprobieren und eigene Kunst kreieren.

Street Art School St. Pauli Karo Schanze in der Rindermarkthalle, Treppenhaus D, 2. OG, Neuer Kamp 31 / Neuer Pferdemarkt, 20359 Hamburg

Hier gibt es alle Infos zur Street Art School

(Fotos: Street Art School)

 

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